„Jenseits der Erwartungen“ von Richard RUSSO

Irgendwas scheint mich ja zu faszinieren an diesem Autor, wenn ich nach einer gewissen Enttäuschung („Der Mann der Tat„) sofort nachlege. Auf jeden Fall war ich neugierig, ob wohl die erste („Diese gottverdammten Träume„) oder eben die zweite Erfahrung typisch für diesen Schriftsteller war.
Um es vorweg zu sagen: Ich bin sehr froh, dass ich nicht aufgegeben habe.

Der Erzähl- und Handlungsbogen in diesem Roman überspannt mehr als 40 Jahre. Der Rahmen wird dadurch gesetzt, dass die Protagonisten, drei in die Jahre gekommenen Männer, sich am Schauplatz einer denkwürdigen Begegnung treffen, die das Ende ihrer gemeinsamen Studienzeit feiern sollte, unerwartet aber zu schicksalsträchtigen Verstrickungen geführt hat, die bis in die Gegenwart spürbar sind.
Im Hintergrund lauert der Vietnamkrieg und eine drohende Einberufung.

Konkret geht es um das ungeklärte Verschwinden der jungen Frau, in das alle drei Jünglinge heftig verliebt waren. Verraten werden soll nur, dass es letztlich zu einer Auflösung des Rätsels kommt – jenseits der Erwartungen….

Die Figuren und der Plot sind liebevoll und detailreich konstruiert. Natürlich verkörpern die drei Freunde auch drei typische zeitgenössische Charaktere und Biografien, die sich in ihren Widersprüchlichkeiten gegenseitig spiegeln und verstärken.
Es kommen noch ein paar wichtige Personen dazu: die junge Frau, die Eltern und Partner der vier damaligen Kumpane, ein unsympathischer Nachbar und ein Polizist im Ruhestand.

Es gelingt RUSSO sehr gut, mit diesen Personen ein kleines Universum zu schaffen, in dem man sich eine Weile mit zunehmender Vertrautheit gerne aufhält. Zwar ist der Roman alles andere als eine typische Kriminalgeschichte, trotzdem spielt der Aspekt der Aufklärung eine zunehmende Rolle. Dabei geht es aber weniger um den Aspekt des detektivischen Mitdenkens („wann kommt man drauf?“), sondern im Vordergrund stehen die psychologischen Motive und Prozesse der beteiligten Personen.
Überraschungen sind versprochen!

RUSSO ist ein recht konventioneller Erzähler; es gibt hier keine sprachlichen Extravaganzen. Es geht ihm um die das Verstehen seiner Figuren; sie sollen für den Leser stimmig sein. Dafür nimmt sich der Autor Zeit; es gibt sicher Momente, in denen etwas weniger mehr gewesen wäre. Insbesondere auf einen Aspekt seines psychologischen Ursachenmodells hätte ich auch gut verzichten können.

Welches übergeordnete Thema treibt RUSSO in diesem Buch um?
Es geht um um die Einflüsse auf Charaktere, Schicksale und Lebensläufe: Welche Rolle spielt der Zufall? Was kann man wirklich selbst entscheiden, was ist durch die Ausgangs- und Rahmenbedingungen festgelegt? Was wird durch die Eltern geprägt, was übernimmt man von ihnen, ohne es zu wollen und zu merken? Welche Entwicklungen scheinen unvermeidlich?
Diese existentiellen Themen und Fragen werden aber nicht aufdringlich in den Vordergrund geschoben, sondern sind in Verläufe und Dialoge eingewoben.

Für mich befindet sich dieses Buch an der Grenzlinie zwischen Unterhaltungsliteratur und „höheren“ literarischen Ambitionen. Anders ausgedrückt: Ich fühlte mich intelligent und niveauvoll unterhalten; gleichzeitig intellektuell angesprochen und emotional berührt.
Was will man mehr!?

(Nachtrag: Und wieder einmal fühle ich mich darin bestätigt, dass ich dieses positive Lese-Ergebnis sehr viel leichter in einer Story mit zeitgeschichtlichen und realen Bezügen bekomme als in irgendwelchen Fantasiewelten.)

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