„Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ von Maren Urner

Ein nettes, überraschendes Geschenk: Ein modernes Layout schaut mir entgegen, mit einem schon bekannten Titel, der zeitgeistrelevante Kost verspricht. Als ich das Buch selbst mal in der Buchhandlung in der Hand hatte (ja, ich betrete solche traditionellen Refugien noch), spürte ich etwas Skepsis. Sollte es etwa um ein Schönreden unserer Menschheitsprobleme gehen? Sollte mal wieder unsere Lebenssituation mit dem finsteren Mittelalter verglichen werden? Ich hab es dann erstmal weggelegt.

Das populärwissenschaftliche Sachbuch der Wissenschaftlerin, Dozentin und Journalistin befasst sich mit der Art, wie wir alltäglich Nachrichten angeboten bekommen, wahrnehmen und auswerten. Und es stellt die Folgen dar, die all dies für unsere Weltsicht und unsere emotionale Verfassung hat.


Das Buch beinhaltet u.a. folgende Themen bzw. Botschaften:

  • es möchte über einige grundlegenden sozial- und wahrnehmungspsychologische Grundlagen aufklären,
  • es greift dabei zur Veranschaulichung auf bekannte Experimente und selbstgestrickte Übungen zurück,
  • es verbindet die Erkenntnisse – wo immer es sich anbietet – mit Befunden aus den Neurowissenschaften,
  • es beschreibt und kritisiert den Overflow und die einseitig negative Ausrichtung der auf uns pausenlos einströmenden Informationen,
  • es beschreibt Alternativen zu dieser „negativen Überreizung“ und stellt in diesem Zusammenhang ein eigenes Projekt (eine Plattform für „konstruktiven“ Journalismus) vor und
  • es gibt praktische Hinweise auf Selbsthilfe-Möglichkeiten, um den Risiken von Fehlwahrnehmungen vorzubeugen bzw. dem Strudel der permanenten Internet-Berieselung zu widerstehen.

Es geht in diesem Buch nicht um das Relativieren von realen Problemen und Risiken, sondern um eine andere Form der Berichterstattung. Es geht um „positiven Journalismus“; einen Journalismus, der nicht nur Missstände oder Bedrohungen beschreibt, sondern auch über Lösungsmöglichkeiten informiert, insbesondere über bereits bestehende Initiativen und Aktivitäten. Ziel ist es, nicht ein Gefühl von Ausweglosigkeit und Resignation entstehen zu lassen, sondern eher Mut zu machen und Perspektiven zu schaffen.

Urner befasst sich mit diesem modernen Thema, in moderner Form. Sie duzt ihre – wohl als überwiegend gleichaltrig eingeschätzte – Leserschaft; man ist ein wenig unter sich. Der Schreibstil ist entsprechend locker und persönlich; das Buch ist leicht zu lesen.

Hört sich doch alles gut an. Gibt’s was zu meckern?
Vielleicht gibt am ehesten – ich trau mich mal, persönlich zu werden – so eine Art Autoren-Neid.
Maren Urner hat offenbar Glück gehabt: Sie hat einen renommierten Verlag gefunden, der ihr Thema für „angesagt“ hielt. Man hat einen etwas reißerischen Titel und ein peppiges Layout spendiert und der jungen Autorin gleich noch die Möglichkeit gegeben, in einem Sachbuch ein eigenes Projekt in aller Ausführlichkeit zu promoten. Gut gelaufen; diese Chance erhält nicht jede/r Autor/in.
Natürlich sei ihr das gegönnt.

Frau Urner hat ein gesundes Selbstbewusstsein. Sie reklamiert den Einbezug von Erkenntnissen gleich aus mehreren Fachgebieten. Man sollte vielleicht kurz darauf hinweisen, dass der wissenschaftliche Tiefgang sich in Grenzen hält. Der Schwerpunkt liegt auf Allgemeinverständlichkeit und Lesbarkeit. Das soll kein Vorwurf sein; nur eine kleine Relativierung.

Wer sich ohne fachwissenschaftlichen Anspruch mit dem Thema befassen möchte, findet einen motivierenden und niederschwelligen Zugang und fühlt sich vermutlich am Ende unterhaltsam informiert.

Ich hätte am liebsten 3,5 (von 5) Sterne gegeben, wollte dann aber nicht kleinlich sein. Ich fand, dass Urner an einigen Stellen ein bisschen dick aufgetragen hat und sich ein bisschen viel Raum für eine Art Erlebnisaufsatz über das Entstehen ihres Web-Projektes genommen hat.

Aber vielleicht ist da ja auch mal wieder ein älterer Mann ein wenig neidisch auf den Erfolg einer jungen Frau (s.o.)…

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Eine Antwort auf „„Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ von Maren Urner“

  1. Die erste Hälfte deiner Rezension erinnert mich an einen Blink. Mit etwas Focus darauf müsste ich nicht jedes einzelne Buch selbst lesen, das du liest. 😉

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