„Fantasyland“ von Kurt ANDERSON

Ein prachtvolles Buch: Tolles Cover, fast 5 cm dick, 700 Seiten Text.
Ein anregendes Thema: Amerikas Geschichte unter der Perspektive der chronifizierten Irrationalität. Wundergläubigkeit und Realitätsverlust als Nationalcharakter.
Was könnte aktueller und dringlicher sein – angesichts der jüngsten Verrücktheiten des amerikanischen Präsidenten und seiner Gefolgsleute im Umgang mit der Corona-Krise?

Mich haben die USA schon immer interessiert. Nicht nur, weil ich als Student dort mal vor ewigen Zeiten eine besondere Reiseerfahrung gemacht habe.
Amerika war in den letzten Jahrzehnten immer eine Art Zukunftsquelle und ein Vergrößerungsglas: Viele westeuropäische Entwicklungen in Wissenschaft, Kultur und Kommerz waren zuerst in den USA sichtbar; gleichzeitig traten sie dort auch in einer besonders extremen Form auf. Faszinierend und erschreckend zugleich.
Ich habe nie unkritisch auf die USA geschaut, habe mich schon in den 70iger Jahren mit dem militärisch-industriellen Komplex beschäftigt. Aber es gab ja auch Woodstock und das vielversprechende Kalifornien – und auch gegenüber Wolkenkratzern war ich nicht völlig immun, genauso wenig wie bzgl. der digitalen Revolution.
Wenn es um die USA ging, ging es also immer auch um Ambivalenzen!

Jetzt zum Buch:
Der renommierte Journalist ANDERSON hatte sich das Ziel gesetzt, das Fiasko der Trump-Wahl aus der gesamten ca. 500-jährigen Geschichte herzuleiten. Seine Frage war: Wie konnte sowas Abstruses ausgerechnet in den USA passieren?
Seine Antwort erfolgt in einer unglaublich akribischen Analyse all der Ereignisse, Tendenzen und Entwicklungen, die als Belege für die außerordentliche Neigung der Amerikaner zur Irrationalität dienen können.
Der Autor nimmt dabei nicht eine Lupe zur Hand, er bedient sich eines Elektronenmikroskops! Er geht nicht durch die Jahrhunderte, sondern durch die Jahrzehnte und manchmal durch einzelne Jahre und produziert so eine kaum zu überblickende Menge von Einzelbeobachtungen (die er mit Namen und konkreten Fakten hinterlegt).

Damit man sich eine grobe Vorstellung machen kann, will ich ein paar Aspekte aufzählen.
Es geht in dem Buch u.a. um
– die Bereitschaft, an alle möglichen Wunder und Wunderheiler zu glauben
– das Ausmaß einer „fanatischen“, in viele Einzelsekten aufgesplitterte Religiosität (die ganz oft auf einer extrem wörtlichen Auslegung der Bibel beruht)
– einen grenzenlosen Individualismus (der sich auch gegen vernünftige Begrenzungen durch einen demokratischen Staat wehrt)
– einer romantischen Verklärung der Pionier-Mentalität des „Wilden Westens“ (einschließlich des Waffen-Fetischismus)
– eine kindliche Begeisterung für alle denkbaren Fantasiewelten (perfekt repräsentiert durch die infantile Disney-Kultur, aber auch in der Hollywood-Illusionswelt, in Fantasy-Literatur und Computer-Parallelwelten)
– den unkritischen Glauben an alle möglichen übernatürlichen Kräfte (einschließlich Ufos und Aliens)
– die systematische Verdummung und Indoktrination durch Medienkonzerne (die immer stärker durch rechtsgerichtete und christlich-fundamentalistische Kräfte gesteuert sind)
– das Misstrauen und die Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen
– den unglaublich verbreiteten Hang zu Verschwörungstheorien (der sich aktuell auch auf die Corona-Thematik bezieht)
– die zunehmenden Unfähigkeit und die fehlende Bereitschaft, überhaupt noch Fakten zur Grundlage von Überzeugungen und Entscheidungen heranzuziehen
– die Verbindung von all dem zum Kommerz (also zu der Begeisterung der Amerikaner, möglichst schnell möglichst reich zu werden)

Natürlich stehen alle diese Phänomene nicht nebeneinander, sondern sind vielfältig miteinander verwoben, thematisch, personell und medial. Auch das arbeitet ANDERSEN sorgfältig und detailliert heraus.
Auch wenn es sich vielleicht so anhört: Der Autor macht nicht etwa dauernd Pauschalaussagen über den oder die Amerikaner. Er präsentiert in zahlreichen Untersuchungen statistische Belege, die deutlich machen, für welchen Teil (Prozentsatz) der Menschen seine Aussagen zutreffen. Natürlich bleibt nicht unerwähnt, dass es den anderen (rationalen, vernunftbetonten) Teil der amerikanischen Gesellschaft auch gibt.
Es ist auch nicht so, als ob keine Gegenbewegungen dargestellt würden: Immer wieder weißt ANDERSEN darauf hin, dass bestimmte Extrem-Auswüchse auch wieder eingefangen wurden und dass sich manchmal für eine bestimmte Phase auch die Vernunft durchsetzen konnte.
Ebenfalls würde der Vorwurf ins Leere laufen, dass der Autor seinen kritisch-analytischen Blick nur in die rechte politische Ecke werfen würde. Er entlarvt auch linke Verschwörungsneigungen („überall lauert der CIA“) und den Wunderglauben der eher alternativ-esoterischen Gegenkultur. Schmerzlich für mich war in diesem Zusammenhang auch der sehr nüchterne Blick auf die hochgradig irrationale und drogenverseuchte Hippie- und Woodstock-Bewegung.
Der Typ macht eben vor gar nichts halt!

Es bleiben ein paar Kritikpunkte, die auch das Ausmaß meiner Empfehlung für dieses Buch betreffen:
– Kein „normaler“ Mensch braucht diese Ausführlichkeit; niemand kann sich auch nur annähernd alle die Fakten und Daten merken. Auch mir hätten vermutlich 300 Seiten vollkommen ausgereicht.
– Nicht durchweg erscheinen die Darstellung und die Abfolgen optimal strukturiert (was aber bei dieser Informationsmenge wohl kaum vermeidbar wäre).
– Natürlich weiß man sowieso, welches Ziel der Autor verfolgt und welche Botschaft er vermitteln will; natürlich will hier niemand ein „neutrales“ Buch schreiben. Trotzdem nimmt man sich ein wenig Seriosität und Glaubwürdigkeit weg, wenn man Darstellung von Fakten und deren Bewertung so stark miteinander vermischt, wie das ANDERSEN tut. Indem er immer wieder polemische Formulierungen wählt, macht er es den noch nicht überzeugten Lesern zu einfach, sich auf die andere Seite zu begeben.

Es ist ohne Zweifel ein wichtiges Buch. Nach dem Lesen bleibt kein Zweifel daran, dass eine Wiederwahl von Trump nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich ist.
Der Grund dafür lässt sich in einem – ebenfalls polemischen – Satz zusammenfassen: „Die spinnen, die Amis!“

Nach diesen 700 Seiten kann mir niemand mehr diese Überzeugung argumentativ streitig machen!


1
0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.