„Immer auf Sendung – Nie auf Empfang“ von Kate MURPHY

Bewertung: 4 von 5.

Das Buch der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin hat keine „Liebe auf den ersten Blick“ ausgelöst. Ein bisschen plauderhaft-episodisch empfand ich den Einstieg, die etwas zu erwartbaren kulturkritischen Ausführungen zum Verlust des Zuhörens in der Moderne haben mich nicht gerade schwungvoll hinterm Ofen hervorgezogen.
Aber: Der Text entfaltet eine Steigerungsdynamik und hält dann doch eine Reihe von gehaltvollen Überraschungen bereit.

Die Autorin hat ein echtes Anliegen: Sie will das persönliche Zuhören schmackhaft machen, will auf die besondere Qualität und Funktion der unmittelbaren Begegnung im Gespräch hinweisen. Sie will deutlich machen, was alles verlorengeht, wenn wir uns allein einer elektronisch-digitalen Kommunikation überlassen.

Zum Glück bleibt es nicht bei einer Bestandsaufnahme des Niedergangs und entsprechenden Apellen zur Umkehr. MURPHY macht einen echten Rundumschlag und wendet sich wirklich sehr vielen Bereichen des privaten und beruflichen Lebens zu, in denen die Fähigkeit (Kunst?) des Zuhörens eine Rolle spielt (oder stärker spielen sollte).
Sie schaut sich Partnerschaften bzw. Ehen an, streift die Bereiche Medizin und Psychotherapie, betrachtet kritisch Politik und Medien.
Immer wieder kann sie sich für einzelne Könner (z.B. Journalisten oder Verkäufer) begeistern, die durch ihre Art des Zuhörens bei ihrem Gegenüber erstaunliche Wirkungen erzielen.

Fast unauffällig streut die Autorin Sachinformationen ein, indem sie über z.B. über die Bedeutung frühkindliche Bindungserfahrungen, über den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken oder über die physiologische Basis des Hörens aufklärt.
Es werden Untersuchungen angeführt, kognitive Verzerrungen erklärt und Beispiele für Kommunikationstrainings angeführt.
Da sich das Ganze in einem eher journalistischen Schreibstil abspielt und – auf typisch amerikanische Weise – mit episodenhaften (auch abschreckenden) Fallbespielen angereichert ist, merkt man kaum, dass man tatsächlich ein Sachbuch liest.

Es geht MURPHY bei ihrem Plädoyer für ein besseres Zuhören nicht um eine rein technische Fertigkeit. Für sie ist Zuhören kein Manipulations-Trick, sondern beruht auf einer bestimmten Haltung: es geht ihr um Neugier, Authentizität, Zuwendung, Empathie. Wer wirklich zuhört, der will auch verstehen und bringt sich auch selbst als Person ein.
Insofern ist das angestrebte Verhalten schon sehr nahe an dem, was man „aktives Zuhören“, „klientenzentrierte Gesprächsführung“ oder „Gesprächspsychotherapie“ nennt.
Sie nennt diesen Bezug auch, macht ihn aber nicht so groß, wie das möglich und passend gewesen wäre. Ein bisschen entsteht dabei der Eindruck, dass sich dadurch vielleicht zu viel anderes erübrigt hätte; tatsächlich wären bei einer ausführlicheren Darstellung dieses therapeutischen Vorgehens manch anderes Beispiel überflüssig gewesen.
Aber vielleicht zieht dieses Buch seinen Reiz ja gerade aus seinem breiten, facettenreichen Zugang.

Insgesamt ein sympathisches und informatives Buch zu einem wichtigen Thema. Für manchen vielleicht ein wenig zu pädagogisch-missionarisch im Ton, andere werden möglicherweise eine noch stringentere Strukturierung vermissen.
Wer journalistische Pupulärwissenschaft zu schätzen weiß, bekommt sie in diesem Buch.

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