„Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel KAHNEMANN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch aus dem Jahre 2012 hat inzwischen einige Berühmtheit erworben; es wird sowohl im Bereiche der Psychologie als auch in der Wirtschaftswissenschaft zu den Standardwerken gezählt und ist sicherlich in hunderten anderer Publikationen zitiert worden. Weil ich immer wieder darauf gestoßen bin, wollte ich es schließlich doch einmal im (deutschen) Original lesen.
Es war eine gemischte Erfahrung…

Fangen wir mal mit dem Stil an: In bester amerikanischer Lehrbuch-Tradition (KAHNAMANN stammt ursprünglich aus Israel) schreibt der Autor in einer eindringlicher und redundanten Klarheit, der man sich kaum entziehen kann. Wenn er von den (zahlreichen) Experimenten berichtet, kann man sicher sein, dass die Schilderungen von Erläuterungen eingerahmt werden, die den roten Faden nie aus dem Auge lassen.
Doch seine Didaktik geht darüber deutlich hinaus: Wo immer möglich lädt der Autor seine Leser/innen zum aktiven Mitmachen ein: Er stellt ihnen genau die typische Wahrnehmung- und Entscheidungsfragen, die zur Entwicklung seiner Erkenntnisse geführt haben. So kann man sich selbst dabei „erwischen“, wie schnell bestimmte Verzerrungen oder Fehlschlüsse entstehen. Das ist extrem motivierend und lehrreich.

Inhaltlich teilt sich dieses „populärwissenschaftliche Fachbuch“ (so würde ich es nennen) in zwei Teile auf, die bei mir einen total unterschiedlichen Eindruck hinterlassen haben.

Die erste Hälfte des Buches hat eine stark psychologische Orientierung. Hier geht es um grundlegende Prozesse bei der Wahrnehmung, bei der Erfassung von (z.B. sozialen) Problemstellungen und bei der Entwicklung von Lösungen. Im Zentrum steht dabei die (titelgebende) Unterscheidung von zwei Denksystemen, deren Funktionsweisen und Auswirkungen sich dann durch das ganze Buch ziehen.
Grob gesagt, gibt es ein schnelles und automatisiertes Wahrnehmung- und Urteilssystem, das Routinesituationen sparsam und lautlos im Hintergrund bewältigt („schnelles Denken“) – und ein eine zweite Ebene, in der wir bewusst unsere Aufmerksamkeit zentrieren, abwägen und stärker der Logik verpflichtet sind („langsames Denken“). Beide Systeme sind hochwirksam, haben aber auch ihre Schwächen: Das System I ist anfällig für (unbewusste) Fehlerquellen bzw. Verzerrungstendenzen und hat Schwierigkeiten, statistische Zusammenhänge zu beurteilen, das System II ist zwar gründlicher und kritischer, benötigt aber sehr viel Ressourcen (Energie) und wäre in vielen akut bedrohlichen Situationen zu langsam.
KAHNEMANN untersucht die Charakteristika dieser beiden Reaktionssysteme und ihr Zusammenspiel in aller Gründlichkeit und deckt dabei zahlreiche „Fallen“ auf, die typischerweise unsere Schlussfolgerungen und Bewertungen beeinflussen. So bestimmt z.B. die Reihenfolge von Eigenschaftsbegriffen die Gesamtbewertung einer Person; wir beachten oft unwichtige Details deshalb viel zu stark, weil sie unser Bedürfnis nach einer stimmigen „Geschichte“ erfüllen; je nach der Gestaltung einer vorhergehenden Situation kommen wir zu deutlich anderen Urteilen (natürlich, ohne dass uns der Zusammenhang bewusst ist).
Das alles ist spannend und unterhaltsam – und könnte eigentlich immer so weiter gehen…

Dann kommt der zweite Teil: Hier meldet sich Wirtschaftswissenschaftler zu Wort und wendet sich Entscheidungsprozessen zu, in denen in der Regel darum geht, zwischen zwei alternativen Konstellationen zu wählen. Das Ziel dabei ist eine Optimierung des materiellen (finanziellen) Gewinns.
Ziel dieser ganzen (jahrzehntelangen) Forschung ist der Nachweis, dass der Mensch – entgegen der Traditionellen Wirtschaftslehre – kein „Homo Oekonomicus“ ist, also keine streng rationalen wirtschaftlichen Entscheidungen trifft. Auch hier schlagen systematische Fehler (z.B. bei der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten) zu.
Ich bitte diesen Ausbruch von ungefilterten Subjektivität zu entschuldigen: Ich fand diese ganze Thematik unendlich langweilig! Man muss schon ein sehr „wirtschaftsnaher“ Mensch sein, um diese immer wieder ähnlichen Fragestellungen („Welche Kombination von Wahrscheinlichkeit und Gewinnhöhe ist lohnender?“) irgendwie attraktiv zu finden.

Zusammenfassend bleibt aus meiner Sicht festzuhalten, dass sich nur die erste Hälfte des Buches zu lesen lohnt – es sei denn, man studiert gerade Wirtschaftswissenschaften.
Vermutlich bleibt es aber ein bleibendes Verdienst von KAHNEMANN und seinen (männlichen und weiblichen) Mitarbeitern, die Psychologie in die Wirtschaftslehre eingebracht zu haben. Dass er darauf stolz ist, lässt sich kaum übersehen…

Mit dem aktuellen Buch „Noise“ hat der Autor die Untersuchung von Entscheidungsfehlern (vor allen Dingen in Institutionen) weiter systematisiert.

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