„Die Republik der Träumer“ von Alaa AL-ASWANI

Bewertung: 4 von 5.

Ein politischer Roman – geschrieben als Zeitzeugnis für die kurze Phase des „Arabischen Frühlings“ in Ägypten.

Der ägyptische Autor (ursprünglich Zahnarzt!) nimmt seine Leser/innen mit auf eine intensive und berührende Reise in das Zentrum der Massenproteste des Jahres 2011.
Das damals auch als „Facebook-Revolution“ bezeichnete Aufbegehren konnte zunächst auch durch massive Gewaltanwendung des Regimes nicht gestoppt werden und führte – für viele unerwartet – tatsächlich zur Absetzung des damaligen Autokraten Mubarak.
In brutaler Direktheit schildert dieser Roman – exemplarisch am Schicksal einiger Protagonisten auf beiden Seiten – wie voreilig und naiv die Hoffnungen auf einen echten demokratischen Aufbruch waren. Der herrschende Militärapparat ließ es sich nicht nehmen, die zarte Pflanze der Hoffnung mit unbarmherziger Härte zu zertreten.

AL-ASWANI zeichnet ein deprimierendes Bild der ägyptischen Gesellschaft: Überall lauert Doppelmoral, Bigotterie, Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Opportunismus. Die Macht-Eliten in Wirtschaft, Religion, Medien und Militär verachten das „gemeine“ Volk. Permanent wird deutlich, dass es keine Spur von einer aufgeklärten Zivilgesellschaft gibt, die einen gesellschaftlichen Mittelbau mit einer gewissen Gemeinwohl-Verantwortung bilden könnte.
Erschreckend ist vor allem der Einblick in die extreme Verstrickung zwischen weltlichem und religiösem Leben: Die religiösen (insbesondere natürlich islamischen) Bezüge dienen den Mächtigen buchstäblich in jedem zweiten Satz zur Begründung und Rechtfertigung ihrer egoistischen Machenschaften.

Der Autor schildert das alles in einer ungeschönten, oft mit brutalen Details angereicherten Sprache. Er lässt keinen Zweifel aufkommen an der Bösartigkeit und Verrohung der Militärs und an dem moralischen Sumpf, der sich bei den Eliten unter einer dünnen Schicht von demonstrierter Tugendhaftigkeit zeigt. Dabei spielen Sex und Alkohol immer wieder eine zentrale Rolle – weil sich darin die Doppelmoral wohl am besten zeigen lässt.

Vielleicht muss das alles so extrem sein, weil es die (damalige) ägyptische Realität widerspiegelt.
Als Leser hat es mich manchmal irritiert, geradezu ärgerlich gemacht: Wo bleiben die Zwischentöne? Gibt es wirklich nur ganz Gut und ganz Böse? Ging die Gewaltbereitschaft in Polizei und Militär wirklich so weit, blieb so gänzlich unwidersprochen?
Manchmal beschlich mich das (vielleicht völlig unberechtigte) Gefühl, dass die sehr ausführlich dargestellte sexualisierte Gewalt und der permanente Alkohol- und Drogenkonsum auch etwas mit den (literarischen?) Themen des Autors zu tun haben könnten.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben: Natürlich wird der Roman auch von einigen positiven Figuren getragen: nicht nur von den jungen Leuten des Tahir-Platzes, die ohne Gnade verfolgt und z.T. massakriert wurden, sondern auch von einzelnen Persönlichkeiten mit humanitärer Gesinnung und Zivilcourage.
Trotzdem bleibt die Botschaft klar: Fortschritt, Demokratie und Gerechtigkeit ist unter diesen gesellschaftlichen und religiösen Machtstrukturen nicht zu erwarten.
Diese Lektion mussten die „Träumer“ letztlich schmerzhaft durchleiden.
Und so bleibt – tragischer Weise – letztlich nur der archaische Weg der persönlichen Rache.
Armes Ägypten!

Das Buch verspricht eine bewegendes Leseerfahrung. An den historischen Hintergründen ist nicht zu zweifeln. Trotzdem sollte man sich klarmachen, dass hier kein neutraler Beobachter am Werke war, sondern auch ein politischer oppositioneller Aktivist.
Er macht uns sowohl mit seiner beißenden Gesellschaftsanalyse, als auch mit seiner politischen Wut bewusst, dass unsere westeuropäische und säkulare Rechtsstaatlichkeit ein unglaublich kostbares Gut ist.

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