„Morgenstern“ von Karl Ove KNAUSGÅRD

Bewertung: 3 von 5.

Wenn man es mal ganz unverblümt benennen wollte: In gewisser Weise ist dieser Roman eine groß angelegte Täuschung!
In der ersten Hälfte suggeriert der Autor der potenziellen Leserschaft, dass es um eine psychologisch tiefgründige Analyse einiger Protagonisten geht, die in ihren Lebenskonstellationen (als Journalisten, Krankenschwester oder Pfarrerin) mit verschiedenen existentiellen Herausforderungen beschäftigt sind und dabei in mehr oder weniger große Widersprüche geraten. Dabei geht es sowohl um innere psychische, als auch um beziehungsbezogene Spannungen und Konflikte.
Im weiteren Verlauf verlässt der Autor – sozusagen schleichend – die Ebene von Handlungen und Erzählsträngen und wendet sich immer stärker der mikroskopischen Feinanalyse einzelner Situationen, den innerpsychischen Prozessen (einschließlich längerer abstrakter, u.a. religiöser Reflexionen) und schließlich auch (in sich abgeschlossenen) Traumepisoden zu. Zuletzt löst sich die Romanstruktur fast vollständig auf und führt zu einem längeren Traktat über die Beschaffenheit des Todes (wobei der Zusammenhang mit der „Handlung“ völlig aufgegeben wird).
Natürlich sucht man als Leser/in nach einer Verbindung zwischen dem allen. Man findet sie in dem Thema „Tod“.

Der Autor ist ein tiefgründiger Mensch, der auf der einen Seite ganz tief im christlichen Glauben verankert ist; gleichzeitig erlebt er sich als einen aufgeklärten, wissenschaftsaffinen und genussorientierten Menschen, dem rationales Denken und Argumentieren keineswegs fremd ist. Dieses Spannungsfeld stellt letztlich den Hintergrund für dieses insgesamt recht sperrige und inhomogene Buch dar.

Während der Autor einerseits durch sein durchaus differenziert und brüchig gezeichneten Figuren deutlich macht, dass er (so springt es einen zumindest an) ein passionierter Raucher, dem Alkohol zugetan und an Sex auch nicht gerade desinteressiert ist – zeigt er auf der anderen Seite sein tiefes Bedürfnis, das Mysterium des Todes so lange zu ergründen, bis da doch ein Licht am Horizont zu leuchten scheint. Es rührt einen geradezu an, mit welcher intellektuellen Energie und Akribie KNAUSGÅRD philosophische, religiöse und historische Quellen und Orte ausleuchtet – immer auf der Such nach der kleinen Lücke, die ihm die Chance gibt, sich dem rational erkannten biologischen Gegebenheiten doch noch irgendwie zu entwinden.
Man könnte also sagen: Der Tod ist das Lebensthema des Autors und seine emotionale Weigerung, die eigene (irgendwie ja auch als zwangsläufig erkannte) Endlichkeit wirklich zu akzeptieren, ist offenbar die zentrale Triebfeder seines Schaffens.

Noch ein Wort zum Titel des Buches: Der Morgenstern, der sich als unerklärbares astronomisches Phänomen in Alltagsleben der Protagonisten schiebt, ist für den Autor insgesamt ein religiöses Symbol für einen Neubeginn oder Übergang in ein anderes Zeitalter. Auch ein paar andere ungewöhnliche Phänomene sind Zeichen dafür, dass sich Gewissheiten und Naturgesetzlichkeiten auflösen. Da passt es doch auch irgendwie, dass sich auch dieser Roman und seine Handlungen immer weiter zerbröseln…
Man kann das Ganze natürlich als eine raffiniert angelegtes literarisches Kunstgebilde ansehen, mit der der Autor kreativ und mutig die üblichen Grenzen einer Romanerzählung sprengt. Man kann allerdings auch mit einigem Recht irritiert sein, wie hier eine Erzählung sehr lebendig und lebensnah startet und in sehr subjektiven philosophischen und religiösen Betrachtungen endet.

Zu empfehlen ist es das Buch wohl nur Menschen, die eine Offenheit gegenüber tiefgründigen anthropologischen und religiösen Betrachtung haben und vielleicht auch selbst von dem Bedürfnis getrieben werden, dem rational-naturalistischen Weltbild etwas entgegenzusetzen, was den eigenen, allzu menschlichen, emotionalen Bedürfnissen mehr schmeichelt.
Der Versuch, sozusagen mit den Mitteln von Wissen, Logik und Vernunft die Vorstellung vom „ewigen Weiterleben“ doch noch hoffähig zu machen, kann auch in diesem Buch nicht überzeugen.

„Was Männer kosten“ von Boris von HEESEN

Bewertung: 3 von 5.

Die Zutaten: Ein spannendes, gesellschaftlich relevantes Thema, ein peppiger Zugang, ein extrem engagierter Autor, eine bewundernswerte Gründlichkeit im Ausloten des Themas und in der zugehörigen Recherche. Was will man (Mann) mehr?

Es war eine einzigartige Leseerfahrung, die letztlich auch meine Gesamthaltung zu diesem Buch geprägt hat: Während ich all die unglaublich vielen Fakten und Daten zur Kenntnis nahm, mir das aus jedem Abschnitt heraustönende persönliche Lebensthema des Autors bewusst wurde – wartete ich doch die ganze Zeit auf die eine entscheidende Stelle.
Doch genau die fehlte!

Von HEESEN ist – ich darf das mal so salopp sagen – eine Mischung zwischen „Hardcore-Feminist“ und „Männerbefreiungs-Aktivist“.
Wie das zusammenpasst? Ganz einfach: Der Autor ist (felsenfest) davon überzeugt, dass es ein gemeinsamer Feind ist, der das Leben, die Selbstentfaltung und das Glück beider Geschlechter massiv einschränkt. Es ist das Patriachat!
Dieser Begriff wird in diesem Buch (gefühlt) beinahe genauso häufig benutzt wie das Wort „und“. Hinter diesem Begriff stehen all die (historisch gewachsenen) Machtstrukturen, all die gesellschaftlichen Zwänge, die verhindern, dass Menschen ihre Persönlichkeit und Potentiale unabhängig von ihrem Geschlecht entfalten können. Sie erreichen das durch ein ganzes Arsenal von Privilegien, Normen, Rollenstereotypien, Zuschreibungen, Erwartungen, Beschränkungen usw.

Holen wir kurz Luft und kommen mal zum Titel des Buches.
Der kreative Clou des Buches ist eindeutig die Sache mit dem Geld. In einer geradezu zwanghaft anmutenden Gründlichkeit spürt der Autor den Mehrkosten nach, die wir alle tragen müssen, weil es Männer gibt.
Halt! Das stimmt natürlich nicht. Diese Kosten (irgendwas über 60 Milliarden pro Jahr) entstehen, weil wir (noch) diese Männer habe: Männer, die ihre vom Patriachat geprägte (überwiegend „toxische“) Männlichkeit darin ausleben, dass sie mehr Gewalt ausüben, häufiger kriminell werden, häufiger Unfälle verursachen, sich häufiger suizidieren, weniger auf ihr Gesundheit achten, mehr Alkohol trinken usw.
Sie richten damit nicht nur direkt messbaren (volkswirtschaftlichen) Schaden an, sondern auch jede Menge Belastung und Leid bei Mitmenschen und in der Gesellschaft allgemein.
Der Autor legt aus den verschiedenen Bereichen zahlreiche Statistiken vor, aus denen er die Diskrepanz zwischen männlichen und weiblichen Kosten ermittelt (z.B. für Gefängnisaufenthalte).

Zwar ist von HEESEN von Herzen Feminist und sieht in den (typsich?) weiblichen Anteilen eher eine lebenswerte Zukunft; er setzt sich aber mit ähnlicher Vehemenz auch für die Interessen seiner Geschlechtsgenossen ein – egal ob sie unter Berufsstress leiden, keine erfüllenden Beziehungen zu ihren Kindern haben oder selbst das Opfer von Beziehungsgewalt werden.
Das wird insbesondere im zweiten Teil des Buches deutlich, in dem es nicht mehr um Statistiken geht, sondern um die gesellschaftlichen Stellschrauben, die bisher das ganze System am Laufen halten – und die somit dem Patriachat potentiell die Luft abdrehen könnten: Erziehung, Arbeitswelt, Medien, Kultur usw. Der Autor macht sehr konkrete Vorschläge, welche Strukturen und Institutionen notwendig wären, den notwendigen Umschwung einzuleiten (z.B. durch verschiedenste Beratungsangebote).
Ganz sicher ist der Autor übrigens, dass die Männerwelt relativ rasch erkennen würde, dass ihr Privilegienverlust mehr als ausgeglichen würde durch die Befreiung aus dem Druck der männlichen Rollenerwartungen und den dazugewonnenen Verhaltensoptionen.

Und? Haben Sie etwas vermisst?
Ich auch!
Für mich war es beim besten Willen nicht vorstellbar, dass so ein Buch geschrieben werden könnte, ohne dass die Frage der biologischen (Mit-)Prägung von Männlichkeit überhaupt gestellt würde!
Nicht überrascht hätte mich ein Kapitel, in dem „biologistische“ Erklärungsansätze zurückgewiesen oder relativiert worden wären. Man hätte z.B. Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dem Testosteron-Spiegel und der Risikobereitschaft junger Männer ja z.B. methodisch hinterfragen können. Man hätte überhaupt alle Experimente, die nach biologischen Einflussfaktoren suchen, als ideologiegesteuerte Rückzugsgefechte des Patriachats geißeln können.
Aber wie bitte kommt man auf die Idee, bei einem Buch über die „Kosten der Männlichkeit“ die biologische Variable schlicht zu ignorieren – sie also noch nicht mal zurückzuweisen!? Wie total muss man in der Blase der monokausalen Weltsicht (in der Geschlecht ausschließlich etwas Zugeschriebenes ist) gefangen sein, um das hinzukriegen?

Noch einmal: Von HEESEN hat ein echt anregendes, extrem faktenreiches und über weite Teile zukunftsweisendes Buch geschrieben. Die meisten seiner Visionen und Vorschläge in Richtung Geschlechtergerechtigkeit sind für fortschrittlich geprägte Menschen sicher unterstützenswert (einige vielleicht eher utopisch).
Um so ein umfangreiches Projekt zu schultern, braucht es eine Riesenportion Energie und Durchhaltevermögen. Man spürt diesem Text an, dass hier jemand all seine Überzeugungen und Werte für sein Lebensthema mobilisiert hat – mit eindeutigem Ziel und einem klar definierten Gegner.
Etwas weniger Überengagement und Kampfesgeist hätte dem Buch wohl gutgetan. Es wäre weniger redundant und ein bisschen differenzierter geworden. Vielleicht hätte es damit noch ein paar mehr Menschen erreicht.

„Der fröhliche Nihilist“ von Wendy SYFRET

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein ungewöhnliches Buch, das durch seine Heterogenität überrascht!
Es ist eine philosophische Betrachtung, enthält sehr subjektive Lebensweisheiten bzw. Erfahrungen und spiegelt das Lebensgefühl einer bestimmter (progressiven) kulturellen Szene.
Diese Mischung macht dieses Buch faszinierend und manchmal auch etwas anstrengend, weil die Blickwinkel oft sehr plötzlich und radikal gewechselt werden. Aber langweilig ist es ganz sicher nicht.

Die australische Autorin geht von der zentralen These aus, dass es zwei Sorten von Nihilismus gibt. Und ein bisschen ist sie wohl auch der Meinung, dass dies ihre ganz eigene Erkenntnis ist, die sie zur Grundlage dieses Buches gemacht hat.

Der Nihilismus selbst wird zunächst einmal als Lebenseinstellung definiert, in der kein Platz für vorgegebene, objektive, höhere, allgemeingültige Sinngebungen ist. Es werden also alle Systeme, Theorien oder Offenbarungen in Frage gestellt, die dem menschlichen Leben eine übergeordnete Bedeutung, ein Ziel oder eine Bestimmung zusprechen.
Anders ausgedrückt: Ein Nihilist akzeptiert die vermeintlich erschütternde Tatsache, das sowohl das Leben allgemein als auch das jeweils individuelle Sein letztlich ein kosmisches Zufallsprodukt darstellen. Aus dieser Perspektive ist letztlich alles menschliche Streben nach Reichtum, Ruhm, Ehre, Moral usw. sinn- und bedeutungslos und wird wird sowieso nach spätestens zwei bis drei Generationen im ewigen Vergessen aufgehen.

Diese nihilistische Weltsicht führt – so SYFRET – normalerweise zu einem zynischen, egoistischen und menschenfeindlichen Verhalten: „Wenn schon mein eigenes Leben keine weitergehende Bedeutung hat, warum dann nicht alles ohne Rücksicht auf andere mitnehmen was möglich ist?“ Diese finstere Form des Nihilismus wird von der Autorin abgelehnt und sie führt Beispiele an, wohin diese Haltung in totalitären Systemen und einem ungesteuerten Turbo-Kapitalismus geführt haben.

An diese Stelle setzt die Autorin einen menschenfreundlichen („fröhlichen“) Nihilismus, der die Abwesenheit von übergeordneten Sinngebungen (ebenfalls) als persönliche Freiheit versteht – allerdings als eine Freiheit, die nicht zur rücksichtslosen Ausbeutung von Natur und anderen Menschen führt, sondern den Druck nimmt, bestimmten vorgefertigten Sinnzielen nachzujagen. Wenn Reichtum, Karriere, religiöse Pflichterfüllung und ähnliche Ziele relativiert werden, kann ich mein Leben auf die kleinen alltäglichen Freuden und Erfahrungen richten, die auf solche großen Bedeutungszuschreibungen gar nicht angewiesen sind.
Am Bei spiel des „Romantischen Liebesideals“ hieße das, sich von den (totalitären) Normen und (unrealistischen) Erwartungen zu befreien und stattdessen die kleinen Genüsse von Nähe und Begegnung einfach stressfrei zu genießen und dann auch nicht am Boden zerstört zu sein, wenn die gute Zeit zu Ende ist.

Gerichtet ist das Buch eindeutig an ein jüngeres Publikum, das die Autorin auch sonst als Bloggerin und Medienschaffende anspricht. Sie scheut sich nicht, auch zuspitzend und provokativ zu formulieren. Hier wird kein ausgewogenes Sachbuch präsentiert, sondern ein bewusst persönlich gehaltenes Statement.

Letztlich ist es wohl Ansichtssache (man könnte über Definitionen streiten), ob man in der Lebenseinstellung der Autorin nicht auch eine Sinngebung findet – nur eben eine persönliche Variante außerhalb der großen allgemeingültigen Vorgaben. Sympathisch und anregend wirkt das Plädoyer auf jeden Fall – eben auch die die sehr individuelle und kreative Verbindung ganz unterschiedlicher Quellen und Gedanken. Die meisten Leser/innen müssten wohl zugestehen, dass sie diese Querverbindungen nicht ohne Weiteres selbst entdeckt hätten.

„Influencer“ – von Ole NYMOEN und Wolfgang M. SCHMITT

Bewertung: 4 von 5.

Der Charakter dieses Buch ist zeigt sich spätestens beim Untertitel. Wer über das populäre Phänomen der Influencer unter der Perspektive “Die Ideologie der Werbekörper” schreibt, hat offenbar anderes im Sinn, als eine locker leicht geschriebene journalistische Betrachtung.

Der vorliegende Text unterscheidet sich also diametral von der Sorte populärwissenschaftlicher, mainstream-affiner Aufklärung, wie sie in den letzten Jahren zum Sachbuch-Standard geworden ist. Stattdessen fühlt man sich ein wenig zurückversetzt in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen es normal war, gesellschaftliche Phänomene aus einer kapitalismus- bzw. systemkritischen Perspektive zu betrachten und sich dabei vor einer Nähe zu marxistischem Vokabular nicht zu scheuen.
Wer sich also vor einem typisch linksorientierten Soziologensprech geradezu ekelt, sollte dieses Buch erst gar nicht in die Hand nehmen.

Für alle, die sich trotzdem diesem Buch widmen, wird eine Menge geboten. Die Autoren betrachten das Phänomen Influencer und das gesellschaftliche Umfeld, in denen sie sich bewegen, mit analytischer Sorgfalt. Dabei setzen sie keineswegs voraus, dass man sich als Leser oder Leserin in dieser Verzweigung des Internets schon auskennt. Im Gegenteil: Sie sparen nicht an Beispielen für typische Themen, Genres und Inszenierungsformen. 
Informativ wäre daher dieses Buch selbst für Interessenten, die weniger an der kritischen Einordnung, sondern einfach nur an der Vielfalt der Erscheinungsformen interessiert sind. 

In insgesamt zehn Kapiteln stellen die Autoren verschiedene Aspekte bzw. Themenbereiche dar, die zusammen ein konsistentes Bild der schönen neuen Influencer-Werbe-Welt zeichnen. Dabei spielen natürlich der Körper-Kult (Schönheit und Fitness) oder die geradezu fanatische Konsumorientierung der Web-Stars eine Rolle. Angeschaut werden aber auch die Verfestigung traditioneller Geschlechterrollen und die Tendenz, auch vermeintlich relevante Themen (Nachhaltigkeit) konsequent zu kommerzialisieren, also für die eigene Popularitätssteigerung zu nutzen.

Ein besonderes Augenmerk erhält auch die Faszination, die die oft extrem steilen Karrieren der Influencer (muss man das eigentlich gendern?) auf junge Menschen ausüben: In einer Zeit, in der ein finanzieller Aufstieg durch “normale” Arbeit immer unrealistischer erscheint, bietet die Selbstvermarktung im Netz einen (letzten?) Ausweg: Mit dem richtigen Trend zum richtigen Moment kann man es (ohne Plackerei oder Startkapital) von ganz unten nach ganz oben schaffen.
Aber auch hier tragen die Autoren zu einer Desillusionierung bei: Die besten Plätze sind inzwischen von einer Art Influencer-Elite besetzt, die ihr Terrain wirkungsvoll verteidigt.

Um es nochmal zu sagen: An keiner Stelle unterscheiden die Autoren zwischen einer sachorientierten, neutralen Darstellung all dieser Phänomene und einer ideologiekritischen Einordnung. Die Bedeutung der herausgearbeiteten Fakten und Zusammenhänge für die kapitalistische Wirtschaftsdynamik ist integraler Bestandteil der Darlegung.
Wen das stört, ist hier verkehrt. Wer so etwas sucht, liegt hier goldrichtig. Für die Menschen dazwischen könnte es sich sehr lohnen, sich einmal auf diese Perspektive und damit auf ein äußerst informatives und aufklärendes Buch einzulassen.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man beim Begriff “kapitalistisch” nicht gleich einen Schluckauf bekommt.

„Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein“ von Armin FALK

Bewertung: 4 von 5.

Über das moralische Verhalten von Menschen wird in verschiedenen Disziplinen nachgedacht bzw. geforscht. Das Nachdenken hat sich vor allem die Philosophie auf die Fahnen geschrieben, die experimentellen Forschungen wurden traditionell vor allem in der Sozialpsychologie betrieben. Die eher aus den letzten Jahrzehnten stammenden Beiträge der Verhaltensökonomen (oder Wirtschaftswissenschaftler) erweiterten die Perspektiven und Fragestellungen noch einmal deutlich.

Das vorliegende Buch des Ökonomen FALK kann als eine gut lesbare Einführung in den Themenbereich und eine fundierte Übersicht über den empirischen Erkenntnisstand betrachtet werden. Ihm ist es gelungen, einen weiten und anregenden Bogen zu spannen zwischen manchmal etwas drögen Versuchsanordnungen und der gesellschaftsrelevanten Frage, wie wir alle es schaffen könnten, unser Handeln weniger egoistisch und stärker an den Interessen der Mitmenschen und des Gemeinwohls auszurichten.

Woran man sich als erstes gewöhnen muss: Die Zunft der Wirtschaftswissenschaftler neigt extrem stark dazu, moralische (altruistische, empathische) Einstellungen und Entscheidungen in Euro zu messen. Das klingt vielleicht im ersten Moment etwas abstrus, ist aber durchaus ernst gemeint: Finanzielle Erwägungen bilden ein für alle (Versuchspersonen, Forscher, Öffentlichkeit) nachvollziehbares und extrem gut handhabbares Kriterium dafür, wie selbstbezogen bzw. sozial Menschen unter bestimmten kontrollierten (also experimentellen) Bedingungen entscheiden. Wie teilen sie einen geschenkten Geldbetrag auf? Wieviel Euro ist ihnen das Leben eines Versuchstieres wert? Wie beeinflussen Vorinformationen die Spendenbereitschaft für Notleidende? Wie (finanziell) fair handle ich unter der Bedingung, dass ich selbst nicht auf die Fairness meines Gegenübers angewiesen bin?

Die Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen steht im Mittelpunkt dieses flüssig geschriebenen pupulärwissenschaftlichen Buches. Das wird manche enttäuschen, die sich unter dem Begriff „guter Mensch“ eher sehr prinzipielle und abstrakt-philosophische Grundsätze vorstellen. Doch die Verhaltensökonomie mag das Pragmatische und nähert sich so eher den Fragen der Alltagsmoral.
Mit seinen gesellschaftlichen Bezügen zu den großen Herausforderungen der Gegenwart (z.B. des Klimawandels) sorgt FALK dafür, dass es an Relevanz seiner Betrachtungen nicht mangelt. Wenn er z.B. herausarbeitet, dass moralisches Handeln wahrscheinlicher wird, wenn es unter der Bedingung der Gegenseitigkeit (Reziprozität) stattfindet, das eigene Tun von anderen beobachtet wird und als Ausdruck einer gemeinsam getragenen Gruppennorm erlebt wird, dann – so fordert es der Autor auch eindeutig – sollte die Gesellschaft eben dafür sorgen, dass diese Bedingungen auch geschaffen werden.

Mit diesem Plädoyer für ein gesellschaftliches Regelwerk, das eben nicht das egoistische, sondern das gemeinwohlorientierte Tun attraktiv macht, verlässt FALK endgültig den wissenschaftlichen Elfenbeinturm und mischt sich politisch ein. In diesem Sinne stellt die Verhaltensökonomie den Werkzeugkoffer bereit, in dem sich Politiker im Interesse aller bedienen könnten (wenn sie nicht vor den vermeintlichen „Freiheitskämpfern“ zurückschrecken würden, die in jeder gesellschaftlichen Lenkung eine fiese ideologische Manipulation wittern – um dann diese Manipulation ohne Zögern dem „freien Markt“ zu überlassen).

Insgesamt handelt es sich um ein anregendes Buch zu einem hochaktuellen Thema. Denn ohne den Abbau des kurzsichtigen Egoismus werden die Menschheitsprobleme ganz sicher ungelöst bleiben.
Am Ende des Buches hat man dann auch weitgehend vergessen, dass man anfangs doch die ein oder andere Versuchsanordnung als ein wenig zu banal empfunden hat. Vielleicht sollten die Sozialpsychologien den Wirtschaftswissenschaftlern das Erforschen der Moral doch nicht ganz überlassen…

„Wie wir die Welt sehen“ von Ronja von WURMB-SEIBEL

Bewertung: 2.5 von 5.

Manchmal ist es ein weiter Weg von einem gut gemeinten Buch zu einem guten Buch.

Die Autorin legt ein Buch zum Thema „Positiver Journalismus“ vor. Sie macht eindringlich deutlich, wie weitreichend die Auswirkungen einer einseitig problemorientierten Berichterstattung auf die Wahrnehmung der Welt und auf die persönliche psychische Befindlichkeit der Nachrichten-Konsumenten ist.

Die Autorin bringt sich mit ihrer persönlichen Biografie ein: Man lernt ihre privaten und beruflichen Entwicklungsschritte kennen und kann so nachvollziehen, wie engagiert sie sich in verschiedene Bereichen selbst eingebracht hat (u.a. auch in Afghanistan).
Natürlich werden auch psychologische Befunde berücksichtigt (z.B. die starke Fixierung des Menschen auf negative Informationen bzw. auf drohende Gefahren).

WURM-SEIBEL arbeitet mit konkreten Beispielen: Sie erläutert u.a. an den allseits bekannten großen Krisen und Herausforderungen der Gegenwart, wie belastend und zermürbend die Konfrontation mit einer endlosen Kette von Katastrophenmeldungen für das emotionale System der Menschen sein kann, die sich vor dem Tsunami der Nachrichtenflut nicht wirkungsvoll abgrenzen können.

Aber die Autorin betrachtet das Thema auch von der anderen Seite: Sie beschreibt – ebenfalls anhand zahlreicher Beispiele – die Auswirkung auf das Engagement und das aktive Tun. Sie ist überzeugt: Probleme ohne Lösungsperspektiven oder gute Beispiele machen mutlos und passiv, führen zu Resignation oder zur Gleichgültigkeit.

Alles klingt irgendwie sympathisch, wohlmeinend, fortschrittlich. und menschenfreundlich. Man mag der Autorin kaum einmal vehement widersprechen.
Und trotzdem: Es entschuldigt nicht dieses unfassbare Ausmaß an Redundanz!
Ich konnte nur mit Mühe der Versuchung widerstehen, das Buch ein zweites Mal zu hören und wirklich einmal mitzuzählen, wie oft die Grundaussage („Man sollte nicht nur negative Informationen über ein Problem, sondern auch mögliche Lösungen vermitteln“) ausgesprochen (aufgeschrieben) wird – es wir in die Hunderte gehen…
Das Problem scheint mir zu sein: Die Autorin ist in einer bestimmten Art überengagiert; sie hat ganz offensichtlich die kritische Distanz zu ihrem eigenen Feldzug gegen die „bösen“ Negativ-Nachrichten verloren. Und sie ist – was eigentlich noch ärgerlicher ist – von niemandem aufgehalten worden (obwohl es in einem Verlag dafür zuständige Menschen gäbe).

Es mag sein, dass der Umstand, dass ich das Buch von der Autorin vorgelesen bekam, meine Wahrnehmung bzw. Bewertung noch ein wenig verschärft hat; ebenso könnte es eine Rolle spielen, dass es nicht mein erstes Buch zu diesem Thema war.
Doch bei allen mildernden Umständen: Der Weg von einem gut gemeinten Buch zu einem guten Buch war in diesem Fall ein wenig zu weit…

„Stumme Erde“ von Dave GOULSON

Bewertung: 3.5 von 5.

Es gäbe wohl drei Motive, aus denen heraus das Lesen dieses Buches verständlich wäre.

Einmal könnte man ein Mensch sein, der einen unbändigen Wissensdurst bzgl. des Themas „Insekten“ hat. Man könnte sich dafür interessieren, welche unglaubliche Arten- und Formenvielfalt diese Gattung von Lebewesen hervorgebracht hat, wie zentral ihre Rolle in dem komplexen biologischen System unseres Planeten ist und wie groß ihre Bedrohung durch das Artensterben (und dessen Auswirkung auch auf uns) bereits geworden ist – z.B. durch die fehlenden Bestäubungsleistungen der Bienen und ihrer Mitarbieter/innen.
Wenn man so jemand ist, kann man auf der Woge des Detailwissens von GOULSON schwelgen in den feinsten Verästelungen dieser Lebensformen und sich durch die abwegigsten Spielarten faszinieren lassen. Gleichzeitig werden auch die Risken in einer beeindruckenden Informationstiefe dargestellt (z,B. in einem Exkurs über die Geschichte der Entwicklung von Dünger und Pestiziden).

Wenn das Interesse an Ökologie und Nachhaltigkeit etwas allgemeinerer Natur sein sollte, kommt man als Leser/in auch auf seine Kosten: Der Autor wird nicht müde, immer wieder die Verbindungen zu den großen Problemen der Naturzerstörung zu beschreiben: Klimawandel, Bodenerosion, Zerstörung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere usw.
Gerade im zweiten Teil des Buches werden sowohl die Problembeschreibung, als auch die Lösungsansätze immer allgemeiner, so dass stellenweise die Insekten nur noch als ein Beispiel für die viel grundsätzlicheren Fehlentwicklungen dienen. Natürlich werden die meisten Argumente mit entsprechenden Studien hinterlegt.
Automatisch gibt es hier zahlreiche Überschneidungen mit Aussagen, die in vielen anderen Nachhaltigkeits-Büchern schon getätigt wurden.

Ein drittes Motiv könnte ein eher personenbezogenes sein: Man könnte mit Interesse und Sympathie verfolgen, wie ein ganzes Wissenschaftler-Leben erfüllt ist von der Liebe zur Natur und mit dem Kampf gegen die Dummheit, Ignoranz oder Verantwortungslosigkeit der Spezies Mensch. GOULSON stellt auch seine persönliche Entwicklung vor, in der er von einem (vermutlich etwas nerdigen und schrulligen) Fachwissenschaftler zu einem Kämpfer für die Rettung der biologischen Vielfalt geworden ist.
Leider muss man ihm auch bei der frustrierenden Erfahrung zuschauen, dass all seine Bemühungen um Aufklärung und Aufrüttelung (durch Bücher und Vorträge) meist nur die bereits Interessierten erreichen. Deshalb schlägt er z.B. vor, das ganze Schulwesen darauf hin auszurichten, dass Kinder früh in intensiven Kontakt zur Natur kommen.
Aber er ist auch kein unpolitischer Scheuklappen-Wissenschaftler: Aus seiner britischen Perspektiv sieht neidvoll auf Erstarkung der GRÜNEN in unserem Land.

Was sagen diese drei Perspektiven jetzt über das Buch insgesamt aus?
Nun, sie machen den Lesegenuss nicht gerade einfacher. Wenn man sich nämlich für einen (oder gar zwei) dieser Aspekte nicht interessieren sollte, wird einem die Informationsdichte schonmal zu viel.
Am schwierigsten ist es wohl, so viel Begeisterung für so viel Information über so viele unterschiedliche Insekten aufzubringen. Das muss man wollen. Und wenn man das will, ist man möglicherwiese irritiert, wenn man auf einmal in einem allgemeinen Umweltschutz-Buch gelandet ist. Und vielleicht braucht man auch die Einblicke in die britischen politischen Verhältnisse gerade mal nicht.

So hinterlässt das Buch insgesamt einen etwas zwiespältigen Eindruck. Was bleibt ist Bewunderung und Respekt für das umfangreiche Wissen und das rastlose Engagement des Autors für eine Welt, in der nicht nur Insekten auch in Zukunft ihren Platz behalten…

„Ferrara“ von Bert WAGENDORP

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn ein Buch als „Fortsetzung“ angekündigt und beworben wird, erscheint es angemessen, sich zunächst mit dem Ursprungs-Roman zu befassen: Er erschien unter dem Titel „Ventoux“ 2016 in Deutschland und handelte von einer sehr besonderen Jugendfreundschaft zwischen fünf Jungen und einem Mädchen und deren Wiederbegegnung 30 Jahre nach einem tragischen Ereignis.

In „Ferrara“ sind noch vier Freunde übrig, wiederum ein paar Jahre gealtert, um einige Illusionen ärmer und in jeweils spezifische Krisen verstrickt. Die Leidenschaft zum Rennrad-Fahren ist zwar immer noch eine Verbindung; sie steht aber in dieser Geschichte nicht mehr im Vordergrund.
Stattdessen verschlägt es den Trupp für einige Monate in die nord-italienische Stadt Ferrara, in der Joost (ein wegen Plagiaten gescheiteter Wissenschaftler) ein Designer-Hotel aufbauen möchte. Diese Rahmenhandlung wird angereichert durch die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers Bart (inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller) mit der Entscheidung seiner Tochter Anna, ihre journalistische Karriere ausgerechnet in Syrien fortzusetzen. Andrè ist durch frühere Drogengeschäfte zu Geld gekommen und kann jetzt als Wohltäter auftreten, Davids Situation tritt dann im Schlussteil des Romans stark in den Vordergrund.
Die Handlungsfäden werden verwebt mit einer Menge Lokalkolorit: Geschichte und Kunst der Renaissance-Stadt bekommen genauso Raum wie Aspekte der italienischen Mentalität und Kochkunst.

Doch „eigentlich“ ist die Handlung nur die Basis für das tatsächliche Thema des Buches. Es geht um Freundschaft, genauer gesagt: um eine Jahrzehnte überspannende Männerfreundschaft zwischen Persönlichkeiten, die eine sehr prägende gemeinsame Jugend verlebt und sich dann zu sehr unterschiedlichen Charakteren entwickelt haben.
Der niederländische Erfolgs-Autor WAGENDORP lässt einen Anteil nehmen an diesem wechselvollen und immer wieder sehr emotionalen Spiel zwischen Nähe und Abgrenzung – bei dem letztlich Solidarität und Verbundenheit immer siegen.
Es ist schon eine deutlich männerlastige Sicht auf das Leben und das Älterwerden: (Rad)Sport, gutes Essen, stimmungsfördernder Alkohol und „Frauengeschichten“ bekommen ihren Tribut (ohne das es allerdings wirklich chauvinistisch wird).

Während beim Vorläufer-Roman („Ventoux“) der raffiniert konstruierte Spannungsbogen permanent spürbar ist, plätschert der aktuelle Plot doch eine ganze Weile ziemlich vor sich hin. Die dramatischen Ereignisse im letzten Viertel des Romans wirken nicht ganz so organisch eingeflechtet: Sie wirken ein bisschen gewollt – weil ja noch irgendwie etwas passieren musste…
Man muss allerdings einräumen, dass es der Autor wirklich sehr gut versteht, emotional aufgeladene Ereignisse auch literarisch auszukosten und zu zelebrieren: Da bleibt dann kaum ein Auge trocken…

Mein Tipp für diejenigen, die nicht sowieso nach „Ventoux“ genau wissen, ob sie mehr davon wollen: Einfach den älteren Roman zuerst lesen! Dann die Erwartung etwas dämpfen und entscheiden, ob man sich auf eine insgesamt eher entspannte Lektüre mit bekannten Protagonisten einlassen möchte, die aber nicht mehr ganz die Klasse des Vorläufers erreicht.

„Hirnpotentiale“ von Heiko J. LUHMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Das Thema „Gehirn und Bewusstsein“ lässt mich nicht los. Auch wenn ich inzwischen recht sicher bin, dass mir schon weitgehend alles bekannt ist, was man aktuell auf populärwissenschaftlichem Niveau darüber sagen kann: Ich bin jedes mal extrem neugierig darauf, wie andere Autoren an dieses Thema herangehen. Wenn dann noch das heiße Eisen des „Freien Willens“ angesprochen wird, ist es um mich geschehen…

Das Buch von LUHMANN ist erstmal eine faktenreiche und bemerkenswert detaillierte Einführung in die Gehirnwissenschaften. Trotz der Kompaktheit der Darstellung werden strukturelle und funktionale Eigenschaften des Gehirns auf Fachbuch-Niveau abgehandelt. Dabei tragen nicht zuletzt die zahlreichen Abbildungen dazu bei, dass man als Leser/in sozusagen mit Riesenschritten in die Tiefe und Aktualität von Methodik und Erkenntnisstand vordringt. Diesem Buch bzgl. der Vermittlung von Faktenwissen Oberflächlichkeit vorzuwerfen, würde Zweifel an den Hirnfunktionen des Kritikers hervorrufen…
Nicht nur der Titel des Buches ist klug gewählt (ein schönes Wortspiel) – auch den Untertitel muss man ernst nehmen: Es geht LUHMANN nämlich nicht darum, auf einer nebulösen Basis weitreichende Spekulationen über das große Rätsel „Bewusstsein“ zum besten zu geben: Es geht ihm tatsächlich darum, ganz in Ruhe die (biologischen, evolutionären, strukturellen und physiologischen) Grundlagen darzustellen, auf denen Bewusstseinsprozesse nun mal zweifellos aufbauen. Das gibt im die Möglichkeit, abstraktere Überlegungen immer wieder darauf zu beziehen, also zu „erden“.

Nun erwartet man von diesem Buch natürlich auch Antworten auf die großen, die existenziellen Fragen: Lassen sich Bewusstseinsinhalte naturwissenschaftlich aus neuronalen Prozessen ableiten? Folgt daraus, dass wir unser Menschenbild verändern müssen, weil unser ICH nur ein (interessantes) Beiwerk unserer biologischen Determiniertheit ist – mit all den Konsequenzen für so beliebte Konzepte wie Willensfreiheit, Verantwortung und Schuld?

Und tatsächlich robbt LUHMANN sich an diese Themen heran. Er verändert an diesem Punkt ein wenig seine Didaktik und seinen Schreibstil: War er zunächst der (all)wissende Experte, nimmt er hier die Leserschaft mit, bezieht sie ein in die Einschätzungen rund um die biologische Erklärbarkeit von Bewusstsein bei Mensch und Tier.
Vorbildlich ist auch in diesem Teil des Buches die Strukturierung der verschiedenen Themen: Der Autor macht deutlich, wie wichtig es gerade bei den „großen“ Fragen die Klärung ist, von welcher Begriffsdefinition man ausgeht (z.B. beim „Freien Willen“).

LUMANN geht ausführlich auf die kontrovers diskutierte Frage ein, ob mit den – inzwischen zum Allgemeingut gewordenen – Experimenten von LIBET u.a. („das Gehirn fällt unsere Entscheidungen, bevor WIR sie kennen“) das Konzept der Willensfreiheit endgültig widerlegt wurde.
Seine Antworten sind zwar für einen Hirnforscher nachvollziehbar, befriedigen aber nicht ganz. Er macht keinen ernsthaften Versuch, die experimentellen Befunde auf Mikro-Ebene mit all den zusätzlichen (auch von ihm genannten) Faktoren – wie Umwelt, Sozialisation, erworbene psychische Strukturen – zu verbinden. Er erkennt diese Einflussfaktoren auf unsere Entscheidungen zwar an, kommt aber nicht auf die Idee, dass dies auch prägende und determinierende Kräfte sind, die ganz unmittelbar die „Freiheit“ des Willens betreffen und begrenzen. Hier stellt es sich dann doch als ein Nachteil heraus, dass LUHMANN nicht die spannende Integration philosophischer und (neuro)psychologischer Sichtweisen repräsentiert (wie z.B. ROTH und METZINGER).

Was bleibt ist ein absolut empfehlenswertes Sach-/Fachbuch über eines der spannendsten Themen des Menschseins. Selbst wenn man sich nicht auf jede Verästelung der dargestellten Grundlagen einlässt (was wirklich anspruchsvoll wäre), bleibt ein überzeugender Eindruck von den erstaunlichen Differenziertheit und Tiefe der Erkenntnisse. Sympathisch ist, dass dies bei LUHMANN keineswegs zu einer euphorischen Zukunftsgläubigkeit oder Selbstüberschätzung führt: Er macht immer wieder auf die Grenzen der wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten hin und bewahrt gegenüber seinem Forschungsgegenstand eine gewisse „Demut“.
Ein fasst perfektes Buch – wenn man darüber hinwegsieht, dass der Autor sich beim „Freien Willen“ doch etwas verhebt und hinter seinen sonstigen Ansprüchen ein wenig zurückbleibt.

„Nachts im Internet“ von Stephen LAW

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine nette Idee und ein kreativer Titel, der ins Auge springt: Mit welchen existenziellen Fragen schlagen sich (schlaflose, neugierige oder einsame) Menschen herum, wenn sie nachts im Internet nicht nach Erotik-Seiten suchen?
Der Autor hat tatsächlich die großen Fragewörter (Was? Warum? Sollte man?) eingegeben und ist auf eine Menge Sätze gestoßen, die schon seit Jahrtausenden Denker aller Kulturen beschäftigt haben. Was lag also näher, als eine Reihe (45) solcher Fragen auszuwählen und sie auf eine spezielle Art zu beantworten – fertig war das Buch!

Entstanden ist so eine Mischung zwischen einer (unsystematischen) Einführung in die Philosophie, einem Selbsthilfe-Ratgeber und einer Darlegung persönlicher Lebensweisheiten, die insgesamt auf einer logisch-empirischen Grundlage, also auf „gesundem Menschenverstand“ basieren.

Der Stil des Buches ist freundlich zugewandt, vielleicht ein bisschen „onkelhaft“-besserwissend; aber an keiner Stelle unsympathisch.
LAW liebt es, zunächst ein bisschen provokant zu sein: Mit einer oft entwaffnender Direktheit stellt er Erwartungen oder Ansprüche in Frage („Warum sollte guten Menschen denn kein Unheil widerfahren?“) oder entlarvt bestimmte religiöse Vorstellungen (Himmel und Hölle) als allzu abwegig und widersprüchlich.
Nach diesem ersten Schritt (der Desillusionierung) verlagert er die Fragestellung auf eine philosophische Ebene und bezieht sich für jedes Thema zumindest auf einen (bekannten) Denker, für den das Thema besonders typisch erscheint. Geliefert wird eine kurze, sehr verständliche Einführung in die betreffenden Kernaussagen.
Am Ende der kurzen Kapitel greift dann der Autor selbst ein, verbindet, glättet und relativiert und endet meist mit einem offenen Ende – denn grundlegende existenzielle Fragen haben nun mal die spezielle Eigenschaft, kaum abschließend und allgemeingültig beantwortbar zu sein.
Insgesamt wirkt das ganze aufklärerisch und anregend, ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

Der (fast psychologische) Selbsthilfe-Anteil ist in den Fragen zu finden, die sich mit der eigenen Person (und deren Unzulänglichkeiten) auseinandersetzt (z.B.: „Bin ich ein schlechter Mensch?“): Hier sind die Antworten tröstend und aufbauend – ebenfalls auf der Grundlage von Relativierungen, Differenzierungen und logischen Einsichten.

Man muss diese insgesamt eher „seichte“ Art mögen. Das Buch ist leicht zu lesen, überfordert nicht. Zwar betätigt sich der Autor durchaus als kritischer Geist und regt zum Gebrauch von Logik und Vernunft an – aber so richtig in die Tiefe kann dieses Konzept natürlich nicht führen – und dafür wurde es ganz sicher auch nicht geschrieben.

Jedem User, der tatsächlich nachts diese Fragen (Wer bin ich? Warum ist das Leben so schwer?) in eine Suchmaschine eingibt (es muss nicht immer google sein), sei dieses Buch wärmstens empfohlen: Die dort humorvoll aufbereiteten Antworten geben mit Sicherheit mehr Orientierung und Gedankenfutter als der Wust von unsortierten und z.T. kommerzialisierten Links.
Man sollte allerdings keinen systematischen einen Einstieg in die Philosophie erwarten und wird vielleicht das ein oder andere Kapitel-Schlusswort doch als ein wenig zu banal empfinden.