„Die unbequeme Wahrheit“ von Garbor STEINGART

Bewertung: 3 von 5.

Der Journalist und Sachbuch-Autor hält in einem handlichen Büchlein eine flammende „Rede zur Lage der Nation“. Er adressiert diese Rede direkt an uns, nennt uns immer wieder „Lieber Freund, liebe Freundin“.
Ohne Zweifel: STEINGART will uns wachrütteln, mit aller journalistischen Macht. Seine stärkste Waffe: Wortgewaltigkeit!

Die Botschaft ist rasch genannt:
Wir sollen die Zeichen der Zeit erkennen und uns auf den Weg machen. Uns nicht einlullen lassen von einer Politiker-Kaste, die uns mit geliehenem (oder frisch gedruckten) Geld vorspiele, dass das Wohlstands-Theater(nach einer kurzen Corona-Verschnaufpause) in die nächste Spielzeit gehen könne. Denn die Grundlage unserer wirtschaftlichen Prosperität stehe auf dünnem Eis, beruhe auf veralteten Technologien, trägen Entscheidungswegen und überholten Geschäftsmodellen. Zu viel Tradition, zu wenig Innovation. Auch diejenigen, die sich aktuell noch weit vom neuen Prekariat entfernt fühlten, seien durch die KI-Revolution massiv in ihrer Bedeutung und ihrem Geldwert bedroht.
STEINGART will den den Schleier lüften, uns hart konfrontieren: Unsere Umverteilungs-Gesellschaft sei schon mittelfristig nicht mehr auf traditionellem Wege finanzierbar, die Sozialausgaben der Zukunft müssten auf dem Kapitalmarkt generiert werden. Nur eine Bildungsoffensive und ein neuer unternehmerischer Pioniergeist könnten uns einen Platz auf dem Weltmarkt sichern; dabei müssten Digitalisierung, Globalisierung und Ökologie miteinander vereinigt werden. Eine europäische Orientierung sei alternativlos, allerdings könne diese durchaus in dezentralen und regionalen Netzen organisiert werden.
Bedeutsam ist für den Autor auch, dass sich der Einzelne, der Bürger, nicht von einem omnipotenten Staat entmachten ließe – bei den Corona-Eingriffen seien solche Tendenzen durchaus sichtbar.

Rund um diese Thesen gibt es jede Menge Wortgeklingel. Der Autor mag es gerne drastisch und plakativ. Er hört sich offenbar gerne beim Formulieren zu. Dabei produziert er durchaus eine anschauliche Bildsprache – wenn er z.B. die Wirtschaftswelt in einen aktiven heißen Kern und eine erkaltete Krustenzone einteilt.
Würde man ihn auf seine Megaphon-Stil ansprechen, würde er vermutlich darauf verweisen, dass die Dringlichkeit der Lage eine entsprechend expressive Wortwahl erfordere. Man könne die Schlafenden oder Komatösen schließlich nicht mit einem leisen Säuseln wecken.
Im Grunde hält STEINGART mal wieder so etwas wie eine „Ruck-Rede“, diesmal eben mit dröhnender Soundanlage.

Als politisch halbwegs aufgeklärter Leser denkt man: Ja, er hat mit Vielem sicher Recht.
Vieles an unserem politischen und wirtschaftlichen System ist verkrustet, lebt von einer Substanz, die schneller aufgebraucht sein wird, als es den meisten Deutschen bewusst ist.
Auch die Warnung vor den Folgen der neuen technologischen Revolution ist sicher in vollem Umfang berechtigt.
Aber nicht alles ist gleichermaßen einleuchtend – und auch einige Widersprüche tun sich auf.

Mir scheint es beispielsweise nicht ganz nachvollziehbar, dass der Autor zwar die ökologische Wende für zwingend notwendig hält, tatsächliche Eingriffe aber weder von vorwitzigen Klima-Aktivisten noch von einem gängelnden Staat erdulden möchte.
Überhaupt: Mäßigung, Einschränkung, Verlangsamung – all das ist nicht die Welt von STEINGART. Für ihn liegt der gesellschaftliche Fortschritt zweifelsfrei in einer ungefesselten technologischen und wirtschaftlichen Entfaltung. Nicht weniger, sondern mehr Tempo ist die Lösung. Nicht Abwägen oder Innehalten, sondern Vollgas in einen neuen Wettlauf der Innovationen. Die Erfolgsformel heißt also: Unternehmergeist, globaler Wettbewerb und (digitale) Technologie. Umweltpolitik ist dann wohl etwas für Ingenieure; das regelt sich schon.
Interessant ist auch, dass STEINGART keineswegs in Erwägung zieht, für die Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme auf explosionsartig sprudelnde Gewinne der monopolistischen Digitalkonzerne oder auf den überbordenden Finanzmarkt zuzugreifen. Nein: Der Staat soll ganz brav und fügsam selbst zum Kapitalanleger werden. Mitspielen und Mitgewinnen – da stellt sich natürlich die Systemfrage nicht.

In diesem Buch werden tatsächlich unbequeme Wahrheiten an- und ausgesprochen. Auf Fakten basierende Denkanstöße bringen einige vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. Man kann sicher Vergnügen an der sprachlichen Leidenschaft empfinden – auch wenn die Selbstverliebtheit des Autors immer mal wieder um die Ecke lugt. So weit, so gut.
Man sollte nur wissen: Es wird systemimmanent gedacht und argumentiert, in diesem Buch. Kein Zweifel kommt auf an den Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen, auf Konkurrenz und Wachstum ausgerichteten Weltwirtschaft. Hier wird keine echte Transformation in eine Nachhaltigkeits-Wirtschaft gefordert.

Die Freunde, die STEINGART in seinem Text immer wieder anspricht – sie demonstrieren wohl nicht bei Fridays For Future und sitzen nicht in den Parteigremien der GRÜNEN. Dieser Freundeskreis findet sich eher in der FDP, bei den Vertretern der mittelständischen Wirtschaft, bei den Besserverdienenden und bei den Selbstständigen.
In diesen Kreisen auf die Gefahren einer Verkrustung in bestehenden Strukturen hinzuweisen, stellt durchaus ein Verdienst dieser engagierten Rede dar. Sie ist eine beachtenswerte Mahnung und Warnung – wenn auch nicht mit besonderem Neuigkeitswert.


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