„Schluss mit der Meinungsfreiheit“ von Florian SCHRÖDER

Bewertung: 3.5 von 5.

SCHROEDER ist der Schnelldenker und Schnellsprecher unter den Kabarettisten. Die volle Dröhnung liefert deshalb das von ihm eingesprochene Hörbuch.

Es handelt sich hier nicht um ein Buch, das „mal eben“ ein hippes Thema abgrast, um den „schnellen Euro“ zu machen. Normal gelesen würden die ca. 370 Seiten nicht neun, sondern eher 13 Stunden in Anspruch nehmen.
Der Autor legt eine umfassende und brandaktuelle Analyse vor, in dem alle denkbaren Facetten des Themas ausgeleuchtet werden – einschließlich der Meinungsfreiheit in Wissenschaft und Kunst. Nicht überraschend ist, dass der Schwerpunkt bei Medien und im Internet liegt und dass Querdenker und Verschwörungstheorien ihren Raum bekommen.

Als eine Art Rahmenhandlung dient die Aktion von SCHROEDER auf einer Querdenker-Demo: Er hatte sich zuvor eine passende Identitätswandlung erarbeitet und war auf dieser Basis als vermeintlicher „Freund“ eingeladen worden – um sich dann dort (als eine Art Trojanisches Pferd) als Mahner der Vernunft zu outen. Es bleibt nicht verborgen, dass SCHROEDER ziemlich stolz auf diesen Coup ist.

Das Buch appelliert an Vernunft, Toleranz und Maßhalten. Exemplarisch für die aktuellen Überreaktionen werden zwei Figuren eingeführt, die sich gegenseitig in ihrer Aufgeregtheit in die Extreme drängen: Die hypersensible „Helen“ ist permanent auf der Suche nach „Inkorrektheiten“ in Sprache oder Verhalten; ihr moralischer Zeigefinger ist permanent erigiert und ihre Anklage ist unerbittlich und kompromisslos; das Urteil lautet fast immer „Ausschluss“ von Meinung und Person. „Hans-Peter“ steht auf der Gegenseite und nimmt seinerseits dankbar-erregt jede kritische Anmerkung und jede gesellschaftliche Entwicklung als untrügbares Zeichen für Meinungszensur und Gesinnungsterror.
Schröder selbst sucht sich einen Platz in der Mitte, von dem aus er beide Überdrehtheiten genussvoll sezieren kann.

Ohne Zweifel: SCHROEDER hört sich gerne formulieren! Er scheint geradezu verliebt in seinen ausgesucht intellektuell-ironischen Stil zu sein. Seine Zielgruppe ist das akademisch-aufgeklärte und sprachgewandte Milieu. Wer so ein Buch liest (oder hört) ist sowieso schon weit weg von den Populisten und Pauschalisten. Wer ihn auf der Bühne (oder im Hörbuch) genießen will, muss schon ein deutlich erhöhtes kognitives Verarbeitungstempo aufbringen.

Der Autor ist klug und ein aufmerksamer Beobachter unserer aufgeregten Zeit. In vielen Analysen und Schlussfolgerungen mag man ihm gerne zustimmen. Ein gewisses Problem ergibt sich dadurch, dass SCHROEDER auch ein meinungsstarker Mensch ist. Und dazu kommt: So ganz sauber werden Beobachtungen und Meinungen nicht auseinandergehalten!
Es zeigt sich da ein Widerspruch: SCHROEDER appelliert zwar auf der Meta-Ebene an sein Publikum, sich mit Statements aller Art kritisch und abwägend auseinanderzusetzen, Fakten und Quellen sorgsam zu prüfen und sich von Einseitigkeiten nicht bedrängen zu lassen. Doch stellt er wenige Sätze später seine persönlichen Überzeugungen mit dem Tenor der selbstverständlichen Gültigkeit dar. Eh man sich versieht, hat man plötzliche eine Meinung abgenickt – weil doch alles vorher so logisch und vernünftig klang…
So muss z.B. nicht jede/r seine Überzeugung teilen, dass immer Vorsicht geboten ist, wenn moralische Argumente in eine Diskussion eingebracht werden (warum sollte man beim Klimaschutz nicht auch moralisch sein dürfen?). Auch bei seinem Entsetzen bzgl. der ursprünglich weniger auf Datenschutz getrimmten Corona-App kann man mit guten Gründen ganz anderer Meinung sein (eine „schärfere“ App hätte uns sehr wahrscheinlich zig Milliarden und den ein oder anderen Lockdown erspart).

Das Buch ist intelligent, informativ, aktuell und unterhaltsam. Es liefert extrem viele Denkanstöße, auf deren Basis man das momentane gesellschaftliche Treiben klarer sehen und dessen Thesen man tagelang diskutieren könnte. Die Thematik der „Meinungsfreiheit“ wird umfassend beleuchtet – in einer lockeren, aber niveauvollen Weise.
Einschränkend wäre der selbstverliebte und selbstgewisse Stil zu erwähnen – der Autor vermag seine „Bühnen-Persönlichkeit“ nicht zu verstecken. Bei einer Empfindlichkeit in diesem Bereich würde vermutlich der gedruckte Text eher akzeptabel sein, weil er sicher mehr kritische Distanz ermöglich als der in schwindelerregendem Tempo dahinrasene Sprachfluss.

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