„Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz

Bewertung: 5 von 5.

Ich will nicht lange darum herumreden: Es handelt sich um ein – nicht gerade leicht verdauliches – soziologisches Fachbuch. Für (allgemeingebildete) Laien zwar prinzipiell verständlich, aber gedanklich und sprachlich anspruchsvoll. Also für die meisten Menschen keine entspannende Freizeitlektüre.

Bevor ich erläutere, welchen Gewinn das Lesen eines solchen Buches im Allgemeinen und dieses Textes im Besonderen bringen kann, gehe ich kurz auf den Inhalt ein.

Der Autor beobachtet und analysiert den Übergang von der „modernen“ zur „spätmodernen“ Gesellschaft. Er tut das mit einem sehr breiten Blick (wie mit einem Weitwinkelobjektiv), sodass eine Vielzahl von Bereichen und Phänomenen erfasst wird. Es geht z.B. um die Arbeitswelt, die Wirtschaft, das Wohnen, die Ernährung, die Bildung, die Kultur, die Freizeit, das Beziehungsleben, die Digitalisierung und die Politik). Irgendwie um alles. Natürlich wechselt RECKWITZ bei der Detailbetrachtung das Objektiv: Dann ist das Tele dran (heute würde man sagen: er zoomt herein).

Die eigentliche Leistung dieses Buches besteht darin, für nahezu alle Tendenzen und Entwicklungen eine gemeinsame Matrix zu finden. Der Autor liefert eine Schablone, mit deren Hilfe die – in ihrer Vielfältigkeit zunächst chaotisch anmutende – Wirklichkeit strukturiert, geordnet und verstehbar erscheint. Bleiben wir beim Fotografieren und stellen wir uns einen Filter vor, der sowohl Dunst, als auch Farbstiche, Reflexionen und Unschärfen beseitigt.
Dieser Filter heißt bei RECKWITZ „Singularitäten“.

Die Tendenz zu und die positive Bewertung von Singularitäten (also „anders sein“, „besonders sein“, einmalig sein“) ist nach seiner Analyse die entscheidende Dimension, in der sich die Spätmoderne von der auf Standardisierung und Angleichung ausgerichtete Moderne (die von der Industrialisierung bis ca. 1980 reicht) unterscheidet.

Nun denkt man vielleicht: So eine These mag ja ganz interessant sein; man könnte sie vielleicht in einem kleinen Essay mal auf 20 Seiten darstellen. Aber 450 Seiten!?
Genau das habe ich auch gedacht, als ich die Einleitung gelesen hatte. „Was soll jetzt noch kommen?“
Es kam noch unglaublich viel – und ich möchte kaum eine Seite missen.

Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass der Denk- und Analyseansatz von RECKWITZ nicht auf der Beschreibungsebene verbleibt. Der Autor zieht am Ende auch einige gesellschaftlich relevante Schlussfolgerungen.
Von ganz aktueller Bedeutung sind beispielsweise seine Ausführungen zu den populistischen und rechten Strömungen, die als Antwort der „Singularitätsverlierer“ angesehen werden können.

Was ist nun der Gewinn?
Ich habe nach der Lektüre das eindeutige Gefühl, die Welt um mich klarer zu sehen. Ich habe ein hilfreiches Bezugssystem gewonnen, meine Perspektive erweitert. Alles wirkt ein wenig klarer, transparenter, konturierter. (Ich bin schon wieder beim Fotografieren).
Dieses Buch hat mein Weltverständnis erweitert. Nicht, weil es eine neue „Wahrheit“ verkündet, sondern weil es eine hilfreiche Meta-Ebene aufspannt.
Zumindest mir war das die Mühe wert, mich durch einen manchmal anstrengenden Text zu arbeiten. Hilfreich war dabei, die klare Strukturierung der Gedankengänge und das sehr systematische Vorgehen.

Ich habe begonnen, mich und meine Umgebung durch die Singularitäts-Schablone zu betrachten. Ein Ergebnis: Was ich hier gerade tue – eine Rezension zu posten – ist ein Ausdruck meiner Bedürfnisse, „besonders“ zu sein und etwas „Unverwechselbares“ zu schaffen.
Wie fast jedes wirklich gute Buch, hält auch dieses Buch seinen Lesern einen Spiegel vor.

(Hier geht es zum Nachfolge-Buch).

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2 Antworten auf „„Die Gesellschaft der Singularitäten“ von Andreas Reckwitz“

  1. Respekt, lieber Frank. Wegen der Lesearbeit, mehr noch , weil du mich auf das Buch mit dem erst einmal nicht einladenden Titel neugierig gemacht hast. Und weil ich gespannt bin, ob es auch von mir – wie dir – so ordnend und orientierend beurteilt wird. Dein Fazit zum Gewinn für deine Sicht auf die Welt (nicht weniger?) lässt mich zugleich doch etwas skeptisch sein. Aber das ist ja ok .

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