„Billy Summers“ von Stephen KING

Bewertung: 4 von 5.

KING gibt es (meist) mit oder (manchmal) ohne Horror bzw. Mystik. Billy kommt ohne aus – für mich eine Wohltat!

Es ist ein vielschichtiges Buch: ein Krimi, ein Entwicklungsroman, ein zeitgeschichtlicher Kriegsroman, eine (fast philosophische) Auseinandersetzung um „gut“ und „böse“, eine Geschichte über Freundschaft und (sexfreie) Liebe und – nicht zuletzt – eine Reflexion über das Schreiben selbst.

Die Widersprüchlichkeit des Konzepts des „Bösen“ wird von Beginn an in der Hauptfigur (Billy) geradezu zelebriert: Ein Auftragskiller, der nur „schlechte“ Menschen umbringt. Es ist sein Beruf, auf den er technisch und emotional durch eigene Kriegserfahrungen im Irak vorbereitet wurde.
Der Plot dieses Buches ist der berühmte „letzte Auftrag“ („das große Ding“), der ja bekannterweise – zumindest literarisch bzw. filmisch – immer ganz anders verläuft…

Die Komplexität (und damit auch die literarische Qualität) dieses Buches entsteht u.a. darin, dass
– der Protagonist seine Cover-Story (ein Schriftsteller zu sein) in die Tat umsetzt,
– sich durch das Aufschreiben der eigenen Lebensgeschichte ein „Buch im Buch“ entfaltet,
– die zweite Hauptfigur (eine zufällig in die Handlung gerutschte junge Frau) innerhalb der Geschichte eine Art Selbstentfaltung erlebt.

Innerhalb der Story findet permanent ein „Tanz um das Böse“ statt. Natürlich schafft es KING mühelos, dass wir uns alle mit dem Killer identifizieren. Interessanter Weise bleibt die Figur selbst stärker in der Ambivalenz verhaftet als die Leserschaft.
Aber KING gibt das Konzept des „Bösen“ deshalb nicht ganz auf – es lauert in den Kontrahenten und in den „Zielpersonen“.
Der Autor spielt mit dem Prinzip der Selbstjustiz und stellt (indirekt) die Frage, ob das Böse nicht auch aktiv „ausgemerzt“ werden darf. Man spürt sowohl Sympathien für diesen Gedanken, als auch Zweifel bzgl. der moralischen Schuld, die man als (bezahlter) „Rächer“ auf sich lädt.
Als Leser/in bekommt man Raum für eigene Abwägungen – toll gemacht.

Mal wieder gibt der große Erzähler einen Einblick in die Quelle seiner – scheinbar nie endenden – Leidenschaft, Welten und Geschichten entstehen zu lassen und ihnen eine selbstbestimmte Richtung zu geben. Das abschließende Spiel mit mehreren Erzähloptionen bringt die Sache auf den Punkt.

KING schafft es, aus dem Roman über einen Berufskiller ein menschenfreundliches, stellenweise sehr empathisches Buch zu machen. Das alleine ist schon eine literarische Leistung. KING unterhält auf einem brillanten Level, weil es es so gut versteht, einer Geschichte einen inneren Drive zu verpassen.
Natürlich geht es nicht ganz ohne Gewalt – aber die Details fallen glücklicherweise weniger opulent aus als in anderen Büchern.

Am Ende bleibt vielleicht die unbeantwortete Frage, ob solche (biografischen) Gründe, die Billys böse Seite hervorgebracht haben, nicht auch für die anderen Bösewichte ins Feld geführt werden könnten. Oder anders formuliert: Gibt es wirklich „das Böse an sich“ oder eben doch nur viele prägende Einzelfaktoren, die die Persönlichkeit und das Handeln von Menschen determinieren.
KING gibt diese Antwort nicht vor – aber er hat einen intelligenten, einen großen Roman geschrieben, der zum Nachdenken darüber anregt.

Wenn das keine „echte“ Literatur ist…

Niemand, der gerne mal ein Buch hört, sollte darauf verzichten, sich diesen Roman von David Nathan vorlesen zu lassen. Es ist ein einziger Genuss!

Eine Antwort auf „„Billy Summers“ von Stephen KING“

  1. Ich finde, das Buch ist mehr als nur ein Gespräch darüber wert. Denn im Verlauf kippt der Auftrag des Killers und seiner an „Leon – der Profi“ erinnernde Gefährtin, in ein Selbstjustiz-Drama.

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