Straßenwahlkampf 2021: Impressionen eines „GREEN-Horns“

Warum entschließt sich ein Mensch im (vorgerückten) letzten Drittel seines Lebens, doch noch aktiv zu werden und einige Stunden Prospekte verteilend an Wahlkampfständen zu stehen? Jugendlicher Weltverbesserungsdrang kann es schon mal nicht sein.
Und was erlebt man da?

Für mich war die Zeit gekommen, meine politischen Vorstellungen und Wünsche noch eine kleine Stufe aktiver zu vertreten, als das in persönlichen Gesprächen oder innerhalb der begrenzten Reichweite meines Blogs bisher möglich war.
Das Angebot von Robert Habeck und Annalena Baerbock, die GRÜNEN zum Mittelpunkt eines breiten gesellschaftlichen Aufbruchs mit dem Schwerpunkt „Klimapolitik/Nachhaltigkeit“ zu machen, hatte mich weitgehend überzeugt.
Wann – wenn nicht jetzt – dazu etwas beitragen?

Würde es möglich sein – so fragte ich mich – innerhalb weniger Monate vom unerfahrenen Neumitglied zum aktiven Wahlkämpfer zu mutieren?
Dass einer solchen „Karriere“ keine Hindernisse im Weg stehen, das erwies sich schnell in der zuständigen Bezirksgruppe.

Und die Vorbereitung?
Natürlich studierte ich das Wahlprogramm. Die Berichterstattung in den Medien verfolge ich sowieso; es entging mir im Jahr 2021 wohl kaum eine Talkshow mit GRÜNEN-Beteiligung.
Ich nahm an einem Online-Seminar teil, an dem ich u.a. ermahnt wurde, mich nicht auf allzu lange Diskussionen mit den Bürgern einzulassen („Schade“, dachte ich; ich wollte doch so gerne diskutieren und überzeugen…).
Ansonsten verließ ich mich auf mein solides politisches Grundwissen und auf eine beruflich und privat gereifte kommunikative Kompetenz.

Zuerst nahm ich eine Erleichterung wahr: Die meisten angesprochenen Menschen, reagieren auf das Angebot von Info-Material freundlich oder neutral. Die meisten Passanten bedanken sich – auch wenn sie nicht zugreifen. Aggressiv-ablehnende Reaktionen sind eine Seltenheit; pöbelnde oder bedrohende Reaktionen bleiben ganz aus.
Das ist doch schonmal toll!

Viele Menschen begründen kurz, warum sie das Material nicht nehmen wollen: Sie haben sich schon entschieden, haben schon gewählt oder stehen den GRÜNEN distanziert gegenüber.
Häufig ist die „Ablehnung“ sogar mit einem Zuspruch verbunden: „Ich wähl euch sowieso“, „meine Stimme habt ihr schon“. Gelegentlich – und das ist wirklich eine schönes Gefühl – bedankt sich sogar jemand für den Einsatz als Wahlkämpfer.

Wann immer ich die Möglichkeit spürte, versuchte ich, ins Gespräch zu kommen: „Haben Sie vielleicht eine Frage zu unserem Programm?“ „Gibt es noch Unsicherheit in Ihrer Entscheidung?“
Immer wieder gelingt das, und so entstehen kurze Gespräche, die Spaß machen und die sonst in meinem Alltag nicht stattfinden würden.
Das Beste dabei: Oft gelingt eine Kontaktaufnahme mit Personen, die in meinem privaten Vorhersage-Algorithmus eigentlich durchfallen würden (weil sie vielleicht besonders alt sind oder abweisend bzw. bedrückt aussehen). Da entstehen auf einmal überraschend intensive Gespräche mit Ü-70-Damen, die sogar zu dem Gefühl führen können, gerade eine echte „Stimme“ gewonnen zu haben.

Ein Höhepunkt war das aktive Angesprochenwerden:
– „Erklären Sie mir doch mal, warum ich eher die GRÜNEN als die Linken wählen sollte.“
– „Müsste man nicht taktisch wählen, damit Scholz vor Laschet liegt?“
– „Warum habt ihr nur die falsche Kandidatin genommen?“
– „Macht das mit den Elektro-Autos wirklich Sinn?“
– „Mir hat die GRÜNE Bildungspolitik in NRW nicht gefallen – ist das jetzt besser geworden?“

Ja, es gab sie auch – die Besserwisser, die nur ihren Frust abladen wollten. Aber es waren wenige. Gelegentlich eine Impfgegnerin. Ab und zu ein dummer Spruch.
Alles nicht so schlimm…

Zwischen den verschiedenen Wahlkampf-Trupps der Parteien gab es durchaus freundliche Kontakte: so eine Art demokratische Grundsolidarität (mit gegenseitigem Fotoshooting).

Das Resümee:
Man kann ja doch diskutieren – wenigstens ein paar mal pro Einsatz.
Es macht Spaß, sich auf ganz unterschiedliche Leute und Themen flexibel einzulassen – vor allen Dingen, wenn man sonst eher in einer abgeschlossenen Blase lebt.
Und ein Eindruck überstrahlt alles andere: Die Menschen, die sich als Wähler und Unterstützer der GRÜNEN geoutet haben, waren ausschließlich sympathische Zeitgenossen (männlich/weiblich und überhaupt) mit einer positiven Ausstrahlung.
Ehrlich!



2 Antworten auf „Straßenwahlkampf 2021: Impressionen eines „GREEN-Horns““

  1. Hi Frank,
    Toll, was und wie Du das machst!
    Wir wünschen Dir und uns, dass Du das heute Abend und morgen auch zählbar am Wahlergebnis Deutschland und Essen ablesen kannst!!!
    Dein Mof und Christel

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