„Das Zeitalter der Angst“ von Pete TOWNSHEND

Bewertung: 4 von 5.

Es mangelte mir ganz sicherlich nicht an Motivation, mich diesem Roman zuzuwenden. Von seiner Existenz zu erfahren, ihn herunterzuladen und die ersten Zeilen zu lesen war eine Sache von wenigen Stunden. Wenige Tage später schreibe ich diese Zeilen.

Woher stammt diese Zielstrebigkeit?
Nun, der Autor ist mir nicht nur als Schriftsteller (durch eine erste Veröffentlichung 1985 und seine Autobiografie von 2012) bekannt. Pete TOWNSHEND ist einer der prägenden Rockmusiker der letzten (fast) 60 Jahre, der mit seiner Band THE WHO Musikgeschichte geschrieben hat. Dies gilt im doppelten Sinne des Wortes – denn TOWNSHEND hat mit seiner Band hat nicht nur ganze Generationen („My Generation“) beschallt, sondern hat auch hunderte von Song-Texten verfasst – u.a. für zwei stilbildende Konzeptalben („Tommy“ und „Quadrophenia“).
Bedeutsam für dieses Buch ist dabei noch eine Besonderheit: TOWNSHEND – gestartet als Kunststudent – hatte schon immer einen ausgeprägten Sinn auch für visuelle und ästhetische Reize, spielte also auf einer breiten kulturellen Klaviatur. An die Stelle der Inszenierung der frühen Auftritte als Zerstörungsorgien traten später aufwändige Lasershows und die Einbeziehung von Spielfilmen und Musicals als zusätzliche Darstellungsformen.
Kurz gesagt: TOWNSHEND war nie der Malocher-Rocker oder der Mädchen-Schwarm, sondern hatte immer einen gewissen intellektuellen Anstrich. Auch die zerhackten Gitarren waren für ihn ein zu Marketing-Zwecken eingesetztes Kunst-Happening.
Das berufsspezifische Drogenproblem hat er allerdings nicht ausgelassen; bei Ihm ging es schwerpunktmäßig um Alkohol; die andere Seite seiner Sinn-Suche war auf die spirituelle Welt des indischen Mystizismus gerichtet (sein Guru hieß Meher Baba).

Dem aktuellen Roman nähert man sich am besten über die ungewöhnliche Zusatzbezeichnung auf dem Cover; dort heißt es: „Ein Kunstroman“.
Bei einem der beiden ganz großen Themen dieses Buches geht es um die Verschmelzung der unterschiedlichen Kunstformen, u.a. um die Frage, wie innere Bilder (Fantasien, Träume, Erscheinungen, drogeninduzierte Halluzinationen) in Worte (Texte) und schließlich in Klänge (Musik) ausgedrückt/übersetzt werden können.
In diesem Bereich liegt wohl am ehesten die literarische Kraft dieses Romans. TOWNSHEND schildert die Vermischung von Bildern und Klängen in einer sprachgewaltigen Wucht, die wohl ihresgleichen sucht. Diese assoziativen Wort- und Satzkaskaden lassen sich wohl nur auf dem Hintergrund eigener einschlägiger (Drogen-)Erfahrungen erschaffen.

Auch dieser spektakuläre Aspekt des Romans ist aber – so wie die anderen thematischen Schwerpunkte – in einen erzählerischen Rahmen eingesponnen. Der Ich-Erzähler (ein erfolgreicher Kunsthändler) schaut aus einer sicheren zeitlichen Distanz auf einen turbulenten Abschnitt seines eigenen Lebens zurück. Dabei richtet sich der Spot auf eine Gruppe von insgesamt ca. einem Dutzend miteinander verwandten oder gut bekannten Personen, die sich rund um eine Hauptperson, den Sänger und Musiker Walter gruppieren, dessen Patenonkel und Mentor der Erzähler ist. Weitere männliche Protagonisten sind Walters Vater, seine Bandkollegen und der Manager. Wichtiger sind aber eine Reihe von (allesamt irgendwie sehr erotischen) Frauen, die meisten davon (wie die Tochter des Erzählers) jung und alle in Walter verliebt. Aber das mit dem Alter ist so eine Sache: Das geht nämlich ein bisschen durcheinander – und daran ist der Erzähler nicht ganz unbeteiligt.

Tatsächlich nehmen die unterschiedlichen Liebessehnsüchte und -affären innerhalb dieser ziemlich abgeschlossenen Biotops einen beträchtlichen Raum ein. Dabei geht es um alte Sünden und deren (lange unentdeckten) Spätfolgen, es geht um Schuld, Verantwortung, Eifersucht, Verführung, das Begehren von älteren Männern und späte Liebe.
Braucht man das? Ist das literarisch ansprechend?
Ich habe da so meine Zweifel.

Ja, es gibt noch ein Thema, das da so am Rande mit anklingt.
Es geht um unterschiedliche Musikstile und deren Verankerung in persönlichen Biografien. Wir bekommen Kontakt zu einem Hoch-Kultur-Musiker (Organisten), zu einer bodenständigen Kneipen-Rock-Truppe und zu Rockmusikern, die ihr Spektrum und ihre Ausdrucksformen künstlerisch erweitert haben.
Hier geht es auch um die (magische?) Verbindung zwischen Musiker und Publikum – wie sie sich gegenseitig spüren, brauchen und manchmal auch aussaugen oder miteinander verschwimmen.

Vielleicht ist es schon deutlich geworden: Dieser Roman ist durchaus vielschichtig – manchmal im besten Sinne künstlerisch, manchmal sperrig und irritierend, manchmal auch verblüffend kitschig. Er ist sicher eher ein literarisches Werk als ein Unterhaltungsroman.

Im meinem Bekanntenkreis kenne ich maximal eine Person, der ich dieses Buch empfehlen könnte. Es ist schon sehr „speziell“. Eine hohe Anfangsmotivation ist wohl notwendig. Für die meisten Leser wird die wohl über die Bedeutung des Autors Rock-Star generiert werden.
Ich bin sehr gespannt, ob man in den Feuilletons diesen Roman als literarisches Ereignis zur Kenntnis nimmt.

Übrigens: Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen (aufgerundet auf 4)


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