„Der Neurochirurg, der sein Herz vergessen hatte“ von James. R. Doty

Dieses Buch hat ungewöhnlich widersprüchliche Gefühle und Bewertungen bei mir ausgelöst. Es war eine kleine Achterbahnfahrt, mit immer neuen Überraschungen und sogar mit einige Loopings.
Ich habe es überstanden (ich bin nicht besonders scharf auf körperliche Grenzerfahrungen); aber es war phasenweise mit intensiver Selbsterfahrung verbunden.

Der Hauptgrund für dieses spezielle Erleben liegt darin, dass dieses Buch ein wildes Durcheinander verschiedener Genres darstellt.
Es ist ein/e
– Autobiografie eines erfolgreichen Arztes
– Entwicklungsroman
– Familiengeschichte
– Anleitung zur Meditation und Körperentspannung
– Fachbuch über Auto-Suggestionstechiken und Positives Denken
– Buch über das Zaubern und die Magie
– Darstellung des Zusammenspiels von Rationalität und Emotionalität
– missionarisches Appell in Richtung Nächstenliebe und Altruismus

Vermutlich ließe sich diese Liste noch problemlos verlängern.
Doch bevor ich noch mehr über meine Eindrücke erzähle, soll grob der Inhalt des Buches skizziert werden:

Der Autor, der die Geschichte seines realen Lebens erzählt, setzt einen ersten Schwerpunkt in seiner späten Kindheit. Aufgewachsen unter schwierigen und ärmlichen familiären Verhältnissen (Vater Alkoholiker, Mutter depressiv, Familie sozial ausgegrenzt), hat er das Glück, in einem Zauberladen einer Frau zu begegnen, die seinem Lebensweg eine unerwartete Wendung gibt.
Sie führt in ein in eine „andere“ Art von Magie, die insbesondere das Erlernen einer Entspannungs- und Meditationstechnik und die Anleitung zu selbstwertfördernden Imaginationen und Autosuggestionen beinhaltet. Der Junge lässt sich darauf ein, weil dieses Angebot mit der völlig ungewohnten Erfahrung von Interesse und Zuwendung verbunden ist.

Der weitere Lebensweg des erst jungen, später dann älteren Mannes verläuft alles andere als gradlinig. Doch all das, was ihm widerfährt und was er selber vollbringt, baut auf den Erlebnissen und Kompetenzen seiner Kindheit auf.
Die zwei entscheidenden Bausteine sind einmal der Glaube an die eigenen Potentiale bzw. an die Erreichbarkeit seiner Ziele (z.B. Arzt zu werden) – und zum anderen seine besonderen Fähigkeiten beim Fokussieren seiner Aufmerksamkeit bzw. beim Nutzen seines Gedächtnisses.

Der Autor nimmt uns mit auf einige Umwege und Schleifen; einige davon erscheinen wirklich überraschend und irritierend.
Erst die Überwindung einiger Krisen führt den Arzt und Geschäftsmann letztlich zu der Erkenntnis, dass er eine wichtige Botschaft aus seinem frühen „Lebens-Coaching“ übersehen hatte: Er hatte sich reduziert auf Geld und Erfolg und dabei sein „Herz“ vergessen.
Soweit die Handlung; am Ende wird – damit ist wohl kaum ein Geheimnis gelüftet – alles gut.

Es wird viel Lebensweisheit vermittelt in diesem Buch. Auch ein paar konkrete Methoden, die heutzutage in Achtsamkeits-Kursen oder Psychotherapien zur Anwendung kommen. Man bekommt auch ein Gefühl dafür, wie entscheidend es für benachteiligte junge Menschen sein kann, wenigstens ein einziges Mal auf einen zugewandten und förderlichen Menschen zu treffen.
Das ist auf der „Haben-Seite“.

Man muss aber einiges in kauf nehmen dafür:
– Der Autor mutet den Lesern insgesamt ein gehöriges Maß an Redundanz, also Wiederholungen zu
– die gebetsmühlenartig wiederholte These, dass man im Leben alles erreichen könne, wenn man es sich nur immer wieder ganz lebhaft vorstellen und sich doll bemühen würde, hat zwar einen wahren Kern, ist aber in der dargebotenen Absolutheit schlichtweg unsinnig
– Das Bild vom „Herz“ als Ergänzung und Gegenstück zum Gehirn wird in einer kaum noch erträglichen Form überstrapaziert (bis zu einer Art zweiten Steuerzentrale für alles, was irgendwie emotional, sozial und moralisch ist)
– die abschließend dargebotenen wohlgemeinten und durchaus sympathischen Bekenntnisse zum Altruismus sind nicht ganz frei von kitschigen Anteilen

Es wird wohl deutlich: Mich hat es einiges an Geduld und Toleranz gekostet, Mr. Doty auf seinem Lebensweg zu begleiten. Es ist eben auch eine typisch amerikanische Geschichte vom Aufstieg aus dem Ghetto in die Höhen des Reichtums, gefolgt vom Scheitern an der eigenen Hybris bis zum geläuterten Erkennen des eigentlichen Lebenssinns.
Man kann das lesen; es lässt einen nicht unberührt.
Aber ich kann wirklich keine Garantie dafür übernehmen, dass man dieses Buch nicht vielleicht auch nach der Hälfte genervt in die Ecke feuern möchte, weil die Botschaften doch als zu platt empfunden werden.

Schreibt mir gerne eure Meinung.

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