„Die Erwählten“ – von John McWHORTER

Bewertung: 3 von 5.

Der amerikanische Sprachwissenschaftler hat ein bemerkenswertes Buch zu einem brandaktuellen Thema veröffentlicht, das insbesondere in der akademischen Öffentlichkeit der USA ganz sicher erhebliche Aufregung auslösen wird. Das liegt daran, dass es ein bewusst provokant geschriebenes Buch zu einem echten „Aufreger-Thema“ ist: Es geht um Rassismus – insbesondere um die Art und Weise, mit der die aktuellen Aktivisten und Aktivistinnen ihren antirassistischen Kampf führen.
Das bedeutet: Der Gegenstand dieses Buches ist nicht der Rassismus selbst, sondern die – aus der Sicht des Autors – dramatische Fehlentwicklung im Weltbild und im Agieren der „modernen“ Antirassisten.

Mit diesem Buch will McWHORTER nicht weniger als ein Bollwerk errichten, das die Gesellschaft allgemein, aber auch die von Rassismus betroffene (schwarze) Bevölkerung vor einer immer einflussreicher werdenden Gruppe von „Eiferern“ schützen soll.
Um dieses Ziel zu erreichen, fährt der Autor die ganz großen Geschütze auf. Die Kernthese seines Buches lautet nämlich: Diese bestimmte Gruppe von Menschen, die sich voller Inbrunst der Entlarvung und Bekämpfung rassistischer Tendenzen in der Öffentlichkeit verschrieben hat, ließe sich am ehesten als eine neue Religionsgemeinschaft charakterisieren. Ihre Anhänger fühlen sich – so sieht es der Autor – als die „Erwählten“, die mit unnachgiebigem Maßstab und durch nichts zu bremsender Konsequenz all die Personen öffentlich brandmarken, die durch eine mangelnde Sensibilität hinsichtlich dieser Thematik auffallen.

Wenn McWhorter einer bestimmten Ideologie als „Religion“ bezeichnet, ist das ganz sicher nicht als Kompliment gemeint. Obwohl sich der Autor selbst als eher konservativen Schwarzen bezeichnet, bedeutet für ihn die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft ganz eindeutig, dass deren Anhänger/innen sich einer rationalen Diskussion entziehen, dass sie von einem missionarischen Eifer und einer von Zweifeln freien Selbstgewissheit getrieben sind und dass sie im Kampf gegen das vermeintlich „Böse“ keine Kompromisse gelten lassen.
Insgesamt führten diese Haltungen nicht nur zu einer unbarmherzigen Verfolgung von Abweichlern (die dann z.B. nach ihrer Entlarvung oft Arbeitsplatz und Status verlören), sondern beinhalteten auch eine (ungewollte) Herabsetzung der Schwarzen Menschen (als ewiger Opfer) und eine Ablenkung von den konkreten Maßnahmen, die tatsächlich und konkret die Bedingungen benachteiligter Gruppen verbessern könnten. Hier nennt der Autor die Drogenpolitik, Unterrichtsmethoden und die Aufwertung nicht-akademischer Ausbildungen.

Der Autor bestreitet nicht, dass die weiter bestehenden sozialen Probleme vieler Schwarzer Menschen auch als Spätfolgen früherer systematischer Diskriminierungen gesehen werden können bzw. müssen. Er ist ab er davon überzeugt, dass nicht ein praktisch unverändert fortbestehender aktueller Rassismus der entscheidende Wirkfaktor für die Zementierung der Rückstände ist. Die Fixierung auf kleinste sprachliche „Unkorrektheiten“ (auch) bei eigentlich wohlmeinenden öffentlichen Personen dient – so argumentiert McWHORTER – eher der Selbstinszenierung und Selbstbestätigung der „Erwählten“ als den Menschen, für deren Rechte sie angeblich so leidenschaftlich kämpfen.
Der Autor ruft also den gesellschaftlichen („vernünftigen“) Mainstream auf, sich der Bevormundung und dem immer weiter steigendem Einfluss dieser Ideologie zu widersetzen und sich nicht mehr in eine angstgeleitete Defensiv-Haltung drängen zu lassen. Er ruft zum Widerstand auf gegen die geschilderte Form des Antirassismus – auch mit dem Verweis auf die unbestreitbaren Fortschritte, die in den letzten Jahren bereits erzielt worden seien.

Treten wir einen Schritt zurück und stellen uns die Frage, was dieses Buch bietet bzw. was es leisten kann.
Es präsentiert einen in sich schlüssigen Gegenentwurf zu einer gesellschaftlichen Tendenz, die in den USA zwar deutlich stärker ausgeprägt ist als bei uns, aber auch hier in Deutschland als „cancel culture“ gesellschaftliche Wellen schlägt. McWHORTER macht – in weiten Teilen inhaltlich nachvollziehbar – darauf aufmerksam, dass Übertreibungen und Undifferenziertheiten auch dann Schaden anrichten können, wenn sie „eigentlich“ einer guten Sache dienen sollen.
Das Problem dieses Buches besteht nicht darin, dass solche Überspitzungen benannt und beklagt werden, sondern in dem Stil der Darstellung, in der es leider selbst vor polemischen Zuspitzungen nur so wimmelt. Die provokante Sprachgewalt mag einige Menschen für den Kampf gegen einen zu rigoristischen und verabsolutierten Antirassismus mobilisieren, viele andere werden sich aber eher genervt abwenden und so als Bündnispartner für mehr Augenmaß verloren gehen.
Ist es also klug, ein solches Buch, das zur Mäßigung aufrufen will, genau so zu schreiben? Wohl eher nicht!

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