„Der fröhliche Nihilist“ von Wendy SYFRET

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein ungewöhnliches Buch, das durch seine Heterogenität überrascht!
Es ist eine philosophische Betrachtung, enthält sehr subjektive Lebensweisheiten bzw. Erfahrungen und spiegelt das Lebensgefühl einer bestimmter (progressiven) kulturellen Szene.
Diese Mischung macht dieses Buch faszinierend und manchmal auch etwas anstrengend, weil die Blickwinkel oft sehr plötzlich und radikal gewechselt werden. Aber langweilig ist es ganz sicher nicht.

Die australische Autorin geht von der zentralen These aus, dass es zwei Sorten von Nihilismus gibt. Und ein bisschen ist sie wohl auch der Meinung, dass dies ihre ganz eigene Erkenntnis ist, die sie zur Grundlage dieses Buches gemacht hat.

Der Nihilismus selbst wird zunächst einmal als Lebenseinstellung definiert, in der kein Platz für vorgegebene, objektive, höhere, allgemeingültige Sinngebungen ist. Es werden also alle Systeme, Theorien oder Offenbarungen in Frage gestellt, die dem menschlichen Leben eine übergeordnete Bedeutung, ein Ziel oder eine Bestimmung zusprechen.
Anders ausgedrückt: Ein Nihilist akzeptiert die vermeintlich erschütternde Tatsache, das sowohl das Leben allgemein als auch das jeweils individuelle Sein letztlich ein kosmisches Zufallsprodukt darstellen. Aus dieser Perspektive ist letztlich alles menschliche Streben nach Reichtum, Ruhm, Ehre, Moral usw. sinn- und bedeutungslos und wird wird sowieso nach spätestens zwei bis drei Generationen im ewigen Vergessen aufgehen.

Diese nihilistische Weltsicht führt – so SYFRET – normalerweise zu einem zynischen, egoistischen und menschenfeindlichen Verhalten: „Wenn schon mein eigenes Leben keine weitergehende Bedeutung hat, warum dann nicht alles ohne Rücksicht auf andere mitnehmen was möglich ist?“ Diese finstere Form des Nihilismus wird von der Autorin abgelehnt und sie führt Beispiele an, wohin diese Haltung in totalitären Systemen und einem ungesteuerten Turbo-Kapitalismus geführt haben.

An diese Stelle setzt die Autorin einen menschenfreundlichen („fröhlichen“) Nihilismus, der die Abwesenheit von übergeordneten Sinngebungen (ebenfalls) als persönliche Freiheit versteht – allerdings als eine Freiheit, die nicht zur rücksichtslosen Ausbeutung von Natur und anderen Menschen führt, sondern den Druck nimmt, bestimmten vorgefertigten Sinnzielen nachzujagen. Wenn Reichtum, Karriere, religiöse Pflichterfüllung und ähnliche Ziele relativiert werden, kann ich mein Leben auf die kleinen alltäglichen Freuden und Erfahrungen richten, die auf solche großen Bedeutungszuschreibungen gar nicht angewiesen sind.
Am Bei spiel des „Romantischen Liebesideals“ hieße das, sich von den (totalitären) Normen und (unrealistischen) Erwartungen zu befreien und stattdessen die kleinen Genüsse von Nähe und Begegnung einfach stressfrei zu genießen und dann auch nicht am Boden zerstört zu sein, wenn die gute Zeit zu Ende ist.

Gerichtet ist das Buch eindeutig an ein jüngeres Publikum, das die Autorin auch sonst als Bloggerin und Medienschaffende anspricht. Sie scheut sich nicht, auch zuspitzend und provokativ zu formulieren. Hier wird kein ausgewogenes Sachbuch präsentiert, sondern ein bewusst persönlich gehaltenes Statement.

Letztlich ist es wohl Ansichtssache (man könnte über Definitionen streiten), ob man in der Lebenseinstellung der Autorin nicht auch eine Sinngebung findet – nur eben eine persönliche Variante außerhalb der großen allgemeingültigen Vorgaben. Sympathisch und anregend wirkt das Plädoyer auf jeden Fall – eben auch die die sehr individuelle und kreative Verbindung ganz unterschiedlicher Quellen und Gedanken. Die meisten Leser/innen müssten wohl zugestehen, dass sie diese Querverbindungen nicht ohne Weiteres selbst entdeckt hätten.

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