„Das egoistische Gen“ von Richard DAWKINS

Warum – so kann man mich mit Fug und Recht fragen – sollte jemand im Jahre 2020 eine ganze Reihe von Stunden seiner Lebenszeit aufwenden, um ein wissenschaftliches Buch zu lesen, das in seiner 1. Auflage aus dem Jahr 1976, in der 2. Auflage aus 1989 stammt?

Nun: Denkbar wäre, dass es sich um ein inhaltlich epochemachendes Werk handelt oder dass die Art der Darstellung einen „zeitlosen“ Wert in sich trägt.
Für dieses Buch des Evolutionsbiologen DAWKINS gilt beides in hohem Maße.
Trotzdem gab es noch ergänzende (subjektive) Gründe für diese Lektüre:
– so eine Art schlechtes Gewissen, dass ich dieses Standardwerk noch nie im Original gelesen hatte
– die weltanschauliche Nähe zu dem Autoren (der sich auch in der Thematik des „Atheismus“ einen Namen gemacht hat)
– die Verfügbarkeit des Buches in der allernächsten Umgebung

Ich fühle mich an dieser Stelle nicht berufen, den Inhalt dieses Buches wiederzugeben. Die Theorie des „Egoistischen Gens“ hat sein Jahrzehnten ihren Platz in jedem Lehrbuch der Biologie (erst recht natürlich der Genetik oder der Evolutionswissenschaften) gefunden. Sie ist jederzeit aus verschiedensten Quellen abrufbar.
Im Kern geht es DAWKINS darum, die durch Darwin entwickelte Theorie der „natürlichen Auslese“ zu präzisieren und zu Ende zu denken: Seiner Überzeugung nach, sind nicht Individuen (also einzelne Menschen, Tiere oder Pflanzen) oder gar Gruppen solcher Lebewesen Gegenstand der evolutionären Kräfte (also der Auslese), sondern es sind bestimmte Gen-Einheiten, die jeweils für die Ausprägung bestimmter Merkmale (mit „Überlebenswert“) verantwortlich sind.
Die Individuen, die wir (aus egozentristischer Eitelkeit) als so bedeutsam betrachten, sind für DAWKINS nur Überlebensmaschinen zur Weitergabe von Gen-Abschnitten.

Da dieser Grundgedanke auf über 500 Seiten ausgeführt wird, liegt nahe, dass die Zusammenhänge recht komplex sind und viel Energie (Argumentationskraft und Befunde) darauf verwandt werden, ihn facettenreich zu erläutern.
Wenn man ehrlich ist: Das braucht kein Nicht-Experte in dieser hochdosierten Form!

Kommen wir also zum Stil der Abhandlung.
Und hier bestätigt sich rasch die Erfahrung aus seinen religionskritischen Werken (z.B. „Der Gotteswahn“): DAWKINS ist ein Autor ist, der (gerne) polarisiert.
Das liegt hier im Bereich der strengen Wissenschaft nicht daran, dass an weltanschaulichen Tabus gerüttelt wird; aber die gemeinsame Basis seines Schreibens ist eine deutlich spürbare Lust an der Konsequenz.
Dinge radikal weiter zu denken – bis an die Grenzen der vermeintlichen Absurdität – das bereitet dem Autor ganz offensichtlich ein nicht unerhebliches Vergnügen.
DAWKINS streitet gerne und scheut auch nicht, seine Argumente als „überlegen“ zu kennzeichnen, wenn sie durch Beobachtungen oder Experimente bestätigt wurden.
DAWKINS lebt für die Wissenschaft, er ist Naturwissenschaftler mit Leib und Seele (an die er natürlich nicht glaubt).
Er wäre jederzeit bereit, einen Irrtum oder einen Fehlschluss einzuräumen, wenn die Fakten dies notwendig machen würden. Das ist Ehrensache! Aber bis dahin würde er „kämpfen“ – um die logischte Interpretation der Daten, um die eleganteste Theorie.

Wenn man ein wenig so tickt wie der Autor, dann mag man seine Denk- und Schreibweise. Wenn einem seine Art sogar fasziniert, dann kann man diesem Klassiker eine Menge abgewinnen. Dann nimmt man auch so (vermeintliche) Absurditäten in kauf, dass das Verhalten von Tieren gegenüber ihren Verwandten dritten Grades durch den Anteil des geteilten Genmaterials erklärt wird oder das die Spieltheorie (die meist in den Wirtschaftswissenschaften zur Anwendung kommt) biologische Verhaltensmuster abbildet und voraussagt.

So richtig ernsthaft kann ich aber letztlich kaum jemandem die Lektüre des Buches empfehlen – trotz der extrem vielfältigen und anregenden Ein blicke in die Geheimnisse der Evolution.
Das Lesen ist einfach auch mühsam; DAWKINS bleibt nun mal nicht an der Oberfläche. Manchmal muss man sich auch ein wenig quälen.
Das Lesen dieses Buches setzt schon ein gehöriges Ausmaß an intrinsischer Motivation voraus.

Ich bin froh, dass ich einmal im Leben diese Motivation aufgebracht habe.
Es ist so ähnlich, wie einmal FREUD im Original zu lesen (oder SATRE, oder GOETHE).
Es geht weniger um die Fakten als um einen Eindruck vom „Geist“ dieses Buches und seines Autors.

Mein (intellektuelles) Leben wird durch Menschen wie DAWKINS bereichert. Er zeigt, was man mit menschlichem Wissensdrang und der Anwendung wissenschaftlicher Methodik alles erkennen kann.
Dass dies manchmal mit „metaphysischen“ weltanschaulichen Überzeugungen in Konflikt gerät, ist für mich kein Problem.

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