„Stumme Erde“ von Dave GOULSON

Bewertung: 3.5 von 5.

Es gäbe wohl drei Motive, aus denen heraus das Lesen dieses Buches verständlich wäre.

Einmal könnte man ein Mensch sein, der einen unbändigen Wissensdurst bzgl. des Themas „Insekten“ hat. Man könnte sich dafür interessieren, welche unglaubliche Arten- und Formenvielfalt diese Gattung von Lebewesen hervorgebracht hat, wie zentral ihre Rolle in dem komplexen biologischen System unseres Planeten ist und wie groß ihre Bedrohung durch das Artensterben (und dessen Auswirkung auch auf uns) bereits geworden ist – z.B. durch die fehlenden Bestäubungsleistungen der Bienen und ihrer Mitarbieter/innen.
Wenn man so jemand ist, kann man auf der Woge des Detailwissens von GOULSON schwelgen in den feinsten Verästelungen dieser Lebensformen und sich durch die abwegigsten Spielarten faszinieren lassen. Gleichzeitig werden auch die Risken in einer beeindruckenden Informationstiefe dargestellt (z,B. in einem Exkurs über die Geschichte der Entwicklung von Dünger und Pestiziden).

Wenn das Interesse an Ökologie und Nachhaltigkeit etwas allgemeinerer Natur sein sollte, kommt man als Leser/in auch auf seine Kosten: Der Autor wird nicht müde, immer wieder die Verbindungen zu den großen Problemen der Naturzerstörung zu beschreiben: Klimawandel, Bodenerosion, Zerstörung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere usw.
Gerade im zweiten Teil des Buches werden sowohl die Problembeschreibung, als auch die Lösungsansätze immer allgemeiner, so dass stellenweise die Insekten nur noch als ein Beispiel für die viel grundsätzlicheren Fehlentwicklungen dienen. Natürlich werden die meisten Argumente mit entsprechenden Studien hinterlegt.
Automatisch gibt es hier zahlreiche Überschneidungen mit Aussagen, die in vielen anderen Nachhaltigkeits-Büchern schon getätigt wurden.

Ein drittes Motiv könnte ein eher personenbezogenes sein: Man könnte mit Interesse und Sympathie verfolgen, wie ein ganzes Wissenschaftler-Leben erfüllt ist von der Liebe zur Natur und mit dem Kampf gegen die Dummheit, Ignoranz oder Verantwortungslosigkeit der Spezies Mensch. GOULSON stellt auch seine persönliche Entwicklung vor, in der er von einem (vermutlich etwas nerdigen und schrulligen) Fachwissenschaftler zu einem Kämpfer für die Rettung der biologischen Vielfalt geworden ist.
Leider muss man ihm auch bei der frustrierenden Erfahrung zuschauen, dass all seine Bemühungen um Aufklärung und Aufrüttelung (durch Bücher und Vorträge) meist nur die bereits Interessierten erreichen. Deshalb schlägt er z.B. vor, das ganze Schulwesen darauf hin auszurichten, dass Kinder früh in intensiven Kontakt zur Natur kommen.
Aber er ist auch kein unpolitischer Scheuklappen-Wissenschaftler: Aus seiner britischen Perspektiv sieht neidvoll auf Erstarkung der GRÜNEN in unserem Land.

Was sagen diese drei Perspektiven jetzt über das Buch insgesamt aus?
Nun, sie machen den Lesegenuss nicht gerade einfacher. Wenn man sich nämlich für einen (oder gar zwei) dieser Aspekte nicht interessieren sollte, wird einem die Informationsdichte schonmal zu viel.
Am schwierigsten ist es wohl, so viel Begeisterung für so viel Information über so viele unterschiedliche Insekten aufzubringen. Das muss man wollen. Und wenn man das will, ist man möglicherwiese irritiert, wenn man auf einmal in einem allgemeinen Umweltschutz-Buch gelandet ist. Und vielleicht braucht man auch die Einblicke in die britischen politischen Verhältnisse gerade mal nicht.

So hinterlässt das Buch insgesamt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Was bleibt ist Bewunderung und Respekt für das umfangreiche Wissen und das rastlose Engagement des Autors für eine Welt, in der nicht nur Insekten auch in Zukunft ihren Platz behalten…

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