„Pantopia“ von Theresa HANNIG

Bewertung: 4.5 von 5.

Man könnte mit einiger Berechtigung sagen: Es ist der Roman der Stunde!

In diesen Wochen (es Anfang März 2023) überschlagen sich die Meldungen im Bereich „KI“ (Künstliche Intelligenz). Ausgelöst durch den ChatBot „ChatGBT“ finden sich in den Medien jeden Tag neue Informationen, Zukunftsvisionen und Warnungen. Zwischen den großen Tech-Giganten findet ein unerbittlicher Wettbewerb um den Führungsplatz statt.
Ein besseres Umfeld könnte man sich für die Geschichte von Pantopia kaum ausmalen.

Der Inhalt sei nur kurz skizziert: Zwei junge, aufstrebende Programmierer (Patricia und Henry) nehmen an einem Wettbewerb um ein neues KI-basiertes Programm teil, mit dem die Rendite von Börseninvestitionen optimiert werden soll. Ohne es zu wollen oder nur zu ahnen, schaffen sie dabei die weltweit erste „starke“ KI, die als Zugabe zu ihrer überlegenen Lernfähigkeit und Performance auch noch ein Ich-Bewusstsein entwickelt hat.
Das führt – erwartungsgemäß – zu allerhand Verwicklungen und letztlich zu dem Plan, der Menschheit den Weg zu einer neuen Stufe der Zivilisation zu eröffnen – und so auf einen Schlag so ziemlich alle Menschheitsprobleme zu lösen: Utopia wird zu Pantopia!

Natürlich geht es in dem Plot auch um menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte, um (komplizierte) Beziehungen und um den Widerstreit von Gut und Böse, Es gibt einen (nicht unerheblichen) Spannungsbogen, unerwartete Wendungen und jede Menge Identifikationsangebote. Was es nicht gibt: Erotik und Gewalt (was ja durchaus erholsam sein kann).
HANNIGs Schreibstil ist dabei flüssig und angenehm. Spannung wird nicht krampfhaft herausgekitzelt, mit gelegentlichen pathetischen Formulierungen kann man gut leben.

Im Mittelpunkt des Romans stehen aber eindeutig zwei schwergewichtige Inhalte:
Einmal nutzt HANNIG diesen Text dazu, ihre Idealvorstellungen einer gerechten und nachhaltigen Welt darzustellen und gleich einen (originellen und anregenden) Weg zur Umsetzung ziemlich detailliert auszubuchstabieren.
Mit dem ChatBot „Einbug“ mischt sich die Autorin in niederschwelliger und unterhaltsamer Weise in die Diskussion um Möglichkeiten und Grenzen der KI-Revolution ein. Sie bietet eine anschauliche und durchdachte Antwort auf die Frage an: „Wie könnte es denn weitergehen, wenn aus einem KI-System ein bewusstes und kommunikatives Gegenüber entsteht, das sich Ziele zu eigen macht und dann in kreativer Eigenständigkeit verfolgt.“
Erfreulich ist, dass die „starke“ KI nicht zu einem dystopischen Monstrum aufgeblasen wird: sie findet Wahrheit erstrebenswert und „schön“.

Die gesellschaftlichen Ziele der hier dargestellten Utopie sind sympathisch und nachvollziehbar: Sie orientieren sich an den Menschenrechten und an den Maßstäben für Nachhaltigkeit und globaler Gerechtigkeit. Man merkt dem Text an, dass HANNIG mit den einschlägigen Diskursen vertraut ist: So bezieht sie sich beispielsweise auf die von HARARI ausgearbeitete Bedeutung des Glaubens an bestimmte Narrative (z.B. von „Nationen“ oder „Geld“) oder auf die Gerechtigkeitstheorie von RAWLS (in der Regeln für Gerechtigkeit aufgestellt werden, ohne zu wissen, wo man in der Gesellschaft verortet ist).

Hannig schafft in „Pantopia“ eine besonders gelungene und mainstreamkompatible Mischung zwischen „Botschaft“ und „Unterhaltung“: Man liest dieses Buch gerne, weil es sowohl spannend als auch informativ ist. Dieser Roman versauert ganz sicher nicht auf dem Nachttisch, weil man abends nur ein paar Seiten schafft.


„Liebe neu denken“ von Diane HIELSCHER

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch entfaltet eine bemerkenswerte Dynamik. Es rüttelt, schiebt, zieht und stößt – es will Menschen bewegen. HIELSCHER ist fest davon überzeugt, dass sie Wege aufzeigen kann, die Blockaden lösen und neue Optionen schaffen. Sie möchte, dass ihre Leser/innen davon nicht nur erfahren, sondern auch Gebrauch machen. Am besten sofort. Denn ein besseres Leben wartet…

Die zentrale Idee der Autorin ist, dass alle Menschen Einfluss auf bzw. Kontrolle über ihre Art zu denken gewinnen können – wenn sie es nur wollen und bereit sind, die notwendige „Umprogrammierung“ durch diszipliniertes Üben zu leisten.
Diese Möglichkeit basiert – so die Autorin – auf bestimmten Voraussetzungen unseres Gehirns bzw. unseres davon abhängigen psychischen Systems: Unsere Gedanken und Bewertungen beeinflussen in einem großen Ausmaß unsere Gefühle, wobei wir durch unser konkretes Handeln wiederum unser Denken und Fühlen verändern können.
Die entscheidende Botschaft ist dabei: Unser Gehirn ist eben nicht „determiniert“ durch Gene und frühe Erfahrungen, sondern bis ins hohe Alter lernfähig, flexibel und plastisch.
Wir können demnach unser Gehirn selbst formen, können lernen, es mit selbstgewählten Inhalten zu füttern – statt es zufälligen und oft dysfunktionalen inneren und äußeren Botschaften zu überlassen.

Bei der Sammlung von Belegen und Beispielen für einen solchen Aufbruch in ein selbstbestimmteres Leben sammelt HIELSCHER alles ein, was nicht bei „3“ auf den Bäumen ist: philosophische, spirituelle und religiöse Weisheiten, experimentelle Befunde aus der Hirnforschung, Methoden aus (kognitiver) Psychotherapie und Coaching, Yoga und Meditation; auch die Quantenphysik muss zu guter Letzt noch dran glauben (als ob ernsthaft der Doppelspalt-Versuch etwas über unsere neurologischen und psychischen Potentiale aussagen würde).
Die bedeutsamste Erkenntnis-Quelle muss allerdings gesondert genannt werden: Die eigene Erfahrung!

Die Autorin gibt uns einen tiefen Einblick in die Lebenskrise, in die sie durch die unerwartete Trennung ihres Mannes (und Vaters von zwei Kindern) geraten war. Der durchlittene Zustand von Verzweiflung, Selbstabwertung und unbändiger Wut bildete den Nährboden für die Entscheidung, sich durch aktives Tun in einen lebenswerten, selbstbewussten und genussfähigen Aggregatzustand zu versetzen. HIELSCHER begann, einschlägige Sachbücher zu lesen und führte Gespräche mit Fachleuten aus den Bereichen Psychologie, Neurowissenschaft, Beratung, Coaching und Therapie.
Der – offenbar tatsächlich bewundernswerte – Erfolg, den sie damit hatte, bildet die Basis für ihren geradezu grenzenlosen Optimismus – nach dem Motto: „Was ich geschafft habe, kann jede/r schaffen!“ Denn schließlich gelten ja die zugrundliegenden Wirkfaktoren für alle Menschen gleichermaßen.

Der Schreibstil der Autorin hat das Zeug, die avisierte Zielgruppe nicht nur anzusprechen, sondern auch zu motivieren. Sie schreibt persönlich, lebendig, leger, locker, mitreißend, eindringlich. HIELSCHER gibt sich nicht als neutrale Expertin, sondern als Teil einer Community, der sie ihre Erfahrungen solidarisch zur Verfügung stellen möchte. Sie spricht eher ihren Bekanntenkreis an als ein irgendwie anonymes Publikum; natürlich duzt sie ihre Leser/innen. Es scheint ihr ein persönliches Anliegen zu sein, ihr Publikum ebenfalls zur Selbstbestimmung zu befähigen. Sie hat eine Mission! (Das ist übrigens besonders deutlich spürbar, wenn man das selbst-eingelesene Hörbuch konsumiert).

Um es mal vorsichtig auszudrücken: Insgesamt lernt man in dem Buch von HIELSCHER sicherlich mehr über die Möglichkeiten der Selbstbeeinflussung als über die Grenzen. Was den Text auf der einen Seite so anregend und überzeugend erscheinen lässt, gibt auf der anderen Seite auch Anlass für eine kritische Betrachtung.
Die Autorin ist so begeistert und überzeugt von den Optionen, die die eigene Entwicklung ermöglicht haben, dass der Veränderungs-Optimismus immer mal wieder mit ihr durchgeht. So verliert sie das Gefühl dafür, dass eben nicht alle Menschen genau die Voraussetzungen und Ressourcen mitbringen, die ihr die Anwendung all der beschriebenen Methoden eröffneten.
Ein Beispiel: HIELSCHER geht davon aus, dass man der Determiniertheit durch Prägungen und Vorerfahrungen entgehen könne, weil man sich ja entschließen könnte, ab sofort anders (positiver) zu denken (z.B. auch mit Hilfe von Meditation). Wenig Gedanken macht sie sich darüber, wodurch denn wohl die Bereitschaft und Fähigkeit „determiniert“ ist, diese Wege auch (mit der notwendigen Disziplin) zu gehen . Leider stehen nicht jedem alle Optionen zur Verfügung, auch wenn die Mechanismen noch so gut wirken könnten.
Aber – dies sei eingeräumt: Für einige könnte ja das Lesen dieses Buches der entscheidende Anstoß (Kipppunkt) sein, es doch mal zu probieren.
Das wäre zweifellos ein guter Grund, ein solches Buch zu schreiben bzw. zu lesen.

Kommen wir zum Schluss auf den Titel des Buches zu sprechen: Er ist nicht gut gewählt, weil er die Inhalte des Textes nicht wirklich repräsentiert.
Es geht im Buch zwar auch um Beziehungen und Liebe, aber nicht vordringlich. Das Thema ist eher Krisenbewältigung und Persönlichkeitsentwicklung allgemein. Die Liebe kommt ins Spiel, weil HIELSCHER wegen ihres Liebeskummers an den Start gegangen ist und weil – natürlich – jede persönliche Weiterentwicklung auch der Liebes- und Beziehungsfähigkeit zugute kommt. So könnten tatsächlich diejenigen Leser/innen ent- oder getäuscht sein, die davon ausgingen, einen Beziehungsratgeber zu erwerben.

„Gefährlicher Glaube“ von Pia LAMBERTY und Katharina NOCUN

Bewertung: 4.5 von 5.

Wenn man sich als halbwegs aufgeklärter, vernunfts- und wissenschaftsaffiner Mensch so einem Buch zuwendet, tut man das vermutlich mit gemischten Gefühlen und Erwartungen: Was soll darin stehen, das einem nicht längst klar und bekannt ist?
Lohnt sich das Lesen überhaupt?
Ich möchte diese Frage mit einem nachdrücklichen „ja“ beantworten!

Die beiden Autorinnen beackern das Feld der Esoterik mit einer bewundernswerten Gründlichkeit – die sowohl in die Breite (thematische Vielfalt), als auch in die Tiefe (Detailliertheit der Recherchen) betrifft. Aus diesem Buch wird wohl kaum jemand ohne neue Erkenntnisse wieder in die Realität, also in die Welt der Logik und der Empirie auftauchen. Zumindest wird man als Lesender mit einigen neuen Beispielen und Hintergründen versorgt – zwischendurch verschlägt es einem die Sprache.

Neben den Wunderheilern, der Homöopathie und den Sterndeutern geht es in diesem gut lesbaren Text auch um biodynamische Landwirtschaft, um Naturkulte und um diverse Sekten. Es geht um so ziemlich alles, was sich als wissenschaftsfeindlich, irrational und abergläubisch – aber auch als autoritätshörig zeigt.

Dass es bei der vermeintlich so sanften und ganzheitlichen Esoterik im Bereich der Gesundheit immer wieder mal auch um Leben und Tod geht, belegen eindrucksvolle Beispiele (insbesondere bei Krebspatienten). Ebenso wird herausgearbeitet, wie skandalös die völlig haltlose Zuschreibung einer „Selbstverschuldung“ von Erkrankungen sind – die z.B. auf Verfehlungen in früheren Leben zurückgeführt werden.

Der entscheidende Mehrwert dieser Publikation ist dabei die Einordnung der Esoterik-Welle in gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge. Die Autorinnen arbeiten in gut nachvollziehbarer und mit Fakten unterlegten Weise heraus, dass die Irrationalität dieses Weltbildes eben keine irgendwie amüsante oder kultige Privatsache ist.
Die Distanzierung von einem faktenbasierten Zugang zu Erkenntnissen und die Ausbreitung irrationaler Parallelwelten gefährden nicht nur den gesellschaftlichen Konsens („Worauf können wir uns einigen?), sondern schwächt auch die Voraussetzungen für die Bewältigung der großen Menschheitsaufgaben.
Dass unter dem Mantel der „Harmonie mit der Natur“ auch in großem Umfang dreist abgezockt wird, sollte nicht unerwähnt bleiben. Auch dafür legen die Autorinnen schockierende Beispiele vor.

Ein besonderes Augenmerk richten die beiden Autorinnen auf die (erheblichen) Schnittmengen zwischen der Esoterik-Szene und rechtsgerichteten Denkweisen und Milieus. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer „braunen Esoterik“, in der sich völkisches Denken, Wissenschaftsfeindlichkeit und Verschwörungsgeschwurbel zu einer gefährlichen Mixtur zusammengebraut haben.

Es handelt sich um ein wahrhaft aufklärerisches Sachbuch, in dem die Autorinnen ganz eindeutig Partei ergreifen – für eine Welt, in der zwar Emotionen und Spiritualität ihren Platz haben, wo aber rationales und empirisches Denken bzw. Urteilen die Grundlagen für Welterkenntnis, medizinische Versorgung und globale Problemlösungen bilden.

„A Thousand Brains“ von Jeff HAWKINS

Bewertung: 4 von 5.

Es war wohl nicht ganz einfach, die Inhalte dieses Buches in einen aussagekräftigen Titel zu packen. So hat man sich mit der Übernahme des Originals beholfen – aber muss schon etwas genauer hinschauen, um tatsächlich eine Idee von dieser Publikation zu bekommen, die irgendwo zwischen einem anspruchsvollen Sachbuch und einem Fachbuch anzusiedeln ist.

HAWKINS präsentiert im ersten Teil des Buches eine umfangreich ausgearbeitete Theorie über den Aufbau und die Arbeitsweise unseres Großhirns (Cortex), das bekanntermaßen für die höheren kognitiven Funktionen zuständig ist (also für alles, was mit Denken, Planen, Sprache und Selbstreflexion zu tun hat).
Die Bedeutung der älteren Teile des Gehirns, die für unsere Vitalfunktionen, unsere Instinkte und Emotionen entscheidend sind, stellt der Autor natürlich nicht in Abrede. Aber er interessiert sich eben besonders für die oberen Gehirnwindungen, die beim Menschen so viel großzügiger bemessen sind als bei anderen Säugetieren.
Wie wir später im Buch erfahren, hat das auch damit zu tun, dass HAWKINS auch als Unternehmer im Bereich der KI (Künstlichen Intelligenz) tätig ist. Seine Forschungsarbeiten dienen also sowohl einem Erkenntnis- als auch ein Gewinnstreben.

Grob gesagt ist HAWKINS davon überzeugt, dass er mit seinem Team auf der Spur einer recht revolutionären neuen Sichtweise der Organisation unserer Großhirnrinde ist. Diese bestehe nämlich aus einer Vielzahl von relativ autonom arbeitenden Bereichen, die in dünnen Säulen angeordnet seien (etwa wie Spaghetti). in diesen – insgesamt ca. 150.000 – Säulen finde unsere Erkenntnisarbeit statt. Diese wiederum beruhe darauf, dass aufgrund von permanenten Vorhersagen („was werde ich als nächstes spüren, hören, fühlen sehen“) und deren Korrektur durch die erhaltenen Rückmeldungen innere Modelle unserer Außenwelt gebildet und verfeinert würden, die jeweils in einem (räumlichen oder inhaltlichen) Bezugsrahmen eingeordnet seien. Da jedes Objekt in der Außenwelt von hunderten (oder tausenden) neuronalen Säulen in leicht unterschiedlicher Form modelliert werde, bilde sich in der Zusammensicht ein komplexes und realistisches Gesamtmodell (die Säulen sind natürlich reichlich „verdrahtet“ und stimmen sozusagen per Mehrheitswahl ab).
In diesem Sinne spricht HAWKINS also von den „Tausend Gehirnen“ in unserem Kopf.
Natürlich führt der Hirnforscher Beobachtungen und Befunde an, die diese etwas ungewöhnliche Sichtweise stützen. Selbstbewusst, wie er ist, sieht er sich schon auf der Gewinnerstraße.

Im Rest des Buches wandelt sich HAWKINS von strengen theoriegeleiteten Hirnforscher zum alltagsbezogenen Anwender.
Er macht deutlich, dass er der Entwicklung der KI hin zu wirklich intelligenten (und flexiblen) Problemlösungsmaschinen nur dann eine Chance gibt, wenn diese den Funktionsprinzipien unseres Gehirns nachempfunden bzw. nachkonstruiert würden. Das entscheidende Ziel sei es, dass auch KIs komplexe Modelle ihrer Umwelt entwickeln lernen – also irgendwann „wüssten“, was z.B. eine Katze sei (statt sie nur auf Bildern immer perfekter identifizieren zu können). HAWKINS ist überzeugt davon, dass solche Maschinen gebaut werden können und er zweifelt nicht daran, dass sich dann auch irgendwann „Bewusstsein“ einstellen wird.
Die Bedenken und Befürchtungen hinsichtlich der drohenden Weltherschafft durch eine übermächtige KI hält er für unrealistisch und übertrieben. Es fehle solchen Apparaten der eigene (emotionale und motivationale) Antrieb für so etwas.

HAWKINS ist ein selbstbewusster Mensch, der auf sein Lebenswerk offensichtlich stolz ist und dem es auch Spaß macht, in potentiell kontroversen Themen ganz klar Stellung zu beziehen. Das liest sich durchaus unterhaltsam – wenn man damit umgehen kann, dass man es eben in solchen Momenten nicht mit einem vorsichtig abwägenden Wissenschaftler zu tun hat.

Das Buch schließt mit recht weitgehenden Betrachtungen über die Zukunft des Menschen: Vom denkbaren Hochladen des eigenen Gehirns, über die körperliche Verschmelzung mit KI-Bausteinen bis zur Überlegung, ob es denn wohl
Chancen gäbe, dem Universum irgendeine Form der Erinnerung an unsere Spezies zu hinterlassen. Das alles ist nicht tagesrelevant, aber durchaus anregend.

Gehirn-interessierten Lesern wird in diesem Buch eine Menge geboten. Möglicherweise ist nicht jede/r in diesem Ausmaß interessiert an dem „Säulen-Modell“; hier spürt man schon recht deutlich, dass HAWKINS fasziniert von und fast verliebt in seine/n Ideen ist. Für den Normalverbraucher ist dieser Teil doch etwas zu ausführlich geraten.

Zukünftig wird es spannend werden, welche Sichtweise sich bzgl. der Entwicklung unseres Bewusstseins durchsetzen wird: Eher die Forscher, die den Ursprung in den basalen Emotionen vermuten, oder diejenigen, die (wie HAWKINS) der Informationsverarbeitung den entscheidenden Impuls zuschreiben.

„Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten“ von Markus GABRIEL

Bewertung: 3 von 5.

Dieses Buch fordert wohl jeden Rezensenten (m/w) heraus. Man möge mir nachsehen, dass diese Besprechung vielleicht ein bisschen zu subjektiv und emotional ausfällt.

Dieses Sachbuch ist – in meiner Wahrnehmung – ein Sammelsurium an philosophischen, ethischen, politischen/gesellschaftlichen Betrachtungen einerseits und an persönlichen Meinungen bzw. Überzeugungen des Autors auf der anderen Seite.
Das Problem dabei ist: Markus GABRIEL scheint selbst nicht zu merken und zu wissen, wann er auf einer dieser Seiten steht – was die Lektüre verwirrend und anstrengend macht.

Die zweite Irritationsebene besteht in dem Spannungsfeld zwischen den – sehr sympathischen und nachvollziehbaren – Haltungen und Zielsetzungen des Autors und seinem – wie ich finde – weit überzogene Anspruch, deren Gültigkeit in diesem Buch philosophisch-wissenschaftlich „objektiv“ beweisen zu können.

Um das Ganze noch schwerer genießbar zu machen, wechselt GABRIEL in einem lockeren Galopp zwischen ganz verschiedenen Argumentations- und Begründungsebenen: Da gibt es Herleitungen aus der Philosophie- und Kulturgeschichte, Alltagsplausibilitäten, gesunden Menschenverstand, (vermeintlich) logische Schlüsse, Erklärungsversuche durch Extrembeispiele und schlichtweg unbewiesene Axiome. Manchmal liegt der „Beweis“ auch „im Wesen“ der Dinge, oder darin, dass es einfach nicht anders sein sollte oder dürfte.

Als Zuckerguss auf dieses Durcheinander gießt der Autor eine große Portion Selbstgewissheit und Selbstverliebtheit. Er sieht sich als Stifter einer „neuen Aufklärung“, ist sichtlich stolz auf selbst erfundene Begrifflichkeiten und stellt sich dann mit seinem „virologischen Imperativ“ an die Seite eines nicht ganz unbekannten Philosophen aus dem damaligen Königsberg.
Dazu gehört auch die Gewissheit, dass Menschen mit anderen (moralischen, philosophischen oder politischen) eben schlichtweg „irren“.

Worum geht es in dem Buch eigentlich?
GABRIEL will seine Leserschaft davon überzeugen, dass es zeitlose und kulturübergreifende „moralisch Wahrheiten“ gibt – und wir diese aufgrund unseres Wesenskerns als rationale und freie geistige Wesen auch prinzipiell erkennen können.
Es gibt aus seiner Sicht einen zivilisatorischen Fortschritt, der – auf lange Sicht betrachtet – diese objektive Moral (die eigentlich schon immer galt) erkennbar gemacht hat. Dies sei besonders am Beispiel der Abschaffung des Sklavenhandels, an der Aufklärung und an der Proklamation der Menschenrechte deutlich geworden. Aktuell habe die erste Reaktion auf die Corona-Pandemie deutlich gemacht, dass uns als Gesellschaft moralisches Handeln auch gegen ökonomische Interessen möglich sei. Diese Fähigkeit müsse jetzt mit aller Kraft auch für den Kampf gegen die Klimakatastrophe und für eine global gerechte Ressourcenverteilung eingesetzt werden. Es steht für den Autor fest, dass der konsumfixierte Turbo-Kapitalismus im hohen Maße unmoralisch (und damit „böse“) sei.

Natürlich – das soll hier nicht unterschlagen werden – finden sich in diesem Buch durchaus niveauvolle Auseinandersetzungen mit anderen Sichtweisen und Strömungen in der Moralphilosophie. Dabei geht es insbesondere um den Kulturrelativismus und verschiedene Theorien für die Herleitung von menschlicher Moralentwicklung insgesamt (z.B. durch Religion oder evolutionäre Mechanismen).

GABRIEL nutzt auch diese Publikation dafür, sein (offensichtliches) Lebensthema – die Auseinandersetzung mit einem rein naturwissenschaftlich-physikalischen Weltbild – weiterzuverfolgen. So lässt er kaum eine Möglichkeit aus, auf die Begrenztheit des Materialismus angesichts der schöpferisch-kulturellen Fähigkeiten und Errungenschaften des menschlichen Geistes hinzuweisen.
Mir kommt an solchen Stellen immer wieder der Verdacht, dass GABRIEL sich vielleicht einfach nicht genug mit der modernen Hirnforschung beschäftigt hat oder einfach nicht verstehen kann (oder will), dass auch theoretische Konzepte oder künstlerische Genialität in den neuronalen Netzen unseres Gehirns (in inzwischen nachvollziehbarer Weise) entstehen – ohne dass jedoch irgendein Forscher behaupten würde, dass wir uns diesen Phänomenen ab sofort nur noch durch die Betrachtung von Hirn-Scans widmen sollten.

GABRIEL hat ein herausforderndes Buch geschrieben, das sicher bei vielen anderen Lesern/Leserinnen weit weniger Abwehr und Irritation hervorrufen wird.
Es gibt auch für mich einen guten Grund, diesem Buch einen großen und nachhaltigen Erfolg zu wünschen. Nur liegt der nicht in der intellektuelle Brillanz oder in der Konsistenz bzw. Schlüssigkeit der Darlegung, sondern in den Werten und Zielen, die der Autor dankenswerter Weise leidenschaftlich vertritt.
Mit einem anderen Stil hätte er mich womöglich sogar begeistert…

„Fabelhafte Rebellen“ von Andrea WULF

Bewertung: 4.5 von 5.

Mit ihrem Buch über Alexander von Humboldt ist der Kunsthistorikerin WULF 2016 ein großer und erfolgreicher Wurf gelungen. Sie ist in ihrem Nachfolge-Werk der Epoche treu geblieben und hat sich mit den Denkern und Literaten an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert beschäftigt.
Wobei die Formulierung „beschäftigt“ eine geradezu groteske Untertreibung darstellt.

Die Autorin hat mit dieser Publikation einen Sachbuch-Stil zur Perfektion getrieben, der sich etwas so beschreiben ließe:
„Tauche in eine historische Epoche und das Denken und Handeln ihrer Protagonisten so intensiv ein, dass nicht nur zeitgeschichtliche Zusammenhänge und kulturelle Bedeutungen plastisch werden, sondern ausgefeilte Persönlichkeitsprofile und privateste Beziehungsmuster zwischen den Beteiligten nachvollziehbar werden.“

Es geht schwerpunktmäßig um eine Gruppe von deutschen Geistesgrößen, die sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in der recht überschaubaren Universitätsstadt Jena gelehrt, geforscht, geschrieben, diskutiert, geliebt und gestritten haben. Um die wichtigsten Namen einmal zu nennen (sie tauchen in dem Buch unzählige Male auf): Goethe, Schiller, Fichte, August Wilhelm, Friedrich und Caroline Schlegel, Schelling, Novalis, Hegel, Alexander und Wilhelm von Humboldt.
Zusammengefasst wird ihr Denken und Schreiben unter dem Begriff (frühe) Romantik, als deren Markenzeichen die Betonung des subjektiven „Ichs“ als zentrale Quelle für das Weltverständnis und die Weltbeschreibung angesehen wird. Dabei bilden die Ideen der Französischen Revolution bzw. deren politisch-militärischen Irrungen und Wirrungen die entscheidende zeit- und ideengeschichtliche Basis.

Zwar kann man sich ohne großen Aufwand aus zahllosen Quellen über die beteiligten Personen und ihr Schaffen informieren – bilden sie und ihre Zeit doch den harten Kern der deutschen kulturellen Identität. Doch das von WULF gezeichnete Bild ist schärfer, facettenreicher und vor allem bunter und lebendiger als übliche Darstellungsformen.
Was ihr dabei besonders in die Hände spielt, ist die – oft geradezu zwanghaft anmutende – Neigung der Protagonisten, ihre Gedanken, Sehnsüchte und Handlungen in einer wahren Flut von Tagebuchnotizen und gegenseitigen Briefen zu verschriftlichen.
Das Ganze bildete ein unglaublich intensives und dichtes kommunikatives Netzwerk, das selbst in Zeiten des Social-Media-Irrsinns absolut beeindruckend erscheint: So wurden gelegentlich in Krankheitsphasen zwischen Goethe und Schiller mehrfach täglich durch Boten Briefe ausgetauscht!

Überhaupt bildet die Beschreibung der Freundschaft zwischen den beiden ganz Großen einen Höhepunkt dieses Buches: Die anschauliche, alltagsnahe Schilderung ihrer Beziehungsgestaltung lässt die Menschen hinter den Kultur-Helden fassbar werden – wie es keinem Schulbuch oder Lexikon-Beitrag jemals gelingen könnte.
Doch damit ist es nicht genug: Die literarischen und amourösen Beziehungsmuster zwischen den anderen Hauptdarstellern werden bis in die persönlichsten Winkel ausgeleuchtet. Da fehlt nicht mehr viel – und das Drehbuch für eine vielteilige Netflix-Drama-Serie ist steht!

WULF verliert die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge nicht aus den Augen: Wir erfahren jede Menge über die deutsche Kleinstaaterei, über die Bedeutung der jeweils zuständigen Fürsten für die Geistesfreiheit und über die Auswirkungen der Feldzüge Napoleons auf das praktische und kulturelle Leben.

Es ist die perfekt gelungene Verflechtung zwischen Philosophie, Literatur, Naturerforschung, Politik, Zeitgeschichte und Privatheit, mit der dieses Buch für die interessierte Leserschaft einen fast unerschöpflichen Fundus von Erkenntnissen und Anregungen schafft.
Allerdings: Ein mehr als durchschnittliches Detail-Interesse an den dargestellten Einzel-Persönlichkeiten und ihren Verquickungen sollte man als Leser/in tatsächlich mitbringen. Manchmal treibt die Autorin die Analyse auch der feinsten Ausschläge im literarischen und erotischen Miteinander doch etwas auf die Spitze: Will und muss man das alles so genau wissen? So kann man durchaus an einigen Stellen ein wenig ungeduldig werden…

Insgesamt ist WULF dem selbst gesetzten Standard für besonders lebendige und detailverliebte Sachbücher zweifellos gerecht geworden. Sie hat ein fabelhaftes Buch über die „Fabelhaften Rebellen“ geschrieben. Den Lesenden kann versprochen werden, dass sie sich dieser Epoche und deren Leitfiguren noch nie so nahe gefühlt haben.


„Der Vagus-Schlüssel zur Trauma-Heilung“ von Gopal N. KLEIN

Bewertung: 2 von 5.

Dieses Buch befindet sich im Grenzgebiet zwischen seriöser, wissenschaftlich begründeter Lebenshilfe und übertriebenen, eher spirituellen Heilsversprechen.

Es startet mit physiologisch basierten Sachinformationen über das Phänomen der Traumatisierung, mit einem Schwerpunkt auf das, was der Autor „Bindungstrauma“ nennt.
Er stellt dann die sog. „Polyvagaltheorie“ dar, in der der Vagusnerv eine zentrale Rolle spielt. Der Aktivierung des Vagusnervs kommt dabei eine zentrale Rolle bei der Bearbeitung von Bindungstraumata zu.
Schnell (wirklich sehr schnell) kommt er auf seinen Lösungsvorschlag zu sprechen: die Heilung durch „Ehrliches Mitteilen“. Dieser Weg, dessen Ausführung den Großteil des Buches füllt, ist den anderen beiden Strategien (Autonomie und Verschmelzung) überlegen.

Leider überhöht der Autor seinen Ansatz zu einer allumfassenden Therapiekonzept und verliert so im Laufe des Buches jede Möglichkeit zur realistischen Einordnung bzw. Relativierung.
Er gibt im Weiteren ganz konkrete Anleitungen für das „richtige“ Mitteilen – bis hin zu wörtlich zu übernehmenden Formulierungen.

Das natürliche Gegenüber für dieses Kommunikationsform ist der eigene Partner bzw. die Partnerin. Im Grunde würde es ausreichen, wenn eine solche Person zur Verfügung stände.
Der Autor hat aber auch Selbsthilfegruppen angestoßen, die einen fehlenden Partner ersetzen könnten.

Zunehmend schwierig sind im Laufe des Textes willkürlich erscheinende Aussagen zu allen möglichen Problemen, die KLEIN mit einer geradezu atemberaubenden Selbstgewissheit von sich gibt. Ein Beispiel: „Wenn du verlassen wirst, heißt das, dass du auf die eine oder andere Art deinen Partner oder deine Partnerin verlassen hast. Es ist nur ein Spiegel.“ Oder: „Wenn es irgendwo in deinem Leben knirscht, dann liegt das immer an einer mangelnden Bindungsfähigkeit“.

Spätestens an solchen Punkten kann man einen Autor nicht mehr wirklich ernst nehmen. Dazu passt, dass KLEIN in seinem Prinzip auch noch ein geeignetes Mittel zur Transformation der ganzen Gesellschaft sieht.
Da wundert es nicht mehr, wenn sich KLEIN selbst als „spirituellen Berater“ beschreibt.

Auf die Bedeutung einer authentischen Kommunikation in Beziehungen hinzuweisen, ist sicher eine gute Sache. Eine solche Kommunikation kann sicher auch heilende Wirkung haben. Was KLEIN aber hier aber als Gesamtkonzept anbietet, verlässt den Boden eines seriösen Ratgebertextes.
Da hilft auch das Vorwort von Gerald HÜTHER nicht.

„Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen“ von J.B. MacKINNON

Bewertung: 5 von 5.

Dieses Nachhaltigkeits-Sachbuch ist in einer Weise klug, tiefgründig, unaufgeregt und informativ, dass sich bei mir tatsächlich so etwas wie echte Begeisterung eingestellt hat.
Ich stelle hier eine uneingeschränkte Leseempfehlung vor.

Der Autor, ein preisgekrönter kanadischer Journalist, geht in diesem Buch der Frage nach, was eigentlich wirklich passieren würde, wenn es einen deutlichen Einbruch (um ca. 20%) im Konsumverhalten unserer kapitalistischen Welt (bzw. einzelner Länder) geben würde.
Dass wir eine solche (kräftige, aber letztlich doch maßvolle) Umkehr unserer Wachstumswirtschaft brauchen, um den großen ökologischen Herausforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden, steht für ihn (und für viel andere Experten) völlig außer Frage.
Das Problem ist nur: Es gibt kaum realistische Rezepte oder gar Modelle für eine solche radikale Umsteuerung. Die kapitalistische Wachstumslogik ist so unlösbar mit unserer Art so wirtschaften, Wohlstand zu erschaffen bzw. zu verteilen und mit unserem gesamten Lebensgefühl verwoben, dass der oft zitierte Spruch: „Man kann sich eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus“ kaum übertrieben erscheint. Statt „Kapitalismus“ könnte man auch „Konsumieren“ sagen.
Selbst Bürger und Entscheider, die sich eine Schrumpfung vorstellen, wünschen und diese sogar für unverzichtbar halten, verzweifeln angesichts der zu erwartenden Aussichten auf Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Wohlstandsverlust.
Wir scheinen in einer ausweglosen Sackgasse zu stecken.

MacKINNON lässt sich davon nicht abschrecken. Er nimmt die Spur auf und erkundet das Gelände Schritt für Schritt. Als Ausgangspunkt bietet sich dabei die Corona-Pandemie mit ihren weitgehenden Lockdown-Phasen an: Zum einen hat es tatsächlich einen sehr plötzlichen Einbruch des Wirtschaftslebens und Konsumverhaltens gegeben, zum anderen ist aber auch für viele Menschen ein unmittelbarer Eindruck entstanden, welche positiven Erfahrungsmöglichkeiten mit einem Abbremsen verbunden sein könnten: Ein blauerer Himmel, leere Straßen, mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobbies und Muße. Viele haben die Unterbrechung des Hamsterrades von Arbeit und Konsum als Chance zur Selbstbesinnung erlebt.

Der Autor spricht mit Fachleuten, besucht Produktionsstätten, Aussteiger und besondere Orte, in denen sich bereits eine – meist unfreiwillige „Schrumpfung“ vollzogen hat.
Vertiefende Einblicke erhalten wir z.B. in die skandalöse Fehlentwicklungen der Wegwerf-Mode, der abstrusen Klimatisierungs-Standards und der extrem gesteigerten Lichtüberflutung unserer Zivilisation.
MacKINNON führt uns das Leben in Ecuador vor, weil dieses Land ziemlich genau das Wohlstandsniveau hat, das sich die Menschheit im Durchschnitt leisten könnte, um im Gleichgewicht mit den Ressourcen unseres Planeten zu leben.
Besonders informativ und ermutigend sind Beispiele von Unternehmen, die sich bereits von selbst (aus Tradition oder aus Klimabewusstsein) von der Wachstumslogik verabschiedet haben, und sich auf langlebige, hochwertige Produkte konzentrieren.

Es ist ein extrem facettenreiches Bild, das vom Autor gemalt wird. Das betrifft nicht nur die inhaltlichen Themen, sondern auch die Art der Vermittlung. MacKINNON ist kein Fanatiker, er missioniert nicht, er schwingt nicht die Moralkeule (die ja von so vielen Leuten gefürchtet wird). Er wägt ab, guckt sich beide Seiten der Medaille an, verschweigt nicht die Probleme und Risiken einer Umsteuerung. Sein Schreibstil ist ruhig und klar; er nimmt sich Zeit.
Auch die psychische Seite des Konsums bzw. des Konsumverzichts wird betrachtet: Werden Menschen wirklich bereit sein, sich für andere Aspekte von Lebensqualität zu öffnen, wenn sie ihren Selbstwert und ihren Lebenssinn nicht mehr so stark materiell definieren können? Kann man darauf vertrauen, dass die Transformation freiwillig erfolgen wird – oder braucht es die großen strukturellen Vorgaben?

Es gelingt dem Autor in diesem Buch sehr gut, die anfängliche emotionale Reaktion der meisten Leser: „Das geht sowieso nicht, mit dem Verzicht auf den Konsum“ zu relativieren. Nach und nach wird deutlich, dass es nicht um ein „Alles oder Nichts“ gehen muss, sondern um ein Zurückdrehen der Wachstums-Exzesse der letzten Jahrzehnte. Aus dem unvermeidbar erscheinenden „Zusammenbruch der Zivilisation“ entwickelt sich allmählich ein Bild der Neubesinnung auf ein „menschliches“ Maß, in dem bewusster, weniger, nachhaltiger und im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft konsumiert wird. Wir werden eingeladen, uns ein neues Gleichgewicht von Bedürfnissen und Konsum vorzustellen: Zufriedenheit könnte sich einfach dadurch einstellen, dass man lernt, weniger zu wollen – statt sich von einer Multimilliarden-Werbeindustrie immer neue Bedürfnisse einreden zu lassen.

Gegen Ende wirft MacKINNON einen Blick auf eine Jäger/Sammler-Gesellschaft, die ein extremes Gegenmodell zu dem aktuellen Wachstumswahn darstellt.
Doch das ist nur ein Denkanstoß.
Die besondere Qualität dieses Buches liegt gerade darin, dass es nicht um Utopien oder einen Kulturbruch geht. Der Autor holt die ökologische Notwendigkeit der Transformation in eine Post-Wachstums-Welt aus dem Abstrakten ins Konkrete. Und sich auf diesen Prozess einzulassen, tut überhaupt nicht weh – macht aber nachdenklich und ganz sicher auch klüger.
Ein fantastisches Buch, das mit Sicherheit nachwirkt…

Zwischen Welten – Juli ZEH und Simon URBAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieser Roman – ein garantierter Bestseller – schließt nahtlos an die letzte Veröffentlichung („Über Menschen“) der Star-Autorin an. Auch in diesem Werk befassen sich ZEH und ihr Mitautor mit der vermeintlichen Spaltung in unserer Gesellschaft.
Damit unübersehbar wird, wie dicht die Autoren am Puls der Zeit schreiben, datieren sie die Beiträge ihrer beiden Protagonisten (Stefan und Theresa) chronologisch durch das Jahr 2022 (bis zum Oktober).

Der Text besteht tatsächlich ausschließlich aus Chat- und Maildialogen dieser beiden Personen; soweit Ereignisse oder Handlungen beschrieben werden, sind diese in die jeweiligen Botschaften eingewoben. Die Kommunikation zwischen Autoren/Erzählern und der Leserschaft erfolgt also „über Bande“.

Für Aussagekraft und Wirkung einer solchen Konstruktion – kontroverse gesellschaftliche Positionen zu personalisieren – ist natürlich entscheidend, welche beiden „Welten“ da gegenseitig in Stellung gebracht werden.
Auf der einen Seite ist da ein erfolgreicher Journalist, der als Teil einer liberal-ökologisch-genderaffinen Szene (man nennt das heut „Blase“) damit beschäftigt ist, die Veränderungen in der Print-Medienwelt im Schatten der Social-Media-Kanäle zu gestalten und zu erleiden. Dabei steht das große Meta-Thema „Klimawandel“ exemplarisch für die Grundsatzdebatte, wie der „seriöse“ (neutrale) Journalismus mit der Forderung nach klaren Positionen und Haltungen umgehen soll – angesichts der Größe und Dramatik der aktuellen Herausforderungen. Kurz gesagt: Wie vertragen sich Aktivismus und Journalismus?
Ihm gegenüber steht eine Landwirtin, die sich nahezu rund um die Uhr und im Schweiße ihres Angesichts darum bemüht, einen in Brandenburg geerbten kleineren Hof durch all die Krisen zu steuern, denen sie sich durch wirtschaftliche, gesetzliche und bürokratische Zumutungen ausgesetzt fühlt.

Damit diese Kontrahenten ein ganzes Buch lang diskutieren und streiten können, muss es natürlich eine Verbindung geben: Die beiden hatten zusammen in Münster studiert und dort in einer Zweier-WG sehr vertraut (aber rein platonisch) zusammengelebt, sich dann aber wegen des plötzlichen Umzugs von Theresa aus den Augen verloren.
Während das am Anfang des Prozesses als Bindungsglied reicht, wird später noch ein (besonders bei Stefan) erwachendes erotisches Interesse als Stabílisierungelement eingeführt. Das führt dazu, dass sich die Inhalte der schriftlichen Dialoge in der zweiten Hälfte des Buches auf den privaten, emotionalen Bereich ausdehnen.

Während also die Leserschaft recht ausführlich mit Journalismus und Landwirtschaft in Kontakt kommt, findet parallel ein heftiger Schlagabtausch zu den Aufreger-Themen des Jahres 2022 statt: Gendern (er ja, sie nein), Ukraine-Unterstützung (er ja, sie skeptisch), Tierhaltung (er nein, sie liebt ihre Kühe), Klima-Engagement (er ausgeprägt, sie zunehmend genervt).
Die Autoren fokussieren immer wieder auf den Gegensatz zwischen „intellektuell-phrasenhafter Theoriewelt“ und „bodenständiger Auseinandersetzung mit realen und handfesten Problemen“. Typischerweise schreibt Stefan in der Pause irgendeines „bedeutsamen“ Meetings, während Theresa bereits die zweite Melk-Schicht hinter sich hat (die erste fand um 4:00 Uhr früh statt).
Es dauert nicht sehr lange, bis der Eindruck entsteht, dass die Sympathie der Autoren eher bei der „Frau der Tat“ und ihren Mitstreitern liegt, als bei dem „intellektuellen Schwätzer“ in der Hamburger Medien-Blase und den fanatischen AktivistInnen in seinem Umfeld.

Es gibt einige Punkte, die diesen Roman für mich zu einem sperrigen und manchmal auch ärgerlichen Leseerlebnis gemacht haben. Damit diese Rezension nicht endlos wird, will ich dies als Aufzählung darstellen:
– Beide Figuren erscheinen öfters so naiv oder werden so klischeehaft dargestellt, dass man sie in diesen Momenten kaum als „echte“ Personen anzunehmen vermag.
– Es erscheint immer wieder wenig realistisch, dass die gemeinsame Vergangenheit auf Dauer in der Lage sein könnte, die zwischendurch stark eskalierenden Angriffe und spürbaren Entfremdungen auszugleichen.
– Das erwachende gegenseitige erotische und emotionale Interesse lässt sich nur schwer aus dem Verlauf der Kommunikation nachvollziehbar ableiten. Insbesondere Stefan steigert sich gegen Ende in einem Ausmaß da hinein, wie man es kaum einem etablierten Profi-Journalisten zutrauen würde.
– Warum sich am Ende des Buches plötzlich eine Action-Szene um die Bergung einer Leiche in das Buch verirrt, bleibt wohl das Geheimnis der Autoren (und des Lektorats).

Welche Botschaften bekommt nun die Leserschaft zu den beiden Welten und deren Verbindungsmöglichkeiten?
– Es ist offenbar möglich, selbst über gravierende Überzeugungsunterschiede im Gespräch zu bleiben (wenn man entweder einen sehr feste gemeinsame Basis hat oder sich gleichzeitig angezogen fühlt – am besten beides).
– Es droht scheinbar die Gefahr, dass maßlos-radikale AktivistInnen das Kommando über die Medien übernehmen und uns ihr moralischen aufgeladenen Meinungsdiktat aufoktroyieren.
– Den „einfachen Leuten“ (exemplarisch den Kleinbauern) wird von lokalen Behörden, von Berlin und von Brüssel das Leben so schwer gemacht (eigentlich „zur Hölle“), dass man sich nicht wundern muss, dass aus der Verzweiflung heraus auch illegale (und rechtslastige) Protestformen entstehen.
– So richtig führt der versuchte Dialog letztlich nicht zusammen: Die (ideologischen) Ausgangslagen, die konkreten Lebenswirklichkeiten und die persönlichen Ziele sind und bleiben dann doch inkompatibel.

Wer sich mal in dieser speziellen Form mit den klassischen Argumenten der großen gesellschaftlichen Debatten befassen möchte, wird in diesem Buch fündig. Die beiden Autoren haben den jeweiligen Sprech drauf. Weniger geeignet erscheint dieser Roman als eine erhellende Beziehungs-Studie von zwei Menschen in zwei Welten zu sein – dafür sind die Prozesse zwischen den Dialogpartnern zu irritierend.
Juli ZEH hat jedenfalls ein weiteres Mal ihre Distanz und ihre Skepsis gegenüber einem „woken“ Milieu zum Ausdruck gebracht, das sie eher mit Arroganz und Übergriffigkeit in Verbindung bringt als mit ehrlichem Engagement. Das mag in Teilbereichen nachvollziehbar sein; in Bezug auf die Klimafrage scheint es aufgrund ihrer Ausgestaltung des Themas eher zweifelhaft, ob sich die Autoren der realen Dramatik und des damit verbundenen Handlungsdrucks tatsächlich bewusst sind.


„Feuerkind“ von Lone Stephen KING

Bewertung: 3.5 von 5.

Diese Rezension bezieht sich auf die aktuell erschienene Hörbuch-Ausgabe des bereits 1980 erschienenen Romans, die vermutlich durch die 2022 erfolgte Neuverfilmung („Firestarter“) angeregt wurde.
Die Interpretation durch den Kult-Sprechen David Nathan ist auch in diesem Fall beeindruckend und über jeden Zweifel erhaben; ihm zuzuhören ist eindeutig ein Genuss.

Das Feuer-Mädchen (Charlie) ist die Tochter von Eltern, die während ihres Studiums an einem mehr als zweifelhaften medizinisch-psychologischen Experiment teilgenommen haben. Die damals verabreichte Droge führte letztlich dazu, dass die Mutter telekinetische Fähigkeiten entwickelte, der Vater (Andy) seine Mitmenschen durch Gedankenkraft beeinflussen konnte und Charlie durch Willenskraft Feuer entfachen konnte.

Das Buch handelt davon, wie eine geheime Regierungsorganisation („Die Firma“) mit allen Mitteln versucht, sich der Personen (Andy und Charlie) und ihrer Fähigkeiten zu bemächtigen. Auf der anderen Seite werden wir Zeugen davon, wie die beiden ihre parapsychologischen einzusetzen versuchen, um sich diesem Zugriff zu entziehen bzw. sich daraus zu befreien.

Je nachdem, wie man zu dem typischen Stil von KING steht, wird man entweder eine toll erzählte Thriller-Story wahrnehmen, die durch entsprechende Schocker-Elemente „veredelt“ wird – oder man wird hier einen reichlich abstrusen Plot vorfinden, der nur den einen Zweck hat: möglichst viele drastische Gewalt-und Horrorszenen unterzubringen.

Nun wird wohl niemand ernsthaft bezweifeln, dass KING ein Erzähl-Genie ist. Mit einer relativ einfachen und geradlinigen Sprache schafft er es auch in diesem Roman, dass man schnell in die Geschichten hineingezogen wird. Dabei ist sein besonderes Markenzeichen der Einsatz besonders origineller sprachlicher Vergleichsbilder; die gelingen im auch beim Feuerkind immer wieder sehr gut.
Natürlich hängt die Qualität einer Erzählung auch von der Stimmigkeit der beschriebenen Figuren ab. Bei Charlie stellt sich wiederholt die Frage, ob man ihre Entwicklung und ihr Agieren mit den psychologischen Optionen eines so jungen Mädchens vereinbaren kann. Ihr Gegenspieler ist in einer solchen Überzeichnung die Inkarnation des Bösen, dass diese Figur nicht gerade vor Glaubwürdigkeit strotzt.
Was die innere Logik und den Spannungsbogen angeht, ist dieser Roman ebenfalls nicht besonders überzeugend – insbesondere hinsichtlich der Machtverteilung zwischen „Gut“ und „Böse“. Es erscheint eher willkürlich, wann und in welchem Ausmaß die besonderen Begabungen der beiden Protagonisten handlungsentscheidend sind.

KING-Fans werden sich trotzdem ohne Zweifel vortrefflich unterhalten fühlen. Dem Sog der Identifikation mit dem „Guten“ (also mit Charlie und einigen wenigen Unterstützern) kann man sich kaum entziehen. Natürlich schafft es KING auch in diesem Werk, dass man sich kaum dem Impuls entziehen kann, die Gegenspieler gnadenlos ausmerzen zu wollen. Dann weidet man sich (je nach eigener Aggressionshemmung) geradezu genussvoll an den grausamen Folgen der Zusammenstöße.
Das KING-Publikum liebt es einfach, wenn die – sonst so komplexe – Welt für ein paar Stunden so klar und eindeutig gegliedert ist.

Letztlich ist das Feuerkind ein typischer KING – sicher nicht einer seiner besten. Ein Hörbuch-Erlebnis ist er – dank David Nathan – auf jeden Fall.