„Rettet die Wahrheit“ von Claus KLEBER

Ich mag das heute-journal und ich mag dort besonders Claus KLEBER.
Ich fühle mich durch diese Sendung durchweg erstklassig und niveauvoll informiert und sehe mich immer wieder in dem Eindruck bestätigt, dass dafür eine besonders engagierte journalistische Haltung der Macher verantwortlich ist.
Auf diesem Hintergrund hat mir ein aufmerksamer Mensch dieses Büchlein geschenkt und damit für meine positive Einstellung die perfekte Untermauerung geschaffen.

Claus KLEBER schafft es auf knapp 100 Taschenbuchseiten, nicht nur einen Einblick in den spannenden Arbeitsalltag der Redaktion zu vermitteln, sondern ein leidenschaftliches Plädoyer für unabhängigen und aufklärerischen Journalismus und die öffentlich-rechtliche Medienlandschaft insgesamt zu liefern.

Natürlich wäre KLEBER nicht KLEBER, wenn er das ohne Bezug zu den aktuellen gesellschaftlichen, politischen und medialen Herausforderungen tun würde. Es geht daher zwangsläufig um Trump, um fake-news, um die sozialen Netzwerke und den Einfluss von Macht und Geld auf die Meinungsbildung.
Facebook und Co werden dabei nicht verteufelt – aber auch an deren Beispiel wird überzeugend deutlich gemacht, wie unverzichtbar ein unabhängiger, nur den eigenen Maßstäben verpflichteter Qualitätsjournalismus für eine demokratiekonforme Informationsvermittlung ist.

Zugegebenerweise sind die medien- und gremienpolitischen Feinheiten um die umstritterne Wiederbesetzung des ZDF-Chefredakteur-Posten im Jahre 2009 nicht für jeden Leser ein spannender Stoff. KLEBER macht diesen etwas trockenen Exkurs, um zu demonstrieren, dass zwar auch Deutschland nicht frei von Versuchen politischer Einflussnahme auf öffentliche Medien ist – letztlich aber die Sicherungen und Kontrollen zuverlässig funktioniert haben.
Er macht glaubhaft, dass es in seinem gesamten Berufsleben keinen Versuch gegeben hat, seine journalistische Freiheit einzuschränken oder auch nur zu lenken.

Diese Form von gelebter Pressefreiheit mag uns demokratie- und rechtsstaatverwöhnten Deutschen wie eine pure Selbstverständlichkeit vorkommen, ist aber tatsächlich auf diesem Planeten eine seltene Ausnahmeerscheinung. Wer glaubt, seine Nachrichten genausogut von einem kontrollierten Staatsfernsehen oder von einem ideologisch verpeilten Medienzaren beziehen zu können, sollte vielleicht mal in Russland, China oder in den USA in die Glotze gucken. Und wer ernsthaft meint, dass facebook und twitter einen seriösen und professionellen Journalismus überflüssig machen würde, der spielt mit den Grundlagen unserer Demokratie.

Vielleicht hilft ja ein Blick in dieses kleine Büchlein – nach einer ca. zweistündigen Lesezeit ist man vielleicht überzeugt.

Ich jedenfalls halte unsere öffentlich-rechtlichen Medien für eine große Errungenschaft, die man gegen Zweifel und Angriffe verteidigen sollte.
Genau dies gelingt KLEBER in diesem Buch.

„Warten auf Bojangles“ von Olivier BOURDEAUT

Ein kleiner französischer Roman, auf den ich sicher nie gestoßen wäre, wenn er mir nicht von einem lieben Menschen geschenkt worden wäre.
In Frankreich war dieser Debüt-Roman offenbar eine kleine literarische Sensation. Konnte ich das beim Lesen nachvollziehen?

Zunächst einmal führt einen der Autor, der als Ich-Erzähler aus der Sicht eines Kindes schreibt, in eine wirklich ausgefallene Familien-Situation. Es wird ein Paar beschrieben, das ein extrem anti-bürgerliches Leben führt und sich statt an Regeln und Konventionen fast ausschließlich an der Maximierung von Genuss und Lebensfreude orientiert – und dabei vor keiner Ausschweifung Halt macht. Die entscheidende Rolle hat dabei die Frau/Mutter, die ihre Lust an Tanz, Musik und rauschhaften Zuständen in einem sowohl faszinierenden als auch selbstzerstörerischen Umfang auslebt.
Das alles wird sehr liebevoll und mit fast grenzenloser Toleranz beschrieben – denn sowohl der Ehemann als auch das Kind versuchen – solange wie eben möglich – das Bild von einer lebenslustigen und charismatischen Person aufrecht zu erhalten.

Doch wie könnte es anders sein: Irgendwann nehmen die Schattenseiten Überhand und das ach so genussvolle Lebenskonzept entpuppt sich als das, was es eben die ganze Zeit auch schon war: eine Gradwanderung diesseits und vor allem jenseits der Grenze zum Wahnsinn.

Das Lesevergnügen besteht vor allem darin, sich auf das Ausmaß der „positiven Umdeutung“ einzulassen, das in dieser Familie aufrecht erhalten wird. So hat man den Eindruck, es geht um die Schilderung von etwas extravaganten „Orginalen“ – wo doch das Scheitern und der Untergang schon unübersehbar sind.

Ob wohl der Autor von autobiografischen Erfahrungen berichtet?
Das würde man gerne wissen.

GroKo 2018

Jetzt ist es also soweit: Jeder kann aus vollem Herzen seine Enttäuschung und seinen Frust auskippen über die „doofen“ Politiker, die in der Sondierung mal wieder so ziemlich alles falsch gemacht haben. Natürlich bieten sich als Hauptopfer mal wieder die SPD und Martin Schulz an. Immer feste drauf…
Man kennt das jetzt schon seit vielen Monaten, eigentlich schon seit Jahren.

Obwohl ich einen nicht unbeträchtlichen Teil der Enttäuschung und Kritik teile (z.B. am verschobenen Kohleausstieg und an dem Ausbleiben eines höheren Spitzensteuersatzes), so kann ich doch all das aufgeregte Getöse nicht mehr gut ertragen.
Die Frage mag doch erlaubt sein: „Wer könnte es denn unter den gegebenen Umständen wirklich so viel besser?“ Muss man den Menschen, die sich da einsetzen, wirklich immer wieder zum Vorwurf machen, dass aufgrund der Machtverhältnisse bestimmte Sachen nicht durchsetzbar sind?
Wie oft will man Schulz noch seine Redeausschnitte vorspielen, in denen er die GroKo ausgeschlossen hat? Welche politische Erkenntnis ist damit verbunden?

Ich hoffe darauf, dass der nachhaltige Nutzen nicht in irgendwelchen Wahlgeschenken liegt, sondern in einer Stärkung Europas. Ich kann mir sowohl Gabriel als auch Schulz als Außenminister vorstellen.

Natürlich fehlen mir die grünen Themen – aber soll ich deshalb jetzt vier Jahre lang so tun, als wären wir mit dieser Regierung dem Untergang geweiht?
Mehr war unter diesen Umständen nicht drin. Wozu bitte jetzt noch die Regierungsbildung scheitern lassen – wie es die Jusos wollen. Mit welchem realistischen Ziel?

Vielleicht bin ich inzwischen – altersbedingt – zu pragmatisch.
Ihr könnt das gerne in euren Kommentaren zum Ausdruck bringen…

„Ikarien“ von Uwe TIMM

Ein sehr besonderes Buch – auf das mich ein guter Freund hingewiesen hat.

Ich versuche mal zum Einstieg die Leser-Zielgruppe zu beschreiben:
Die potentiellen Leser sollten insbesondere bereit sein, sich geduldig auf einen eher langsam ablaufenden Prozess der Annäherung und des Verstehens einzulassen. Sie sollten offen sein für indirekte und verschlungene Wege des Erkenntnisgewinns und eine gewisse Frustrationstoleranz mitbringen – da die Kurven und Umwege nicht immer gut ausgeschildert sind. Man sollte ein wenig schwindelfrei sein, weil der Wechseln zwischen Detailverliebtheit und den ganz großen Grundsatzfragen manchmal sehr plötzlich erfolgt…

Was kann man gewinnen, wenn man diese Ressourcen mitbringt und bereit wäre, sie für diese Buch einzusetzen?

Geboten wird ein ungewöhnlich tiefer  und vielschichtiger Einblick in eine zeitgeschichtlich, politisch und wissenschaftlich spannendes und bedeutsame Fragestellung:
Wie kam es dazu, dass deutsche Wissenschaftler und Mediziner vor und während der Nazi-Zeit sich der Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens verschrieben haben und unter dem Leitmotiv „Reinhaltung und Optimierung der arischen Rasse“ unfassbare Verbrechen begangen haben.

Die Antwort, die das Buch darauf zu geben versucht, besteht nicht etwa in einer systematischen Analyse der nationalsozialistischen Ideologie, sondern in der akribischen Nachzeichnung der Lebensläufe von zwei Freunden. Es geht also um die persönliche, individuelle Perspektive; gesellschaftliche Entwicklungsverläufe werden gespiegelt und somit nachvollziehbar gemacht an Einzelschicksalen.

Dieser schon an sich literarisch anspruchsvoller Ansatz wird vom Autor dann noch in eine komplexe Rahmenhandlung eingewoben: Ein deutschstämmiger US-Offizier bekommt im Rahmen seines Recherche-Auftrags einen ungewöhnlich intimen Kontakt zu einem der beiden Protagonisten, der sich von seinem zum Rassenwahn driftenden Freund zwischendurch abgesetzt hatte. In der Befragung dieses Zeitzeugen entsteht dann nach und nach ein facettenreiches Bild, das über Jahrzehnte von der gemeinsamen Suche nach einer idealen Gesellschaft (am Beispiel einer Modell-Gemeinde in den USA) bis zu den brutalsten Menschenversuchen in Nazi-Kliniken führt.
Zwischendurch werden immer wieder existentielle philosophische und politische Grundsatzfragen thematisiert – manchmal fast beiläufig in einem Bericht über irgendein früheres Gespräch versteckt.
Ganz nebenbei bekommt man auch noch einen  – durchaus auch unterhaltsamen – Einblick in die Versuche der amerikanischen „Siegermacht“, sich einen Einblick in die Denk- und Empfindungswelt des Nazi-Deutschlands zu verschaffen.

Was vielleicht deutlich wird: Es ist ein anspruchsvolles Buch, für das man sich Zeit nehmen muss. Das ist der Grund, warum ich oben zunächst die Zielgruppe umschrieben habe.
Es ist ein Buch, das einen Facette des Nazi-Unrechtssystems auf eine faszinierende Weise beleuchtet und damit einen wahrhaft literarischen Kontrast zu einem historisch-analytischen Zugang schafft.
Dafür wird einem eine gewisse Mühe abverlangt – aber das sagte ich ja schon….

Regierungsbildung in Deutschland

Es ist schon ein bisschen seltsam: Da hatten wir im September eine Bundestagswahl, dann – nach einem sinnlosen Stillstand – Jamaika-Sondierungen, dann deren Scheitern und nun seit einigen Wochen das Vorgeplänkel zu den Verhandlungen über eine nächste GroKo. Und in all diesen bewegenden Wochen, in denen uns die  politischen Themen nur so um die Ohren flogen, setzte ich mich nicht ein einziges Mal hin und pflegte meinen Blog.

Was war/ist los?

Meine Passivität ist kein Hinweis darauf, dass mir das Interesse an Politik plötzlich verloren gegangen wäre. Im Gegenteil: Ich habe fleißig Print- und Webmedien konsumiert und gefühlte 45 Talkshows zum Thema über mich ergehen lassen.
Das Ergebnis dieser Flut von Informationen und Meinungen war eine Art Lähmung des Denkens, Meinens und Schreibens. So als ob die ganzen widersprüchlichen Perspektiven und Facetten sich gegenseitig neutralisiert hätten und irgendwann zu einem zähen und farblosen Brei von Ratlosigkeit, Überdruss und Resignation kondensiert wären.

Dabei hatte ich mich relativ schnell mit der Jamaika-Perspektive angefreundet – bot diese doch die Chance, an ein paar Stellen mehr zu bewegen als dies bei den eher trägen „Groß-Parteien“ zu erwarten gewesen wäre. Meine Hoffnungen lagen (natürlich) bei den zukunftsrelevanten Themen der GRÜNEN: Klimapolitik und ökologische Landwirtschaft. Hoch erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass es den Vertretern der GRÜNEN offenbar gelang, auf der inhaltlichen und der Umgangs-Ebene zu überzeugen und die ihnen zugedachte Störer- und Exotenrolle elegant zu umschiffen.

Das Scheitern dieses Projektes war daher für mich eine frustrierende Erfahrung. Alles, was darauf folgte, hat dieses Gefühl von Unbehagen noch verstärkt.

Wer jetzt erwartet, ich würde die ganze Häme über den Kurswechsel der SPD und ihres „unfähigen“ Vorsitzenden hier nochmal aufwärmen, den muss ich enttäuschen. Mich beschäftigt ein ganz anderes Gefühl: Ich bin zunehmend genervt von der Dramatisierung und Skandalisierung, die sich in die Betrachtung und Bewertung der aktuellen politischen Situation breit gemacht hat. Ich kann es immer weniger ertragen, wenn irgendwelche Politiker oder Journalisten (oder gar irgendwelche Spinner im Internet) mal wieder kundtun, wie absolut unakzeptabel oder extrem gefährlich doch die eine oder andere Variante sei. Wie unfassbar schlimm doch so ein Positionswechsel einer Partei oder wie absolut notwendig doch der sofortige Rücktritt von Führungspersönlichkeiten sei.

Es wird so immer stärker ein Klima erzeugt, in dem Unsicherheiten, Fehleinschätzungen oder ein vorübergehendes Formtief unerbittlich seziert, aufgebauscht und als unverzeihlich definiert werden. Nach dem Motto: „Es gab Schwächen? Weg mit dem Kerl! Wir bauen eine neue Kunstfigur auf, um sie bei passender Gelegenheit wieder umso genüsslicher zur Strecke zu bringen und vor laufenden Kameras zu zerfleischen!“

Dahinter steckt nicht nur eine menschenverachtende Tendenz zur „Quote durch Vernichtung“, sondern auch der Irrglaube, dass uns ja beliebig viele kompetente und engagierte Ersatzpolitiker zur Verfügung ständen (als ob diese auf Bäumen wachsen würden).

Ein gutes Beispiel findet sich wiederum in der SPD: Wie lange hatte man sich auf den so „bollerigen“ Sigmar Gabriel eingeschossen und wie erleichtert waren die Medien, als er endlich das Handtuch warf. „Mal wieder geschafft!“ Seltsamere Weise entpuppte sich dieser so vermeintlich unbeherrschte Gabriel kurze Zeit später – sozusagen aus dem Stand heraus – als überaus kompetenter Chef-Diplomat, der seine Arbeit jetzt schon viele Monate fehlerfrei und souverän macht. Hat man schon mal irgendwo davon gelesen oder gehört, dass man da vielleicht vorher ein wenig übertrieben hatte? Dass es mal wieder hauptsächlich darum ging, jemanden zu demontieren?

Keine Sorge! Ich schimpfe hier nicht über irgendeine „Lügenpresse“. Ich bin froh, dass es in Deutschland so eine niveauvolle Presselandschaft und die öffentlich-rechtlichen Medien gibt. Aber ich bin es leid, auch bzgl. der jetzt anstehenden Regierungsbildung immer wieder zu hören und zu lesen, dass ein bestimmter Weg fast sicher in irgendein Verderben führe. Auch eine nächste GroKo wird unser Land und die beteiligten Parteien nicht gleich in den Abgrund führen – es sei denn, man lässt nicht davon ab, genau das herbeizureden und zu schreiben.

Für das Thema Europa könnte sogar eine Menge dabei herauskommen. Allerdings wäre es ein unverzeihliches Versäumnis, wenn die notwendigen Umsteuerungen in der Energie- und Umweltpolitik nur deshalb unterbleiben würden, weil die GRÜNEN jetzt diese Schritte nicht mehr erzwingen können. Wer im Jahre 2017, auf der Basis gut gefüllter Steuerkassen, die Einhaltung der Klimaziele von Arbeitsplätzen und den Profiten einiger Energiekonzerne abhängig macht, der stellt – wider besseres Wissen – die Zukunft aufs Spiel; die ökologische und die ökonomische Zukunft.

„Nächste Ausfahrt Zukunft“ von Ranga YOGESHWAR

Nun also das vierte aktuelle Zukunftsbuch (hier die ersten drei); diesmal vom dem sympathischen Physiker und Wissenschaftsjournalisten Yogeshwar, bekannt vor allem aus der Sendung „Quarks und Co“. Dieser Mensch begleitet mich jetzt eine gefühlte Ewigkeit durch mein Leben und hat offensichtlich die Pille für die ewigen Jugendlichkeit geschluckt.

Was bietet er nun auf seiner Zukunftsreise?
Man könnte kurz sagen: Alles!

Vielleicht möchte man es doch ein wenig differenzierter:
Natürlich wird zunächst mal – und das kann man ja schon fast voraussetzen – kein wesentliches Zukunftsthema ausgelassen. Natürlich geht es um Digitales, Genetik, Klimawandel, Umweltzerstörung, Wirtschaft, Energie, Verkehr, Weltraum, Turbokapitalismus, Migration, Landwirtschaft und um den verunsicherten und überforderten Menschen auf seinem einzigartigen und gefährdeten Planeten.

Doch die erlebte Vollständigkeit bezieht sich nicht nur auf das Themenspektrum. Der Autor bietet auch eine Vielzahl von Perspektiven und Zugängen an: Er berichtet von Reisen und Interviews, fügt (eigene)Tagebuchaufzeichnungen ein, erklärt auf seine routinierte Art auch komplexe Zusammenhänge und spart auch nicht mit persönlichen Bewertungen und Warnungen. Er ist immer als engagierte Person, als Wissenschaftler und Bürger, spürbar und versteckt sich nicht hinter vermeintlich objektiven Gegebenheiten.

Zwei weitere Besonderheiten des Buches möchte ich nennen:

  • Yogeshwar schafft immer wieder die Klammer zwischen dem (vermeintlich) Bekannten und den neuesten Erkenntnissen und Trends. Er sammelt seine Leser erst mal dort ein, wo er sie mit ihrem Informationsstand vermutet; dabei geht er auf Nummer sicher und spricht noch mal vieles aus, was man so oder anders schon gehört oder gelesen hat. Das ist für viele sicher auch ein wenig redundant. Aber er bleibt dort nicht stehen, sondern führt den Leser bis an die Orte, wo jetzt gerade ganz konkret die Zukunft erfunden wird. Das schafft ein Gefühl der aufgeklärten Ahnung: man hat eine Idee, worum es gehen könnte und worauf es hinauslaufen könnte.
  • Der Autor spart zwar nicht mit bedenklichen Informationen oder eindeutigen Warnungen – trotzdem behält er eine optimistische Grundperspektive. Er sieht und beschreibt (erste) Anzeichen der ein oder anderen Trendwende, freut sich z.B. über Gegenbewegungen zum Digitalisierungswahn – ohne dabei technikfeindlich zu sein.

Mein Resümee:
Yogeshwar hat das richtige Buch für diejenigen geschrieben, die einen breiten und leicht verdaulichen Einstieg in eine aktuelle Gesamtsicht der Welt suchen und dabei die unauffällig, aber bestimmt führende Hand des wohlmeinenden und menschenfreundlichen Autors gerne akzeptieren. 
Hier wird man aufgerüttelt, aber nicht schockiert; hier werden menschliche Fehlentwicklungen gezeigt, aber keine Feindbilder definiert.
Lasst uns zusammen die Welt retten – aber seit dabei nett zueinander!
(ja, wenn nur alle so nett wären wie Ranga….)

Das dritte Geschlecht

Das Bundesverfassungsgericht hat sich entschieden: Es muss demnächst die Möglichkeit geschaffen werden, sich neben „männlich“ und „weiblich“ einer dritten Kategorie zuordnen zu können. Damit soll den Interessen der Minderheit (ca. 80.000 bis 100.000 Menschen) entsprochen werden, die aus biologischen und psychischen Gründen eine solche Zuordnung als aufgezwungen und unstimmig erleben.

Mich irritiert das – nicht weil ich diese Minderheit diskriminieren möchte oder an ihrem Anliegen zweifle. Mich irritiert das, weil ich mit den Maßstäben durcheinander komme.

Dient es wirklich einer Gesellschaft, die sich zu ca. 99,9% mit der bisherigen Einteilung arrangieren könnte, wenn aus dem Motiv des Minderheitenschutzes eine neue gesellschaftliche Realität gezimmert wird?  Mit allen juristischen und verwaltungsmäßigen Konsequenzen? In deutscher Gründlichkeit?

Könnte es nicht auch zu den unvermeidbaren Lebensrisiken gehören, wenn seltene Besonderheiten und Abweichungen als – für den Einzelfall nicht optimal geregelte – „Sonderfälle“ behandelt werden, ohne dass gleich aus der Ausnahme eine für die ganze Gesellschaft sichtbare und für die meisten nur schwer nachvollziehbare gesetzliche Neudefinition entsteht?

Wie weit muss die Mehrheit sich an den Minderheiten ausrichten? Brauchen wir für alles eine hochoffizielle Regelung? Fühlt sich die Mehrheitsgesellschaft vielleicht immer fremder und unverstandener, weil man ihr nach und nach alle als sicher geglaubten Selbstverständlichkeiten streitig macht?
Schaffen wir so nicht  – statt einer immer diskriminierungsfreieren Gesellschaft – eher neue AfD-Wähler?

Ich weiß – meine Überlegungen sind vermutlich nicht politisch korrekt.
Aber vielleicht ein bisschen vernünftig??

„Tyll“ von Daniel KEHLMANN

Ich bin auf dieses ganz neue Buch von Kehlmann durch einen geradezu enthusiastischen Beitrag im „heute-journal“ gestoßen. Den bekannten Vorläufer „Die Vermessung der Welt“ (2009) habe ich damals mit großem Genuss gelesen.

Kehlmann nimmt den Leser mit auf eine intensive und emotionale Reise in eine historische Situation und leuchtet diese in einer bewundernswerten Tiefe und Detailbesessenheit aus.

Man erfährt etwas über das Leben, Denken und vor allem über das Leiden der Menschen im Dreißigjährigen Krieg und hat dabei das Gefühl, in einige Situationen und Ausschnitten geradezu mit dem Vergrößerungsglas oder sogar mit dem Mikroskop zuzuschauen, geradezu einzutauchen. Die Themen, die berührt werden, sind die Jagd auf Ketzer und Hexen, die bittere Armut der einfachen Leute, große Politik in Form von Konflikten zwischen den – entweder katholischen oder protestantischen – Herrscherhäusern, erste Ansätze von Wissenschaft (noch ganz nah bei der Scharlatanerie) und die Welt des Fahrenden Volkes, zu dem auch die Titelfigur Tyll gehört.

Der Lebenslauf dieses Seiltänzerin, Jongleurs und Zirkusdirektors stellt in diesem historischen Roman den roten Faden dar, der allerdings nicht in einer strengen chronologischen Ordnung erzählt wird, sondern in wiederholten Zeitsprüngen.

Meine Bewertung?

Die Stärke des Buches ist in gewisser Weise auch seine Schwäche. Einige Ausschmückungen gingen mir persönlich zu sehr ins Detail, ich erlebte sie als weitschweifig. Ich hätte lieber noch ein paar andere Szenen geschildert bekommen, statt einzelne Situationen in einer fast erschlagenden Genauigkeit und Ausführlichkeit.

Am meisten habe ich von der durch das Buch aktualisierten tiefen Dankbarkeit profitiert, zu einer besseren Zeit an einem besseren Ort leben zu dürfen als den geschilderten Menschen damals zuteil wurde. Es ist wirklich ein unglaubliches Privileg, dieser Willkür, dieser Gewalt und dieser Unwissenheit nicht ausgeliefert zu sein. Natürlich kann man dieses Bewusstsein – wie gut man es hat – auch dadurch bekommen, dass man sich in der aktuellen Welt umschaut. Dazu reicht eine Tagesschau. Und trotzdem verschafft dieser historische Vergleich eine grundsätzlichere Perspektive.

Die Menschheit hat sich – zumindest in großen Teilen der Welt – wohl doch ein bisschen weiterentwickelt!

Wir sollten peinlich darauf achten, diese Errungenschaften – Menschenrechte, Demokratie, Wissenschaft, Aufklärung, Gewaltenteilung, Rechtsstaat – nicht zu verspielen.

Wie sich das Leben ohne all diese Errungenschaften anfühlen könnte, das zeigt Kehlmanns Tyll sehr plastisch und eindrücklich.

„Sozusagen Paris“ von Navid KERMAN

Eigentlich stand ein anderes Buch dieses Autors auf meiner Leseliste. In diesem Buch setzt er dem Rock-Musiker Neil Young ein literarisches Denkmal. Und tatsächlich taucht der Musiker am Ende des hier besprochenen Romans noch in Erscheinung und eines seiner Lieder wird in den Gedankengang einbezogen.

Doch es geht hier nicht um Rockmusik – es geht um Liebe, genauer gesagt um die bürgerliche Ehe und was sie oft mit der Liebe macht.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: ein Romanautor – und damit meint der Autor tatsächlich sich als reale Person – trifft auf einer Lesereise eine Frau, in die er dreißig Jahre zuvor kurz aber heftig verliebt war. Sie reden eine ganze Nacht, insbesondere über ihre eheliche Beziehung und warum sie trotz allem weiter besteht. Zwischendurch erfährt man auch ein wenig über die ehelichen Erfahrungen des Autors selbst.

Was ist nun das Besondere dieses Buches? Warum sollte man es lesen oder besser nicht lesen?Ich möchte zwei Aspekte herausstellen, die vielleicht die Entscheidung erleichtern könnten.

Der Autor gibt sich als Freund und Kenner der klassischen Liebesliteratur zu erkennen. Man könnte auch sagen: Wesentliche Teile seines Buches beinhalten Zitate aus berühmten Ehe- und Liebesromanen von STENDHAL, PROUST, FLAUBERTund BALZAC. Mit diesen Zitaten arbeitet er, kommentiert sie, lässt seine Gedanken ergänzend durch die berühmten Vorbilder ausdrücken. Man ist erstaunt (wenn man die Originale so wenig kennt wie ich), mit welcher Klarheit und Eleganz die noch heute gültigen Grundthemen schon damals formuliert wurden. Wenn man so etwas mag und „alten Meister“ liebt, ist man hier gut aufgehoben.

Das zweite Merkmal des Buches ist seine Selbstbezogenheit. Der Autor macht sich selbst, das Schreiben, die (fantasierte) Auseinandersetzung mit seinem Lektor und seine Rolle als Romanschriftsteller permanent zum Thema. So ist dieser Roman auch ein Buch über das Romanschreiben. Der Autor guckt sich zu, wie er sich beim Schreiben zuguckt. Das kann man interessant und spannend finden – insbesondere, wenn man selbst schreibt. Man kann es auch ein wenig überzogen und selbstverliebt finden.

Und was ist nun mit der Liebe in der Ehe? Ist sie möglich oder doch nicht? Auf Dauer?

Nun, es wäre ein schlechtes Buch von einem schlechten Autor, wenn es darauf eine eindeutige Antwort gäbe. Die Skepsis ist groß und schlägt manchmal in Resignation um. Die Alternativen sind nicht besonders reizvoll. Und vielleicht lohnt sich der Versuch ja doch.

Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind …. (in diesem Fall natürlich der Leser)

(Das Buch über Neil Young werde ich trotzdem lesen und das zitierte Lied habe ich während der letzten Seiten mitlaufen lassen).

Katalonien II

Ich bin am Tag der sog. Unabhängigkeitserklärung des katalonischen Parlaments zufällig vor Ort, auf Besuch bei einer Freundin. In einem kleinen Dorf in der Nähe von Girona, der zweitgrößten Stadt Kataloniens.

Wir verfolgen den ganzen Tag gespannt die Nachrichtenlage. Dann passiert es: Die beiden Parteien fahren die größten Geschütze auf – ab sofort ist alles möglich. Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt; besser: Zwei Züge nehmen Fahrt auf, aufeinander zu, auf einer eingleisigen Strecke.

Betrifft mich das? Werde ich wie geplant in der nächsten Woche nach Hause fliegen können? Wird meine Freundin das Land verlassen müssen, weil deutsche Jugendämter in dieser Situation keine Maßnahmen mehr verantworten können?

Was ist mit den Menschen hier? Gestern machte ich einen Spaziergang, eine Stunde nach Verkündigung der Ablösung von Spanien. Die Leute strichen ihre Haustüren und reparierten ihre Autos. Die katalonischen Fahnen hängen müde an manchen Häusern. War was?

Alle Leute verlassen sich darauf, dass ja nichts Ernstes passieren kann. Das Leben muss doch weitergehen. Der Alltag ist doch stärker als die Politik. Hat jemand ein Gefühl dafür, dass man gerade mutwillig eine insgesamt gute und friedliche Lebenssituation aufs Spiel setzt? Größtenteils, um einer vagen Idee, einem diffusen Freiheitsgefühl nachzujagen? Man vergleicht sich in einer naiven Realitätsverzerrung mit Situationen und Menschen, bei denen es wirklich etwas ging oder geht. Um Unterdrückung, Not, Perspektivlosigkeit.

Für mich ist es unverständlich. Und verantwortungslos. Ich freue mich, dass gerade die Sonne aufgeht. Ich hoffe auf den Sieg der Vernunft. Überall. Und ich hoffe auf eine problemlose Heimkehr in der nächsten Woche.

(Es ist übrigens schön hier)