„Sei du selbst“ von Richard David PRECHT

Es handelt sich sich um den dritten Band der Philosophiegeschichte in vier Bänden. Behandelt werden die Denker des 19. Jahrhunderts, also Geistesgrößen wie Schopenhauer, Feuerbach, Mill, Kierkegaard, Marx, Nietzsche, Freud, usw.

Der Autor orientiert sich zwar auch an diesen Personen und ihren Theorien über Erkenntnismöglichkeiten, Zusammenspiel von Körper, Geist, Psyche und Gesellschaft bzw. das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Moral. Aber Precht wäre nicht Precht, wenn er nicht unaufhörlich Querbezüge herstellen würde zu anderen (früheren oder parallelen) Ideenwelten bzw. zu wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen.
Da der Gegenstand ja sowohl eindeutig umrissen als auch unmöglich zusammenfassbar ist, will ich mich ganz auf die Bewertung konzentrieren.

Zwar nimmt Precht seine Leser immer wieder an die Hand, schafft durch Einleitungen und Zwischenresümees eine gewisse Ordnung. Aber auch Precht, der sicher ein guter Didaktiker ist, kann nicht zaubern. Der Gegenstand seiner Betrachtungen ist geradezu überkomplex – und so ensteht beim ersten Lesen trotz noch so guter Strukturierung ein gewisses Überforderungsgefühl (je nach Vorbildung sicher verschieden ausgeprägt).
Es fallen oft einfach zu viele Namen und Buchtitel auf wenigen Seiten – und gleichzeitig muss ja noch der inhaltlichen Argumentationslinie gefolgt werden. Ein wenig übertreibt Precht m.E. auch mit den biographischen Angaben zu den genannten Personen: Ich muss nicht wirklich wissen, in welcher Reihenfolge diese – offenbar durchweg hochbegabten – Menschen (man könnte auch sagen „Männer“) an welchen Hochschulen welche Fächer studiert haben. Da schlägt eine gewisse Detailbesessenheit durch.

Genug gemeckert! Nun zum Gewinn des Ganzen.
Natürlich wird eine unglaubliche Menge kulturelles und zeitgeschichtliches Wissen vermittelt auf diesen knapp 600 Seiten; das ist keine Überraschung. Dabei geht es tatsächlich um weit mehr als um Philosophie.
Absolut anregend und informativ ist es, das Entstehen (bzw. die Abnabelung) der Wissenschaften Psychologie, Pädagogik und Soziologie aus dem Schoß der „Mutter Philosophie“ zu verfolgen. Plötzlich ist man – ohne es vorher so recht zu ahnen – mittendrin in der Geschichte der Psychologie als selbständiges Fach, deren Verlauf gleich in mehreren nationalen Kontexten betrachtet wird. Ziemlich beeindruckend!

Die nachdrücklichste Erfahrung geht aber noch darüber hinaus; sie hat sowohl eine intellektuelle als auch eine emotionale Qualität.
Es ist sowohl faszinierend als auch erschreckend, so klar und eindrucksvoll damit konfrontiert zu werden, was alles schon gedacht und geschrieben wurde im vorletzten Jahrhundert. Manchmal war ich wirklich irritiert, musste einzelne Aussagen zweimal lesen, um es zu fassen.
Was ich meine? Diese klugen Menschen haben praktisch alle Fragen und viele Antworten schon durchdacht und ausgesprochen, die uns heute als modern und aktuell erscheinen. Vieles von dem, was uns für die Bewältigung der Zukunftsfragen relevant erscheint, war zwischen 1850 und 1900 schon Thema niveauvoller wissenschaftlicher Kontroversen – bis zu der Frage, ob sich Bewusstsein und Ich-Gefühl restlos aus der Gehirnphysiologie ableiten lassen. Natürlich geht es auch um Willensfreiheit, Moral ohne Religion, Grenzen der Erkenntnis, um den Zusammenhang zwischen äußerer Realität und innerer Wahrnehmung und die Kunst des sozialen Miteinanders.

Emotional hat mich dabei vor allem bewegt, dass all die Klugheit und all das Wissen nicht verhindert hat, dass im letzten Jahrhundert unfassbare Menschheitsverbrechen begangen wurden. Oder – um es noch aktueller zu sagen: Wie kann es sein, dass eine so intelligente Spezies im Jahre 2020 davon ausgehen muss, das ein bestimmter Präsident in einem bestimmten Land wiedergewählt werden könnte…

So kann auch – oder gerade – eine Philosphiegeschichte Ratlosigkeit hinterlassen.

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