„Wir Tiere“ von Melanie CHALLENGER

Bewertung: 3.5 von 5.

Angesichts der existenziellen Bedrohungen durch Viren und Umweltzerstörung gibt es aktuell viele gute Gründe, sich mit der biologischen Basis unserer Spezies intensiv auseinanderzusetzen. Die Betrachtungen von CHALLENGER gehen über diese Anlässe weit hinaus und richten den Blick auf das Grundsätzliche. Es geht nicht um die Verwobenheit mit und die Abhängigkeit von der Natur; indem sie den Menschen auf sein Tier-Sein zurückwirft, stellt sie das gesamte Narrativ über die Sonderstellung des Menschen prinzipiell in Frage.
Dass dies für mache Menschen auch als provokativ wahrgenommen werden könnte, ist der Autorin bewusst.

Die Autorin ist keine Naturwissenschaftlern; sie nähert sich der Thematik als Literatin. Genau das prägt den Stil dieser Publikation, die eher ein langer Essay als ein strukturiertes Sach- oder Fachbuch ist. CHALLENGER umkreist das Thema eher als es systematisch abzuarbeiten. Ihr Stil ist eher assoziativ, sie lässt Gedanken wandern, formuliert bildhaft, oft auch poetisch.
Ihre Sprache dient nicht nur zur Übermittlung von Informationen, sie ist ein Teil der Botschaft – eher lebendig fließend als logisch gegliedert. Sie lädt ein, sich mit ihr treiben zu lassen – ohne sich jedoch zu scheuen, an vielen Stellen passende Untersuchungen oder wissenschaftliche Befunde ins Feld zu führen.
Insgesamt geht es ihr weniger um das Vermitteln von Wissen, sondern um das Werben für eine bestimmte Haltung.

Inhaltlich geht es CHALLENGER darum, die Mythen über den prinzipiellen Unterschied zwischen Tieren und Menschen zu widerlegen. Sie beschreibt die ursprünglichen Theorien über vermeintliche qualitative Sprünge und nennt die entscheidenden Befunde (bzgl. Intelligenz, Sprache, Bewusstsein, Altruismus), die diese Sichtweise inzwischen in Frage stellen. Natürlich wird auch deutlich, dass das Narrativ von der Trennung zwischen Tier und Mensch wichtige Funktionen für das (narzisstische) Selbstverständnis der überlegenen Gattung hatte und hat.

Für die Autorin überwiegen eindeutig die Nachteile, die sie mit der Abgrenzung von der übrigen Mit-Tierwelt verbunden sieht. Sie sieht uns entfremdet von unserem organischen Sein, hält die dichotome Betrachtung von „Körper“ und „Geist“ für einen folgenschweren Fehler und sieht in den Versuchen, uns durch die Entwicklung von Mensch/Maschine-Systemen immer mehr von dem biologischen Substrat zu entfernen, eine fatale Fehlentwicklung. Die Unsterblichkeits-Fantasien des Silicon-Valleys und die Hoffnung, den menschlichen Geist in anorganischer, digitaler Form zu erhalten und ihn womöglich dem Weltall als ewige Gabe zu hinterlassen, stellen für sie die extremste Form einer falschen Denkweise dar.

Aber CHALLENGER betrachtet die Folgen des Abgrenzungswahns (meine Formulierung) auch auf der anderen Seite des Grabens: für die (sonstigen) Tiere.
Dieses Buch ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer für einen verantwortungsvollen und einfühlsamen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen. Sie hält es für nicht begründbar, dass wir das Attribut der „Würde“ ganz für uns allein reklamieren. Genauso, wie wir menschliche Würde nicht von der aktuellen Funktionsfähigkeit eines ichbewussten Gehirns abhängig machen sollten, dürften wir auch die unzweifelhaft vorhandenen Zwischenstufen von tierischer und menschlicher Denk- und Empfindungsfähigkeit nicht unbeachtet lassen. Die von uns als selbstverständlich definierte Verfügungsgewalt über jegliches tierisches Leben bestreitet CHALLENGER mit Nachdruck.

Der eher episodische Aufbau des Buches hat auch einen Preis: Freunde strukturierter Systematik werden immer wieder mal ratlos und genervt nach dem roten Faden suchen. Redundanz ist bei dieser Form des netzartigen Umgarnens der Grundgedanken wohl kaum zu vermeiden. Manche Dinge werden sicher häufiger gesagt, als es zum Verständnis der Botschaft notwendig wäre.

Wer sich auf eine Mischung zwischen Fakten und Stimmungen einlassen kann, wer den Prozess der Vermittlung nicht nur als Erkenntnisgewinn, sondern auch als emotionales Erlebnis genießen möchte, der/die eignet sich als Leser/in für dieses Buch. Über mangelnde Denk- und Fühlanstöße wird sich kaum jemand beschweren.
Eine „Neue Geschichte der Menschheit“ (Untertitel) ist dieses Buch allerdings definitiv nicht.

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