„Von den Bakterien zu Bach – und zurück“ von Daniel C. DENNETT

Bewertung: 4 von 5.

Manchmal wir die Bewertung eines Buches stark davon beeinflusst, wie stark es die Erwartungen erfüllt (oder enttäuscht), die man darauf projiziert hat.
Ich schreibe hier über einen sehr besonderes Buch, das aber nicht genau das erhoffte war.

DENETT ist ein amerikanischer Philosoph, der sehr stark naturwissenschaftlich orientiert ist; insbesondere ist er ein leidenschaftlicher Vertreter der darwinistischen Evolutionslehre.
Er hat sein (langes) Schaffen als Forscher und Publizist einer grundsätzlichen philosophischen Frage gewidmet: Gibt es neben der physikalischen, auf Materie und Naturgesetzen basierenden Welt noch eine zweite Dimension, die so etwas wie eine geistige Welt umfasst, die auf ein höheres Wesen und seine Schöpfungskraft hinweist. Das wäre die Theorie des Dualismus.
DENETT nimmt sich in diesem Resümee seines Lebenswerkes (er ist knapp 80) gleich das größte, spannendste und umstrittenste Thema vor, an dem man diese Frage abarbeiten kann: das menschliche Bewusstsein. Denn eines scheint klar: Wenn man das Geheimnis des Ich-Bewusstseins naturwissenschaftlich erklären könnte, dann wäre der Dualismus endgültig aus dem Rennen.

Anders als erwartet nähert sich der Autor dem Bewusstsein nicht von der Seite der Hirnforschung. Er fängt ganz vorne an, bei der Entwicklung des Lebens und den Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Auslese, wie sie von Darwin („Über die Entstehung der Arten“) und später u.a. von Dawkins („Das egoistische Gen“) dargestellt wurden.
Der Grund für seine Akribie wird schnell deutlich. Er will eine möglichst lückenlose Argumentations- und Beweiskette schmieden, in die sich an keiner Stelle „der Feind“ (die Kreationisten bzw. die Vertreter des Intelligenten Designs) mit ihrer Skepsis und ihrem Zweifel einnisten können.

Ganz grob entwirft DENNETT folgende Denklinie: Der „geistlosen“ genetischen Auslese lassen sich letztlich alle biologischen Entwicklungsschritte zuschreiben – bis zu dem Punkt, an dem es zu einer Art kulturellen Explosion bei den frühen Menschen kommt.
Danach geht es – sozusagen – zweigleisig weiter: Auf der einen Seite entwickeln sich erste Kulturtechniken (vor allem die Sprache) ebenfalls nach Prinzipien der Auslese weiter (nur viel schneller als über den genetischen Weg); dazu kommt ein Prozess der Wechselwirkung, in dem sich biologische Strukturen an die Erfordernisse der Kulturerrungenschaften anpassen. Dieser Prozess ist dann aber eben nicht mehr zufallsgesteuert (durch ziellose Mutationen, die erst mühselig ihre Überlegenheit unter Beweis stellen müssen), sondern sozusagen vorgebahnt – und damit schneller.
Ganz zum Schluss entsteht dann für die immer intelligenteren (Vor-)Menschen die Notwendigkeit, auch die eigene Kommunikation zu steuern und zu reflektieren. Um diese unglaublich komplexe neuronale Leistung zu vollbringen, wurde so etwas wie eine „Benutzeroberfläche“ entwickelt, die dem User das Gefühl vorspiegelt, ein autonomer, willensfreier Beherrscher seines Geistes zu sein.

Das alles ist im Detail wirklich sehr kompliziert. Es wird auf 450 eng bedruckten Seiten Schritt für Schritt ausgeführt. Die Perspektiven werden hin und hergewendet, mögliche Einwände erörtert, Alternativen abgewogen, Modelle kreiert und verworfen.
Man fühlt sich an DAWKINS erinnert, der im „Egoistischen Gen“ einen vergleichbaren, fast zwanghaft gründlichen Diskussionsstil zelebriert. Wenn man wirklich jeden einzelnen Gedanken nachvollziehen wollte, müsste man sich wohl einige Wochen Zeit nehmen.

Mich brauchte DENNETT nicht zu überzeugen. Trotzdem habe ich mal wieder das sichere Gefühl genossen, dass es auf der anderen philosophischen Seite (bei den Dualisten oder den Idealisten) sicher keine vergleichbar nachvollziehbaren Darstellungen gibt.
Es erscheint angesichts der Folgerichtigkeit der Argumentation und ihrer wissenschaftlichen und logischen Belege einfach extrem abstrus zu behaupten, dass ausgerechnet das menschliche Bewusstsein den Gestaltungskräften der Natur entzogen und durch eine externe „Sonderkraft“ geschaffen sein sollte.
Der einzige Grund für eine solche Annahme ist das emotionale Bedürfnis des Menschen nach Einzigartigkeit als Krone der Schöpfung.

Ein anregendes und anstrengendes Buch.
Ich hätte mir etwas weniger Evolutionstheorie und etwas mehr Neuro-Wissenschaft gewünscht.
Was man bekommt, ist auf jeden Fall einen leidenschaftlichen Wissenschaftler, der für die Verbreitung seiner Überzeugung keine Mühe scheut.

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