„Gott, wo steckst du?“ von M. Spitzer, H. Lesch und Gunkl

Was erwartet man, wenn ein Gespräch über Gott zwischen zwei bekannten und in der Öffentlichkeit präsenten Wissenschaftlern und einem „intellektuellen“ Kabarettisten in Buchform (Büchleinform) veröffentlicht wird?
Zumindest eine anregende Lektüre, vielleicht ein paar Gedankenanstöße und die Möglichkeit, eigene Positionen zu schärfen. Was man wohl nicht erwartet ist eine komplette Enttäuschung, die stellenweise auch in Ärger umschlägt.
Genau das hat mir die Lektüre dieses Buches vermittelt.

Kurz zu den Ausgangsbedingungen: Vor dem Astrophysiker Harald LESCH – der sich als protestantischer Christ einbringt – habe ich großen Respekt; der Psychiater und Gehirnforscher Manfred SPITZER (katholisch geprägt) löst bei mir in der Regel widersprüchliche Reaktionen aus; der mir unbekannte GUNKL vertritt die Position des „Fundamental-Agnostikers“ (also: „man kann es halt nicht wissen“).
Seltsamer Weise wird zwar viel – leider meist klischeehaft – über Atheisten gesprochen; die Position auch zu besetzen, hat man offensichtlich nicht für notwendig gehalten. Sonderbar.

Was zwischen diesen drei Männern dann passiert, kann nur unter Anwendung allergrößter Toleranz als „Gespräch“ bezeichnet werden. Genau genommen ist es eine weitgehend unstrukturierte Plauderei, die rein assoziativ dahinplätschert.
Kann ich dieses harsche Urteil irgendwie belegen? Ich denke schon!

Die meisten Menschen wissen – oder haben bei eigenen Gesprächen selbst erfahren – dass man über das Thema „Gott“ aus ganz unterschiedlichen Perspektiven nachdenken bzw. reden kann.
– Man kann z.B. den eigenen Weg zum oder vom Glauben betrachten, religiöse Offenbarungen und Religionssysteme vergleichen oder die Rolle der Religionen in der Gesellschaft betrachten.
– Lange kann man über die Funktionen reden, die ein Glaube für gläubige Menschen haben können: Trost, Halt, Hoffnung, moralische Orientierung, Zugehörigkeit, Sinn, Geborgenheit, Gemeinschaftsgefühl, usw.
– Von da aus ist es nicht weit zu der Frage, welchen evolutionären Vorteil die weit verbreitete Tendenz zur Religiosität gehabt haben könnte.
– Untersuchen kann man auch die Auswirkungen von Religiosität auf tatsächliches Sozial- oder Moralverhalten bzw. welche Gehirn-Aktivitäten mit religiösen Praktiken einhergehen.
– Man kann sich natürlich auch abstrakt und intellektuell damit befassen, ob und an welcher Stelle ein Gott zur Welterklärung (noch) gebraucht wird: Eigentlich – so besteht weitgehende Einigung – höchstens als „Erstbeweger“ vor dem Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren (der dann aber nichts mehr mit den Gottesbildern in den Weltreligionen zu tun hätte).

Tatsächlich werden alle diese Aspekte in der „launigen“ Runde irgendwann mal angesprochen. Das ist ohne Zweifel gut! Allerdings: Es gibt keine Systematik, keinen roten Faden, keine Gliederung – stattdessen thematische Achterbahnfahrten.
Permanent stellt sich die Frage: Wo bleibt die Moderation? Wer achtet darauf, dass die Antwort auch zur Frage passt? Wer verhindert endlich, dass spontane Einwürfe an die Stelle logischer Argumentationslinien treten?
Stellenweise verläuft das Gespräch so niveaulos, dass ich erste Anzeichen von Fremdschämen bei mir erkennen konnte: Wie kann man so weit sinken?

Ein Beispiel: Es gelingt den (z.T.) hochkarätigen Experten bis zum Schluss nicht, die Diskussion über die Verbreitung und Nützlichkeit von Glauben wirklich mal klar von der Frage zu trennen, was das über die reale Existenz eines Gottes aussagt (nämlich nichts!).
Dass es irgendwie gut tut, an etwas „Höheres“ zu glauben, es weit verbreitet ist und auch zu schönen Gebäuden und Kunstwerken geführt hat, ist auch nach der zehnten Wiederholung kein Gottesbeweis.
Ebenfalls wird durch mehrfache Behauptung nicht logischer, dass ein Atheist genauso ein „Glaubender“ wäre wie ein religiöser Mensch, weil er ja schließlich die Nichtexistenz Gottes auch nicht beweisen könnte. Seit wann, bitte, muss derjenige der eine (nicht belegbare) Behauptung anzweifelt, ihre Ungültigkeit beweisen? Muss ich jedem Alien-Fan beweisen, dass noch keine grünen Männchen auf der Erde waren? Sonst steht einfach Glaube gegen Glaube? Abstrus!

Der als aufklärerische Zweifler ins Rennen geschickte Kabarettist deckt zwar hin und wieder mal einen logischen Schnitzer auf, bleibt aber in der Auseinandersetzung letztlich schwach und farblos. So überlässt er den beiden Selbstdarstellern das Feld.

Insgesamt kann ich nicht verstehen, dass die beiden Wissenschaftler stellenweise weit unter ihrem lang erarbeiteten Niveau bleiben. Auf der einen Seite machen sie zwar einige fachwissenschaftlichen Exkurse, auf der anderen Seite geht es zu wie am Stammtisch nach dem fünften Bier.
Dass ein Verlag so eine Spontan-Plauderei offenbar unredigiert auf den Markt bringt, ist eine mittlere Unverschämtheit.

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