„Too Much and Never Enough“ von Mary L. TRUMP

Es gehört nicht zu meine üblichen Gewohnheiten, Bücher auf Englisch zu lesen (mein Studium, in dem das gefordert wurde, liegt schon eine Weile zurück). Die Motivation, es in diesem Fall zu tun, war aber ziemlich hoch.
Die Autorin ist nicht einfach nur die Nichte des „genialsten“ Präsidenten aller Zeiten, sondern sie ist gleichzeitig auch klinische Psychologin, kennt sich also berufsmäßig mit psychischen Störungen und deren Verursachungen aus.
Es war also gleich doppelt zu erwarten, dass diese Veröffentlichung über die bisherigen „Enthüllungsbücher“ aus dem Umfeld von Trump hinausgeht.
Diese Spannung wollte ich nicht bis zum Erscheinen der deutschen Übersetzung (am 12.08.20) aushalten.
Für die Leser dieser Rezension steht nun auch das deutsche Buch bereit.

Schauen wir zunächst aus der Perspektive der Nichte:
Es sind tatsächlich sehr persönliche und intime Einblicke in das Familien-System Trump, die durch dieses Buch ermöglicht werden. Die Autorin verwendet einen beträchtlichen Teil des Buches auf die Kindheit von Donald und seinen vier Geschwistern (drei davon älter). Zwei Personen stehen dabei besonders in ihrem Fokus: Der Patriarch und Gründer des Immobilien-Imperiums, also ihr Großvater Fred, und ihr gleichnamigen Vater („Freddy“).
Die Beziehung zwischen diesen beiden (und ihr grandioses Scheitern) ist in gewisser Weise der Schlüssel für alles, was danach kommt – bis zum heutigen Schlamassel.
Wäre Freddy nicht an diesem (harten und egozentrischen) Vater gescheitert, wäre Fred von seinem erstgeborenen (weichen und sensiblen) Sohn nicht so enttäuscht worden – dann hätte Donald (der Rabauke und Kämpfer) nicht in die Position rutschen können, aus der heraus er nun eine Rolle bekleidet, für die er – so die Überzeugung der Autorin – weder charakterlich noch intellektuell auch nur im Mindesten geeignet ist.
Der zweite Grund für die Bedeutung dieser Vater/Sohn-Dynamik liegt darin, dass die Autorin dieses Buch nicht nur geschrieben hat, um der USA und der Welt eine zweite Amtszeit ihres Onkels zu ersparen. Ein – wohl mindestens gleichrangiges – Motiv stellt das Bedürfnis dar, ihrem Vater ein kleines Denkmal zu setzen, ihn – der nach seinem frühen Tod vom Tramp-Clan praktisch „ausgelöscht“ wurde – zu rehabilitieren und sein Scheitern zu erklären.

Als Nichte ist und war die die Autorin auf vielen Ebenen eine Betroffene. Sie hat nicht nur die (in weiten Teilen vergiftete) Atmosphäre dieser Familie eingeatmet, sie hat auch einen ganz persönlichen Kampf gegen die krasse finanzielle Benachteiligung ihres Familienzweiges geführt – sozusagen stellvertretend für ihren Vater.
Wer so betroffen ist, kann nicht „objektiv“ sein. Hilfst da die zweite Identität als Fachfrau?

Die Autorin bringt ihre psychologische Fachlichkeit auf zwei Ebenen ein: einerseits durch die ausführliche Darstellung (und auch Interpretation) der familiären Dynamik und ihrer Auswirkung auf die Entwicklung der Trump-Geschwister, andererseits durch die „diagnostischen“ Aussagen zur Persönlichkeit ihres Onkels, die zwischendurch in den Text einfließen, an einer Stelle aber auch geradezu wissenschaftliches Niveau haben.
Man bekommt schnell den Eindruck, dass dieses Frau etwas von den Kräften eines Familiensystems versteht, ihre Schlussfolgerungen erscheinen nachvollziehbar. Dass sie sich auch mit klinischen Störungsbildern (insbesondere Persönlichkeitsstörungen) auskennt, steht außer Zweifel.
Letztlich wird erreicht, dass man (auch als psychologischer Laie) nachvollziehen kann, wie dieser Donald gestrickt ist und warum er so werden konnte.

Nüchtern und neutral betrachtet, hat diese Mischung zwischen Beteiligt-Sein und Fachkompetenz sowohl Vor- als auch Nachteile: Während ein „neutraler“ Fachmensch niemals über dieses Insider-Wissen verfügen könnte, kann auf der anderen Seite eine so persönlich verstrickte Person niemals mit dem Anspruch einer objektiven Expertin auftreten.
Macht das dieses Buch dann doch wertlos? Soll man sich einem Text ausliefern, der ganz offensichtlich (und das erklärte) das Ziel hat, Donald Trump zu schaden – aus persönlichen und politischen Motiven heraus?

Die Antwort muss wohl jede/r selbst finden.
Es ist mit Sicherheit ein informatives Buch; mehr Einblick geht kaum.
Vorgelegt wird kein stringentes Sachbuch; die Autorin wechselt Zeiten und Perspektiven und spricht durch ihren Erzählstil auch solche Leser an, die es einfach unterhaltsam finden, hinter die Kulissen einer „Dynastie“ zu schauen, in der Armseligkeit und Glamour so eng beieinander liegen.
All denjenigen, die sich seit über drei Jahren fragen, „wie man so sein kann“, bekommen gut aufbereitetes psychologisches Futter. Dass dies sicher auch subjektiv gefärbt ist, macht es nicht automatisch weniger interessant.
Dieses Buch kann nicht den Anspruch erheben, die „Wahrheit“ über Trump zu beinhalten. Es ist aber ein sehr anregender und lohnender Beitrag zum Gesamtverständnis des Phänomens „Trump“.

Man stelle sich nur einmal ernsthaft vor, dieses Buch würde ein paar Hunderttausend amerikanische Leser von einer Wahlentscheidung für Trump abbringen und damit den Ausschlag geben: Müsste dann nicht diese Autorin mit dem berühmten Namen zugleich den Literatur- und den Friedensnobelpreis erhalten?!

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