„Terra Islamica – Auf der Suche nach der Welt meines Vaters“ von Aatish TASEER

Ich war sehr neugierig auf dieses Buch. Es schien genau im rechten Moment zu kommen. Hatte ich doch gerade die – sehr einseitige und negativ eingefärbte – Sichtweise von SARRAZIN über den Islam als Religion zu verdauen.
Konnte vielleicht – so hoffte ich – dieses literarische Zeugnis aus dem Innern der moslemischen Welt ein positives Gegengewicht schaffen?!

Es konnte nicht!
Und ich will kurz erklären, warum nicht.

Der Autor unternimmt eine Reise, die ihn durch eine ganze Reihe von islamisch geprägten Ländern führt (vor allem Türkei, Iran, Syrien, Pakistan). Er will dem Islam im Allgemeinen und der Haltung seines Vaters zum Islam auf die Spur kommen.
Er scheut bei diesen Versuch keine Mühen und auch keine Risiken. TASEER, der aus einer sowohl indisch wie pakistanisch geprägten Familie kommt, setzt sich einer Vielzahl von Situationen aus, in die ein „normaler“ Reisender niemals gelangen würde. Das hat einerseits damit zu tun, dass er als Journalist und Autor unterwegs ist und auf diesem Hintergrund die „schützende Hand“ seines Verlages über sich spürt. Zum anderen ist er als Sohn eines bekannten und sehr wohlhabenden pakistanischen Geschäftsmann und Politiker kein Nobody. Dazu kommt sein Spontaneität und sein Mut; erwirkt oft sie ein Grenzgänger, der offenbar ein Vergnügen daran findet, die Erfahrungsoptionen so weit wie eben möglich auszuloten.

Der Autor ist selbst kein gläubiger Moslem; er wurde überwiegend im Westen sozialisiert. Aber der Islam – und dessen Bedeutung für seinen Vater – ist sein Lebensthema. Er möchte erfahren, erspüren, ob die Religion tatsächlich ein Bindeglied zwischen all den Moslems auf der Welt darstellt. Er möchte erkunden, ob es unter dem Schirm des Islam eher eine religiöse, eine kulturelle oder eine politische Gemeinschaft gibt und ob es eine segensreiche verbindende Identität ist.

Was der Autor zur Beantwortung der Fragen bietet ist ein verwirrendes Kaleidoskop von Eindrücken aus einer – für meine mitteleuropäischen Maßstäbe – überwiegend chaotischen, zerrissenen, gewalttätigen und korrupten Welt. In dieser Welt zählen persönliche Loyalitäten, die auf (familiäre oder gruppenspezifische) Zugehörigkeiten, finanzielle Abhängigkeiten oder Macht bzw. Unterdrückung beruhen, alles. Und das gesicherte Bürgerrecht des Einzelnen zählt fast nichts.

Diese Welt, in der sich TASEER auf seiner Reise bewegt, bringt mich dem Islam nicht näher; sie bekräftigt meine Distanz und Skepsis.
Wenn diese „Terra Islamica“ das Gegenmodell zum amerikanischen „CocaCola-Imperialismus“ sein soll – dann gute Nacht Weltgemeinschaft!

Selbst der wohlmeinende Autor fand sie nicht, die verbindende und heilende Kraft des Islam. Er sieht eher Tendenzen der oberflächlichen Solidarisierung/Ausgrenzung und des politischen Missbrauchs.

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass das Buch bereits im Jahre 2010 erschienen ist und damit wichtige Ereignisse – auch in der islamischen Welt – gar nicht mehr berücksichtigen konnte. Ich glaube kaum, dass seine Bilanz ein paar Jahre später besser ausgefallen wäre.

Zum Schluss noch ein Blick auf zwei andere Aspekte:
Die leidvolle Geschichte der Aufteilung des indischen Subkontinents – und damit die Spannung zwischen Indien und Pakistan – stellen ein zweites großes Thema des Buches dar. Wenn man sich für eine sehr persönliche Perspektive dieses – noch immer brandgefährlichen – Konfliktes interessiert, findet man sicher einige Anregungen und Details.
Die Vater/Sohn-Dynamik hat mich nicht gefesselt; ich konnte dem psychologisch kaum etwas abgewinnen.

Insgesamt war das Buch für mich nicht lohnend und ich würde es nicht weiterempfehlen. Letztlich habe ich es nur zu Ende gelesen, weil ich es dann auch rezensieren konnte.

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