„Stay Away From Gretchen – Eine unmögliche Liebe“ von Susanne ABEL

Bewertung: 4 von 5.

Die Autorin legt einen zeitgeschichtlichen Roman vor, der – wie viele andere solcher Geschichten – auf zwei Zeitebenen spielt. Das hat eine Reihe von Vorteilen: Als Bewohner der Gegenwartsebene fühlt man sich unmittelbar angesprochen, selbst wenn die Haupthandlung vor dem eigenen Erfahrungshorizont stattfand. Noch wichtiger für den Plot ist natürlich, dass durch den Zeitsprung die Auswirkungen früherer Geschehnisse einbezogen werden können. Der entscheidende Zugewinn liegt aber sicher darin, dass die Gegenwartsperspektive infolge der eingebauten Distanz ganz andere Einordnungen der historischen Ereignisse ermöglicht.
Der Roman über Gretchen macht sich alle diese Vorteile zu nutze. Während es zunächst einen wiederholten Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit gibt, werden – auch das ein beliebter erzählerischer Kniff – am Ende die Ebenen die Ebenen zusammengeführt.

Der smarte Chef-Nachrichtenmann eines großen Senders lebt ein hektisches, aber halbwegs zufriedenes Wohlstands-Single-Leben. Wenn da nur nicht die eigene Mutter (Gretchen) von der Alzheimer-Plage befallen wäre. Ausgerechnet in der Phase ihrer nachlassenden Gedächtnis- und Geisteskräfte stößt der Sohn auf das bisher geheime Vorleben seiner Mutter. Plötzlich bekommen bedrückende Kindheits-Erinnerungen an ihre depressive Grundstimmung eine völlig neue Erklärung.
Die Auflösung liegt in Heidelberg. Dort hat sich Gretchen unmittelbar nach dem Krieg in einen farbigen Besatzungs-Soldaten verliebt – so sehr verliebt, dass es nicht nur emotionale, sondern auch biologische Folgen hatte.
Es ist letztlich das Schicksal dieses Kindes (Marie), an dem das Kernthema dieses Romans exemplarisch aufgefächert wird. Als Leser erhalten wir einen tiefen Einblick in einen Aspekt deutsch-amerikanischer Nachkriegsgeschichte, der sonst nicht gerade im Brennpunkt des Interesses liegt. Es geht um Diskriminierung und Rassismus auf beiden Seiten des Atlantiks – vermittelt durch die (alles andere als rosarote) Brille einer betroffenen jungen Familie.

Der besondere Verdienst dieses gut recherchierten Romans liegt darin, die zum Himmel schreiende Widersprüchlichkeit auf beiden Seiten herauszuarbeiten: Die Amis retten Europa vom Rassenwahn der Nazis und stecken gleichzeitig selbst mittendrin in ihrem eigenen Rassismus. Die Deutschen hatten gerade erfahren, wohin die Herrenmenschen-Ideologie führt – und diskriminieren munter weiter die während der Besatzung gezeugten „Mischlings-Kinder“.

Damit keine falscher Eindruck entsteht: Dieser Roman macht nicht Politik oder Ideologie zum Thema, sondern erzählt sehr persönliche Schicksale. Eine Bewertung findet aus der Gegenwartsebene statt (s.o.).
Susanne ABEL geht den Weg der emotionalen Ansprache, der Identifikation, des Mitfühlens, der Empörung. Dabei zieht sie durchaus alle Register, die eine Geschichte üblicherweise anregend, anrührend und spannend machen. Es wird geliebt, es wird unterdrückt, es werden unmenschliche Entscheidungen gefällt, es wird gelitten.
Das Entscheidende ist dabei: Liebe und Glück werden verhindert, werden vorenthalten – durch Bedingungen und Entscheidungen, die auch ganz anders hätten sein können.

Auch in der Gegenwart spielen sich emotionale Dramen ab, allerdings eingebettet in eine System von Versorgung und Sicherheit. Hier ist dann Platz für das ein oder andere komische Element, das ein bisschen Erholung von der Anspannung schafft.

Wenn man will, findet man sicher auch in diesem Roman klischeehafte Erzählmuster. Wenn man als Autorin heftige Emotionen wecken möchte, passieren auch manchmal Dinge oder werden Dialoge geführt, die man bei nüchterner Betrachtung auch „kitschig“ finden kann. Ja, es wird auch dick aufgetragen, in dieser Erzählung. Es gibt eine Meng Stoff für das „Herz“. Wem das zu „platt“ ist, der/die ist hier verkehrt. Diesen Roman sollte niemand lesen, der/die sich nicht anrühren lassen möchte.

ABEL hat einen intelligenten und aufklärerischen Roman geschrieben, den man auf verschiedenen Leseebenen genießen kann. Es gibt keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Wissenserwerb und feuchten Augen.

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