„Skin In The Game – Das Risiko und sein Preis“ von Nassim Nicholas TALEB

Bewertung: 1.5 von 5.

Dieses Buch ist eine Zumutung. Es pauschaliert, provoziert und polarisiert über alle gewohnten Grenzen hinweg. Der einzige Grund dafür, ihm trotzdem überhaupt Bewertungs-Sterne zu geben, ist die Tatsache, das da auch einen Menge kluger Dinge drin stehen.

Was bringt einen Menschen, einen Autor, dazu, so ein Buch zu schreiben? Ohne Zweifel ist TALEB (ein Finanzmathematiker und Börsenstatistiker), ein hochintelligenter (vermutlich auch hochbegabter) Mensch. Er hat Erfolge als Trader, als Wissenschaftler und als Autor mehrerer erfolgreicher Sachbücher vorzuweisen; ihm ist inzwischen offenbar in seiner Scene eine große Fangemeinde zugetan.
Vor allem aber hat TALEB eine geradezu unbegrenzte Gewissheit, dass seine Erfahrungen und Erkenntnisse über jeden Zweifel erhaben sind. Und er wird von der Mission getrieben, die Welt an seiner Weisheit teilhaben zu lassen.

Worum geht es eigentlich:
TALEB wertet in diesem Buch seine jahrzehntelangen Erfahrungen in verschiedenen Bereichen der Wirtschaft und der Wissenschaft aus und fasst sie unter einem Motto zusammen: „skin in the game“. Er ist überzeugt davon, dass man nur Menschen ernst nehmen sollte, nur Akteuren trauen sollte, nur auf Systeme setzen sollte, bei denen es einen klaren Zusammenhang zwischen Entscheidungen bzw. Handlungen und dem Eingehen eines eigenen Risikos gibt. Nur das Eingehen eines tatsächlichen (in der Regel finanziellen) Risikos stellt seiner Meinung nach sicher, dass jemand mit vollem Einsatz, voller Überzeugung und mit Verantwortungsbewusstsein tätig ist.
TALEB ist also auf der Seite der Macher, der Entscheider, der Unternehmer, die einen eigenen Einsatz machen, die zu scheitern bereit sind. Solche Leute – so TALEB – bringen die Welt, die Wirtschaft und das eigene Vermögen nach vorne.
Natürlich ist TALEB einer von diesen Helden!

Wenn TALEB etwas mag und richtig findet, dann gibt es auch gegenüber ein klares Feindbild. Und Feinde sammelt der Autor so leidenschaftliche wie altgediente Generäle ihre Orden.
Es bereitet TALEB ein offenbar nie endendes Vergnügen, alle „irrelevanten“ Berufsgruppen bzw. alle Anhänger von abweichenden Theorien bzw. Überzeugungen pauschal abzuwerten. Egal ob es „schwafelnde“ Sozialwissenschaftler oder Psychologen, „überflüssige“ Hirnforscher, „Bullshit produzierende“ Journalisten oder Rezensenten, von seiner Lehre unbeleckten Statistiker oder einfach nur „ahnungslose und überflüssige“ Angestellte in Verwaltung oder Firmen sind: Im Zweifelsfalle sind es es alle Idioten!

Dieser Kampf gegen die verhasste Welt der Mitläufer ohne unternehmerische Verantwortung geht so weit, dass es dem geneigten Leser immer mal wieder schwer fällt, vor lauter Geschützdonner und Pulverdampf noch der inhaltlichen Argumentation zu folgen.
Taleb deckt ohne Zweifel interessante Zusammenhänge und Widersprüche auf; manche davon sind vielleicht auch zu komplex für ein einmaliges lesen (oder hören). Letztlich bliebt aber den Eindruck, dass der Stil die Inhalte dominiert, geradezu erdrückt.
Die grenzenlose Selbstgewissheit des Autors als „ironischen-lockeren Schreibstil“ zu bewerten (wie einige professionelle Kritiker das tun), ist schon ein echtes Kunststück.

Wenn der Autor seine Scharz/Weiß-Schablone (oder auch „gut/böse“) auf Bereiche anwendet, in denen man als Leser selbst eine gewisse Expertise hat, dann erscheint das vermeintliche Genie auf einmal ziemlich nackt: So macht sich TALEB z.B. über die Zunft der Hirnforscher deshalb lustig, weil sie – angeblich – nur die Funktionsweise einzelner Nervenzellen immer genauer erforschen wollten. Da traut man seinen Augen (Ohren) kaum!

Ich kann dieses Buch wirklich nur denjenigen empfehlen, die schon wissen, auf wen sie sich da einlassen. Vermutlich gibt es die passende Zielgruppe, der dieser selbstverliebte Tausendsassa aus der Seele spricht, wo man sich angesichts der rausgehauenen Beleidigungen vor Lachen auf die Schenkel klopft.
Ich fühle mich auf der „anderen“ Seite wohler, in der Welt der Zwischentöne und des Abwägens.

Die Hörbuch-Bearbeitung des Sachbuchs ist außerordentlich gut gelungen. Der Vorleser (Steffen Groth) trifft den provokanten und selbstgefälligen Tenor des Buches so gut, dass man sich unschwer vorstellen könnte, den Autor selber zu hören. Respekt!

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