„Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mecier

Ich war sehr gespannt auf den neuen Roman von Mercier. Sein ergreifendes Buch die „Die Reise nach Lissabon“ war für mich eines der prägendsten Bücher, die ich je gelesen habe.

Jetzt das Thema „Worte“. Es geht also um Sprache, insbesondere um das Übersetzen, Schreiben und Verlegen von Büchern. Da ich mich aktuell gerade – auch wegen mojoreads – besonders stark mit dem Lesen und Schreiben von Literatur beschäftige, war meine Lesemotivation sehr hoch.

Ich fange mal dort an wo ich üblicherweise mit meinem Rezensionen ende:  Wem würde ich dieses Buch empfehlen?
Da wird die Luft ziemlich dünn: Es ist ein Buch eines älteren Mannes für literaturaffine ältere Männer. Das klingt ein wenig platt, trifft die Sache aber ganz gut: Man(n) sollte (mindestens) Ü-50 sein, sich tiefgründig mit Lebensbilanzen, Verlust bzw. Endlichkeit auseinandersetzen wollen und grenzenloses Interesse an der Frage haben: „Wie finde ich das richtige Wort in der richtigen Sprache?“

Es gibt auch eine Handlung: Ein aus London stammender erfolgreicher Übersetzer erbt von seiner Frau einen Verlag in Norditalien, erhält die Diagnose „Gehirntumor“ und versucht, auf diesem Hintergrund sein Leben neu zu ordnen. Die daraus sich ergebenden Handlungstränge bestehen hauptsächlich aus den Kontakten zu einer Gruppe von befreundeten und verwandten Menschen; überwiegend stehen diese auch in Verbindung zur Literaturszene.
Mehr soll nicht verraten werden (und viel mehr gibt es auch gar nicht zu sagen).

Aber das Buch wurde nicht geschrieben, um eine Geschichte zu erzählen. Es wurde geschrieben, um die Sprache selbst, den Prozess des Schreibens, Übersetzens und Interpretierens zu feiern. Das gelingt dem Autor insofern, als dass er dazu eine Reihe von Formulierungen findet, die man in die Außenwände von Bibliotheken meißeln könnte: Man zieht sozusagen den virtuellen Hut – oder spürt fast den Impuls, überwältigt niederzuknien.

Aber – und das ist wirklich eine wesentliche Einschränkung – diese grandiosen Aussagen zum Umgang mit und dem Genuss von Sprache muss man sich schwer erarbeiten, sich durch ein Übermaß an Geduld und Disziplin zu erkämpfen.

Zu tun hat das insbesondere mit der ungewöhnlichen Erzählstruktur des Romans: Es gibt auf der einen Seite einen externen (auktorialen) Erzähler, auf der anderen Seite die schon erwähnte Hauptfigur, die am laufenden Meter Briefe an seine verstorbene Frau schreibt und so als Ich-Erzähler auftritt. Leider führt dies zu einer – manchmal kaum erträglichen –  Redundanz, weil die gleichen Situationen doppelt geschildert werden (oft kommen dann noch Gespräch mit dritten Personen hinzu, die sich dann wiederum um die gleichen Geschehnisse drehen).

Es geht in diesem Buch auch um (vergangene) Liebe, um Freundschaft, um die Freude am großzügigen Geben. Ein echtes inhaltliches Anliegen treibt den Autor noch um: Er will deutlich machen, dass moralische (und juristische) Urteile sich auf die motivationalen Bedingungen des Einzelfalls stützen müssen  – und nicht auf abstrakte Prinzipien. Sein Beispiel ist die (private) Sterbehilfe für einen geliebten Menschen.

Das Buch ist zweifellos eine beeindruckende Liebeserklärung an die Literatur und an die Menschen, die sich ihr verschrieben haben (Wortspiel!). Andererseits ist der Roman auch eine Zumutung, weil seine Wiederholungsschleifen das tolerierbare Maß überschreiten.
Man mag die beschriebenen Menschen – aber irgendwann kann man die Namen fast nicht mehr ertragen – weil es einfach von allem zu viel ist!

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