YouTube macht klug

Für viele Digital-Kritiker (insbesondere aus meiner Generation) ist diese Aussage eine mittlere Provokation. Haben diese aufgeklärten Menschen doch inzwischen mitbekommen, welch kruder Schwachsinn und welche brandgefährlichen Inhalte in diesem größten Videokanal der Welt dargeboten werden. Spätestens wenn man erfahren hat, dass manche grell-geschminkten Teenies (sog. „influencer“) Millionen damit verdienen, dass sie Pakete mit bestimmten Kosmetik-Artikeln oder Textilien vor der Kamera auspacken, sollte man ja mit diesem Medium fertig sein – so die Schlussfolgerung.

Perspektivwechsel.
Als technik- und medienaffiner Mensch habe ich inzwischen so etwas wie eine persönliche Geschichte mit der Plattform „YouTube“.

Angefangen hat es wohl im Musik-Bereich. Während ich noch darüber nachdachte, wann ich wohl meine auf VHS-Bändern gesammelten Aufzeichnungen von irgendwelchen Rock-Konzerten digital archivieren könnte (das „Wie“ war mir natürlich längst bekannt), stieß ich bei YouTube auf ein fast grenzenloses Angebot aus allen Epochen der 50-jährigen Rockgeschichte. Wahnsinn!
Dazu kam, dass bestimmte Musikstücke, die ich auf kleinem anderen Medium mehr finden konnte, oft auf YouTube präsent waren – einfach hinterlegt zu irgendeinem Standbild (meist dem Plattencover).

Deutlich später nahm ich dann zur Kenntnis, dass YouTube eine nahezu unendliche Quelle für lebenspraktische Informationen ist. Ein Tipp kam von meinem Sohn, indem er mich darauf hinwies, dass man in seiner Welt das korrekte Knüpfen eines Krawatten-Knotens nicht mehr von seinem Vater sondern aus einem YouTube-Video lernen würde.
Seitdem habe ich mir immer mal wieder etwas demonstrieren lassen, was ich selbst nicht auf Anhieb verstanden bzw. hinbekommen habe (kleine Reparaturen, technische Funktionalitäten, usw.).

Natürlich wollte ich dieses Medium nicht nur passiv nutzen. Für jemanden, der seit Jahrzehnten private Videos (in gefühlt 12 verschiedenen Formaten) herstellte, lag es nahe, auch mal etwas Eigenes hochzuladen und dann als Teil des World Wide Web zu bestaunen. Das führte übrigens zu meiner ersten (und einzigen) Abmahnung, weil ich eine kurze Szene auf Langlauf-Skiern mit einem (recht unbekannten) Song unterlegt hatte.

YouTube bekam dann irgendwann auch die Funktion einer riesigen Mediathek, in der ich verpasste oder früheren TV-Inhalte wiederfand – bevor die offiziellen Mediatheken der Sendeanstalten zum selbstverständlichen Standard wurden.

Durch das Wiederaufleben meines Schlagzeug-Spielens (nach nur 40 Jahren Pause) wurde das mit der Musik und dem Erklären der Welt auf einmal sehr konkret: Ich konnte – total fasziniert – entdecken, dass für fast jeden halbwegs bekannten Songs Lehr-Videos zu finden waren, in denen Drummer ihr „Mitspielen“ dokumentiert hatten (teilweise mit mehreren Kameras zum Nachvollziehen jeder Hand- und Fußbewegung). Irre!
Natürlich sind auch jede Menge didaktisch aufbereitete Unterrichtseinheiten zu finden.
(Wenn ich das mit 16 gehabt hätte, wäre vielleicht heute eine Sammlung von Goldenen Schallplatten an meiner Wand).

Jetzt komme ich zur Gegenwart und damit zum Thema:
Zwar wusste ich schon länger, dass sich Schüler/innen komplexe Unterrichtsinhalte (vorrangig Mathe) lieber von YouTubern als von ihren Eltern oder Geschwistern erklären lassen. Aber die ganz persönlichen Erfahrung der letzten Tage war doch sehr viel beeindruckender:
Ich habe mich (mal wieder) meinem Lieblings-Thema zugewandt: dem Zusammenhang zwischen Gehirnaktivitäten und Bewusstsein. Bei meinen Recherchen (z.B. auf Amazon – wo ich natürlich nur noch selten kaufe) stieß ich auf bestimmte Namen von Buchautoren. Auf Wikipedia fand ich dann Links zu Veröffentlichungen und zu Vorträgen, die – welche Überraschung – natürlich auf YouTube abgelegt sind.
Seitdem bewege ich mich in einer bisher verborgenen akademischen und wissenschaftlichen Welt und höre den besten Forschern und Hochschullehrern zu. Ich nehme Platz in Uni-Hörsälen und in Auditorien von wissenschaftlichen Kongressen. Und bei jedem Klick auf ein Video tauchen rechts Hinweise auf ähnlich interessante Beiträge auf.
Wo soll das enden?

Ja, ich weiß: YouTube ist auch voller Dummheit, billigem Kommerz und Hass.
Mich macht es aber gerade (ein wenig) schlauer.
Damit ich selbst Übersicht bewahren und für andere ein paar gezielte Anregungen geben kann, werde ich in nächster Zeit auf einer neuen Seite dieses Blogs eine kommentierte Übersicht meiner Lieblings-Videos posten und dann kontinuierlich pflegen.

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08.05.2020

Es lohnte sich heute wieder einmal, das heute-journal anzusehen.

Der 75. Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges wurde in angemessener Form gewürdigt.

Ich schätze unsere öffentlich-rechtlichen Medien. Ich würde sie gerne auch den Amerikanern anbieten.

Um ehrlich zu sein: Am liebsten würde ich sie ihnen verordnen!

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17.04.2020

Ebikes

Es gibt auch noch andere Themen in der Presse. Gelegentlich.

Auf ZEIT-online gibt es eine Serie über Ebikes. Durchaus löblich!
Da erfährt man doch tatsächlich, dass Elektromobilität mit dem Fahrrad nicht nur etwas für Alte, Faule oder Invalide ist. Wow!

Es sollen sogar schon Menschen unter 40 auf einem Ebike gesichtet worden sein: unfassbar! Gerüchteweise haben sich sogar in Einzelfällen schon echte Designer mit dieser Produktklasse befasst! Kaum zu glauben!

Vermutlich werden demnächst diese Bikes auch noch außerhalb des Sanitäts-Fachhandels vertrieben…

Toll – mal was anderes als Corona zu lesen…

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14.04.2020

Hochkant-Videos

Darf man in so ernsten Zeiten über die Absurditäten des Alltags schreiben?
Ich finde: ja!

Vor etwa einem Jahr habe ich so etwas wie eine Glosse über das Phänomen „Hochkant-Videos“ geschrieben. Zu meinen damaligen Betrachtungen kann ich immer noch stehen.

Inzwischen hat sich der Irrwitz weiter ausgebreitet: Selbst bei Konzerten (ja, so etwas gab es vor den Corona-Zeiten) stehen inzwischen Menschen vor einer 80m breiten Bühne und schwenken mit ihrem Hochkant-Handy hin und her. Das Bild besteht hauptsächlich aus Publikum und der Hallendecke – und trotzdem kommen sie nicht auf die Idee, das Handy zu drehen, um sich damit auf natürliche Art dem Aufnahmeobjekt anzupassen.

Der letzte Trend: In der neuen „heute-App“ gibt es einen extra Bereich für Hochkant-Videos. Damit passt sich selbst das klassische TV-Medium den Smartphone-Sehgewohnheiten an. Das nennt man wohl „totale Kapitulation“.

Ich schlage als nächsten Schritt vor, auch die Fernseh-Bildschirme und Kino-Leinwände auf Hochkant umzubauen.

Vielleicht erbarmt sich nach ein paar 100 000 Jahren auch die Evolution und ordnet endlich unsere beiden Augen übereinander – statt wie bisher so altmodisch nebeneinander – an.

Dann wäre wieder alles in bester Ordnung!

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09.04.2020

Ostern

Ich bin ein sehr säkularer Mensch: Ich habe nichts geben Religionen oder Gläubigkeit; ich gehe nur recht selbstverständlich davon aus, dass die gelebte Religiosität eher im Privaten stattfindet – und eben nicht im öffentlichen Raum. Ganz einfach deshalb, weil wir einen weltanschaulich „neutrales“ Gemeinwesen sind und die Zugehörigkeit zu christlichen Religionsgemeinschaften nicht (mehr) die selbstverständliche Normalität darstellt.

Das spricht natürlich nicht dagegen, dass an den höchsten christlichen Feiertagen auch in den normalen Nachrichtensendungen über die entsprechenden Rituale berichtet wird. Alles kein Problem.

Was mich irritiert: Dass ein – der Liberalität verpflichtetes – großes Wochenblatt wie Die ZEIT vor Ostern (genauso wie vor einigen Monaten anlässlich des Weihnachtsfestes) in Teilen zu einer Art Besinnungsblatt wird und so tut, als ob religiös-spirituelle Betrachtungen ein Teil des journalistischen Auftrages und Selbstverständnisses wären. Als würden sich die Leser – jeweils passend zu den Feiertagen – plötzlich an ihr christliches Erbe erinnern und in den Schoß von Mutter Kirche zurückkehren wollen.

Ich will das nicht zu groß machen; es ist nur eine Beobachtung (es betrifft ja auch nur einen kleinen Teil der Artikel).
Für mich macht es aber einfach einen Unterschied, ob über Kirche und Religion berichtet wird, oder ob der Leser direkt als „bekennender Christ“ angesprochen wird.
Das kann man ja machen, in einer konfessionellen Zeitung.
In der ZEIT hätte ich es lieber etwas neutraler, weniger vereinnahmend.

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08.04.2020

REZO

Die meisten werden sich an REZO erinnern, den You-Tuber, der im letzten Jahr die gesamte Politik durcheinandergewirbelt hat. Viele Millionen haben sein provokantes Video über die CDU-Klimapolitik angeschaut und vermutlich hat das auch Einfluss auf das Ergebnis der Europa-Wahl gehabt.

Was aus ihm geworden ist?
Er schreibt in unregelmäßigen Abständen Kolumnen auf ZEIT-online. Seine Texte sind durchweg anregend, nachvollziehbar argumentiert, differenziert und abgewogen. Natürlich ist es „Meinungs-Journalismus“ (und keine neutrale Information), aber das wird ja nicht versteckt und das darf natürlich auch sein.
Es ist mit Sicherheit nicht der schlechteste Kommentator, der sich da aus der Alternativ-Ecke in ein seriöses Mainstream-Medium hervorgearbeitet hat.
Und es ist bestimmt nicht die schlechteste Idee der Zeit, sich in dieser Form zu öffnen.

Hier mal ein Beispiel (ich weiß nicht, wie lange dieser Link funktionieren wird…).

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22.01.2020

Angeblich sind ja die öffentlich-rechtlichen Fersehsender alle links-grün unterwandert.

Wer das denkt oder behauptet, sollte mal in die heutige Maischberger-Sendung reinschauen.

Für mich war es schwer auszuhalten, dass man dort Greta auf eine Stufe mit Trump gestellt hat („beide extrem“). Und dann kritisiert man Habeck, weil er Trumps Rede als „Desaster“ bezeichnet hat.

Habe dann ausgeschaltet. Man möge mich bitte mit dem Thema „rot-grüne Meinungsmache“ eine Weile in Ruhe lassen…

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Habeck und Baerbock bei LANZ

Ich war wohl tatsächlich zu optimistisch.
Bin ich doch davon ausgegangen, dass politische Talk-Sendungen aufklärerisch und meinungsbildend wirken können.

Gestern bei LANZ war so eine Situation:
Ich dachte: „Das muss doch wohl jetzt jede/r merken, wie absolut niveaulos und inhaltsleer die provozierenden Fragen und Einwürfe waren, die vom Moderator selbst und von seinem unsäglichen  Hilfssheriff Weimer (Cicero) ausgingen. Und gleichzeitig müsste jede/r staunen, wie relativ gelassen und souverän die beiden mit diesem unangenehmen Verlauf umgegangen sind.

Um mich in meinem Eindruck zu bestätigen – und in Vorfreude darauf, dass es in den sozialen  Medien einen Aufschrei der Empörung geben müsste – habe ich die Facebook-Seite der Sendung aufgemacht und begann das Staunen:
Die Reaktionen waren total aufgespalten – zwischen Begeisterung und völliger Verachtung für das Auftreten und Argumentieren der beiden Grünen-Spitzen.
Unglaublich! Es ging um den gleichen Ausschnitt der Realität – doch letztlich dient dieser Ausschnitt den meisten Menschen nur dazu, ihre sowieso verfestigten Überzeugungen zum Besten zu geben.

Ich habe dann selbst ein paar Zeilen gepostet und ein paar Posts gelikt (diese Schreibweise wird wirklich empfohlen – statt „geliked“). Am nächsten Tag habe ich dann bei Twitter ähnliches erlebt; auch in einigen Zeitungskommentaren.
Dabei erscheint es doch so völlig klar, wer „Recht“ hat; es ist doch offensichtlich; man hat es doch selbst miterlebt ….

Was ich damit sagen will: Man denkt, dass der Riss zwischen Trump-Wählern und dem liberalen Amerika ein Ausdruck typisch amerikanischer Zuspitzung wäre – und das Ergebnis unzureichender politischer Bildung und eines verdummenden Privatfernsehens in der Hand von rechtslastigen Milliardären.
Dann schaut man in die deutsche Wirklichkeit und spürt, wie unvereinbar nicht nur die Positionen, sondern auch die Wahrnehmung von grün-orientierten Menschen und Grünen-Hassern sind.

Für mich war das ein kleiner Schock. Der Kampf um die Nachhaltigkeits-Wende ist noch lange nicht gewonnen. Man sollte den Widerstand gegen die notwendigen Veränderungen nicht unterschätzen.
Ich bin gespannt, wie die jungen Leute von Fridays for Future damit auf Dauer umgehen werden. Hoffentlich geht ihnen der Optimismus und die Geduld nicht verloren.
Einige Leute warten nur darauf, dass sich die Bewegung radikalisiert, um sie dann endlich ganz abwerten zu können.

Ach so – ihr fragt euch, ob ich denn nicht merke, dass meine Meinung auch nur „rein subjektiv“ ist und ich deshalb ein Teil des von mir hier reflektierten Geschehens bin. Auch ich will doch nur meine Überzeugung bestätigt sehen und werte anderes ab…..
Nun – das kann man natürlich so sehen.

Allerdings denke ich, dass die unterschiedlichen Interessen, um die es geht,  in eben nicht „gleichwertige“ Ziele sind, die in einem normalen pluralistischen Wettbewerb stehen. Es ist nicht beliebig, ob man sich für den Erhalt einer privilegierten Lebensweise einsetzt, die wissentlich die Lebensgrundlage späterer Generationen aufs Spiel setzt, oder für ein rasches Umsteuern, dass nicht nur wissenschaftlich begründet sowie ökologisch und moralisch geboten ist, sondern auch wirtschaftlich betrachtet eindeutig das (langfristig) beste Ergebnis verspricht.
Genau in dieser Haltung entdecken die Grünen-Gegner die viel gescholtene „Moralkeule“ der Klimaretter. Sorry! Wenn es nicht moralisch ist, statt für billiges Fleisch und billiges Fliegen für den Erhalt der Lebensgrundlagen zu kämpfen, weiß ich nicht, was Moral dann noch bedeuten soll!
Es ist doch nicht das Problem der Klimabewegung, dass sich ihre Gegner in eine moralisch nicht haltbare Ecke argumentieren!
Warum sollen sich eigentlich ausgerechnet die schämen, die Verstand, Gefühl und Weitsicht auf ihrer Seite haben?!

 

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Talkshows nach der Europawahl

Ich möchte eine Lanze brechen für die großen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Es wird ja immer gerne gemeckert, über alles. Auch die Talkshows (Will, Plasberg, Maischberger, Illner) kriegen oft ihr Fett weg: Sie seien eine Plattform, auf denen die immer gleichen Promi-Schwätzer ihre vorgestanzten politischen Phrasen und Worthülsen zum Besten geben würden. Oder so ähnlich.
Ich habe das nie so einseitig empfunden – auch wenn es natürlich immer wieder mal ärgerliche und wenig relevante Sendungen gab.

Nach dieser Nach-Wahl-Woche komme ich jedenfalls zu einem ganz anderen Ergebnis:
Wenn ich das, was ich vor und nach der Wahl aus anderen Medien entnommen habe (und das war eine Menge, weil ich viel Zeit darauf verwandt habe) mit den vier Talkshows zur Europawahl vergleiche, sage ich: „Hut ab!“

Ich würde es mal so zusammenfassen: Wenn ein halbwegs interessierter Mensch diese vier Sendungen angeschaut hat, befindet er sich ganz vorne am „Puls der Zeit“. Diese Sendungen boten insgesamt eine umfassende und faszinierende Möglichkeit, sich mit der aktuellen Stimmung im Lande vertraut zu machen. Durch eigene Anschauung.
Man könnte kritisch anmerken, dass es eine grundsätzlich wohlwollende Haltung gegenüber der aktuellen jugendlichen Protestbewegung gab. Das stimmt.
Aber: Ist es wirklich journalistisch illegitim, der grün-bewegten und von Jugend-Protest getragenen „Wende“ eine Woche lang die volle Aufmerksamkeit zu schenken? War es nicht geradezu erholsam, eine beeindruckenden Ausschnitt von jungen Parteimitgliedern und Aktivisten (überwiegend weiblich) zu erleben, die unglaublich diszipliniert, sachlich, fachlich kompetent, respektvoll und höflich diskutiert haben?
Diese Leute sind intelligent, gebildet, eloquent und engagiert. Benehmen können sie sich auch. Und sie haben (überwiegend) keine persönlichen (wirtschaftlichen) Interessen bzw. Karriereziele.
Ich frage mich: Wer muss sich da verstecken und eigenes Auftreten und Handeln hinterfragen? Sollten wir nicht vielleicht tatsächlich Positionen und Funktionen freimachen für diese „unverbrauchten“ Gesichter und erfrischenden Kommunikationsweisen?

Für mich war diese Woche eine Sternstunde der öffentlichen Medien.
Wir will, kann sich aus erster Hand informieren. Ein tolles System!
Wir sollten es verteidigen. Es wird – nicht ganz zufällig – in erster Linie durch die AfD angegriffen.

Wer das alles verpasst hat und wenigstens noch eine Sendung nachschauen möchte: Ich empfehle Maybret Illner vom 30.09.19.

 

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Nach der Europawahl

Verständnis für Frust
Es ist für viele Menschen verständlicherweise irritierend und auch ärgerlich, dass ein – etwas respektlos und provokant auftretender – junger YouTube-Blogger offenbar mehr Einfluss auf die Wahlentscheidung einiger Hunderttausend junger Wähler genommen hat als dies monatelange Bemühungen von engagierten Wahlkämpfern vermocht haben. Das fühlt sich sicher frustrierend und ungerecht an.
Und vielleicht hat es auch etwas Bedrohliches, wenn man erleben muss, wie eine medial gehypte Einzelmeinung so plötzlich bundesweite Bedeutung bekommen kann – an allen anderen seriösen und etablierten Kanälen vorbei.
Ich selber habe allerdings keine besondere Sorge bzgl. dieser potentiellen „Indoktrination“, weil ich davon überzeugt bin, dass das Rezo-Video nur deshalb diese durchschlagende Wirkung entfalten konnte, weil es passgenau eine sowieso vorhanden Stimmung getroffen und verstärkt hat. Ohne „Fridays for Future“ wäre das Video in der Subkultur steckengeblieben, aus der es stammt.

Freude und Genugtuung
Ich gönne es den engagierten jungen Leuten und unserer Gesellschaft, dass durch den Erfolg der GRÜNEN der Eindruck entstanden ist, dass sich in unserer oft geschmähten Demokratie Engagement und ein inhaltlich begründeter Protest auszahlt. Man kann etwas bewegen!
Man muss dafür keine Autos anzünden, Polizisten verprügeln oder Bomben legen. Man muss dafür auch nicht unseren Staat und seine Institutionen aushöhlen oder verunglimpfen (so wie es übrigens sehr viele ach so kluge Erwachsene vor unseren Augen tun).
Vielleicht hat diese Europawahl eine ganze Generation für unser demokratisches System gewonnen! Dieser Effekt könnte weit über die tatsächlich Veränderungen von Mehrheitsverhältnissen hinausgehen. Was kann unserer Gesellschaft besseres passieren, als dass jetzt in Tausenden von Schulklassen und Familien über den Zusammenhang zwischen den Schüler-Demonstrationen und dem Wahlverhalten der Erst- und Jungwähler diskutiert wird?

Spaltung überwinden
Aber es gibt auch aus meiner Sicht ein Problem. Und zu dessen Lösung werden wir Erwachsene gebraucht:
Während nämlich die Jungen jedes Recht zur Polarisierung haben, sollten wir dafür sorgen, dass es keinen dauerhaften Riss in unserer Gesellschaft gibt. Diesmal meine ich nicht den zwischen Arm und Reich, sondern die Aufspaltung in zwei Lager mit grundsätzlich verschiedenen Werten und Zielen.
Auf der einen Seite stehen u.a. die jungen Klimaschützer, die GRÜNEN und die engagierten Wissenschaftler, die inzwischen eine breite bürgerliche Schicht davon überzeugt haben, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein wünschenswertes, sondern ein überlebenswichtiges Prinzip für diesen Planeten darstellt. Dieses Milieu ist bereit, im Bereich von Konsum und materiellem Wohlstand deutliche Einschränkungen hinzunehmen und sieht sich eher dem Ziel einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten eines – im Prinzip auch weltweiten – Gemeinwohls verpflichtet.
Dem gegenüber stehen die Gruppierungen, die den Erhalt gewohnter kultureller Identitäten und eigene bzw. nationale wirtschaftliche Interessen in den Mittelpunkt stellen und dabei unbestreitbar auch ehrliche Sorgen vor einer Gefährdung der erreichten sozialen Sicherheit und Stabilität haben.
Zwischen dem grünen Milieu und dem durch die AfD vertretenen rechten Rand des politischen Spektrums erscheinen diese Gegensätze aktuell unüberwindbar. Mir liegt die Gruppe dazwischen am Herzen.

Ich wünsche mir, dass der Gesprächsfaden nicht abreißt. Man sollte überall – auch im privaten Bereich – darauf achten, dass man mit einem arroganten oder elitären Auftreten die „Unentschiedenen“ nicht in die rechte Ecke treibt. Auch wenn man gute Gründe hat, seine Überzeugungen als „richtig“ (auch im Sinne wissenschaftlicher Belege) zu bewerten, sollte man Brücken bauen und nicht abreißen.
Es gibt auch bei den gerade  „abgestraften“ Parteien verantwortungsvolle und engagierte Menschen, auf deren Sachverstand und Erfahrung man nicht verzichten kann. Da muss man nicht bei den Zuspitzungen von Rezo stehenbleiben.
Und es gibt bestimmt in Verwandtschaft, Bekanntschaft und Nachbarschaft Menschen, die anders denken, aber trotzdem ansprechbar sind. Weil es (noch) gemeinsame Ziele und Grundwerte gibt. Natürlich können wir auch mit den jungen Leuten auf die Straße gehen; aber zusätzlich könnte es unser Job sein, den Zusammenhalt im Alltag zu pflegen. Auch mal zwischen den Milieus (damit meine ich natürlich keine Anhänger einer menschenverachtenden rechtsradikalen Gesinnung).

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