„Lieben heißt wollen“ von Holger KUNTZE

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Paartherapeut KUNTZE verfolgt mit seinem Buch eine Mission. Er kämpft für die – oft übersehene oder als langweilig belächelte – Alltagsliebe.
Ich möchte mich zuerst dem – schon etwas ungewöhnlichen – Aufbau des Buches zuwenden, um mich dann in einem zweiten Schritt bestimmten Inhalten zuzuwenden.

Doch vorweg etwas zum Stil des Textes: Der Autor positioniert sich ganz nahe am Leser bzw. an der Leserin, spricht ihn/sie immer wieder direkt an, motiviert und appelliert.
Es ist ein Ratgeber-Buch – und genau so versteht KUNTZE auch seine Rolle. Sprachlich wechselt er zwischen der direkten Ansprache und dem solidarischen „Wir“; zwischendurch übernimmt er dann die Funktion des Informationsvermittlers und Erklärers.

Es überrascht, wenn ein Ratgeber von ca. 230 Seiten die ersten 70 Seiten für Abgrenzungsfragen benutzt. KUNTZE (er)klärt nämlich zunächst die Bedingungen, die für das eigentliche Arbeiten mit diesem Buch vorliegen sollten:
– Der Partner sollte kein Suchtproblem haben, keine Störung der emotionalen Impulskontrolle haben, nicht passiv-aggressiv und kein Narzist sein.
– Die Partner sollten biographische Ausgangslagen bzw. grundlegende Beziehungsziele haben, die grundsätzlich miteinander kompatibel sind.
– Sie sollten miteinander zu vereinbarende Vorstellung von Nähe/Autonomie und Stabilität haben.
Was KUNTZE aber – sozusagen als Motto oder Warnung – über alles stellt: Wer auf der Suche nach der ewigen Verliebtheit ist, den immer neuen rauschhaften Kick sucht und all das mit Hilfe dieses Buches in seine Dauerbeziehung integrieren möchte, der/die braucht erst gar nicht zu beginnen; das Scheitern wäre unvermeidlich.

Im eigentlichen Arbeitsteil des Buches geht es um die Veränderung von Einstellungen, die Bewusstmachung von Zielen bzw. Werten und das Ermutigen zu neuen Verhaltensoptionen. Kurz gesagt: Der Autor will sein Publikum zu kompetenteren Beziehungspartnern machen – was dann wiederum zu einer höheren Zufriedenheit führen soll.
Auf dem Weg dahin werden Teilaspekte von Liebesbeziehungen (Leidenschaft, Gemeinschaft, Freundschaft) besprochen, die verschiedenen Ebenen der Begegnung (Körper, Handlung, Sprache) erklärt, eindrücklich auf die Normalität von Unterschiedlichkeit zwischen den Partnern hingewiesen. In den Abschlusskapiteln geht es um Kommunikation und Sexualität.
Der Autor bietet zu allen relevanten Punkten Übungen an, die insbesondere in Form von Selbstreflexion (als Antwort auf bestimmte Fragen) stattfinden. Immer dann, wenn es um das Finden von verschiedenen Möglichkeiten geht , stellt er eine bemerkenswerte Zahl von Beispiel-Alternativen zur Verfügung.

Dieser Beziehungs-Ratgeber kann vor allem den Paaren Mut machen und sie aktivieren, die sich angesichts ihres unspektakulären Alltags eher auf der Verliererseite fühlen. Beim Lesen dieses Buches muss man sich nicht mit den Traumpaaren aus Hollywood messen. KUNTZE macht die leisen und beständigen Dinge groß: Verlässlichkeit, stabile Zuwendung bzw. Unterstützung und vor allem ein tiefes freundschaftliches Interesse am Wohlergehen und am Wachstum des/der anderen. Der Autor traut sich, Verzicht und Selbstbeschränkung als Tugenden zu benennen und einzufordern. Klingt nicht besonders modern, ist aber sicher nicht verkehrt.

Mir ging – um den wichtigsten Kritikpunkt anzusprechen – die Abgrenzung zwischen „Verliebtheit“ (als Gefühl) und „Liebe“ (als Entscheidung) ein wenig zu weit. Zwischendurch beschlich mich beim Lesen das Gefühl, dass kaum noch zwischen „Beständigkeit“ und „Liebe“ unterschieden wird. Nicht jeder „ruhige Fluss“ ist auch ein Strom der Liebe, und die Sehnsucht nach mehr Intensität ist nicht immer eine naive Illusion in Richtung ewiger Verliebtheit. Da gibt es noch ein paar Zwischentöne…
Der Autor formuliert außerdem manchmal etwas sehr bestimmt. Er liebt Struktur und Klarheit und erweckt hin und wieder den Eindruck, als ob seine Kategorien Wahrheitsrang besäßen. Eine Prise Selbstbescheidenheit könnte da helfen…

Das ändert nichts daran, dass KUNTZE hier einen hilfreichen und sensibel geschriebenen Ratgeber vorlegt, der sich auf eine angenehme Art dem Optimierungswahn widersetzt. Gerade Partnerschaften, die schon „in die Jahre“ gekommen sind, können sich aufgewertet fühlen und finden jede Menge Anregung, die Paar-Zufriedenheit zu vergrößern.

20.04.: GRÜNE liegen vorn!

Es gibt sie also, die erste Umfrage, in der die GRÜNEN deutlich vor der Union liegen.
Es handelt sich um eine gerade bei SPIEGEL-online veröffentlichte Forsa-Blitzbefragung, in der nicht nur ein Vorsprung von 7 Prozentpunkten für die Partei, sondern auch ein extrem positives Stimmungsbild für Baerbock ermittelt wurde: Sie schlägt in dieser Momentaufnahme alle Mitbewerber um Längen.

Das alles darf nicht überbewertet werden, natürlich nicht. Der aktuelle Frust über das peinliche Schauspiel der CDU/CSU wird wieder abflachen. Das Rennen geht erst los und man wird sich jetzt auf die GRÜNEN und ihre Kandidatin einschießen.
Aber: Es ist doch ermutigend, dass zu Beginn des Wahlkampfes der Ausgang absolut offen ist. Eine GRÜNE Kanzlerschaft ist kein abwegiger Traum mehr, sondern eine erreichbare Option.

20.04.: Das GRÜNE Urgestein im Gespräch

SPIEGEL-online veröffentlichte heute ein sog. „Spitzengespräch“ mit Claudia Roth. Sie repräsentiert wohl wie keine andere GRÜNE die Geschichte dieser Partei, insbesondere auch ihre schrille und feministische Seite. Roth war ganz früh dabei, ca. 10 Jahre Bundesvorsitzende, und stellt mit ihrer gefestigten Rolle und ihrer Lebensleistung so etwas wie den Gegenpol zur jungen Senkrechtstarterin Baerbock dar.

Dem SPIEGEL-Journalist Feldenkirchen (inzwischen auch gern gesehener Talkshow-Gast) gelingt es, in einem launigen Gespräch dem Gegenüber sowohl interessante politische Aussagen als auch sehr persönliche bzw. nostalgische Reminiszenzen zu entlocken.

Inhaltlich lässt Roth keinen Zweifel daran, dass sie voll hinter der aktuellen Parteiführung und dem Auswahlverfahren steht. Über die Benennung einer Kandidatin ist sie ohne Zweifel sehr glücklich, lässt es aber an mehrfachem und ausdrücklichem Lob für Habeck nicht mangeln: Habeck sei eben als moderner GRÜNER eine andere Sorte Mann als die Gladiatoren bei der Union.

Ein lohnendes Gespräch mit lebendigen Einblicken in die Frühzeit der GRÜNEN und einen etwas anderen Zeitgeist.
Abzurufen hier

Die erste Talkshow zu Baerbock

Plasberg hatte heute bei „Hart aber Fair“ die Chance, einen historischen Moment der bundesdeutschen Parteigeschichte zeitnah zu begleiten und einzuordnen.
Das Ergebnis: jämmerlich!

Statt sich der von den GRÜNEN ausgehende Einladung zu einem gesellschaftlichen Aufbruch zu widmen, ließ er eine total langweilige und ausufernde Diskussion über Steuererhöhungen vom Stapel, wie wie sie in ähnlicher Form und mit gleichen Argumenten schon viele Male gelaufen ist.

Mein Urteil: Thema verfehlt, Chance vertan!

Kandidaten-Auswahl

Ja, ich hatte mir ursprünglich Robert Habeck gewünscht. Für mich wäre es eine attraktive Perspektive gewesen, einen Intellektuellen (Schriftsteller, Philosophen) im Kanzleramt zu erhoffen.
Aber unter den gegebenen Bedingungen konnten die GRÜNEN wohl nicht anders entscheiden als für eine moderne, junge und sehr kompetente Frau als Gegenpol für zwei etablierte Herren.
Danken muss man der CDU/CSU für die perfekte Darbietung eines Kontrast-Programmes beim Auswahl-Verfahren.

Die Antritts-Rede hat mich inhaltlich und stilistisch überzeugt. Es hat mich auch emotional gepackt, weil ein Hauch von Geschichte zu spüren war, eine Art Mini-Obama-Gefühl. Heute könnte ein Kapitel aufgeschlagen worden sein, das sich prägend auf das ganze kommende Jahrzehnt auswirken könnte.
Das macht Hoffnung!

(Nachbemerkung: Dieser Beitrag ist der Auftakt zu einem neuen Schwerpunkt; weitere Infos hier: „Der GRÜNE Blog„)

„Pubertät ist voll nice – nur blöd, dass wir jetzt die Eltern sind“ von Silke NEUMAYER

Bewertung: 3 von 5.

Nichts spricht dagegen, locker-leichte Bücher über die Tücken des Familienlebens zu schreiben. Humor ist eine bewährte Methode, Dinge zu verarbeiten oder zu ertragen, die man doch nicht ändern kann. Man lacht eben trotzdem – und es fühlt sich dadurch schon ein wenig erträglicher an. Das hat damit zu tun, dass Humor ein wenig Distanz zum Geschehen schafft; Abstand wiederum ist der erste Schritt hin zu einem Gefühl von Kontrolle.

Ohne Zweifel ist die Phase der Pubertät eine der größten Herausforderungen, die das Zusammenleben zweier Generationen zu bieten hat. Das gilt nicht für alle, aber doch für die Mehrzahl der Familien. Somit greift die Kommunikationswissenschaftlerin NEUMAYER, als deren inhaltliche Qualifikation „Fachfrau fürs Leben“ genannt wird, ein dankbares und ergiebiges Thema auf.

Eines leistet dieser Bericht aus dem Innenleben eines Pubertäts-Haushaltes ohne Zweifel: Es nimmt – durch amüsante Übertreibungen und witzige Anekdoten – dem stressigen Thema die verbissene Ernsthaftigkeit. Bekannte Aspekte der Teenager-Jahre (z.B. Stimmungsschwankungen, Unzuverlässigkeit, Risikobereitschaft, Handysucht und Modewahn) werden so zu unvermeidbaren Absurditäten und Verrücktheiten umdefiniert. Die Botschaft „Regt euch nicht auf, da muss man einfach durch!“ Wenn man dann in der Darstellung noch eine Schüppe drauflegt, erscheint die Realität schon fast harmlos. Und tatsächlich – wie ein Beispiel aus einer anderen Familie zeigt – es könnte ja alles noch viel schlimmer sein…

Selbst wenn man sich auf all das einlässt – und nicht mehr erwartet – gibt es doch etwas anzumerken: Es scheint in dieser Familie (die Autorin hat eine 16-jährige Tochter) absolut keine realen Grenzen für jugendliche Bedürfnisse und Vorstellungen zu geben. Ressourcen, vor allem materielle, stehen offenbar unbegrenzt zur Verfügung.
Das entspannt natürlich den ein oder anderen Konfliktbereich.

Wer in diesem Buch als Mutter oder Vater tatsächlich Hinweise oder ernsthafte Anregungen für den schwierigen Weg zwischen Begleitung, Loslassen, Aushalten, Beeinflussen und Begrenzen sucht, wird leer ausgehen. Es gibt dieses Abwägen schlichtweg nicht. Die einzige Ausnahme betrifft die Ambivalenz hinsichtlich der ersten Jungen-Übernachtung; auch diese wurde natürlich überwunden.
Pubertät ist in der Lesart von NEUMAYER eine Art Krankheit, für die es keine Behandlung gibt – schließlich wird ja bekanntermaßen das Gehirn umgebaut. Über Reste von Erziehung nachzudenken, scheint völlig abwegig zu sein. In dem gesamten Buch gibt es ein einziges Beispiel für eine versuchte Grenzsetzung; ansonsten liegt die Macht zu 100 % beim Jugendlichen. Als Rechtfertigung für diese Kapitulation wird abwechselnd die Unabänderlichkeit des Geschehens und die Erinnerung an die eigene Jugend angeführt – wobei unterschlagen wird, dass die eigenen „Eskapaden“ vermutlich gegen einen gewissen Widerstand erkämpft wurden.

Dieses Buch ist kein Ratgeber. Es ist ein amüsant geschriebener Einblick in den Alltag einer gutsituierten und liberalen Mutter, die eine offenbar ziemlich selbstbewusste und durchsetzungsfähige Tochter hat (das ist sicherlich kein Zufall).
So eine Lektüre kann ohne Zweifel gut tun. Der ein oder andere festgefahrene Konflikt kann vielleicht relativiert werden. Auf jeden Fall fühlt man sich in seinem Alltags-Wahnsinn nicht mehr alleine.
Hilfreich ist das Buch sicher für Eltern, die alles ein wenig zu verbissen sehen. Wer sowieso schon aufgegeben hat, fühlt sich möglicherweise in seiner Ohnmacht bestätigt. Ob das so positiv wäre, wage ich zu bezweifeln.

„Rawls in 60 Minuten“ von Walther ZIEGLER

Bewertung: 5 von 5.

Menschen, die sich aus philosophischen oder politischen Gründen für Gerechtigkeitstheorien interessieren, stoßen ziemlich rasch auf den Amerikaner John Rawls. Sein Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ ist eines der einflussreichsten Beiträge zu diesem Thema überhaupt.
Da nicht jede/r bereit ist, solche Grundlagenwerke im Original zu lesen, gibt es sog. Sekundärliteratur, die nicht nur kürzer ist, sondern oft auch Barrieren im Verständnis bzw. in der sprachlichen Zugänglichkeit abbauen. Einen solchen niederschwelligen Einstieg soll dieses Büchlein bieten.

Die geniale Grundidee von Rawls ist schnell beschrieben: Die Rahmenbedingungen für eine gerechte Gesellschaft würden sich dann – sozusagen von selbst – ergeben, wenn sie unter einer bestimmten Bedingung ausgehandelt würden: Die Beteiligten dürften nicht wissen, welche Position sie in dieser Gesellschaft selbst hätten. Dieser „Schleier der Unwissenheit“ würde verbergen, ob sie arm oder reich, gesund oder krank, männlich oder weiblich, usw. wären.
Rawls legt dann in seinem Werk sehr überzeugend dar, welche Regeln bei einem solchen Prozess (höchstwahrscheinlich) herauskommen würden: Man würde die Alternative wählen, in der für die schwächsten Mitglieder am besten gesorgt und nur solche Unterschiede in der Verteilung von Reichtum akzeptiert würden, die auch den Schwächsten zugute kämen.

ZIEGLER gelingt es sehr gut, die Komplexität des Ursprungstextes in einer Weise zu reduzieren, die sowohl ein Grundverständnis ermöglicht, als auch weitergehende Aspekte thematisiert. Indem er auch kritische Einwände auf seine Theorie anspricht, führt er über Darlegungen von Rawls sogar hinaus und fördert die Einordnung in aktuelle politische Diskussionen.

Ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen: Ein wirklich fundierter Diskurs über eine gerechte Gesellschaft ist ohne einen Bezug zu Rawls kaum denkbar – selbst wenn man seine Theorie aus bestimmten Gründen letztlich relativieren oder zurückweisen würde.
Der Text von ZIEGLER bietet einen gut strukturierten und und didaktisch klugen Einstieg. Viel mehr politisches Weltverständnis kann man für die hier aufgewandte Zeit und das investierte Geld (8 € als EBook) kaum erwarten.
Sollte man aus anderen Quellen allerdings schon mit den Grundgedanken von Rawls vertraut sein, dann könnte sich eher der Originaltext lohnen.


„Das Leben ist einfach, wenn du verstehts, warum es so schwierig ist“ von Holger KUNTZE

Bewertung: 5 von 5.

Ein psychologisches Selbsthilfe-Buch zu schreiben, ist immer eine Herausforderung und vor allem eine Gradwanderung: Wie findet man den schmalen Weg zwischen niederschwelliger Ansprache und fachlicher Seriosität?
Um es vorweg zu sagen: KUNTZE ist da tatsächlich so etwas wie ein „großer Wurf“ gelungen.
Aber um ehrlich zu sein: Der Autor hatte es bei mir anfangs nicht ganz leicht, weil ich ich gegenüber einer psychotherapeutischen Qualifikation auf Heilpraktiker-Basis eine gewisse Skepsis habe. Bei der Beurteilung des Buches verlor dieser Aspekt aber rasch an Bedeutung.

Das Buch hat ein klares Ziel: Es soll Menschen bei der Überwindung von Krisen helfen. Der Autor stellt sich auf diese Ausgangssituation in geradezu vorbildlicher Weise ein, indem er – diese Floskel sein erlaubt – die Leser/innen dort abholt, wo sie gerade stehen.
Gefühlt 50% des gesamten Textes bestehen darin, den Leser/die Leserin motivierend einzufangen. Der Mann weiß offensichtlich, welche Hemmschwellen und Vermeidungsstrukturen krisengeschüttelte Menschen haben. Es scheint kaum ein Einwand gegen das aktive Einlassen auf die Anregungen dieses Buches denkbar, der von KUNTZE nicht gesehen, thematisiert und argumentativ entkräftet wird. Es ist ohne Zweifel eine Hauptstärke dieses Autors, die „andere Seite“ (die Bedürftigkeit, die Mutlosigkeit und den Zweifel der Betroffenen) mitzufühlen und mitzudenken.
KUNTZE wirbt unaufhörlich für sein Krisenbewältigungs-Angebot. Er ist ohne Zweifel überzeugt davon, etwas bieten zu können, was Hoffnung und Zuversicht verdient. Er versucht, fast ein persönliches Vertrauensverhältnis zu etablieren; dabei sind ihm – glücklicherweise – Guru-Allüren gänzlich fremd. Basis für das Vertrauen soll sein inhaltliches Konzept sein, für das er sowohl einen fachlich-wissenschaftlichen Hintergrund als auch seinen Erfahrungsschatz als Therapeut in die Waagschale wirft.

Woraus besteht nun das Selbsthilfe-Paket? Ist es ein Wundermittel oder alter Wein in neuen Schläuchen?
KUNTZE bietet einen roten Faden, ein Baukastensystem, das auf einer inneren Logik basiert. Das schafft schonmal eine konzeptionelle Kohärenz; der Autor will keine blinde Gefolgschaft, sondern aufgeklärte Anwender/innen, die Zusammenhänge verstehen.
Schauen wir uns die wichtigsten Bestandteile kurz an:
– Am Anfang steht so etwas wie ein Theorieteil. KUNTZE schafft einen Bezugsrahmen für die später folgenden praktischen Schritte. Im Kern erklärt er auf der Basis von evolutionären bzw. biologischen Prägungen und unter Einbeziehung der Funktionen unseres Gehirns, warum der Mensch konstitutionell dazu neigt, sich so stark auf Gefahren und Bedrohungen zu fixieren. Er macht deutlich, warum der tief verankerte „Gefahrenmodus“ so schlecht dazu geeignet ist, die Heraus- und Überforderungen unseres modernen Lebens zu bewältigen.
Hier reicht es noch aus, dem Autor lesend zu folgen; es ist die Ruhe vor dem Sturm…
– In einem zweiten Teil werden therapeutische Erkenntnisse und Interventionen eingeführt, die Eingang in den Alltag des Fühlens, Denkens und Handelns finden sollen. Hier werden keine esoterischen Heilsbotschaften oder der platte „Everything-goes-Optimismus“ der „Positiven Psychologie“ verkauft. Zurückgegriffen wird auf – locker gemischte – Bausteine, die ihre Herkunft aus modernen verhaltenstherapeutischen Ansätzen und aus den humanistischen Therapien haben.
Spannend und kreativ wird das vor allem dadurch, dass KUNTZE ein Händchen dafür hat, therapeutische Wirkfaktoren derart geschickt in verdauliche Häppchen zu verpacken, dass man kaum merkt, was man alles schon intus hat. So bietet er z.B. mal eben in einem Kästchen zehn Akut-Interventionen an oder verpackt ein weitgehendes kognitives Umsteuern in 20 harmlose Begriffspaare.
Immer geht es darum, Erstarrung und Pessimismus hinter sich zu lassen, Denkblockaden zu lösen und auf die Seite des Tuns, der Aktivität und der Möglichkeiten zu gehen.
– Der letzte Teil des Buches ist dann endgültig ein Arbeits- und Übungsbereich. Hier dient das Lesen nur noch der Vorbereitung des Tuns. Aber KUNTZE wäre nicht KUNTZE, wenn er nicht auch diesen Teil akribisch und liebevoll vorbereitet hätte. Egal, ob es um Abschied, Ressourcen, Dankbarkeit oder Werte geht – es steht immer eine extrem breite Palette von Beispielen und Alternativen zur Auswahl. Hier findet sich wirklich jede/r wieder.

Wo bleibt das Aber?
Es ist nicht zu übersehen: Natürlich ist es ein Selbsthilfe-BUCH! Alles, was hier passiert (und passieren kann) ist über das Medium Sprache vermittelt. Viele (sehr viele) Übungen beinhalten verbale Differenzierungen oder Ausdrucksformen. Man kann es kurz halten: Wem der Umgang mit Sprache nicht vertraut ist oder schwer fällt, der sollte schlichtweg andere Wege der Hilfestellung suchen.
Anzumerken (nicht zu kritisieren!) ist auch, dass der Autor keine störungsspezifischen Hilfen anbietet. Der Gegenstand seiner „Behandlung“ ist nicht eine gestörte (oder gar psychisch kranke) Person, sondern die Bewältigung von Krisensituationen – wie sie jedem Menschen im Laufe des Lebens widerfahren können (und es in der Regel auch tun).
Auch ist richtig , dass das Buch nicht alle sinnvollen und nützlichen psychologischen bzw. therapeutischen Ansätze aufzeigt oder gar nutzt. Ein solcher Anspruch könnte niemand ernsthaft erheben – und das liegt auch KUNTZE fern.

Meine Gesamtbewertung des Buches weist einen – bedeutsamen – Mangel auf: Ich habe es nur gelesen und nicht durchgearbeitet. Eine Wirksamkeit des angebotenen Weges kann ich deshalb weder bestätigen noch in Zweifel ziehen.
Bescheinigen kann ich diesem Buch jedoch einen vorbildlichen Zielgruppen-Bezug und eine sehr angenehme Form der persönlichen Ansprache und Motivierung. Mir erscheint das Vorgehen fachlich plausibel und seriös vermittelt. Es werden keine übertriebenen Erwartungen geweckt und keine Interventionen vorgeschlagen, die zu unerwünschten Nebenwirkungen führen könnten. Angenehm ist auch, dass hier kein „Trainer“ auf Tempo und Konsequenz trimmt. Selbstfürsorge wird groß geschrieben; niemand muss perfekt sein oder werden.
Ein gelungenes Buch, dem ich vielleicht doch einen anderen Titel gewünscht hätte…

„Von der Pflicht“ von Richard David PRECHT

Bewertung: 4.5 von 5.

Es gibt mit Sicherheit reißerische Titel für ein Buch über aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen; es ist geradezu provozierend „altmodisch“ gewählt. Gerade deshalb bietet er eine gute Entscheidungsgrundlage hinsichtlich der Beschäftigung mit diesem Buch.
Wie seit vielen Jahren gewohnt darf sich der Medien-Star unter deutschen Philosophen auch bei diesem Statement der Aufmerksamkeit und des Verkaufserfolges sicher sein. Er braucht daher weder hinsichtlich der Vermarktung noch in Bezug auf den Inhalt große Kompromisse einzugehen. Genau das strahlt diese Publikation auch aus.

Die Covid-Pandemie ist der zentrale Ausgangspunkt für die Betrachtungen über das Verhältnis von Rechten und Pflichten zwischen den beiden „Vertragspartnern“ Bürger und Staat. PRECHT analysiert mit scharfem Blick die Gemengelage zwischen staatlicher Vorsorge und Diktatur-Panik. Vieles davon wurde im Laufe des letzten Jahres schon geschrieben und gesagt, doch der Autor fokussiert auf diesen einen Aspekt: Was darf oder muss der Staat tun und was kann oder muss der Einzelne erwarten, erdulden bzw. beitragen.

Leicht fällt PRECHT dann der Übergang von dem konkreten Pandemie-Geschehen zu einer umfassenden Analyse der zeitgeschichtlichen Trends, die – so einer seiner Grundthesen – aus dem autoritätshörigen Untertan eine Art „Kunden“ gemacht hat, der den Staat als einen Dienstleister betrachtet, dem gegenüber er keinerlei Verpflichtungen spürt bzw. akzeptiert.

PRECHT wäre nicht PRECHT, wenn seine Durchdringung der Thematik nicht eine Zusammenschau von historischen, wirtschaftlichen, juristischen und philosophischen Aspekten böte. Dabei bleibt er durchaus nicht auf der gefälligen und leicht verdaulichen Oberfläche; er mutet seinen Leser/innen vielmehr einigen Tiefgang zu.
Immer wieder lauern in dem Text pointierte Formulierungen, denen Gewicht und Erkenntnisinhalt man sich erst durch kurzes Innehalten bewusst machen muss; bei einem kurzen Querlesen (oder -hören) würde solche Köstlichkeiten verloren gehen.

Die meisten Käufer/innen dieses Buches werden soweit vorinformiert sein, dass Sie schon vorher wissen, was PRECHT am Ende vorschlägt. Seine Idee, durch zwei „Pflichtjahre“ (nach Ausbildung bzw. beim Renteneintritt) das Verhältnis von staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten wieder auf eine gedeihlichere Grundlage zu stellen, trägt er nicht zum ersten Mal vor.
Aber er legt nach: Nicht nur durch die vorangehende Analyse der Ausgangslage (s.o.), sondern auch durch eine konkretere Ausgestaltung dieses „Dienstes am Gemeinwohl“ und eine ausführliche Auseinandersetzung mit möglichen Kritikpunkten bzw. Einwänden.
Er argumentiert dabei weder besserwisserisch noch ideologisch – und lädt die Gegner seines Modells ausdrücklich ein, sich Gedanken über eine „bessere“ Alternative zu machen.

Wer sollte dieses Buch lesen (hören) und wem reicht vielleicht die Quintessenz aus Rezensionen, YouTube-Beiträgen und Talkshow-Auftritten?
Ich schlage zwei Kriterien vor: Wie groß ist das Interesse an einer vertiefenden und eingebetteten Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen? Welches Vergnügen empfindet man dabei, knackige und originelle Formulierungen serviert zu bekommen – selbst wenn die Inhalte nicht völlig neu sein sollten?

Das Hörbuch wird vom Autor selbst vorgelesen. Das ist angenehm und hat keinen Nachteil gegenüber einer Produktion mit einem professionellen Sprecher. Da PRECHT seinen Text – vielleicht weil er ihn so gut kennt – recht schnell liest, empfehle ich eine leichte Reduzierung der Wiedergabegeschwindigkeit (auf ca. 80-95%). Das hat dann auch den Vorteil, dass man nicht schon nach 03:06 Stunden durch ist…

Warum ich jetzt ein GRÜNER bin

Ich bin zum ersten mal in meinem Leben Mitglied einer Partei.
Das bedarf einer kurzen Begründung. Warum jetzt noch, in dieser eher fortgeschrittenen Lebensphase?
Politisch interessiert und (ganz gut) informiert war ich mein gesamtes erwachsenes Leben. Mit einem nächsten Schritt, des Bekenntnisses, der Zugehörigkeit oder des aktiven Engagements habe ich mich immer schwer getan. Es gab ja immer irgendetwas, was dagegen sprach. Neben den Allroundern (Zeit, Geld, Bequemlichkeit) spielte sicher auch die Frage eine Rolle, in welchem Umfang ich mich denn von einer bestimmten Gruppierung tatsächlich vertreten fühlte. Gerade in diesem Punkt bin ich mir im Moment sehr sicher.
Doch der Reihe nach:

  1. Klima und Nachhaltigkeit
    Der Schutz von Umwelt und Klima ist für mich seit einiger Zeit das zentrale Thema.
    Die Nachdrücklichkeit, wie die GRÜNEN diese Zielsetzungen verfolgen hebt sie von allen anderen Parteien deutlich ab. Die Kritik an einem „zu wenig radikalen“ Kurs halte ich für unberechtigt, solange die Forderungen deutlich über das hinausgehen, was in irgendwelchen Koalitionen umsetzbar wäre.
  2. Gesellschaftspolitische Ziele
    Mir sind die Vorstellungen von einer solidarischen und gemeinwohlorientierten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sehr sympathisch. Auch mit dem neuen Wahlprogramm verbinde ich das Gefühl, dass ich in einer solchen Gesellschaft gerne leben würde.
  3. Politikstil / Parteiführung
    Ich finde es sehr angenehm und vertrauensbildend, dass das Führungsduo Baerbock/Habeck eine politische und kommunikative Kultur vorlebt, die im Einklang mit den gesellschaftlichen Zielen liegt. Es ist für mich ein Gegenprogramm zum ideologischen Eifer oder zur Ellbogenkonkurrenz.
  4. Außenpolitik/Europa
    Die GRÜNEN verfolgen aus meiner Sicht alle für mich wichtigen Ziele. Europäische Themen haben für sie eine hohe Wertigkeit; sie vertreten einen verantwortungsvollen Umgang mit globalen Fragestellungen (einschließlich Abrüstung und ziviler Sicherheitspolitik).

Insgesamt ist es wohl der „werteorientierte Pragmatismus“ der aktuellen Parteilinie, der mich zunehmend überzeugt hat. Ich sehe das echte Bemühen, einen Aufbruch zu wagen, der einen großen Teil von wohlmeinenden und aufgeklärten Menschen mitnehmen kann und will.

Und die Kröten?
Erstaunlich wenige! Ein paar Gender- und Antidiskriminierungsinitiativen gehen mir persönlich zu weit. Manchmal sehe ich die Gefahr, dass vor lauter Minderheitenschutz die brave und leise Mehrheitsgesellschaft ein wenig aus dem Blick gerät.
Aber auch das sehe ich bei der aktuellen Parteiführung in guten Händen.

Warum sollte ich also einer Partei, mit der ich so viel Übereinstimmung empfinde, nicht beitreten?

Mein Ziel für die Bundestagswahl: Lasst uns aus „Schwarz/Grün“ „Grün/Schwarz“ machen (oder eine andere von den GRÜNEN geführte Koalition)!