„Das amerikanische Trauma“ von Mary L. Trump

Bewertung: 4 von 5.

Mary L. TRUMP, die Nichte des abgewählten Präsidenten, hat mit ihrem – halb privaten und halb fachlichen – Enthüllungsbuch „Zu viel und nie genug“ vielleicht die US-Wahl 2020 entschieden und der Welt eine zweite Amtszeit ihres Onkels erspart. Sollte das tatsächlich der Fall gewesen sein, hätte sie mit ihrer Familiengeschichte gleichzeitig Weltgeschichte geschrieben.

Mary Lynn Trump legt nun nach. Mit ihrem zweiten Buch schreibt sie diesmal eine spezielle Geschichte der Vereinigten Staaten.
Das aktuelle Buch ist daher deutlich mehr als eine Nachbetrachtung der Schluss- und Übergangsphase von Donald Trumps Präsidentschaft. Zwar prangert sie auch alle Fehlentwicklungen dieser Zeit in ihrer schonungslosen Klarheit an; ihr Anspruch geht aber weit über eine zweite „Trump-Abrechnung“ hinaus.
Die Autorin schlägt einen Bogen von der Unterdrückung und Ausrottung der indigenen Bevölkerung des nordamerikanischen Kontinents, über die Sklavenwirtschaft und ihre rassistischen Nachwirkungen, bis zu der aktuellen Zerrissenheit des politischen Systems, in dem sie eindeutig faschistoide Tendenzen wahrnimmt.

Und wiederum schafft Mary L. TRUMP durch die Verbindung zweier Perspektiven eine Art Alleinstellungsmerkmal: Während sie im ersten Buch ihre Insider-Erfahrungen als Familienmitglied mit einer fachlichen Analyse als Klinische Psychologin kombinierte (überwiegend persönlichkeits- und familienbezogen), benutzt sie jetzt die Konzepte „Traumatisierung“ bzw. „Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) als Erklärungsschablonen für die ausbleibende Bewältigung der Geschichte und das drohende Scheitern des demokratischen Modells.

Es ist beeindruckend, mit welcher historischen Akribie sie vor allem das düstere Kapitel der Sklaverei und ihrer Folgen aufarbeitet. TRUMP hat sich zur Aufgabe gemacht, hinter den Nebel der offiziellen Geschichtsschreibung zu schauen und deckt ein Ausmaß von (ganz konkret belegbarer) fortgesetzter Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt auf, das sicher schon damals erkennbar schändlich war, aus heutiger Sicht kaum zu fassen ist.
Die Autorin macht immer wieder deutlich, dass sie in der Weigerung und Unfähigkeit, für die systematischen Verbrechen und Verfehlungen Verantwortung zu übernehmen, Reue und Scham zu zeigen und sich um Wiedergutmachung zu bemühen, ein ähnlich großes und folgenreiches Versagen sieht wie in den Taten selbst.
Sie meint das nicht nur politisch, sondern auch psychologisch: Sowohl Opfer wie Täter – so ihre Argumentation – können den Kreislauf der (Re-)Traumatisierungen nur durchbrechen, wenn dieses selbstreflektierte Innehalten, die klaren Bekenntnisse, das gemeinsame Trauern und eine echte Empathie endlich Raum bekämen. Dann könnte eine psychische und gesellschaftliche Heilung endlich beginnen – und diese würde dann auch antidemokratischen und spaltenden Populisten wie Donald Trump den Boden entziehen.

TRUMP sieht auch eine deutliche Verbindung zwischen dem exzessiven Individualismus, der mit seiner Ideologie vom „selbstbestimmten Schicksal“ eine grundsätzlich verachtende Haltung gegenüber Schwachen und Gescheiterten aufrechterhält und der Geschichte des Rassismus. Die Autorin versäumt es nicht, auch die „abgehängten“ Weißen zu thematisieren und zu erklären, warum sie in Donald Trump ihren Retter sehen und gegen ihre eigenen (wirtschaftlichen) Interessen wählen.

Ja, TRUMP fährt harte begriffliche Geschütze auf: Für Sie sind bestimmte Entwicklungen der republikanischen Partei und die Regierungsführung von Donald Trump und seiner Administration nicht nur eindeutig undemokratisch und rassistisch, sondern nichts weniger als faschistisch.
Sie weiß vermutlich genau, welche Zumutung dieser Begriff für die politischen Gegner darstellt (vermutlich kann sie sich nicht ganz vorstellen, wie das für europäische Ohren klingt). Doch sie sieht gerade in der Verleugnung und Verharmlosung von historischen und aktuellen Ereignissen und Haltungen die Ursache dafür, dass sich die unheilvollen Muster von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erhalten konnten.
Sie nimmt in kauf – und das kann man durchaus kritisch sehen – dass sie damit die Gräben zwischen den beiden politischen Welten der USA noch unüberbrückbarer machen könnte. TRUMP ist eine kluge Analytikerin, sie ergreift ganz eindeutig Partei (insbesondere für die nicht-weißen Mitbürger) – aber sie ist sicher keine Frau der Mäßigung und des Brückenbauens. Das hat damit zu tun, dass in ihrer Logik das Beschönigen und Zukleistern den Kern – also die Dynamik der genrationsübergreifenden Traumatisierung nicht auflösen kann.

Man kann Trump vorwerfen, dass sie zu wenig über wirtschaftliche Machtverhältnisse und Interessen spricht; man kann kritisieren, dass sie eine mögliche Mitverantwortung der von Rassismus und Diskriminierung Betroffenen überhaupt nicht thematisiert (noch nicht einmal um sie auszuschließen). Ja, manch redundante Stelle wäre vielleicht auch verzichtbar gewesen.

TRUMP hat ein durch und durch kämpferisches Buch geschrieben. Aus dem von ihr dargestellten Blickwinkel bleibt von dem so selbstverliebten „God`s Own Country“ nur ein kranker und verlogener Scherbenhaufen zurück. Sicher: Sie will nicht vernichten, sondern
wachrütteln; aber: Wer hört ihr außerhalb der eigenen „Blase“ zu?
Das Buch ist ganz sicher ein engagierter und faktenreicher Beitrag zur Diskussion über die Zukunft der amerikanischen Gesellschaft. Ob dabei der zentrale Begriff des „Traumas“ im engen psychopathologischen Sinne durch die Jahrhunderte trägt oder eher als eine Metapher für ein ganzen Bündel von sozialpsychologischen Dynamiken steht, ist letztlich zweitrangig.

Corona-Impfung: Precht und Wagenknecht auf dem Holzweg?

Ich bin selbst überrascht, dass mich das Corona-Thema nochmal aufrüttelt. Aber ich ärgere mich gerade – über die aktuelle Impf-Diskussion und wie einige Menschen sie führen. Dabei geht es mir nicht um die Ignoranten und Spinner (da kann man sowieso nichts machen), nicht um einzelne Promi-Sportler (die interessieren mich persönlich nicht), sondern um öffentliche Personen, die durch ihr politisches oder intellektuelles Wirken eine gewisse öffentliche Orientierungs-Funktion gewonnen haben.
Grundlage für meine Ausführungen sind der Auftritt von Sarah Wagenknecht bei Anne Will (am 31.10.) und der Lanz/Precht-Podcast (vom 29.10.).

In beiden Auftritten wird ein „öffentlicher Druck“ beklagt, der in steigendem Umfang auf Impf-Unwillige ausgeübt werde. Dies sei (hauptsächlich) aus folgenden Gründen inakzeptabel:
– es gäbe keine rechtliche Grundlage für eine Verurteilung dieser Menschen
– die Entscheidung betreffe nur das eigene Gesundheitsrisiko
– die Ungewissheit bzgl. der Langzeitfolgen neuer Impfmethoden sei nachvollziehbar

Der erste Punkt ist schnell abgearbeitet: Es gibt keine Impfpflicht; wer sich nicht impfen lassen möchte begeht keine Straftat oder Ordnungswidrigkeit. Fertig.

Die zweite These kann so nicht stehen bleiben.
Einmal ist es erwiesen, dass eine geimpfte Person auch im Falle einer Infektion weniger ansteckend für andere ist. Damit ist der persönliche Schutz auch ein Akt der Solidarität.
Das Risiko einer eigenen Erkrankung nicht durch eine Impfung zu minimieren hat aber noch viel weitergehende gesellschaftliche Auswirkungen: Die Covid-Behandlungen verursachen täglich enorme Kosten (von denen kaum jemand spricht), belasten die Mitarbeiter/innen in den Krankenhäusern bis an die Schmerzgrenze und verhindern die angemessene und zeitnahe Behandlung andere Krankheitsfälle. All das wäre vermeidbar!
Sich dagegen zu sperren, stellt m.E. eine beklagenswerte Übersteigerung eines individuellen Freiheitsbegriff dar – der sich selbstverständlich darauf verlässt, dass andere (die Allgemeinheit) die Folgen tragen.
Es stimmt, wir lassen es auch zu, dass Menschen auf anderen Wegen ihre Gesundheit ruinieren und damit das Gesundheitssystem belasten. Aber es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen individuellem Fehlverhalten (beim Essen, Trinken und bei der Bewegung) und dem Verhalten in einer Pandemie: Der liegt in der klaren Abgrenzung zwischen ja und nein. Es geht nicht um die Komplexität einer individuellen Lebensführung, sondern um einen Piks.

Kommen wir zu den Langzeitfolgen.
Es ist erschreckend, dass ein Berufs-Logiker wie Precht auf einem Auge blind ist. Zwar führt er an, dass man ja kurz nach der Einführung einer neuen Impfstoff-Technik späte Schädigungen vom Prinzip her nicht ausschließen könne. Er tut aber so, als ob die Wissenschaft keine Ahnung davon hätte, was da alles durch die neue Methode im menschlichen Körper passiert bzw. passieren könne. Er hat offensichtlich nicht verstanden, dass der mRNA-Wirkstoff nur deshalb funktioniert, weil man dessen Funktionsweise eben ganz genau kennt – und eben auch dessen Verhalten und Auswirkungen nach der Impfung (der Stoff wird nämlich – genauso wie die natürlich vorkommende RNA – kurzfristig abgebaut). Das, was da mit dem Virus passiert, weiß man, plant man, sieht man.
Es erscheint wie ein magisches Denken, eine Art grundsätzliche Wissenschaftsskepsis zu sein, alles was irgendwie „genetisch“ ist, mit einem Misstrauen zu versehen. Wenn aufgrund der (gründlich) erforschten und verstandenen Prozesse klar ist, dass die Erbinformationen auf der DNA nicht verändert werden (können) – warum sollte man das mehr bezweifeln als alle anderen High-Tech-Medizin (der man sich bei Bedarf gerne anvertraut)?
Precht sagt (mehrfach), dass er Kinder nicht impfen lassen würde, weil deren Immunsystem ja noch „im Aufbau“ wäre. Hat er sich wirklich damit befasst, was ein mRNA-Wirkstoff mit der generellen Entwicklung eines Immunsystems zu tun hat? Ich bezweifle das sehr.

Kurz gesagt: Mich ärgert, wenn Menschen mit einem öffentlichen Renommee sich anmaßen, ihre persönliche Meinung mit einer (zweifelhaften) medizinischen Argumentationen zu vermischen und zu begründen. Auch die bekundete relative Gewichtung von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Solidarität/Verantwortung finde ich bedenklich.
All das ist natürlich erlaubt – so wie fast alle Meinungsäußerungen. Aber es ist für mich enttäuschend.

„Das Ministerium für die Zukunft“ von Kim Stanley ROBINSON

Bewertung: 4.5 von 5.

Was für ein Buch! Was für eine wilde Mischung! Was für eine heftige Dröhnung!

Der renommierte amerikanische Science-Fiction-Autor legt mit seinem aktuellen Werk eine Stilmischung vor, die sich allen gängigen Zuordnungsrastern entzieht. Schon allein das lohnt eine nähere Betrachtung. Doch auch inhaltlich sprengt ROBINSON die Grenzen der üblichen Genres. Absolut bemerkenswert!

Wir bewegen uns im Bereich der Nachhaltigkeit-Literatur. Die Grundbotschaft und das Ziel des Autors werden schnell klar: Die Menschheit muss es packen in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten. Und es wird komplex und extrem schwierig.

Diese Botschaft wurde in den letzten Jahren schon sehr häufig zwischen zwei Buchrücken (bzw. in entsprechende digitale Formate) verpackt: in verschiedenste Sachbücher, in Romane, in Thriller, in Science-Fiction, in persönliche Reflexionen und Anekdoten. Gelegentlich wurde mit einer Mischung verschiedener Stilmittel gespielt.
ROBINSON legt eine riesige Schippe drauf: Sein Buch handelt von zwei Hauptfiguren (ihren inneren Welten, Handlungen und Begegnungen); es liefert Informationen über den aktuellen Stand der Klimakatastrophe und dessen bevorstehenden Folgen; es spielt faktenreich und detailliert mögliche Eingriffe in die Biosphäre des Planeten durch („Geo-Engineering“); es entwirft ein denkbares Szenario für Öko-Terrorismus; es führt in differenzierter Form ein wirtschafts- und finanzpolitisches Alternativ-Modell vor; es schafft Zugang zu einer emotionalen Naturbetrachtung, es beinhaltet kurze philosophische Reflexions-Sequenzen…
Dieses Buch ist gleichzeitig spannend, poetisch, psychologisch, lehrreich, fantasievoll – und zwischendurch nüchtern wie ein Volkswirtschafts-Seminar.

ROBINSON liebt die Intensität: Wenn er einmal in die Antarktis führt, um dort den Gletscher-Drift zu bremsen – dann ist man auch eine Weile da: Man erfährt, wie kalt es ist, wie viele Pumpen man braucht, was das alles kostet. Wenn man sich auf die Logik des Finanzsystems einlässt und zusieht, wie eine neue Währung entsteht: dann bleiben einem die Einzelheiten nicht erspart. Die Welt braucht und will Gerechtigkeit – das Modell für die Umsetzung wird haarklein geliefert. Halbe Sachen mag der Autor nicht; nicht bei der Rettung des Planeten und nicht beim Schreiben!
Man spürt das Motiv für diese leidenschaftliche Detailverliebtheit: Der Autor will nicht nur das breite Publikum unterhalten. Er will mit Sicherheit auch die Entscheider dieser Welt erreichen: Er spricht ihre Sprache, er kennt ihre innere Logik und will mit der Genauigkeit seiner Szenarien für ein beherztes Handeln werben. Gegenargumente sind schon eingepreist, Bedenken entkräftet. Extrem beeindruckend!

Im Zentrum der strategischen Überlegungen steht dabei die Internationalität aller Bemühungen. Daher basiert das in Zürich angesiedelte Zukunftsministerium (deren Leiterin wir genauer kennenlernen) auf einem weltweiten Zusammenschluss. Weitsichtig wie der Autor nun mal ist, spielen die Chinesen eine besonders wichtige Rolle (und die Amis sind mal wieder die Nachzügler).

Der beschriebene Prozess beginnt in der ganz nahen Zukunft (2024) und zieht sich bis in die Mitte des Jahrhunderts. Es beginnt mit einem Paukenschlag: Eine Hitzeperiode in Indien wird in aller Intensität und Dramatik aus Innensicht eines Beteiligten geschildert – kaum zum Aushalten. Der überlebende Berichterstatter wird zu einem der Protagonisten des Romans; seine psychischen Verletzungen lassen ihn dabei nie mehr los.
Alles was folgt, ist letztlich eine Reaktion auf diesen dramatischen Weckruf. ROBINSON spielt durch, wie die Mühlen der internationalen Politik mahlen könnten – und wie viel Druck sie dafür von außen vielleicht bräuchten.

Das „Ministerium für die Zukunft“ ist ein außerordentlich kreatives, kluges und anregendes Buch. Es erscheint aufgrund seiner Faktenorientierung fast als eine Art Blaupause für die potentiellen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte.
Wer sich nicht scheut, dem Autor auch in feinste Verästelungen seiner Entwürfe zu folgen, hat für die nächsten Jahre einen Riesen-Fundus an Konzepten und Visionen.

„Diebe des Lichts“ von Philipp BLOM

Bewertung: 4 von 5.

Der Historiker Philipp BLOM ist auch ein guter Geschichtenerzähler. Das beweist er in seinen lebendig geschriebenen historischen Sachbüchern, aber auch in Prosa-Texten, in denen Geschichte sich als an Einzelpersonen gebundener Handlungsfaden manifestiert.
Für sein neues Buch hat sich BLOM den Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert und als Schauplatz hauptsächlich das durch den Katholizismus geprägte Italien ausgesucht.
Inhaltlich steht neben den – von Machtgier und Menschenverachtung geprägten – Repräsentanten der Staatskirche – vor allem die Kunst der Malerei und das Leben der einfachen Menschen im Mittelpunkt der Betrachtung. Insgesamt entsteht so ein Bild von einer Welt voller Willkür und Gewalt, in der Schicksale einzelner Menschen kaum einen Wert haben.

Erzählt wird das Leben des „Blumenmalers“ Sander, der als Kind in seiner holländischen Heimat durch einen brutalen Überfall Spanischer Besatzer traumatisiert wird. Zusammen mit seinem Bruder (der durch diesen Vorfall seine Sprache verliert), schlägt sich Sander auf abenteuerliche und beschwerliche Weise quer durch Europa und entwickelt dabei seine Malkunst bis zu einem professionellen Niveau.
In Rom gerät er als Mitarbeiter eines renommierten Künstlers schließlich in die (alles andere als brüderliche) innerkirchlichen Konflikte zwischen den verschiedenen Machtzentren. Seine Aufträge – halb Kunst, halb Intrigen – führen ihn nach Neapel und Palermo.
In Neapel begleiten wir Sander bei dem Versuch, sich unter den schwierigsten Bedingungen so etwas wie ein privates Glück aufzubauen. Doch dagegen stehen nicht nur die armseligen und oft menschenunwürdigen Lebensumstände, sondern auch mächtige Gegner mit ihren Interessen.

Insgesamt ist es ein buntes und facettenreiches Bild, das uns BLOM in diesem Roman zeichnet. Das sehr wortgewaltig ausgemalte „pralle Leben“ ist – sicherlich historisch korrekt – für die allermeisten Menschen in erster Linie von Gewalt, Unterdrückung und Armut geprägt. Dies spürbar zu machen, war ganz sicher das Anliegen des Autors; ohne Zweifel ist ihm das gelungen.
Vermittelt wird die zentrale Machtstellung der Kirche, deren Vertreter sich von der ursprünglichen christlichen Botschaft Lichtjahre entfernt haben. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie unauflösbar eng die Verbindung von Kunst und Religion in dieser Zeit war; ebenso wie menschenverachtend mit dem vermeintlichen Schutz der Kirche vor Zweifel und Ketzern letztlich persönliche Macht und Privilegien verteidigt wurden.
Ein Gemälde der Sittenlosigkeit.

Die erzählte Lebensgeschichte enthält ausreichend Spannung und Dynamik, um auch die Leser/innen bei der Stange zu halten, deren Hauptmotivation in dem Verfolgen eines Einzelschicksals liegt. Es schadet dem Genuss an diesem Buch sicherlich nicht, wenn man sich für Malerei dieser Epoche interessiert; BLOM lässt einige Stars des Kulturlebens als Nebenfiguren auftreten.

Insgesamt bietet BLOM keinen Ausnahmeroman, schenkt aber einen vielschichtigen Einblick in eine Epoche, in der man sein persönliches Leben sicher nicht hätte verbringen wollen.
Zivilisatorischer Fortschritt ist eben doch eine gute Sache; wir müssten „nur noch“ dafür sorgen, dass er bei allen Erdenbewohnern ankommt und uns auch zukünftig erhalten bleiben kann.

Der neuer Bundestag – nur ein formales Theater?

Mich erfreut die insgesamt frische und zukunftsgewandte Stimmung, die von dem sich neu konstituierenden Bundestag ausgeht. Es entsteht der Eindruck, dass ein bisschen mehr Realität, Bürgernähe und Vielfalt in das „hohe Haus“ eingezogen ist.
Es gibt erstaunlich viel neue und relativ junge Abgeordnete – unter ihnen sicher sehr viele Menschen, auf die die oft pauschalen Zuschreibungen – sie gehörten einer Art bürgerfernen privilegierten Kaste an – mit Sicherheit nicht passen.
Eine Chance für die Demokratie – insbesondere für die Einbindung der jüngeren Generationen.

Ein bisschen scheinen wir als Wahlbürger Glück gehabt zu haben. Außer bzgl. der Abwahl der CDU/CSU waren die Wahlergebnisse schließlich gar nicht so außergewöhnlich. Es war letztlich ein Verdienst der Parteien selbst, dass so vielen jungen Leuten der Einstieg in die Bundespolitik ermöglicht wurde. So kriegen wir als Bürger/innen mehr Erneuerung geschenkt, als wir uns selbst „verdient“ haben.
Keine schlechte Bilanz für die so oft kritisierte Parteien-Demokratie.

Seien wir also heute ruhig mal ein bisschen stolz auf unser Gemeinwesen; auch wenn niemand so naiv sein wird, die weiter bestehenden Probleme und Risiken zu verleugnen.
Dort in Berlin sitzen eine Menge Menschen zusammen, die sich für unser Land ernsthaft engagieren. Es wirkt auch sympathisch, wenn man – so wie heute – beobachten konnte, wie oft auch sehr herzliche Glückwünsche über Parteigrenzen hinweg ausgetauscht wurden.
Es gibt nicht so fürchterlich viele Parlamente auf diesem Planeten, von denen man sich besser vertreten fühlen könnte.

„Crossroads“ von Jonathan FRANZEN

Sie stehen gut sichtbar in meinem Bücherregal: drei umfangreiche Romane von FRANZEN („Die Korrekturen“ von 2001, „Die 27. Stadt“ von 2003, „Freiheit“ von 2010). Sie zeugen von einem erzählerischen Schwergewicht.
Die anstehende Veröffentlichung von „Crossroads“ (ein genialer Song der Supergroup „Cream“) wurde erwartungsgemäß als literarisches Großereignis bewertet; die ersten Kritiker zeigten sich beeindruckt. Der Roman (offenbar der erste Band einer Trilogie) wird als zeitgeschichtlich relevante Spiegelung einer Epoche des Umbruchs angesehen.
FRANZEN at his best?

Die Erzählung taucht mit FRANZEN-typischer Gründlichkeit in ein überschaubares Biotop ein. Er seziert die emotionalen und psychologischen Untiefen der Mitglieder einer fünfköpfigen Familie:
Der Vater, ein sozial-engagierter Pfarrer, tut sich schwer, mit dem Leiter der Jugendgruppe (mit dem Namen „Crossroads“) mitzuhalten. Privat verstrickt er sich in einen nur schwer lösbaren Konflikt zwischen moralisch-religiösen Eheverpflichtungen und seiner Schwärmerei für eine jüngere Frau aus der Gemeinde. Das kann ja irgendwie nur schief gehen…
Die Mutter hat eine (geheime) belastende Vergangenheit, die sie letztlich für die Bewältigung der Ehekrise zu nutzen versucht. Ihre extreme Loyalität gegenüber dem jüngsten Sohn wird bis zum Äußersten beansprucht. Die religiöse Basis hilft auch beim Kampf um die Ehe.
Der älteste Sohn hat sich scheinbar erfolgreich verselbstständigt, wird dann durch die Irrungen und Wirrungen des Vietnam-Krieges eingeholt und gerät ebenfalls in eine existenzielle Krise. Er hat sich am stärksten aus dem religiösen Milieu – und damit auch von der familiären Einbettung – entfernt.
Die Tochter versucht auf schlängelnden Pfaden ihren Glauben mit dem Zeitgeist der Hippie-Generation zu verbinden. Sie leidet am stärksten unter den Belastungen, die sich auf der Geschwister-Ebene abspielen.
Der jüngste Sohn gerät sehr früh in eine Drogenkarriere, aus der es offenbar nicht mehr so viele Auswege gibt. Die Belastungen für die Familie erreicht ungeahnte Ausmaße.

Die hier nur kurz skizzierten persönlichen Themen der Figuren ziehen sich über Hunderte von Seiten, begleitet von zahlreichen Konflikten und Ambivalenzen. Das kann man mehr oder weniger interessant finden.
Doch was sagt uns dieser Roman über das Amerika der frühen 70-iger Jahre?
Die Crossroads-Jugendgruppe soll offensichtlich einen gesellschaftlichen Umbruch symbolisieren. Anstelle von formalen Rollen und steifen Umgangsfloskeln entsteht eine alternative Wertordnung mit neuen Ansprüchen an ein soziales Miteinander: Authentizität heißt die neue Währung; echte Gefühle sind angesagt; Rückmeldungen dürfen auch konfrontativ sein – wenn sie nur ehrlich sind. Gemeinschaft und Körperkontakt sind hohe Güter, aber hinter dem zelebrierten Anspruch blitzen die allzu bekannten menschlichen Schwächen aus Neid, Konkurrenz und Egoismus auf.
Und dann die Frage: Ist kirchliche Sozialarbeit in der schwarzen Schwester-Gemeinden nicht letztlich auch ein Ausdruck von Rassismus, weil sie „von oben herab“ geleistet wird?
Und Vietnam: Wenn man schon den Krieg nicht stoppen kann, wird er dann gerechter, wenn man ihn nicht durch die Unterpriviligierten austragen lässt?
Unübersehbar das Meta-Thema „Religion“: Kann die starke Gläubigkeit der Amerikaner die verschiedenen Genrationen und Milieus verbinden bzw. zusammenhalten?

Ohne Zweifel gehört es zu den großen Fähigkeiten von FRANZEN, sich für die Darstellung von Situationen und Personen viel Zeit zu nehmen; er lässt sich als Erzähler nicht hetzen. Anders ausgedrückt heißt das: Er geht sehr in die Tiefe und sehr ins Detail – Redundanz inklusive.
Selbst wenn man das als Stärke interpretiert, weist dieser Roman bei der Ausarbeitung der Hauptfiguren eine Besonderheit auf, die sich im Laufe der Erzählung erst zu einer Irritation und dann (fast?) zu einem Ärgernis entwickelt: Durchweg alle beschriebenen Personen weisen eine solch übertriebene Häufung von Ambivalenzsprüngen auf, dass man sich immer wieder wie in einer Achterbahn fühlt. Diese oft im Minuten- oder Seitentakt vollzogenen Brüche und Wechsel von Bewertungen und Entscheidungen sind weder psychologisch nachvollziehbar, noch tragen sie zum Handlungsverlauf erkennbar bei (außer ihn zu verlängern).
So sind Menschen einfach nicht (wenn man mal von drogensüchtigen Jugendlichen absieht)! Als Leser/in verliert man den inneren Kontakt zu solchen Figuren, ist erst fassungslos und irgendwann langweilt man sich. Das ist der worst case für einen großen Roman eines großen Erzählers!

Wer sich für die zeitgenössische amerikanische Literatur interessiert, wird den neuen FRANZEN sicherlich lesen. Ich rate davon auch keineswegs ab – zumal man viele positive Kritiken findet. Das Buch fordert dazu heraus, sich seine eigene Meinung zu bilden.
Andere sind vielleicht besser als ich in der Lage, die zeitgeschichtlich relevanten Botschaften herauszulesen. Aus meiner Sicht hat sich FRANZEN über weite Strecken in den konstruierten emotionalen Widersprüchen seiner Protagonisten regelrecht verloren.

„Dunkelblum“ von Eva MENASSE

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein (fiktives) kleines österreichisches Städtchen, direkt an der Grenze zu Ungarn gibt diesem Roman von Eva MENASSE seinen Namen und definiert gleichzeitig den Schauplatz.
Auf zwei Zeitebenen werden diverse Psychogramme und ein Soziogramm seiner Einwohner aufgespannt. Das Thema ist die Verstrickung (fast) der gesamten älteren Männer in die Verbrechen, die im Namen des Nazi-Regimes in der Endphase des Krieges auch in diesem Ort begangen wurden.

Die damaligen Geschehnisse wurden lange Jahre erfolgreich verdrängt und als nebulöse Grauzone in einer Art kollektivem Unterbewusstsein eingeschlossen. Alte Wunden waren überwiegend verheilt; es herrscht die Überzeugung vor, dass man die Dinge besser ruhen lassen sollte.
Die selbst verordnete Amnesie wird aber durch zwei Männer gestört, die aus verschiedenen Motiven gleichzeitig in das festgefügte System eindringen. Sie haben zwar biografische Bezüge zu dem Ort, waren aber lange genug weg, um mit den Augen und mit der Unabhängigkeit von Fremden zu agieren.
Ihre Neugier, ihre Fragen decken bald die ersten Sollbruchstellen des Schweigekartells auf. Es stellt sich heraus, dass es in der vermeintlichen Homogenität doch Risse gibt – insbesondere in der nachgeborenen Generation.
Und dann kommen auch noch junge Leute, die sich um den vergessenen Jüdischen Friedhof kümmern wollen…

MENASSE konstruiert eine komplexe Enthüllungsgeschichte, in der Schicht für Schicht die Macht- und Schuldstrukturen der Vergangenheit und ihre Nachwirkung bis in die Gegenwart freigelegt werden. Exemplarisch werden in verschachtelten Zeitsprüngen die sozialen Interaktionsmuster der wichtigsten Familien seziert – bis sich irgendwann die Mosaiksteine zu einem klaren Bild zusammensetzen.

Die Autorin ist nah bei den Leuten. Sie schildert mit großer Akribie und psychologischen Gespür die jeweilsindividuellen Verleugnungsstrategien. Nicht alle Alten sind im Grunde immer noch Nazis – aber kaum jemand ist jemals bereit gewesen, sich zu Verantwortung oder Schuld zu bekennen. Es waren ja besondere Zeiten…

Als Leser/in muss man sich entscheiden, ob man wirklich all diese vielschichtigen Verstrickungen durchdringen möchte, um am Ende das bestätigt zu bekommen, was man wohl auch vorher schon ahnte. Die Schweige-Mentalität, die von MENASSE weit ausholend durch die Dunkelblum-Bewohner personalisiert wird, ließe sich ohne Probleme auch weniger aufwendig beschreiben.
Damit ist die Stärke des Romans – das erzählerische Schwelgen in Details eines von der finsteren Vergangenheit noch nicht befreiten Biotops – gleichzeitig auch seine mögliche Schwäche: Nicht jede/r mag es so breit und ausführlich; nicht für alle sind die individuellen Eigenschaften der Figuren so relevant. Man muss sich schon auf sowas einlassen wollen…

Ohne Zweifel ist MENASSEs Roman auch ein sehr besonderes (österreichisches) Sprachkunstwerk. Wenn man sich noch dazu entscheidet, sich die Geschichte von der Autorin vorlesen zu lassen, erscheint die lokale Färbung geradezu überbordend. Für hochdeutsche Ohren bekommt der Text damit noch stärker etwas Folkloristisches, Altmodisches – was wiederum zum historischen Grundthema passt.

Insgesamt hat MENASSE ein bemerkenswertes Buch zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“ geschrieben; den durch die vielen begeisterten Kritiken entstandenen Hype um diesen Roman kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen.

Sondierungs-Ergebnisse

Man hat es ja geahnt: Natürlich würde es die FDP schaffen, den Fahrplan der Ampel am stärksten zu prägen.

Lindner war klug: Er hat sich sehr früh im Wahlkampf auf seine Essentials festgelegt (keine Schulden, keine Steuererhöhungen) und hat so zu einem Zeitpunkt „Rote Linien“ definiert, der noch nicht in direktem Bezug zu Verhandlungen über eine Koalition standen. Von dieser sicheren Basis aus konnte er dann die Flexibilität der anderen Parteien einfordern. Tricky!

Dazu kommt offensichtlich ein besonderer Bonus, weil sich die FDP sozusagen am stärksten auf fremdes Terrain begeben hat. Das führt dann paradoxer Weise dazu, dass ihr fast eine Heimspiel-Situation geboten wird. Man staunt!

Für die GRÜNEN ist die Situation ziemlich schwierig. Sie stehen für den Klimaschutz – was dazu führt, dass auch alle die Beschlüsse, die ihre Partner auch von alleine hätten treffen müssen, auf das Konto der GRÜNEN gebucht werden. Sie müssen jetzt also „dankbar“ für den Teil der Vereinbarungen sein, die ja weitgehend längst beschlossen sind (bzw. sich aus der allgemeinen Situation von selbst ergeben hätten).
Damit sind sie weitgehend abgespeist – und müssen den anderen Parteien andere Politik-Bereich überlassen.
(Erstaunlich ist es allerdings, dass die FDP scheinbar ihr gesamtes Wirtschaftsprogramm durchsetzen konnte, den GRÜNEN aber in ihrem Bereich noch nicht einmal das Tempolimit zugestanden wurde).

Über all das könnte man sich ärgern – bringt nur nichts.
Es gibt keine sinnvolle Alternative zu dieser Koalition. Es ist zu hoffen, dass in den Ausgestaltungen des Koalitions-Vertrages noch ein paar positive Überraschungen stecken.
Ansonsten bleibt die Hoffnung, dass sich insgesamt eine andere politische Stimmung im Land ausbreitet, die auch eine gewisse Eigendynamik erzeugt.
Außerdem muss man realistischer Weise davon ausgehen, dass nur die GRÜNE Regierungsbeteiligung garantieren kann, dass vereinbarte Ziele auch in konkrete Schritte umgesetzt werden. Deshalb lohnt sich das Ganze auf jeden Fall.
Bin nur gespannt, ob Kritik, Widerstand und problematische Folgen der neuen Klimapolitik dann auch gemeinsam getragen werden – und eben nicht bei den GRÜNEN abgeladen werden.

„Nachruf auf mich selbst“ – von Harald WELZER

Bewertung: 4 von 5.

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald WELZER hat den gesellschaftlichen Diskurs rund um Zukunftsfragen und Nachhaltigkeit in den letzten Jahren an prominenter Stelle mit geprägt. Er ist auf Kongressen und in den Medien fast permanent präsent und spielt die ihm oft zugewiesene Rolle als Provokateur sicher ganz gerne. WELZER liebt es ganz offensichtlich, cool und provokativ zu sein.

Mit seinem neuen Buch legt der Autor diese Seite zwar nicht völlig ab: Auch in diesem Text gibt es sehr zugespitzte Formulierungen und gewohnt pointierte Sichtweisen. Aber in den Vordergrund tritt diesmal ein anderer WELZER. Er hat ein überraschend nachdenkliches, manchmal sogar leises, philosophisches und extrem persönliches Buch geschrieben.
In dem Buch findet sich nicht nur eine – ziemlich einzigartige – Mischung von Themen, sondern auch von Stil- und Darstellungselementen. Damit entzieht sich der Text auch einer eindeutigen Zuordnung: kein eindeutiges Sachbuch, keine reine Autobiografie, keine Sammlung von Kurzgeschichten, Lebensweisheiten oder Essays, kein politisches Manifest – aber von jedem etwas. Was sich durchzieht: Es sind existentielle Fragen, auf die WELZER eine Antwort sucht – persönlich und gesellschaftlich.

Wie WELZER es selbst formuliert: Es geht ihm um die „Kunst des Aufhörens“. Damit sind ganz verschiedene Aspekte gemeint, die sich rund um das Thema „Endlichkeit“, „Begrenzung“, „Tod“ und „Neuanfang“ gruppieren. Alle berühren die Frage nach den wirklichen Prioritäten und nach bewussten Entscheidungen für ein erfülltes und verantwortungsbewusstes Leben angesichts der unvermeidlichen Beschränkungen, die wir als biologische Wesen in einer Welt mit begrenzten Ressourcen haben.
In einer offeneren und im Alltag präsenteren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit sieht der Autor einen wichtigen Beitrag zu einem sinnhafteren Leben. Dem Thema „Tod“ wird daher viel Raum gegeben.

WELZER ist zutiefst davon überzeugt, dass die Lösung der großen Menschheitsprobleme nicht durch Optimierung und Innovationen zu erreichen sind. Der Endlichkeit von Ressourcen und der Verletzbarkeit von Ökosystemen könne man nicht allein durch eine weitgehend CO2-freie Wirtschaft begegnen. Die Antwort liegt für WELZER ganz oft im Aufhören – und nicht im Bessermachen. Für ihn ist z.B. die Tesla-Autofabrik in Brandenb urg ein Symbol für falsch verstandene, viel zu kurz gegriffene Nachhaltigkeit.

Die Zugänge zu den Reflexionen sind vielfältig: Da gibt es persönliche Erfahrungen (ein überlebter Herzinfarkt), die eigene Arbeit mit Zukunftsprojekten, Gespräche mit Bekannten oder Prominenten, Auseinandersetzung mit Texten anderer Autoren oder mit gesellschaftlichen Bewegungen. Aber es wird auch viel „laut gedacht“: Wir erfahren jede Menge von WELZERs privaten Meinungen und Werthaltungen; er ist es ja schon länger gewohnt, sich dabei nicht zurückzuhalten.
Natürlich muss man dabei nicht jedem Argumentationsstrang folgen (z.B. im Bereich Aufklärung und Wissenschaft); das ist bei einem so subjektiven Text auch gar nicht denkbar. Aber auch das innere Zögern und Zweifeln, das wohl jede/r bei einigen Thesen spürt, ist letztlich bereichernd.

Es gibt sicher auch in diesem Buch innere Widersprüche; das bleibt nicht aus, wenn so viele Facetten zusammengetragen werden. So hebt WELZER es z.B. als Modell für das „Aufhören“ hervor, wenn man sich nach dem Erreichen eines persönlichen Kompetenzplateaus anderen Herausforderungen zuwendet (um Erfahrungen von „Banalität“ zu vermeiden). Als kreativer und multibegabter Macher merkt der Autor gar nicht, dass es für weniger dynamische und selbstüberzeugte Menschen eben auch eine gute Form von „Aufhören“ sein könnte, in der Situation zu verharren und eben nicht das nächste und übernächste Selbstverwirklichungsziel anzusteuern.
Auch ein WELZER sieht eben die Welt vorrangig durch die eigenen Augen…

Der Schlusspunkt wird dann mit seinem selbstformulierten Nachruf gesetzt: WELZER führt diesen in 15 Punkten aus und empfiehlt allen Leser/innen, sich ebenfalls bewusst zu machen, wie man gerne gewesen und gelebt hätte, wenn man am Lebensende zurückblicken würde. So kann die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit zum Einstieg in ein bewussteres und erfüllteres Leben werden.

Insgesamt haben wir es mit einem wahrhaft „besonderen“ Buch zu tun, das mit Sicherheit nicht im allgemeinen Medienrummel untergehen wird. Hier hat einer die Grenzen der populärwissenschaftlichen Publikationsform deutlich ausgeweitet und sich als Person im Umgang mit existentiellen Grundfragen eingebracht. Ein mutiger, ein gelungener Versuch.

Ein Gespräch mit WELZER über sein Buch findet man hier.

„Ein bitterkalter Nachmittag“ von Gerard DONOVAN

Bewertung: 2.5 von 5.

Es handelt sich um einen ziemlich sperrigen Text, der sich recht weit von geläufigen Erzählmustern entfernt.
In eine anfangs recht undurchsichtige Rahmenhandlung beleuchtet DONOVAN blitzlichtartig einige Episoden der Menschheitsgeschichte. Die zentralen Themen sind Macht und Gewalt, insbesondere in kriegerischen Auseinandersetzungen.
Der Autor bettet diese historisch-philosophischen Betrachtungen in einen leidenschaftlichen und konflikthaften Dialog zwischen zwei Männern ein, die sich in einer surrealen Ausnahmesituation begegnen: Der Ich-Erzähler (der Bäcker des Ortes) gräbt unter ungünstigsten klimatischen Bedingungen („bitterkalt“) eine Grube, während ein Lehrer ihn offensichtlich überwacht und ihn gleichzeitig zu einem Geständnis seiner Verfehlungen bringen will.

Es wird schnell deutlich, dass auch diese Situation vor dem Hintergrund eines aktuellen (Bürger-)Krieges stattfindet und sich die Frage einer möglichen Kollaboration mit dem Feind stellt. Die Schlagabtausch zwischen den beiden Protagonisten entfaltet sich auf beiden Ebenen: Sie streiten über die Einschätzung der diskutierten historischen Ereignisse und – zunehmend – über die Rolle des Bäckers in der aktuellen Besatzungssituation.
Das überraschende Ende der Geschichte steigert den Eindruck ihrer Kunstruiertheit noch zusätzlich. Ebenfalls unerwartet lugt im Finale ein Zipfel von Liebe in die insgesamt deprimierend menschenfeindliche Atmosphäre.

Das Buch wirkt insgesamt experimentell: DONOVAN spielt mit verschiedenen Stilmitteln, schreibt phasenweise eher assoziativ als stringent, erzeugt bei den Leser/innen widersprüchliche Gefühle – sicher auch Befremden und Verstörung.
Die Mainstream-Erwartungen an einen Roman werden ganz sicherlich enttäuscht.
Hier probiert ein Autor (es ist sein erster Roman) offensichtlich aus, was man mit Sprache und Erzählstrukturen so alles machen kann. Für Literatur-Freaks und Germanisten ist so ein wenig gefälliger Text sicher eine Fundgrube.
Mit seinen beiden Folgeromanen „Winter in Main“ und „In die Arme der Flut“ pflegt DONOVAN sein Sprachtalent und seinen scharfen Blick auf Menschen in dunklen Ausnahme-Settings weiter, nähert sich aber etablierteren Roman-Strukturen an. Für das breitere Lesepublikum ist das eindeutig ein Fortschritt.