„Fenster ins Gehirn“ von J.-D. HAYNES & M. ECKOLDT

Bewertung: 4.5 von 5.

Kann man hinter so einem – eher reißerisch formulierten – Titel seriöse Information erwarten? Die Antwort vorweg: Man kann, und man bekommt sie auf höchstem fachlichen und didaktischen Niveau.

Es gibt keinen Mangel an populärwissenschaftlichen Publikationen über den aktuellen Stand der Gehirnforschung. Liest man mehrere solcher Bücher, stößt man immer wieder auf die gleichen grundlegenden Experimente und die gleichen ausgeklügelten Methoden. Meist erklären diese Bücher zunächst die grundlegenden Funktionen unseres Nervensystems, um dann irgendwann beim Zusammenhang zwischen neuronalen Feldern und unserem Ich-Bewusstsein zu landen.
Die beiden Autoren HAYNES und ECKOLDT verfolgen hier einen anderen Ansatz: Sie fokussieren auf eine eingegrenzte Fragestellung und schaffen somit die Grundlage für eine konsistente und überschaubare Darstellung.

Die Fragen lauten: Wie weit ist die Forschung bei dem Versuch, die Gedankeninhalte von Personen direkt aus den Hirn-Scans auszulesen? Unter welchen Rahmenbedingungen und mit welchem Aufwand gelingt das schon heute? Welche Entwicklungen sind in den nächsten Jahren abzusehen? Welche sehr grundsätzlichen Hindernisse bestehen hinsichtlich der – von vielen befürchteten – Möglichkeit einer totalen Fremdkontrolle? Wie realistisch sind Vorstellungen über eine dauerhafte Schnittstelle zwischen unserem Gehirn und digitalen Geräten bzw. über den Upload unseres Bewusstseins auf eine Festplatte?
Die Antworten auf diese Fragen erfolgen konkret, nachvollziehbar und abgewogen.

Das Lesen dieses Buches bereitet ein uneingeschränktes Vergnügen. Die Autoren können perfekt erklären, schlussfolgern transparent und wirken in ihren Einschätzungen seriös.
HAYNES und ECKOLDT sind weder techniktrunkene Zukunftsgurus noch verbissene Katastrophen-Verkünder; wenn es um Prognosen geht, äußern sie sich eher konservativ-realistisch als zukunftsverliebt.
Diese eher nüchterne Herangehensweise vermindert aber an keiner Stelle die Faszination, die von den neuesten experimentellen Forschungen und ihren Befunden ausgeht. Auch das vermitteln die Autoren – aber eben ohne in Euphorie zu verfallen.

Sehr angenehm ist die Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Buch die – oft ideologisch aufgeladene – Frage nach dem Zusammenhang zwischen neuronalen Vorgängen und unserem subjektiven Erleben abgehandelt wird. Bei etwas genauerer Betrachtung stellt sie sich nämlich längst nicht mehr: Wenn (nach einer Trainingsphase) Computer mit großer Treffsicherheit erkennen können, ob wir z.B. an eine bestimmte Person (oder eben an eine andere) denken, dann erschiene eine (dualistische) Diskussion darüber, ob der „Geist“ nicht etwas ganz Anderes (irgendwie Immaterielles) sein könnte, völlig abwegig.

Mit dem „Fenster ins Gehirn“ liegt ein auf allen Ebenen vorbildliches und absolut lesenswertes Sachbuch vor, dass den interessierten Laien unterhaltsam und nachvollziehbar bis in die brandaktuellen Forschungsinhalte führt.
Das einzige, was man diesem Buch vorwerfen könnte, kann man diesem Buch nicht vorwerfen: Es nimmt auch alle die mit auf die Reise, die noch nicht eine ganze Reihe von anderen Bücher über moderne Hirnforschung gelesen haben. Natürlich entstehen so für vorinformierte Leser/innen gewisse Redundanzen; das muss man einkalkulieren und aushalten.

Wer es unbedingt wissen will und dieses Buch nicht selbst lesen kann: Nein, die Inhalte unseres Denkens und Fühlens können auf absehbare Zeit hin weder von finsteren Mächten, noch in unserem Auftrag ausgelesen oder übertragen werden. Die Komplexität unseres Gehirns setzt solchen Fantasien sehr markante und grundlegende Grenzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.