“Erziehung prägt Gesinnung” von Herbert Renz-Polster

Bewertung: 4 von 5.

Der Autor ist ein Kinderarzt, der sich in seinem öffentlichen Wirken als Publizist und Blogger auf den Bereich Erziehung konzentriert hat. Nicht nur, aber auch in der hier besprochenen Publikation wird schnell deutlich, dass RENZ-POLSTER mit Engagement und Leidenschaft zur Sache geht. Und er ist nicht nur ein Wissenschaftler mit einem Herz für die Bedürfnisse von Kindern, sondern ein sehr politischer Mensch, dem das Wohlergehen der Jüngsten auch deshalb so bedeutsam ist, weil es – seiner festen Überzeugung nach – den Charakter und die Zukunft unserer Gesellschaft bestimmt.

Man könnte den hier betrachteten Zusammenhang zwischen den Erfahrungen in der Kindheit und den politischen Haltungen und Einstellungen im Erwachsenenalter als “irgendwie logische” Binsenweisheit abtun. Dann hätte man es sich aus Sicht des Autors aber zu leicht gemacht.
RENZ-POLSTER will es nicht nur selbst sehr genau wissen, er will seine Erkenntnisse auch in aller Differenziertheit an die Leserschaft bringen. Daher nimmt er uns mit in das Klein-Klein der Forschungsbefunde zu Sozialisation, Erziehungsverhalten, Sozialpsychologie, Persönlichkeitseigenschaften und politischen Haltungen. Dabei berücksichtigt er sowohl klassische Befunde (oft schon Jahrzehnte alt), als auch moderne Sozialforschung.
Es geht u.a. um Ängste, um Ekelneigung, Gruppen-Ausgrenzung, Dominanz und Konkurrenz, Verachtung des Schwachen, toxische Männlichkeit, religiösen Fundamentalismus, Fake-News, Klimawandel-Leugnung, Nationalismus und Rassismus.

Der erste Aufschlag gilt dem Phänomen des Rechtspopulismus, für das exemplarisch Donald Trump steht (der während der Entstehung des Buches noch im weißen Haus sitzt), aber auch die AfD und andere europäischen Parteien. Der Autor begründet, warum seiner Meinung nach die üblichen eher soziologischen Erklärungsmuster für den Rechtsruck zu kurz greifen.
Dem Autor geht es um die innere Gesinnung, die Neigung zum Autoritarismus.

RENZ-POLSTER beobachtet in den USA erstaunlich kohärente (geografische) Zusammenhänge zwischen autoritären, strengen und gewaltvollen Erziehungsmethoden in Elternhaus und Schule auf der einen und den Wahlergebnissen, Schulabbrüchen und der Kriminalitätsrate auf der anderen Seite. Auch die Unterschiede in Ost- und Westdeutschland bringt er in den Kontext unterschiedlicher Erziehung und Sozialisation.

Dem Autor geht es darum, hinter den zahlreichen Einzelphänomenen und -befunden ein kohärentes Weltbild zu enthüllen, in dem es um Konkurrenz, Kontrolle und Macht geht – statt um Vertrauen und Empathie. Er versucht nachzuweisen, dass diese grundlegenden Haltungen sich schon in der Sichtweise von und dem Umgang mit Kindern wiederfindet: Es geht entweder um Kontrolle und Disziplin oder um Vertrauen und Bindung – oft zusammengefasst in den sog. “Erziehungsstilen”. Schon im Kleinkindalter entstehen so Modelle von Beziehung und Zusammenleben, die auf Sicherheit und Fürsorge oder eben auf Angst und Ausgeliefertsein beruhen.
So kommt RENZ-POLSTER zu dem Schluss, dass es letztlich enttäuschte kindliche Bindungshoffnungen sind, die hinter dem Autoritarismus stehen – eine tiefe Verunsicherung, die nach Halt und Selbsterhöhung gegen noch Schwächere und Fremde sucht.
In einem Parforceritt durch die Weltkulturen versucht der Autor schließlich noch, seine Grundthesen in den Besonderheiten der jeweiligen Erziehungskulturen, dem Zusammenleben und den politischen Verhältnissen wiederzufinden.
Auch wird die Frage gestreift, wie prägend bzw. determinierend das “Kindheitsgepäck” für en weiteren Lebensweg ist.

So informativ und faktenreich das alles auch ist – manchmal wird einem ein wenig schwindelig, angesichts der Kurven und Loopings die der Autor in diesem riesigen Themenraum fliegt. Der Gedanken- und Argumentationswurf ist so weit, so grundsätzlich, dass zwangsläufig alles mit allem zusammenhängt. So erscheint gelegentlich die Gliederung willkürlich und unübersichtlich, Wiederholungen lassen sich kaum vermeiden.
Nicht jedem Leser wird auch das Ausmaß und die Eindeutigkeit der politischen Ausrichtung gefallen, denen die gesamte Argumentation zugrunde liegt. Dieses Buch eignet sich schlichtweg nicht als Lektüre für eine rechts-konservative Leserschaft, weil sie höchstwahrscheinlich die Vermischung zwischen Fakten und Gesinnung kaum aushalten könnten.
Wenn man sich weder an der politischen Zielrichtung, noch an den inhaltlichen Schleifen stört, erhält man in diesem Text eine erstaunlich breitgefächerte Zusammenstellung von Befunden über die langfristigen Folgen von Kindheitserfahrungen. Auch die umfangreiche Literaturliste ist eine geradezu endlose Fundgrube für eine weitergehende Beschäftigung mit der Thematik.

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