“The Moral Landscape” von Sam HARRIS

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Philosoph, Neurowissenschaftler und Schriftsteller ist einer der wirkmächtigsten links-liberalen Intellektuellen in den USA. Seine Bekanntheit verdankt er vor allem seinen zahlreichen öffentlichen Debatten mit anderen Geistesgrößen, die auf seinem eigenen YouTube-Kanal, in anderen digitalen Formaten bzw. in Veranstaltungen stattfinden.
Der Atheist und Meditations-Lehrer HARRIS bekennt sich zu einer säkularen humanitären Ethik, in der Religionen vorrangig nicht als Lösung, sondern als Teil unserer moralischen Probleme gesehen werden.

In diesem Buch wagt sich HARRIS an die Frage heran, ob und wie weit ausgerechnet die Wissenschaften geeignet sein könnten, ein allgemeingültiges Wertesystem zu schaffen und uns so als Wegweiser für unser moralisches Handeln zu dienen. Da diese Überlegungen sehr grundsätzlicher Natur sind, spielt es keine Rolle, dass das Erscheinen des Buches schon ein paar Jahre zurückliegt.

Der Autor hält die strickte Trennung zwischen der empirisch/wissenschaftlichen Welt der Fakten und der philosophisch/geistig/religiösen Welt von Ethik und Moral für nicht stichhaltig. Auf der einen Seite seien auch moralische Konzepte, Regeln, Empfindungen und Verhaltensweisen ein ganz normaler Gegenstand von wissenschaftlicher Forschung – von der Evolutionsbiologie, über Gesellschafts-, Kultur- und Sozialwissenschaften bis zur Neurowissenschaft. Darüber hinaus – und hier fühlen sich viele andere provoziert – ist HARRIS überzeugt davon, dass sich objektive (zumindest kulturübergreifende) Maßstäbe dafür finden lassen, welche Regeln bzw. Verhaltensmuster zu einem “besseren” moralischen Ergebnis führen. In diesem Sinne spricht er auch von “moralischen Wahrheiten”. Auf die Beiträge von religiösen Glaubenssystemen oder spirituellen Weisheiten sei man in der “Landschaft der Moral” keineswegs angewiesen.
Dabei zeigt sich HARRIS als ein klarer Gegner des Kulturrelativismus: Vor dem Hintergrund der Maxime der “Leidvermeidung” erscheint es ihm z.B. nicht akzeptabel, Menschenopfer. Sklaverei und Genitalverstümmelung als kulturelle Eigenarten zu akzeptieren.

HARRIS argumentiert sehr grundsätzlich. Da er weiß, dass er sich auf kontroversem Gebiet befindet, nimmt er häufig die möglichen Gegenargumente schon mit in seine Darstellung auf. Das hat den Vorteil, dass man auch die Gegenposition schon ausformuliert kennenlernt.

Der Autor schlägt vor, dass das menschliche Wohlbefinden in einem multidimensionalen Raum moralischer Landschaften dargestellt werden kann, in dem die Gipfel die höchsten möglichen Zustände des Wohlbefindens und die Täler die schlimmsten möglichen Zustände des Leidens repräsentieren. Diese moralische Landschaft sei nicht relativ oder subjektiv, sondern objektiv und könnte – wie schon gesagt – wissenschaftlich untersucht werden. Handlungen, die das Wohlbefinden fördern, seien (objektiv) moralisch gut, während Handlungen, die Leiden verursachen, moralisch (objektiv) schlecht seien.

Natürlich ist HARRIS nicht so naiv, davon auszugehen, dass er mit ein paar relativ einfachen Kernthesen die Jahrtausende währende Auseinandersetzung um die Entstehung und Begründung von Moral aus den Angeln heben könnte. Er stellt sich der Komplexität der Thematik und taucht in die Tiefen der unterschiedlichen Sichtweisen ein.
Ausführlich diskutiert u.a. die Frage nach der Herkunft von “Werten”: Für HARRIS erscheint es abwegig zu sein, dass es ein Wertesystem geben könnte, dass sich nicht in Wohlbefinden bzw. Leid von bewussten Geschöpfen widerspiegeln würde.

Seine mit diesem Buch verbundene Mission dient weniger der Verkündung einer neuen Wahrheitslehre, sondern dem Versuch, all die Möglichkeiten auszuschöpfen, die uns mit einer Nutzung all unser bisher erzielten Erkenntnisse zur Verfügung stehen. Bevor wir vor den Detailfragen kapitulieren (für die es vielleicht tatsächlich keine wissenschaftlich begründbaren Antworten gibt), sollten wir die großen, prinzipiellen und objektiv entscheidbaren Herausforderungen angehen. Mit Bildung, Rationalität und Dialog könnte ein schrittweiser moralischer Fortschritt gelingen.

Als besondere Zugabe enthalten spätere Auflagen des zuerst 2010 erschienen Buches ein Kapitel, in dem der Autor auf die bekanntesten Kommentare und Kritiken seines Textes bzw. seiner Thesen reagiert. Es gelingt ihm darin sehr überzeugend, die Schwachstellen seiner “Gegner” herauszuarbeiten und sie in vielen Punkten der intellektuellen Unredlichkeit zu überführen.

Dieses sehr anregende und viele grundsätzliche Fragen des Humanismus berührende Buch gibt es leider nicht in deutscher Übersetzung. Da HARRIS (wie viele andere amerikanische Autoren) in einem gut verständlichen, eher journalistisch-geprägten Englisch schreibt, ist es halbwegs geübten Lesern gut zugänglich. Das schränkt andererseits den Charakter des Buches als wissenschaftliches Fachbuch nicht ein – was sich nicht zuletzt an dem extrem umfangreichen Anmerkungs- und Literaturverzeichnis ablesen lässt).
Der Aufbau des Textes könnte allerdings an einigen Stellen noch klarer strukturiert sein; gelegentlich findet man sich in Argumentationsschleifen wieder, die man als schon abgehakt in Erinnerung hat. Bei einigen Aspekten, die HARRIS offenbar unbedingt noch in dem Buch unterbringen wollte, wäre vielleicht weniger mehr gewesen. Aber das sind nur Feinheiten, die den Wert des Buches nicht ernsthaft tangieren.

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