„Bewusstheit“ von Christian BISCHOFF

Bewertung: 2 von 5.

Es gibt viele Wege zu persönlichem Wachstum; nicht jede dieser Möglichkeiten ist für jeden Suchenden geeignet. Man kann sich an persönlichen Vorbildern orientieren, mit guten Freunden lange Gespräche führen, sich durch Romanfiguren oder autobiografische Erzählungen inspirieren lassen, sich einer religiösen oder esoterischen Lehre oder Bewegung anschließen, still vor sich hin meditieren oder sich einem professionellen Berater bzw. Psychotherapeuten anvertrauen, usw.

Wer sich für das Buch von BISCHOFF entscheidet, bekommt einen klar definierten Weg aufgezeigt. Alles ist eindeutig: es gibt klare Ziele, Schritte, Regeln.
Ein von sich selbst und seiner Sache überzeugter Coach hat die Regie übernommen. Er weiß, was er tut, was man braucht, wie es geht. Und er tut wirklich alles, um seine Botschaft unmissverständlich an den Mann bzw. an die Frau zu bringen. Er tut es mit einer geradezu schonungslosen Intensität. Für Zwischentöne und Missverständnisse bleibt da kein Platz.
Alles ist vorbereitet, die Struktur steht. Für jeden Zwischenschritt gibt es genau zwei (oder drei oder vier) Kernsätze zu beachten. BISCHOFF hat vorgedacht, vorgelebt, vorbereitet.
Da, wo das Lesen nicht reicht, werden Übungen (Anleitungen) zum (kostenlosen) Download angeboten.
Also: anschnallen und starten!

Worauf lässt man sich nun ein, wenn man dem Autor folgt?
Es geht im Großen und Ganzen um „Positives Denken“, um Selbst-Suggestion, um die Beeinflussung von inneren Bildern, Zuschreibungen und Bewertungen. Es geht um die unbegrenzte, geradezu magische Macht, die von Selbstüberzeugungen ausgehen können, in denen man seine persönlichen Wunschvorstellungen klar definiert und zum unerschütterlichen Fixpunkt für alle weiteren Lebensentscheidungen macht.

Der Startpunkt ist die Bewusstwerden der eigenen Ziele: Wer will ich sein und wie will ich sein.
BISCHOFF geht davon aus, dass die eigenen Ideale und Sehnsüchte oft vergraben sind unter einem ganzen Berg von Vorgaben und Aufträgen, die Eltern, Lehrer oder die Gesellschaft einem auferlegen. Befreit man sich davon und wird sich seines „wahren“ Selbst bewusst, kann es eigentlich keine echten Hindernisse bei der Zielerreichung mehr geben. Die – zunächst als Gedanken – klar formulierten Ziele, wirken automatisch sowohl nach innen als auch nach außen: Das neue Denken führt auch zu einem anderen Fühlen, zu einem anderen Verhalten, zu einer anderen sozialen Ausstrahlung – und so zu positiven Rückkopplungseffekten.
Das alles geht zwar schrittweise und ist nicht frei von Rückschlägen – aber wenn der Glaube an sich selbst nur stark genug ist, ist der Erfolg langfristig nicht aufzuhalten.

Warum ist der Autor so sicher, dass sein Erfolgsrezept funktioniert: Er hat es selbst erlebt!
Das macht BISCHOFF gerne immer mal wieder an seiner persönlichen Biografie deutlich.
Aber natürlich kommt noch etwas hinzu: Der Autor hat die Erfahrungen gemacht, dass viele Menschen sich in seinen Seminaren und Workshops inspiriert und motiviert gefühlt haben, existentiell wichtige Entscheidungen zu treffen, neue Wege zu gehen, selbstbewusster und zufriedener zu werden.
Das alles kann man dem Autor ohne Misstrauen abnehmen; er ist ohne Zweifel ein „Überzeugungstäter“.

Wenn es im Folgenden um die Bewertung des Konzeptes (und damit des Buches) geht, wäre es wohl in diesem besonderen Fall fair, die persönlichen Voraussetzungen des Rezensenten zu nennen: Er ist nämlich im Bereich von Persönlichkeitsbildung und -veränderung kein interessierter Laie (sondern Diplom-Psychologe und Psychotherapeut). Damit soll nicht der Eindruck erweckt werden, dass im Folgenden wissenschaftliche Wahrheiten verkündet werden. Aber vielleicht wird meine Perspektive etwas verständlicher.

Es gibt wohl keinen Selbstenfaltungs-Ratgeber, in dem nicht richtige und sinnvolle Dinge stehen. Das gilt selbstverständlich auch für das vorliegende Buch.
Natürlich ist es sinnvoll, sich über seine Ziele klar zu werden, sich von negativen Zuschreibungen oder selbstabwertenden Denkmustern zu befreien. Es macht Sinn, sich zu negativen Kognitionen (Gedanken, Bewertungen) positive Alternativen zu überlegen und diese einzuüben. Es ist absolut plausibel, sich realistische Zwischenziele zu setzen, auf Fortschritte stolz zu sein und Rückschritte als „Chance zum Lernen“ positiv umzudeuten. Achtsamkeit und meditative Versenkung können eine wichtige Rolle für das innere Gleichgewicht spielen. Wenn ich mehr über Lösungen und Ziele nachdenke als über biografische Hypotheken und Einschränkungen, wird sich das in meinem emotionalen System auswirken und auch meine Wirkung auf andere verändern.
Was ist also verkehrt?

Es geht nicht um „richtig“ oder „falsch“. Es gibt sicher eine Anzahl von Menschen, die genau von diesem Buch angesprochen werden und davon auch profitieren können.

Einige Dinge stören mich aber doch sehr stark:
– Schon der Gegensatz zwischen dem inneren „wahren“ Selbst und der bösen, manipulierenden Außenwelt ist ein Popanz. Jede Form von Persönlichkeit, jedes Selbst entwickelt sich vom ersten Tag im Kontakt und im Austausch mit der sozialen Umwelt. Dabei gibt es sicher Dissonanzen und Widersprüche – aber auch diese sind auf frühere soziale Erfahrungen zurückzuführen (und stellen keinen systematischen Angriff auf einen „autonomen“ Wesenskern dar).
– Die Klarheit und Eindeutigkeit der Aussagen gehen immer wieder in eine marktschreierische Absolutheit über; geboten werden nicht Erkenntnisse und Anregungen, sondern formelhafte Glaubenssätze eines „Gurus“, der den richtigen Weg zweifelsfrei kennt.
– Der ideologische Überbau ist am Prinzip der grenzenlosen Machbarkeit ausgerichtet: anything goes! Alles ist erreichbar – wenn man es nur daran glaubt und es richtig anpackt!
In dem hier propagierten Menschenbild ist kaum Platz für dauerhafte Begrenzungen, Einschränkungen, Selbstgenügsamkeit, Scheitern, Leid, o.ä. Wenn mal etwas schiefgeht, ist das nur eine momentane Krise; und daran liegt immer(!) die Chance für ein noch besseres Ergebnis.
– Es herrscht in diesem Buch eine Art Erfolgs-Gebot. Man fragt sich zwischendurch: Wer sollte eigentlich jemals in einem Konkurrenzkampf verlieren, wenn alle die Rezepte der Bewusstheit zur Selbstoptimierung anwenden? Gehören nicht zu jedem Sieger auch Verlierer? Ist es nicht schlichtweg eine Scheinwelt, in der jede/r zu seinem Ziel kommen kann?
Diese Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

Insgesamt glaube ich, dass hier ein engagierter Mensch seine eigenen Lebenserfahrungen verabsolutiert. Möglicherweise ist er einfach nicht in der Lage, sich vorzustellen, wie prinzipiell anders sich das Leben für Menschen anfühlt, die insgesamt weniger (kognitive, emotionale oder körperliche) Ressourcen mit auf den Weg bekommen haben oder noch größere Belastungen auferlegt bekommen haben als der Autor.
Es bleibt zu hoffen, dass das Buch genau (und nur) von den Personen gelesen wird, die diese konkrete Anleitung zur Entfaltung ihrer Potentiale produktiv nutzen können.
Bei manch anderem könnte als Ergebnis zusätzlich Frust und Entmutigung entstehen: Es muss dann ja wohl doch die eigene „Schuld“ sein, wenn ein so erfolgversprechendes Konzept nicht funktioniert hat („ich habe wohl nicht genug an mich geglaubt“).

Es geht nicht alles für jede/n! Sorry!
Die menschliche Psyche und die Welt sind dann doch ein wenig komplexer als die plumpen Erfolgsformeln es suggerieren.
Von allem etwas weniger wäre mehr gewesen.

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