„Der Wal und das Ende der Welt“ von John IRONMONGER

Bewertung: 4 von 5.

Dieses Buch hat mir eine besondere Erfahrung vermittelt: Ohne dass ich es vorher ahnte, hat es mitten in der Corona-Krise eine Hintergrundgeschichte aufgespannt, die eine gravierende Grippe-Epidemie zum Thema hat. So hatte ich in den letzten Tagen sozusagen auf einer zweiten -literarischen – Ebene eine Art Prognose, wohin eine solche Epidemie auch führen könnte.
Natürlich sagt diese zeitliche Koinzidenz nichts über die Qualität des Buches aus. Für mein Leseerlebnis hat es aber tatsächlich eine Rolle gespielt.

Erzählt wird folgende Geschichte: Ein vermeintlich gescheiterter Banker (genauer gesagt Analyst) setzt sich aus seinem Büro ab und landet nach einer Autofahrt sozusagen am Ende der Zivilisation. In einem kleinen, abgeschiedenen Fischer-Örtchen spielt er offensichtlich mit dem Gedanken, seinem nutzlos gewordenen Leben ein Ende zu setzen. Er wird gerettet. Dabei spielen ein Wal und die ca. 300 Einwohner des beschaulichen Ortes eine Rolle.
Ich will natürlich nicht die ganze Geschichte nacherzählen. Joe wird sehr schnell ein integriertes Mitglied dieser Dorfgemeinde und trägt maßgeblich dazu bei, dass sich dieser Ort in einer besonderen Weise auf die allseits verbreitete Grippe-Epidemie vorbereitet. Natürlich entstehen auch persönliche Beziehungen und auch an diesen lässt uns der Autor teilhaben.

Die erzählerische Dynamik speist sich auch daraus, dass es Rückblenden in das – so ganz andere – Leben des Londoner Finanzzentrums gibt. Aus dem Kontrast dieser beiden Subkulturen werden letztlich die entscheidenden Botschaften des Buches herausdestilliert: Es geht in diesem Buch um Gemeinschaft und Solidarität, die ganz offensichtlich im Gegensatz stehen zu einem rein auf den egoistischen Vorteil bezogenes Handeln und Wirtschaften.

Und nun zur Einordnung:

Der Autor erzählt so etwas wie ein modernes Märchen. Entscheidend sind dabei weniger die Einzelheiten der Handlung, sondern die „Moral von der Geschicht“.
Die Figuren sind durchweg sympathisch oder leicht ambivalent gezeichnet, richtig böse Menschen gibt es in diesem Buch nicht. Das ist sicher ein Teil der Botschaft.
Das märchenhafte des Buches liegt darin, dass man sich eine tatsächliche Umsetzung der beschriebenen Ereignisse in die Realität doch nicht ganz vorstellen kann. Insbesondere das groß zelebrierte Solidaritäts-Ereignis am Ende des Buches hat eher einen symbolischen Wert; man muss das alles nicht wörtlich nehmen.
Eine nette, vielleicht etwas sehr wohlmeinende Story mit viel moralischem Impetus. Das ist kein Buch für Intellektuelle, sondern eher für Menschen, die positive Geschichten mögen.

Insgesamt mochte ich dieses Buch, es ist menschenfreundlich und stimmt hoffnungsvoll.
Gegen Ende wurde meine Toleranz in Bezug auf das Abdriften ins Kitschige doch etwas stark strapaziert. Alles ziemlich dick aufgetragen, eben was fürs Herz. Ist ja okay…
Letztlich endet das Buch doch noch ganz originell. Immerhin.

Die echte (Corona-)Epidemie geht auch nach dem Lesen des Buches weiter. Der Grundgedanke, dass Menschen auch im echten Krisenfall nicht gleich zu egoistischen Monstern werden müssen, kann natürlich als Apell für die Realsituation betrachtet werden. Wir werden sehen, wie weit uns das Gemeinschaftsgefühl in den nächsten Monaten trägt.

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