„Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein“ von Armin FALK

Bewertung: 4 von 5.

Über das moralische Verhalten von Menschen wird in verschiedenen Disziplinen nachgedacht bzw. geforscht. Das Nachdenken hat sich vor allem die Philosophie auf die Fahnen geschrieben, die experimentellen Forschungen wurden traditionell vor allem in der Sozialpsychologie betrieben. Die eher aus den letzten Jahrzehnten stammenden Beiträge der Verhaltensökonomen (oder Wirtschaftswissenschaftler) erweiterten die Perspektiven und Fragestellungen noch einmal deutlich.

Das vorliegende Buch des Ökonomen FALK kann als eine gut lesbare Einführung in den Themenbereich und eine fundierte Übersicht über den empirischen Erkenntnisstand betrachtet werden. Ihm ist es gelungen, einen weiten und anregenden Bogen zu spannen zwischen manchmal etwas drögen Versuchsanordnungen und der gesellschaftsrelevanten Frage, wie wir alle es schaffen könnten, unser Handeln weniger egoistisch und stärker an den Interessen der Mitmenschen und des Gemeinwohls auszurichten.

Woran man sich als erstes gewöhnen muss: Die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler neigt extrem stark dazu, moralische (altruistische, empathische) Einstellungen und Entscheidungen in Euro zu messen. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas abstrus, ist aber durchaus ernst gemeint: Finanzielle Erwägungen bilden ein für alle (Versuchspersonen, Forscher, Öffentlichkeit) nachvollziehbares und extrem gut handhabbares Kriterium dafür, wie selbstbezogen bzw. sozial Menschen unter bestimmten kontrollierten (also experimentellen) Bedingungen entscheiden. Wie teilen sie einen geschenkten Geldbetrag auf? Wieviel Euro ist ihnen das Leben eines Versuchstieres wert? Wie beeinflussen Vorinformationen die Spendenbereitschaft für Notleidende? Wie (finanziell) fair handle ich unter der Bedingung, dass ich selbst nicht auf die Fairness meines Gegenübers angewiesen bin?

Die Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen steht im Mittelpunkt dieses flüssig geschriebenen pupulärwissenschaftlichen Buches. Das wird manche enttäuschen, die sich unter dem Begriff „guter Mensch“ eher sehr prinzipielle und abstrakt-philosophische Grundsätze vorstellen. Doch die Verhaltensökonomie mag das Pragmatische und nähert sich so eher den Fragen der Alltagsmoral.
Mit seinen gesellschaftlichen Bezügen zu den großen Herausforderungen der Gegenwart (z.B. des Klimawandels) sorgt FALK dafür, dass es an Relevanz seiner Betrachtungen nicht mangelt. Wenn er z.B. herausarbeitet, dass moralisches Handeln wahrscheinlicher wird, wenn es unter der Bedingung der Gegenseitigkeit (Reziprozität) stattfindet, das eigene Tun von anderen beobachtet wird und als Ausdruck einer gemeinsam getragenen Gruppennorm erlebt wird, dann – so fordert es der Autor auch eindeutig – sollte die Gesellschaft eben dafür sorgen, dass diese Bedingungen auch geschaffen werden.

Mit diesem Plädoyer für ein gesellschaftliches Regelwerk, das eben nicht das egoistische, sondern das gemeinwohlorientierte Tun attraktiv macht, verlässt FALK endgültig den wissenschaftlichen Elfenbeinturm und mischt sich politisch ein. In diesem Sinne stellt die Verhaltensökonomie den Werkzeugkoffer bereit, in dem sich Politiker im Interesse aller bedienen könnten (wenn sie nicht vor den vermeintlichen „Freiheitskämpfern“ zurückschrecken würden, die in jeder gesellschaftlichen Lenkung eine fiese ideologische Manipulation wittern – um dann diese Manipulation ohne Zögern dem „freien Markt“ zu überlassen).

Insgesamt handelt es sich um ein anregendes Buch zu einem hochaktuellen Thema. Denn ohne den Abbau des kurzsichtigen Egoismus werden die Menschheitsprobleme ganz sicher ungelöst bleiben.
Am Ende des Buches hat man dann auch weitgehend vergessen, dass man anfangs doch die ein oder andere Versuchsanordnung als ein wenig zu banal empfunden hat. Vielleicht sollten die Sozialpsychologien den Wirtschaftswissenschaftlern das Erforschen der Moral doch nicht ganz überlassen…

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