„SAPIENS – Der Aufbruch“ von Yuval Noah HARARI

Bewertung: 4.5 von 5.

Schlichte Gemüter werden vielleicht denken: „Oh – ein HARARI als Comic“.
Heute heißt so etwas – moderner und differenzierter – „Graphic Novel“.
Mir soll’s recht sein…

Mein Interesse gilt nicht dem Genre, mich verbindet nichts mit „gezeichneter Literatur“ als Kunstform. Ich war neugierig darauf, ob und wie es HARARI und seine Zeichner/Illustratoren geschafft haben, den Inhalt des Weltbestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ in eine andere Vermittlungsform zu bringen und ob diese andere Darstellungsebene einen Mehrwert beinhaltet.

Vorweg eine entscheidende Information: Das großformatige und wirklich üppig bebilderte Buch (ca. 240 haptisch-angenehme Seiten dick) gibt nur ein Viertel des Sachbuches wieder. Das bedeutet im Umkehrschluss tatsächlich, dass es drei weitere Bände geben wird. Es wird also ca. 100 € kosten, das HARARI-Geschichtswissen als Bilderbuch zu besitzen. Ein mutiges Unterfangen, das man sich als Autor und Verlag wohl nur leisten kann, weil es auf dem Renommee eines Welt-Intellektuellen beruht.
Es ist also ein kalkulierbares Risiko.

Rein sachlich geht es um die Entwicklung des Menschen von der biologischen Ausbildung einer eigenen Art (Spezies) bis zur Sesshaftigkeit im Rahmen von Landwirtschaft (Thema des nächsten Bandes).
Schwerpunkte werden in folgenden Bereichen gesetzt:
– Wie aus sechs Menschen-Arten der SAPIENS als einsamer Sieger hervorging
– Wie die Evolution wirkte – zunächst biologisch (langsam) und dann kulturell (explosionsartig)
– Was große Gehirne bedeuten
– Warum die Kooperation von großen Gruppen so entscheidend war
– Welche Bedeutung die Ausbildung von „Fiktionen“ (Geschichten, Mythen, Konstrukten) hatten
– Wieviel wir wirklich vom Leben der Steinzeitmenschen (Wildbeuter) wissen können
– Welche Rolle der Mensch schon vor der Sesshaftigkeit und Industrialisierung bei der Veränderung der biologischen Umwelt spielte

Zunächst einmal soll die Inhaltsebene bewertet werden:
Mich hat die Informationsdichte und -tiefe positiv überrascht. Man kann diesem Werk ganz sicher nicht vorwerfen, als Preis für die grafische Darstellungsform eine Oberflächlichkeit der Faktenvermittlung in kauf genommen zu haben.
Dazu trägt nicht nur der Text bei, der entweder Teil von Dialogen ist oder im Rahmen von kleinen Exkursen dargeboten wird, sondern auch die Illustrationen, die ja selbst – in einem beträchtlichen Umfang – auch Informationsträger sind.

Jetzt zur Vermittlung:
Ganz grob kann man zwei Ebenen unterscheiden: Es gibt eine Rahmenhandlung, in der „Onkel Harari“ seiner Nichte Zoe die Welt erklärt – mit Hilfe einiger Fachleute.
Darin eingebettet werden kleine „Vorträge“ (getarnt z.B. als Filmvorführungen), in der größere Informationshappen verabreicht werden.
Der entscheidende Pep des Ganzen liegt darin, dass die „trockene“ Faktenebene immer wieder in einen ungewohnten, aktuellen und witzigen Kontext verlagert wird. Es gibt jede Menge Anspielungen auf die Gegenwart, so dass sich der Unterhaltungswert – insbesondere für jüngere Menschen – deutlich erhöht.
So wird z.B. die Frage, in wieweit frühere Migrationsbewegungen der Menschen zu einem gigantischen Artensterben geführt haben, in eine polizeiliche Ermittlung bzw. Gerichtsverhandlung transformiert – wobei die handelnden Figuren jeweils mit den gängigen Klischees humorvoll spielen.

Zur Rolle der Illustrationen:
Zur künstlerischen Wertigkeit der Zeichnungen kann ich kein Urteil abgeben. Es ist alles bunt und ansprechend.
Entsprechend dem Aufbau des Buches dient ein Teil der Bebilderung zur Illustration der Rahmenhandlung, ein anderer Teil zur Wissensvermittlung. Da wiederum die Fakten ebenfalls meist in Geschichten eingebettet (also personifiziert sind), wird auch hier ein Teil der Darstellung für den Handlungsverlauf verbraucht.
Was ich damit sagen will: Der echte Mehrwert der Illustration im Sinne einer Veranschaulichung, Strukturierung oder Perspektiverweiterung ist zwar vorhanden, aber steht nicht im Vordergrund. Ein „Graphic Novel“ ist eben kein mit erklärenden Zeichnungen angereichertes Sachbuch.
Unfair wäre es allerdings auch die umgekehrte Formulierung: Es geht hier nicht um eine Story, in die auch ein wenig Information eingearbeitet wurde; die Wissensvermittlung ist ganz klar das Ziel dieses ganzen Projekts.

Die Botschaft?
HARARI kommt nicht mit dem Holzhammer – oder dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger. Trotzdem wird spürbar, dass hier ein Historiker darstellt und erklärt, der sich der Wissenschaft und der Aufklärung verpflichtet fühlt und den Menschen eine Verantwortung für den Erhalt des Planeten zuschreibt. Dabei schreckt er – erfreulicherweise – nicht davor zurück, auch die Dinge „nüchtern“ zu betrachten, die für viele Menschen emotional hoch aufgeladen sind (z.B. Religionen).

Und das Resümee?
– Das Buch wird nicht gebraucht, um das HARARI-Wissen besser (intensiver) an die Leser/innen zu bringen; dazu reichen die vorhandenen Sachbücher aus.
– Es kann neue Leserschichten erschließen, insbesondere natürlich durch den Anreiz, der für Jugendliche in der locker-flockigen und bebilderten Vermittlung liegt.
– Für Sachbuch-Fans, frühere Comic-Leser oder schlichtweg buchaffine Menschen stellt diese Publikation ein interessantes Experiment dar.

Mein Tipp: Einfach das Buch einem jungen Menschen in der näheren Umgebung schenken und es dann mal für ein paar Tage ausleihen! Das wäre eine klassische Win-Win-Situation.

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