„Jetzt“ von Annalena BAERBOCK

Bewertung: 4 von 5.

Robert Habeck hat vorgelegt („Von hier an anders“), die Kanzlerkandidatin zieht „Jetzt“ nach. Es wundert nicht, dass sich Themen und Positionen in großem Umfang überschneiden. Es sind weitgehend die gleichen Inhalte und der gleiche Politikstil, die hier dargeboten werden – wie könnte es anders sein bei einem teamorientierten Führungs-Duo.
Habecks Stil ist ein wenig breiter aufgestellt; das liegt insbesondere daran, dass er auch soziologische (bzw. allgemein theoretische) Betrachtungen einbezieht und über seine konkrete Regierungserfahrung als Landesminister berichtet.
Aber hier geht es jetzt um BAERBOCK.

Das Ziel des Buches ist es wohl, eine stimmige Verbindung zwischen dem (noch recht kurzen) Lebenslauf der Autorin und dem politischen Programm der GRÜNEN herzustellen. So soll deutlich werden, dass die Parteiziele auch das ureigenste persönliche Anliegen der ersten GRÜNEN Kanzlerkandidatin widerspiegelt. Aus meiner Sicht gelingt das gut.
Es wird immer wieder deutlich, dass hier nicht eine Karriere-Politikerin eine Partei für das eigene Fortkommen nutzt, sondern hier jemand eine Mission in sich trägt und umzusetzen versucht. In gewisser Weise – und auch das wird in dem Buch spürbar – hat BAERBOCK (zusammen mit Habeck) eher die Partei auf den eigenen Kurs gebracht als sich (aus taktischen Gründen) dieser anzupassen.

Mehr als durch einzelne Sachaussagen (an denen es wirklich nicht mangelt) wird dieses Buch durch eine zentrale Botschaft geprägt: Es ist die Einladung zu einem gemeinsamen Aufbruch in eine ökologische, soziale und wirtschaftliche Erneuerung, die eben nicht ideologisch motiviert ist oder nur die Interessen eines speziellen Milieus bedient.
BAERBOCK will breite Bündnisse, will offene Diskurse und ein respektvolles Miteinander. Das Lesen ihres Buches trägt zu dem Eindruck bei, dass dies eben keine wahltaktischen Lippenbekenntnisse sind.

Natürlich stellt die Autorin auch in diesem „persönlichen Wahlprogramm“ unter Beweis, dass dieser veränderte Politikansatz keineswegs auf das Thema Ökologie begrenzt ist. Überall da, wo sie programmatisch in die Tiefe geht (z.B. in der Wirtschafts- und Sozialpolitik), werden erstaunlich konkrete Konzepte und Maßnahmen beschrieben. Es geht eben nicht um abstrakte Ziele, sondern um handfeste politische Umsetzungsvorschläge.
Dass ihr die Geschlechter-Frage und eine werteorientierte europäische Außenpolitik besonders am Herzen liegt, überrascht wohl kaum.

Von dem Kampf um weitergehende Präsens von Frauen in Macht- und Führungspositionen ist es nicht weit zum sprachlichen Gendern. Natürlich wimmelt es in dem Buch nur so vom Gender-Sternchen (auch in der Hörbuch-Fassung überdeutlich wahrnehmbar). Darüber kann man sich – je nach Position – ärgern, amüsieren oder freuen. (Wenn selbst bei einer Aufzählung von Institutionen dann von weiteren „Akteur*innen“ gesprochen wird, richten sich auch bei wohlmeinenden Menschen kurz die Nackenhaare auf).
Aber das sind Banalitäten, die der Botschaft des Buches nichts wegnehmen.

Es ist kein spektakuläres Buch, hier werden keine intellektuellen Gipfel bestiegen und keine persönlichen Dramen aufgeführt. Aber das Buch zum Wahlkampf bietet dem interessierten Publikum eine gut lesbare und informative Möglichkeit, einen Blick auf das Gesamtangebot „Annalena BAERBOCK“ zu werfen.
Was erkennbar ist: Hier stellt sich ein anderer Politiker/innen-Typ aus einer neuen Generation mit einer zukunftsbezogenen Agenda zur Wahl. Die angestrebte Gesellschaft, die hier mehr als nur skizziert wird, ist eine ökologische, soziale und solidarische. Und sie erscheint auch wirtschaftlich langfristig gut aufgestellt zu sein (was in der Wirtschaft inzwischen besser verstanden wird als von der konservativen Politik).
Eine Gesellschaft, in der viele von uns sicher gerne leben würden (und vor der wohl kaum jemand Angst haben müsste).

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