„Der große Schneidewind / Rock- und Popgeschichten“ von Günter SCHNEIDEWIND

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein paar Jahrzehnte eigene Rock-Biografie sollte man schon auf dem Buckel haben, wenn man sich einem Buch voller Rückblicke auf über 50 Jahre Musikgeschichte zuwendet. Ansonsten ist es von vorneherein verlorene Zeit.

Der Radio-Moderator und Musikjournalist SCHNEIDEWIND beschreibt in diesem Buch Begegnungen mit insgesamt 25 bekannten, teilweise auch weltberühmten Musikern bzw. Bands, die er im Auftrag des SDR/SWR im Laufe von ca. 20 Jahren interviewte. In diese illustre Reihe gehören auch solche Ikonen wie Paul McCartney, David Bowie, Carlos Santana, die Rolling Stones, u.v.a.

Dargeboten werden jeweils nicht die Interview-Texte, sondern ein Stimmungsbild der Gesamtsituation. Es geht oft auch um die Anbahnung des Kontakts, die Bedingungen vor Ort, das Auftreten der Musiker und ihres Gefolges – aber auch um die eigene Befindlichkeit des Autors und die emotionale Atmosphäre des Gespräches.
Eingebettet sind diese Schilderungen in Informationen über die jeweiligen Künstler, ihre musikalische – z.T. auch persönliche – Entwicklung und ihren kommerziellen Erfolg.

Geprägt – und eingeschränkt – wird dieser breitgefächerte Einblick in die Musikpromi-Welt durch einen vorgegebenen zeitlichen Rahmen: SCHNEIDEWIND ist in der DDR geboren und erst nach der Wende (1990) in seinem neuen Tätigkeitsfeld gelandet. Das führt dazu, dass er mit den Stars, die überwiegend in den 60igern und 70igern gestartet sind, überwiegend im Vergangenheits-Modus unterwegs ist. Oder anders gesagt: Seine Motivation ist aus der Vergangenheit gespeist; die Musiker sind aber zum größten Teil daran interessiert, ihre gerade aktuellen Aktivitäten zu thematisieren und zu vermarkten. Zwar gelingt es dem Autor, dem Leser seine bis in die Jugendzeit zurückreichende Begeisterung gegenüber seinen Gesprächspartnern zu vermitteln, aber oft scheint die Tatsache der „leibhaftigen Begegnung“ bedeutsamer zu sein als der tatsächliche Inhalt der Gespräche.

Die einzelnen Kapitel haben einen recht unterschiedlichen Charakter. Offensichtlich waren nicht alle Begegnungen gleichermaßen ergiebig bzw. bedeutsam aus Sicht des Autors. Gelegentlich steigern sich die Gespräche in biografische Feinheiten hinein, die für den normalen Musikliebhaber nur von bedingtem Interesse sind.

Was bedeutet das unter Strich?
SCHNEIDEWIND schafft es auf der einen Seite, eine ordentliche Portion Nostalgie aufzutischen – Erinnerungen an die Zeit, in der die berühmten Rock- und Popgrößen noch unerreichbare Idole waren. Seine musikalische Expertise ist ohne Zweifel anregend. Auch ist es durchaus informativ, die Entwicklung der Musiker(karrieren) im Rückblick zu betrachten.
Trotzdem leidet das Buch unter der Tatsache, dass praktisch alle Gespräche ein bis drei Jahrzehnte „zu spät“ geführt wurden – eben nicht in der Zeit, in der auch die Musik entstanden ist, um die die ganz Zeit es geht. Es handelt sich in gewisser Weise um eine doppelte Rückschau: Der Autor blickt auf Begegnungen zurück, in denen Musiker auf ihre „große Zeit“ zurückschauen.
Das macht die Sache stellenweise doch etwas mühsam…

Letztlich ist es ein Buch für eingefleischte Fans, die dann vielleicht aus jeder Zwischenbemerkung etwas ziehen können und für jeden persönlichen Einblick in die Welt ihrer Lieblingsmusiker dankbar sind.
(Ich gebe 3,5 von 5 Sternen)

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