„Rawls in 60 Minuten“ von Walther ZIEGLER

Bewertung: 5 von 5.

Menschen, die sich aus philosophischen oder politischen Gründen für Gerechtigkeitstheorien interessieren, stoßen ziemlich rasch auf den Amerikaner John Rawls. Sein Buch „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ ist eines der einflussreichsten Beiträge zu diesem Thema überhaupt.
Da nicht jede/r bereit ist, solche Grundlagenwerke im Original zu lesen, gibt es sog. Sekundärliteratur, die nicht nur kürzer ist, sondern oft auch Barrieren im Verständnis bzw. in der sprachlichen Zugänglichkeit abbauen. Einen solchen niederschwelligen Einstieg soll dieses Büchlein bieten.

Die geniale Grundidee von Rawls ist schnell beschrieben: Die Rahmenbedingungen für eine gerechte Gesellschaft würden sich dann – sozusagen von selbst – ergeben, wenn sie unter einer bestimmten Bedingung ausgehandelt würden: Die Beteiligten dürften nicht wissen, welche Position sie in dieser Gesellschaft selbst hätten. Dieser „Schleier der Unwissenheit“ würde verbergen, ob sie arm oder reich, gesund oder krank, männlich oder weiblich, usw. wären.
Rawls legt dann in seinem Werk sehr überzeugend dar, welche Regeln bei einem solchen Prozess (höchstwahrscheinlich) herauskommen würden: Man würde die Alternative wählen, in der für die schwächsten Mitglieder am besten gesorgt und nur solche Unterschiede in der Verteilung von Reichtum akzeptiert würden, die auch den Schwächsten zugute kämen.

ZIEGLER gelingt es sehr gut, die Komplexität des Ursprungstextes in einer Weise zu reduzieren, die sowohl ein Grundverständnis ermöglicht, als auch weitergehende Aspekte thematisiert. Indem er auch kritische Einwände auf seine Theorie anspricht, führt er über Darlegungen von Rawls sogar hinaus und fördert die Einordnung in aktuelle politische Diskussionen.

Ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen: Ein wirklich fundierter Diskurs über eine gerechte Gesellschaft ist ohne einen Bezug zu Rawls kaum denkbar – selbst wenn man seine Theorie aus bestimmten Gründen letztlich relativieren oder zurückweisen würde.
Der Text von ZIEGLER bietet einen gut strukturierten und und didaktisch klugen Einstieg. Viel mehr politisches Weltverständnis kann man für die hier aufgewandte Zeit und das investierte Geld (8 € als EBook) kaum erwarten.
Sollte man aus anderen Quellen allerdings schon mit den Grundgedanken von Rawls vertraut sein, dann könnte sich eher der Originaltext lohnen.


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