„Alles was ich dir geben will“ von Dolores REDONDO

Es sollte ein anspruchsvoller Krimi werden, sozusagen „literarisch“. So was mag ich: Die Kriminalgeschichte ist dann (nur) eine Art Rahmen für kunstvolle sprachliche und gehaltvolle inhaltliche Belletristik.

Fangen wir mit der Story an:
Durch den plötzlichen Tod seines Ehemannes erfährt der Erfolgsschriftsteller Manuel von einem bisher völlig unbekannten zweiten Leben seines Partners. Dieser war Teil einer bedeutsamen galizischen Adelsfamilie mit langer Tradition.
Im Kontext von Trauerfeier und Testamentseröffnung wird Manuel nicht nur mit dem Schock über sein „Hintergangen-Werden“, sondern auch mit den anderen Angehörigen und ihrer Familiengeschichte konfrontiert.
Der Rest ist akribische Aufklärung: Wer war wann und warum in welche Machenschaften verwickelt, die zu dem Tod des geliebten Partners geführt haben? Was war er wirklich für ein Mensch? Müssen alle vermeintlichen Gewissheiten über Bord geworfen werden? Was bleibt übrig von Manuel und seiner großen Liebe?

Ich suche immer gerne nach den grundsätzlichen Themen; ein Buch nur wegen einer Geschichte zu lesen, die keine Bedeutung für mein restliches Leben hat, reizt mich nicht.
Natürlich geht es hier um Liebe, hier homosexuelle Liebe. Damit ist schon absehbar, dass es auch um Vorbehalte und Diskriminierung geht.
Es geht auch – soweit darf man wohl spoilen – um Kindesmissbrauch.
Im Fokus des Autors stehen auch feudale Strukturen im ländlichen Spanien: Wie viel Macht konzentriert sich in den traditionellen Familiendynastien und wie wird sie missbraucht? Wie extrem werden Loyalitäten eingefordert und ausgelebt?
Auch ein (bürgerlicher) Ehekonflikt, die katholische Kirche und die Beziehung zu einem Tier spielen eine gewisse Rolle.
Damit kann man doch sicherlich eine Menge anfangen?!

Die Autorin spielt durchaus gekonnt mit diesen Themen. Sie entwirft Figuren, von denen einige durchaus differenziert gezeichnet sind, so dass auch die Leser sich in Ambivalenzen üben können. Es ist zu spüren, dass es REDONDO um psychologische Stimmigkeit geht.
Sprachlich spielt der Roman sicher auf einem guten Niveau – ohne gleich permanente Begeisterung auszulösen.
Sie schafft es ohne Zweifel, die Leser in diese galizische Adelswelt mitzunehmen. Genau das – das Eintauchen in einen anderen Kontext – sollte ein guter Roman schaffen.

Kommen wir zum Krimi-Teil.
Ich mache es mal kurz: Für mich war es am Ende zu viel Krimi!
Es mag ja für die vielen Amateur-Detektive gerade sehr reizvoll sein, nach und nach die verschiedenen – durchaus kunstvoll gelegten – Fährten zu verfolgen, um dann doch eine unerwartete Auflösung zu genießen. Für mich ist das nicht so bedeutsam; ich empfand eher eine gewisse Redundanz, auch weil immer mal wieder rekapituliert wurde, was man gerade zum aktuellen Zeitpunkt wusste.

Daher mein Urteil: Wer Krimi möchte, bekommt einen Krimi – und dazu einen besonderen Schauplatz, anregende Inhalte und eine niveauvolle Sprache.
Wer sich das Aufdeckungsspiel eher als Beiwerk wünscht, wird vielleicht ein wenig enttäuscht sein. Gut unterhalten wurde er/sie trotzdem.

Eine Antwort auf „„Alles was ich dir geben will“ von Dolores REDONDO“

  1. Ich hätte mir noch etwas mehr Versöhnung gewünscht. Insgesamt etwas unbefriedigend, vor allem die Auflösung mit der Blume war völlig an der Realität vorbei. Aber als Symbol schön in Szene gesetzt.
    Die Krimiausgestaltung hat mich auch irgendwann genervt. Vor allem das unnötige Doppelmordmassacker am Ende. Als würde man auch nur einen Hauch von Genugtuung erfahren. Für meinen Geschmack ein paar Tote zu viel.
    Hunde insgesamt zu wenig 😉

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