„Herr aller Dinge“ von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 5 von 5.

ESCHBACH gehört zu den erfolgreichen Vielschreibern dieses Landes. Seine Romane loten gerne Grenzen aus: geschichtliche, technische, logische und menschliche. Fast alle seine Geschichten überschreiten die normale Alltagsrealität und bieten so eine besondere Form der gehobenen Unterhaltung.
Dieser Roman stammt aus dem Jahr 2011 und ist unbestreitbar eines seiner Meisterwerke.

Wir begleiten das erst in Japan, später in den USA beheimatete Genie Hiroshi von seiner Kindheit bis ins reife Erwachsenenalter. Dabei lassen ihn zwei schicksalhafte Besonderheiten nicht los: Sein Traum, durch die Entwicklung einer neuen Roboter-Technologie die Welt (zum Besseren) zu verändern, und die wechselvolle und dramatische Beziehung zu seiner Kindheits-Freundin Charlotte, die auf eine sehr spezielle Art auch die Frau seines Lebens wird.

ESCHBACHs Erzähl-Energie scheint in diesem Roman geradezu unerschöpflich zu sein. Schon die empathisch geschilderte Kinderfreundschaft, die Standesunterschiede kreativ überwindet, lässt einem Hiroshi und Charlotte ans Herz wachsen. Spätestens nach der Studienzeit ist man als Leser/in dem weiteren Geschehen völlig ausgeliefert: Man will, dass der Computer-Freak mit seinen Nano-Robotern den großen Durchbruch schafft
Die vier Lebensabschnitte der beiden Protagonisten, die genauer betrachtet werden, haben fast schon den Charakter von eigenständigen Erzählungen.

Der Bogen von realer Wissenschaft (Paläontologie, Astrologie, Nano- und Computertechnologie) bis zu den hier ausgebreiteten Zukunftsfantasien wird von ESCHBACH weit gespannt. Und doch hat man das Gefühl, das die reichlich gebotene Science-Fiction hier nicht als Selbstzweck zum Einsatz kommt. Alles ist in einen „Roten Faden“ eingewebt, der sich im Lebensthema des Protagonisten manifestiert.
ESCHBACH scheut sich dabei nicht, seinen Figuren partiell auch übermenschliche Fähigkeiten zuzuschreiben oder sich in sehr weitgehende kosmische Spekulationen vorzuwagen. Gleichzeitig schafft er es, der Erzählung immer wieder eine Bodenhaftung zu verleihen, sie auf die menschliche Erfahrungs-und Gefühlswelt zu beziehen.

Der Roman spielt konsequent mit dem Thema Weltverbesserung durch wissenschaftlich-technologischen Fortschritt. In seiner omnipotenten Vision ist Hiroshi davon überzeugt, dass die unbegrenzte Verfügungsmöglichkeit über alle Güter die Lösung aller Menschheitsprobleme darstellen würde – also will er Maschinen bauen, die buchstäblich ALLES herstellen können.
Die Frage, ob sein erstrebtes Geschenk an die Menschheit diese positive Utopie tatsächlich erfüllen könnte, wird in dem Roman leider nur gestreift. Man würde ESCHBACH gerne fragen, ob er – nach 10 Jahren Nachhaltigkeits-Diskussion – noch genauso eindeutig darauf setzen würde, dass „jeder alles“ haben sollte.
Dass eine so unfassbar mächtige Technologie durch reale Menschen kaum beherrschbar sein würde – das wird mehr als deutlich.

Natürlich: Wir sprechen hier nicht über einen literarisches Kunstwerk im Sinne der „Hochkultur“. ESCHBACH schreibt anregende Unterhaltungsliteratur, bei der es manchmal auch das ein oder andere überflüssige Klischee und die üblichen Überzeichnungen auf der Gut/Böse-Dimension gibt. So ist z.B. der schon zu Uni-Zeiten eingeführte Gegenspieler ein solcher Unsympath, dass man wirklich nicht nachvollziehen kann, warum er Charlotte für sich gewinnen konnte. Auch muss man eine Weile mit den doch sehr pubertären Welten des amerikanischen Studentenlebens zurechtkommen.

Doch solche kleinen Dämpfer können den Gesamteindruck nicht stören:
Selten sind Spannung, Emotionalität und technische Zukunftsvisionen so anregend, fantasievoll und facettenreich zu einem unterhaltsamen Gesamtkunstwerk vermengt worden. Den am Ende drohenden Ausschluss aus der Welt von Hiroshi und Charlotte erlebt man fast als einen aggressiven Akt bzw. als einen echten Verlust, der ein wenig „Trauerarbeit“ erfordert.

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