„Was wirklich wirkt“ von Melanie GRAMS

Das zweite Aufklärungsbuch von GRAMS beinhaltet eine breitere Perspektive und einen erweiterten Anspruch: Ging es bei „Homöopathie neu gedacht“ um ihren Weg von der überzeugten Globuli-Ärztin zur engagierten Kritikerin dieser „Glaubenslehre“, wird jetzt die gesamte „Alternativmedizin“ (Naturheilkunde, sanfte Medizin, ….) in den Fokus genommen.
Auch diesmal ist GRAMS das gut gelungen.

Trotzdem beginne ich mit einer Warnung:
Wer erwartet, dass das Buch hauptsächlich aus einer differenzierten Darstellung und Analyse vieler einzelner Methoden besteht, wird zunächst enttäuscht sein. Zwar werden die wichtigsten Verfahren (Homöopathie, Schüßler-Salze, Bachblüten, Akkupunktur, Osteopathie, Pflanzenheilkunde, Vitamin-Therapien, YOGA, Meditation, Anthroposophie) jeweils spezifisch besprochen, dies passiert aber sehr komprimiert (aber trotzdem sehr informativ) erst im Anhang des Buches.
Das eigentlich Ziel des Buches besteht darin, die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Schul- und Alternativmedizin zu erklären und zu bewerten.

Das Buch bietet ein umfangreiches Spektrum an Erfahrungen, Informationen, Analysen und Vorschlägen rund um das Gesamtthema „Medizin“. Nicht in dem Sinne eines Ratgebers („wie lebe ich gesund?“), sondern mit der Fragestellung: Wie sollte eine optimale medizinische Versorgung aussehen?
Der große Erfolg der „Naturmedizin“ ist für GRAMS nicht einfach ein Ausdruck einer gutgläubigen und naiven Irrationalität, sondern (auch) eine nachvollziehbare Folge von bestimmten Fehlentwicklungen im modernen Medizinsystem.

Die Autorin gliedert ihre Ausführungen mithilfe von Kapitelüberschriften, die gängige Rechtfertigungsthesen der alternativen Medizin-Szene aufgreifen: z.B. „Wer heilt hat recht“, „Aber mir hat es doch geholfen“ oder „Die Pharma-Industrie will uns vergiften“.
Schritt für Schritt legt sie die Denk-Muster und Fehlschlüsse offen, die – oft unbewusst – hinter diesen Behauptungen stehen.
Ergänzt wird diese eher an Logik orientierte Aufklärungsarbeit durch bedeutsame inhaltliche Sachinformationen zu Regelungen und Strukturen über – eigentlich skandalöse – Sonderregelungen für die (extrem laxe) Zulassung alternativer Heilmittel und die (letztlich völlig ungeprüfte) Qualifikation von Heilpraktikern.

Es gibt einen weiteren Mehrwert: GRAMS untermauert ihre Thesen auch durch medizinische Fachinformationen, die für das hier angesprochene Laienpublikum sicher eine Wissensvertiefung beinhalten. Das gilt insbesondere für die Themen „Wirkungs-Forschung“, „Placebo-Effekt“, „Immunssystem“ und „Impfen“.

GRAMS appelliert ohne Unterlass an die Bereitschaft des Lesers, Fakten und Logik zur Grundlage von Bewertungen und Entscheidungen zu machen. Sie tut das auf gut lesbarem Niveau, geduldig und (weitgehend) ohne provokante Äußerungen, die Widerstand hervorrufen könnten.
Letztlich erklärt sie einen Ausschnitt der Welt und setzt dabei ein Publikum voraus, das neugierig und offen auf der Suche nach Orientierung ist.
Dieses Publikum erreicht sie ohne Zweifel.

Ein großer Teil der Anhängerschaft alternativer Medizin hat sich aber längst auf der anderen Seite eingegraben. Diesen „Gläubigen“ geht es nicht um Informationen über Wirkmechanismen oder empirische Befunde über Behandlungserfolge. Ganz im Gegenteil: Oft reichen ja inzwischen Begriffe wie „wissenschaftlich“ oder „Studien“, um auf „Durchzug“ zu schalten. Da ist der Weg zu Verschwörungstheorien nicht weit – und genau dies wird auch im Kapitel über das Impfen eindrücklich deutlich. Es wäre also eine Illusion zu hoffen, dass auch ein gut geschriebenes Buch wie dieses in dieser Szene etwas bewirken könnte.

Was GRAMS allerdings leisten kann, ist die Bewusstmachung der Mechanismen, die den Trend zur Abkehr von der „bösen“ Medizin befeuert. Auch hier tut ihre unaufgeregte Darstellung gut. Wer ihr wirklich zuhören möchte, könnte problemlos erkennen, dass sie letztlich für die gleichen Ziele eintritt wie die meisten Kunden der Alternativ-Medizin. Nur, dass sie die Lösung innerhalb der wissenschaftlichen Medizin-Welt sucht und nicht in Nebenwelten, die sich von obskurer Scharlatanerie oft nicht trennen lassen (und wollen).

Zurück zum Anfang: Man bedauert am Ende des Buches nicht, dass die einzelnen Verfahren nicht viel mehr Raum bekommen haben. Mit den allgemeinen Ausführungen im (neuronalen) Gepäck, reichen die Kurzdarstellungen völlig aus, um das jeweils Charakteristische der Verfahren zu vermitteln. Manche Dinge sind so abstrus, dass man tatsächlich schnell damit fertig ist (wenn man die vorher dargestellten Prämissen und Kriterien akzeptiert).

Als Vertreter einer Nachbardisziplin sei mir die Nachbemerkung erlaubt, dass es schon eine „Leistung“ ist, unaufhörlich über die Bedeutung von Zeit, Gespräch und soziale bzw. emotionale Rahmenbedingungen zu schreiben, den Begriff „Psychotherapie“ (oder meinetwegen auch „Lebensberatung“) nicht einmal zu erwähnen.
Hier zeigt sich, dass auch die Perspektive einer so klugen und kritischen Fachfrau begrenzt ist: Sie beschreibt letztlich die Wirkungsmechanismen der Psychotherapie in der Medizin, ohne dies zu merken oder zu benennen.
Eine kleine Schwäche, die den guten Gesamteindruck aber nicht schmälert.

Wer wirklich wissen will, was wirklich wirkt, ist mit diesem Buch wirklich sehr gut bedient!

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