„Quantenträume“ von Hao JINGFANG u.a.

Bewertung: 5 von 5.

Vom HEYNE-Verlag wird ein Sammelband mit 15 chinesischen Science-Fiction-Kurzgeschichten vorgelegt. Den Erzählungen wird jeweils ein kurzes Autoren-Profil vorangestellt. Eingerahmt wird das Ganze durch ein Vorwort des weltbekannten Autors Cixin LIU („Die drei Sonnen“) und einer kurzen, aber informativen Nachbetrachtung.

Zentrales Thema der Stories ist die Künstliche Intelligenz (im Folgenden – wie allgemein üblich – mit „KI“ abgekürzt). Die Mehrzahl der ausgesuchten Texte befasst sich in irgendeiner Form mit den Irrungen und Wirrungen, die sich zwischen Menschen und ihren intelligenten Robotern ergeben.
Aufgrund der breiten Streuung der Autoren ergeben sich Einblicke in sehr unterschiedliche Erzählstile, in denen mal eher das Technische, meist aber das Menschliche im Vordergrund steht. Die Geschichten sind in den letzten 20 Jahren entstanden und stammen aus der Feder (besser: aus der Tastatur) von mehr oder weniger etablierten Autoren zweier Generationen. Allen gemeinsam ist, dass sie für nationale Literaturpreise schon mindestens nominiert waren; einige haben es auch schon zu internationaler Beachtung gebracht.

Mit der diffusen Erwartung eines ahnungslosen Neugierigen war ich darauf gespannt, ob und wie fremd mir wohl der chinesische Blick auf die KI erscheinen würde. Möglicherweise könnte sich ja ganz schnell eine „typische“, irgendwie „gleichgeschaltete“ – vermutlich aber auf jeden Fall total optimistische Haltung herauskristallisieren. Schließlich ist es das erklärte Ziel der Chinesischen Führung, innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte zur führenden KI-Weltmacht zu werden.

Erlebt habe ich dann eine echte Überraschung.
Die Geschichten sind erfrischend vielfältig, einige sind technisch-verspielt, andere ernsthaft-doppeldeutig, wiederum andere total witzig. Sie zeigen Perspektiven, die eher eine entspannte, manchmal auch kritische Distanz zur KI-Welt bezeugen als irgendeine Form der naiven Verherrlichung.
Um es anders zu sagen: Die Erzählungen sind ziemlich „normal“. Die meisten der geschilderten Figuren könnten – mit anderen Namen ausgestattet – auch in westlichen Ländern agieren. Die Frage, ob und unter welchen Umständen sich die KI-Roboter gegen ihre „Herren“ wenden könnten, ist genauso wenig kulturgebunden wie die ethische Frage, ab welchem Punkt eines „Ich-Bewusstseins“ denn den Kunstwesen eigene Persönlichkeitsrechte zustehen müssten.

Es macht echtes Vergnügen, diese 15 Geschichten zu lesen. Man erhält ein unterhaltsames Potpourri von Ideen, Konstellationen und Stilen. Langeweile oder gar Überdruss ist ausgeschlossen. Und themenspezifische Denkanstöße bekommt man auch – auf eine lebendige und anregende Weise.
Man muss kein Nerd sein, um die Geschichten zu genießen; vermutlich kann man aber mit einem erweiterten Hintergrundwissen die ein oder andere Anspielung noch besser verstehen.

Insgesamt handelt es sich um ein sehr gelungenes Projekt, mit dessen Hilfe es auf bequeme Art möglich wird, in eine sonst nicht so leicht zugängliche literarische Welt einzutauchen. Und schön aufgemacht ist das Buch auch noch.
Empfehlenswert!

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