17.01.2023 Man kann es nicht richtig machen…

Von Daniel Biskup – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85529860

Man stelle sich ein Parallel-Universum vor, in dem Scholz sich für eine neue weibliche Verteidigungsministerin entschieden hätte.
Egal, wer es geworden wäre: Die Dame hätte unter dem Generalverdacht gestanden, in erster Linie wegen des Geschlechter-Proporzes ausgewählt worden zu sein. Es hätte wütende Kommentare gegeben, dass der Ampel die Gender-Korrektheit wieder mal wichtiger als die Fachkompetenz gewesen wäre.
Man kann sich all das lebhaft vorstellen…

Jetzt darf die versammelte Medienwelt auf die andere Seite springen: Scholz habe sich als unzuverlässig und wankelmütig erwiesen und gebe das hehre Ziel der Parität bei erster (zweiter) Gelegenheit einfach mal so nebenher auf.

Ich würde in dem Parallel-Universum besonders gerne mal prüfen, in wie vielen Fällen es dann die gleichen Personen wären, die genau die andere Entscheidung ebenfalls kritisieren würden…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)


16.01.2023 Avatar: Eine Modell-Gesellschaft?

Es wird viel gesprochen und geschrieben über den neuen Super-Blockbuster AVATAR II. Ein Teil dieser Diskussion bezieht sich nicht auf die wirtschaftlichen oder technischen Extreme dieses 3-Stunden-Epos, sondern auf die Hoffnungen und Ideale, die von der so perfekten Darstellung einer „besseren“ Welt ausgehen (bzw. ausgehen könnten).

In einer film-typischen Zuspitzung zeichnet der Film den Kampf zwischen einer weitgehend friedlichen und im offensichtlichen Einklang mit der berauschend-schönen Natur lebenden Spezies und den brutal-ausbeuterischen Eindringlingen von dem zerschundenen Planet Erde. Während die rücksichtslosen Macho-Kolonialisten mit entsprechend bullig-martialischem Kampfgerät vorrücken, sind die Indigenen mit organisch-lebendigen Flug- und Schwimmgenossen unterwegs.
Die Fronten und die Moral scheinen mehr als eindeutig zu sein.

Der Film verwendet durchaus einige Zeit darauf, einen Einblick in das Alltagsleben der Pandora-Bewohner zu geben. Es wird deutlich, dass die Naturverbundenheit sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche bezieht und auf eine technologische Ausbeutung von Ressourcen nicht zu den Zielen dieser Lebensform gehört.

Um so unverständlicher erscheint es, das es den Filmemachern nicht gelingt, sich hinsichtlich der – natürlich übermäßig langen – Kampfhandlungen von den sattsam bekannten Mustern und Klischees zu befreien. Wie in jedem beliebigen Action-Film gibt es viel Getöse, Geballere und Faustkämpfe zwischen den Protagonisten.
Zunehmend geht dabei der Unterschied zwischen den beiden Parteien verloren: Auch die „Guten“ benutzen irgendwann die gleichen Baller-Waffen – Hauptsache es geht so richtig ab!

Nun könnte man einwenden, dass es schließlich um das Zurückschlagen eines technologisch weit überlegenen Aggressors geht.
Aber: Es ist es wirklich zu viel verlangt, wenn man erhofft oder erwartet, dass ein Teil der so üppig sprießenden Fantasie darauf verwandt wird, eine ganz andere Form der Verteidigung zu erfinden? Hätte nicht genau das eine wirklich bewegende Botschaft sein können? Wäre nicht eine kulturell stimmige Form eines intelligenten, aber „gewaltlosen“ Widerstandes eine echte Zukunftsvision gewesen?

Mir scheint, dass durch diese letztlich weitgehend „gewöhnliche“ Action-Kampf-Szenerie die Chance auf einen tatsächlichen alternativen Denkanstoß vertan wurde.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)


15.01.2023 Vape – das neue Rauchen

Jugendliche rauchen wieder deutlich mehr. Das ist keine gute Nachricht!
Was rauchen sie? In steigendem Umfang sogenannte Vapes (Einweg-E-Zigaretten). Diese offenbar hypen bunten Röhrchen bestehen aus Plastik, einer Flüssigkeit (mit oder ohne Nikotin) und einem kleinen elektronischen Bauteil. Nach dem Verdampfen der Flüssigkeit entsteht ein äußerst problematischer Müll (eigentlich Elektro-Schrott).
Über Inhaltsstoffe, Wirkung und Nebenwirkungen wird bereits viel gestritten; klar ist, dass es einen großen „grauen“ Markt gibt, in dem keinerlei Kontrollen stattfinden.

Brauchen wir solche Produkte? Muss eine „freie“ Gesellschaft mit einem kapitalistischen Wirtschaftssystem hinnehmen, dass so etwas auf den Markt kommt – und sich dann ein entsprechender „Bedarf“ bildet – angeheizt durch bestimmte Influencer in den Social-Media-Kanälen? Ist das wirklich unsere Vorstellung von „Freiheit“, dass gesundheitlich und ökologisch extrem bedenkliche Konsumartikel neue Trends setzen können?

Es gibt jede Menge Bedarf, unseren Freiheitsbegriff in einer Welt voller ökologischer Krisen neu zu definieren bzw. auszuhandeln: das betrifft den Verkehr, die Ernährung, das Wohnen, den Ressourcenverbrauch – und ganz offenbar auch das Rauchen…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)


14.01.2023 Künstliche Intelligenz

Bild von Seanbatty auf Pixabay

Seit einigen Wochen mehren sich die Artikel über ein offenbar extrem leistungsfähiges Textsystem (ChatGPT), das – inzwischen frei zugänglich – Texte erstellen kann, die oft erst auf den zweiten oder dritten Blick (bzw. durch Fachleute) als elektronisch erzeugt zu erkennen sind. Dazu reicht es, dem Chatbot-Programm ein paar wenige (oder auch sehr spezielle) Vorgaben zu machen, um dann z.B. ein Gedicht im Stil von Shakespeare zu einem selbstgewählten Thema zu erhalten.
Die Journalisten/Journalistinnen, die das ausprobiert haben, waren wohl alle sehr beeindruckt. Schon gibt es eine Reihe von kritischen und warnenden Stimmen, die Missbrauch bzw. das baldige Ende ganzer Berufsgruppen vorhersehen. Auch Schulen und Ausbildungsinstitute machen sich Sorgen, weil auch aufwendige Haus- und Examensarbeiten (zumindest in der Rohform) innerhalb von Sekunden generiert werden können.

Auf diese aktuellen KI-Welle setzt die neue ZEIT-Titelgeschichte noch eine ziemliche Portion drauf: Hier geht es um ein Dialog-Programm (LaMDA), das so „authentisch“ und gefühlvoll auf Fragen reagiert und so faszinierende Selbstauskünfte erteilt, dass ein Google-Mitarbeiter überzeugt davon ist, es hier mit einem echten Bewusstsein und echten Emotionen zu tun zu haben. Inzwischen befindet er sich in einer Art Krieg mit seinem früheren Arbeitgeber, weil er sich für die Persönlichkeits-Rechte diese KI-Systems engagiert.

Mir geht es hier weniger um die philosophische, technische, psychologische und neurowissenschaftliche Frage, ob (bzw. ab wann) man bei intelligenten Maschinen auch von einem Bewusstsein ausgehen kann (oder irgendwann muss).
Viel wichtiger erscheint mir, in welchem offensichtlich rasenden Tempo sich unsere tägliche Umwelt weiterentwickeln und dramatisch verändern wird. Die Dynamik dieser Prozesse scheint im Moment geradezu zu explodieren. Es kann sehr gut sein, dass wir schon in wenigen Jahren (manche sprechen sogar von Monaten) über Anwendungen verfügen werden, die bisher nur aus Science-Fiction Stories bekannt sind:
Wir werden zu allen erdenklichen Themen (fast) perfekt formulierte Texte erstellen können, die aufgrund ihrer „Individualität“ nicht mehr als Plagiate zu erkennen sind. Wir werden schon sehr bald auf unsere Anfragen in Suchmaschinen (zumindest bei Google) perfekt formulierte und differenzierte Antwort-Texte erhalten (statt ellenlanger Link-Listen). Wir werden (insbesondere) im Internet konfrontiert sein mit einem Wust an Aussagen und
Texten, deren Entstehen und deren Glaubwürdigkeit kaum nachzuvollziehen ist.

Ich bin sicher, dass wir uns schon in ein bis zwei Jahren wundern werden, wie schnell wir mal wieder in einer „neuen“ Welt leben – und wir werden daran zurückdenken, wie „gemütlich“ im Vergleich doch die Entwicklung von PCs, Internet, Handys, Smartphones, Facebook und WhatsApp waren…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)


„Das Glücksbüro“ von Andreas IZQIERDO

Bewertung: 1 von 5.

Sorry – ich habe abgebrochen! Das passiert mir nicht oft.

Es ist nicht meine Art von Humor, den der Autor diesem eher ruhigen und bedächtigen Roman auffährt. In einer Art Milieustudie beschreibt er das extrem eingeschränkte Leben eines Bürokraten, der sich so extrem mit seiner (offensichtlich weitgehend sinnlosen) Arbeit identifiziert, dass er sich im Keller seines Amtsgebäudes sogar häuslich eingerichtet hat und auf ein Privatleben ganz verzichtet.

Sein heile Welt der täglichen Routine (in Form der Abarbeitung von Formularen) wird durch einen mysteriösen Antrag erschüttert, für den es ganz offenbar keine passende Vorschrift gibt. Seine verzweifelte Suche nach einer bürokratisch befriedigenden Lösung öffnet schrittweise den Zugang zu dem (bisher vermiedenen) realen Leben, in dem es – überraschender Weise – auch eine interessante Frau gibt.

Mein Problem: Das Ganze wird so platt, übertrieben und klischeehaft dargestellt, dass bei mir schnell – und leider auch zunehmend – gähnende Langeweile entstand.
Was als menschliche Marotte oder als Allegorie auf die Bürokratisierung unseres Lebens vielleicht Sinn oder Vergnügen gemacht hätte, wird in einem solchen Umfang ausgewalzt, dass jedes Lesevergnügen auf der Strecke blieb.
Und wenn man nur noch auf das Ende wartet (damit es endlich vorbei ist) – dann sollte man besser aufhören…

13.01.2023 GRÜNE Spaltung?

Image: Wikipedia

Der spektakulär inszenierte Protest gegen die Räumung des Mini-Dorfes Lützerath bedeutet für die GRÜNEN zweifellos eine Belastung – stehen doch Mitglieder bzw. Funktionsträger der Partei auf beiden Seiten der Barrikaden.

Sich auf Realpolitik einzulassen, Kompromisse auszuhandeln und juristische Entscheidungen dann auch gegen Widerstand durchzusetzen, ist für eine ursprüngliche Protestpartei alles andere als gemütlich. Aber man kann nicht beides haben: Entweder ist man ein Teil des Systems (um dieses so weit wie demokratisch möglich zu verändern) oder man reduziert sich auf den außerparlamentarischen Druck.
Das gilt für die Partei als Ganzes – aber natürlich nicht für das einzelne Mitglied, das sich durchaus in die Proteste einreihen kann.

Aus dieser konflikthaften Widersprüchlichkeit von GRÜNEN Klimaaktivisten jetzt aber das Risiko oder gar die Notwendigkeit einer zweiten, radikaleren Umweltpartei ableiten zu wollen, halte ich für grundfalsch und gefährlich. Diese Spaltung würde die parlamentarische Vertretung der ökologischen Bewegung mit großer Sicherheit schwächen. Die inneren Reibungsverluste und Auseinandersetzungen würde funktionierende Strukturen und Abläufe zerstören und Energie binden, die dringend auf dem politischen Parkett gebraucht werden. Das Gewicht der GRÜNEN in der Ampel würde stark darunter leiden – und damit insbesondere den Einfluss der FDP stärken.

Also: Lassen wir uns nicht in eine Spaltungsdiskussion hineinreden oder -schreiben! Dahinter stehen höchstwahrscheinlich keine lauteren Motive.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)


12.01.2023 Jeff Beck

Image: Wikipedia

Natürlich macht es immer ein wenig betroffen, wenn ein altgedienter Musik-Held gestorben ist.

Mir geht es aber hier um etwas anderes:
Ich bin erfreut, welch breite Würdigung diesem Ausnahme-Gitarrist auch in den Standard-Medien (Zeit, Spiegel, Nachrichtensendungen) zuteil wird, obwohl er sicher kein klassischer Rock-Star mit einer großen Bekanntheit auch beim Mainstream-Publikum war.

Für mich ist das eine Bestätigung sowohl für die Informationsbreite unser Medien als auch für die anerkannte Bedeutung der Rockmusik für unsere kulturelle Welt der letzten ca. 60 Jahre.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

„Das Labyrinth der Freiheit“ von Andreas IZQUIERDO

Bewertung: 3.5 von 5.

Dies ist nun der dritte Band über die unzertrennbare Freundschaft zweier Männer (Carl und Artur) und einer Frau (Isi), die wir in dieser Trilogie insgesamt durch 13 chaotische und gewaltvolle Jahre begleiten können.
Der aktuelle Band spielt – wie sein Vorgänger – in Berlin; diesmal in den Jahren 1922/1923.
Der Roman setzt zwar die Kenntnis der Vorgeschichte nicht zwingend voraus – es ist aber wohl kaum übertrieben, dass es schlichtweg wenig Sinn machen würde, mit diesem abrundenden Abschluss-Band neu einzusteigen.

Die Rollenverteilung zwischen den drei Protagonisten ist den Followern der Geschichte bekannt:
Der Ich-Erzähler Carl ist sozusagen der „Normalo“ in diesem Trio: Er hat einen bürgerlichen Beruf und seine Erlebnisse als Kameramann geben einen durchaus interessanten Einblick in das Zentrum das zeitgenössische Filmschaffen (am Übergang zwischen Stumm- und Tonfilm). Noch stärker als in den früheren Bänden ist Carl aber in den gemeinsamen Kleinkrieg mit den großen Widersachern aktiv einbezogen.
Isi ist die eigentliche Hauptfigur in diesem Band. Es geht zunächst um das Leben ihres (ungeborenen) Kindes, dann um ihr eigenes. Entsprechend ihrem impulsiven Charakter trägt sie selbst zu der dramatischen Eskalation des Geschehens bei.
Artur ist und bleibt der nahezu allmächtige Bandenführer, der mit scheinbar grenzenlosen personellen und materiellen Ressourcen zwischen Geschäfts- und Unterwelt wechselt. Er scheut sich auch diesmal nicht, hemmungslos Macht und Gewalt für seine Ziele und die Interessen seiner beiden Liebsten einzusetzen.

Dieser Band ist ganz auf den abschließenden Show-Down zwischen der „Dreier-Bande“ und ihren „Todfeinden“ (Falk und Helene) ausgerichtet. Die Wurzeln dieser Fehde reicht bis in die Jugend zurück und hat bei allen Beteiligten existentielle Spuren hinterlassen.
Aus der Dynamik dieser Auseinandersetzung, in der es immer wieder um „Tod oder Leben“ geht zieht dieser Roman seine Spannung. Die zeitgeschichtlichen und politischen Hintergründe, die im zweiten Band eine recht große Rolle spielten, dienen diesmal nur als Rahmen für den sehr persönlichen Kampf.

Der Autor lädt – auch diesmal wieder – zur Identifikation mit dem Freundes-Trio ein. Die Personen selber und ihre unverrückbare Treue zueinander werden als Sympathieträger dargestellt. Was bei Carl recht einfach ist und bei Isi mit etwas Mühe gelingt, müsste eigentlich bei Artur an seine Grenzen kommen. Ohne Skrupel setzt dieser Bestechung, Drohungen, Gewalt und massive Folter ein, um an Informationen zu kommen oder Widersacher zu bestrafen (bzw. auszuschalten).
IZQUIERDO baut um diese kriminellen und brutalen Handlungen ein Rechtfertigungs-Gerüst auf: Da die Gegner ja noch „böser“ sind (auch weil sie mit rechten Kampfbündnissen und den, ausbeuterischen Eliten verbandelt sind) und weil die staatlichen Institutionen entweder dysfunktional oder korrupt sind, scheint es zu der exzessiven Selbstjustiz keine realistische Alternative zu geben.
So wird der Leser / die Leserin daran gewöhnt, dass der Zweck (diesmal die Rettung von Isi) jedes Mittel rechtfertigt.

Aus meiner Sicht verliert der dritte Band durch die Fixierung auf den Kleinkrieg weitgehend seine Option, auch einen zeitgeschichtlichen Informationsbeitrag zu geben (mit Ausnahme des Themas „Film/Kino). Wie schon im zweiten Band schwingt mir ein bisschen viel Sympathie für die halbseidene Welt von Alkohol, Kokain, Prostitution und Bandenkriminalität mit (der Autor scheint doch ziemlich fasziniert zu sein, von diesem Milieu).

Nicht verhehlen möchte ich, dass nach einem langen und wechselhaften Duell zwischen den beiden Parteien (das für spannungssuchende Leser vermutlich recht attraktiv, für andere vielleicht etwas überzogen ist), dem Autor doch noch ein recht überraschendes und kreatives Ende der Gesamt-Geschichte gelingt (mal unabhängig von der Wahrscheinlichkeit).
So war ich ganz am Ende ein wenig versöhnt – mit einem dritten Band, der mir sonst als der schwächste erschien.

„Der Mensch und die Macht“ von Ian KERSHAW

Bewertung: 4 von 5.

Der bekannte englische Historiker Ian KERSHAW hat sich mit diesem gewichtigen Werk und seinem geradezu monumentalen Titel einer geschichtswissenschaftlichen Grundsatzfrage gewidmet: In welchem Ausmaß bestimmt die konkrete Persönlichkeit einer politischen Führungkraft darüber, ob von ihr wirklich „große“ und langfristige Einflüsse auf die Geschicke einer Nation, eines ganzen Kontinents oder sogar in weltgeschichtlicher Dimension ausgehen.
Als Gegenthese zu der Bedeutung von Einzelpersonen steht die Sichtweise, dass die vermeintlich „großen“ Staatenlenker letztlich nur gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Prozesse aufgreifen und sich aneignen, die auch ohne sie (in ähnlicher Form) stattgefunden hätten. In diesem Bild würden sich dann eher die historischen Bedingungen passende (und letztlich austauschbare) Personen suchen – statt durch diese geschaffen und geprägt zu werden.

Nach einer kurzen Einleitung untersucht der Autor am Beispiel von 12 der bedeutsamsten politischen Führer des 20. Jahrhunderts, wie jeweils das Zusammenspiel und die relative Bedeutung der beiden Faktoren zu bewerten ist. Seine Auswahl: Lenin, Mussolini, Hitler, Stalin, Churchill, De Gaulle, Adenauer, Franco, Tito, Thatcher, Gorbatschow, Kohl.
Grob gesagt, geht es in den einzelnen Kapiteln darum, die jeweilige Persönlichkeit, die Ausgangsbedingungen und das komplexe Zusammenspiel dieser beiden Faktoren im Verlauf der Karriere anzuschauen – um dann zu einer Gesamtbilanz hinsichtlich der Grundsatzfrage zu kommen.

Positiv ist zu verzeichnen, dass sehr schnell deutlich wird, auf welch breiten Wissensfundus der vielfach geehrte Historiker zurückgreifen kann. Jede/r Leser/in ohne historisches Spezialwissen wird ganz sicherlich mit einem enormen Wissens- und Erkenntniszuwachs von diesem verständlich geschriebenen Sachbuch profitieren.

Kritisch bleibt anzumerken, dass allzu oft die Ausgangsfrage des Buches mit der Schlussfolgerung „sowohl als auch“ beantwortet wird.
Das ist zwar keine Überraschung – denn natürlich kam und kommt es sowohl auf die Ausgangsbedingungen als auch auf die spezifischen persönlichen Eigenschaften an – aber es wirkt in der Wiederholung doch irgendwann ein bisschen platt (weil selbstverständlich).
Es wäre klarer gewesen, sich von vorneherein auf die Frage zu konzentrieren, wie im konkreten Fall die Interaktion aussah (statt jedes mal so zu tun, als ob die Frage offen wäre).
Zusätzlich muss berücksichtigt werden, dass sich die jeweilige „Persönlichkeitsanalyse“ (natürlicherweise) auf die offensichtlichen Eigenschaften und Merkmale beschränkt, die sich bei solchen Führungspersonen auch entsprechend ähneln (machtbewusst, durchsetzungsstark, skrupellos, hartnäckig, usw.). Eine tiefergehende psychologische oder psychopathologische Betrachtung wird kaum versucht (vielleicht mit Ausnahmen bei Stalin und Hitler). Das kann man als sinnvolle Selbstbeschränkung ansehen (wird auch an einer Stelle so formuliert), es grenzt aber die Aussagekraft über den Faktor „Mensch“ auch ein.

Natürlich gibt es interessante Differenzierungen zwischen autoritär-diktatorischen und demokratisch legitimierten Staatenlenkern (und einer Lenkerin). KERSHAW versäumt es nicht, auf die jeweilige Einbettung der Führer in ihr Unterstützer-Milieu bzw. auf die Bedeutung bestimmter Mitstreiter (es sind fast nie Frauen) einzugehen.
Interessant ist, dass Kanzler Kohl insofern eine Sonderstellung zugesprochen wird, als dass er ohne den historischen Glücksfall der Maueröffnung wohl kaum eine prägende Figur des 20. Jahrhunderts geworden wäre.
Insbesondere die Ausführungen zu Franco, Mussolini und Tito gehen in ihrer Differenziertheit deutlich über das hinaus, was man an historischer Allgemeinbildung selbst im besten Sinne erwarten kann; hier sind dann doch eher Geschichts-Nerds angesprochen.

KERSHAW hat ein faktenreiches und erhellendes Geschichtsbuch des letzten Jahrhunderts geschrieben, das sich ohne Zweifel zu lesen lohnt.
Die so hoch gehängte Frage, ob nun konkrete Personen oder vorhandene Strömungen stärkeren Einfluss auf die Geschehnisse hatten, mag zwar eine spannende Perspektive sein. Die doch eher wenig überraschenden Antworten darauf würden jedoch alleine das Schreiben und Lesen dieses Buches sicher nicht rechtfertigen.

11.01.2023 Temperatur-Rekorde 2022

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Der Klimawandel wäre ja auch dann dramatisch, wenn es nicht jedes Jahr neue Temperatur-Rekorde geben würde. Es handelt sich schließlich um einen langfristigen Trend, der auch durch ein paar kühlere Jahre keineswegs gebrochen würde.

So ist es geradezu ein Geschenk für die begriffsstutzigen Menschen, dass ihnen Jahr für Jahr das Geschenk gemacht wird, die klimatischen Entwicklungen so eindeutig und anschaulich serviert zu bekommen – geradezu auf einem Silbertablett. Viel klarer und schneller, als die Klima-Modelle es prognostizierten.

Also auch 2022 wieder ein Rekord-Jahr – mit all dem, was dazugehört. Damit es wirklich alle kapieren können.
Hört noch jemand zu? Hat das irgendwelche Auswirkungen auf private Entscheidungen oder die persönliche Lebensführung?

Wir leben – mehr oder weniger – alle in zwei parallelen Welten: In der einen nehmen wir all die dramatischen Informationen besorgt zur Kenntnis – in der anderen leben wir unser Leben mit (fast) all unseren Gewohnheiten einfach weiter.

Mal sehen, welche Alarmsignale 2023 für uns bereithält.
Dann werden wir bestimmt aufwachen…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)