„Was ist Leben“ von Paul NURSE

Bewertung: 5 von 5.

Mich reizen Sachbücher auf zwei Ebenen: Sie können mein konkretes Wissen über einen bestimmten Bereich erweitern (Erkenntnis erster Ordnung) und Sie können ein – eher ganzheitliches – Bild davon schaffen, was man da „schon alles“ weiß. Das wäre sozusagen eine Erkenntnis zweiter Ordnung, also eine Art „Meta-Wissen“. Oft bleibt dieser Einblick erhalten, selbst wenn die meisten Detailinformationen schon dem Vergessen anheim gefallen sind.
Der Nobelpreisträger NURSE schafft es mit seiner überschaubaren und extrem gut lesbaren Darstellung, beide Ebenen perfekt zu bedienen.

Der Titel des Buches verspricht nicht zu viel und nicht zu wenig. In einer vorbildlichen Didaktik beschreibt und erklärt der Autor anhand von fünf Dimensionen das „Wunder“ des Lebens – und kommt dabei ganz ohne Wunder (oder andere übernatürliche Einflüsse) aus. Der Biochemiker, Zellforscher, Neurobiologe und Mikrobiologe ist durch und durch Naturwissenschaftler und versteht es, seine Begeisterung für die Gesetze und Kräfte der Natur lebendig und anschaulich an die Leserschaft weiterzugeben. Wer sich einlässt auf diese anregende Einführung in die Wissenschaft vom Leben, wird andere Schöpfungserzählungen kaum vermissen – zu faszinierend sind die geschilderten Prozesse und Zusammenhänge.

Die fünf Kapitel handeln von den Zellen, den Genen, der Evolution, der Biochemie und vom „Leben als Information“. Hinter diesen lapidar wirkenden Überschriften verbirgt sich jeweils eine systematische Einführung, die von den grundlegenden Mechanismen bis zum aktuellen Forschungsstand führt. Ganz nebenbei erhält man Kurzlektionen über die Forschungsgeschichte und lernt auch noch die bekanntesten Vertreter der jeweiligen Disziplinen kennen (von denen der Autor eine ganze Reihe auch persönlich kennt).
Die Informationstiefe ist so angelegt, dass wohl jede/r sich anfangs in vertrautem Terrain befindet, am Ende eines Kapitels aber mit Sicherheit ein Stück schlauer ist (Fachwissenschaftler nehme ich hier natürlich aus; das Buch richtet sich an ein breites Publikum).
NURSE hat eine sehr motivierende Art, sich auch mit seiner Person einzubringen, ohne dass er irgendwelche überflüssigen Anekdoten zum besten gibt. Er lässt uns aber daran teilhaben, wie die Ausreifung seines wissenschaftlichen Naturverständnisses andere (z.B. religiöse) Weltsichten an die Seite gedrängt hat. Seinem Staunen, seiner Ehrfurcht und seiner Demut gegenüber dem Phänomen „Leben“ hat das ganz sicher nicht geschadet.

In einem weiteren Kapitel („Die Welt verändern“) betrachtet NURSE die Anwendungsbereiche der modernen Biologie, insbesondere hinsichtlich der zukünftigen medizinischen Möglichkeiten. Dabei vertritt er keinen naiven Hype, macht aber doch darauf aufmerksam, dass es fahrlässig und unklug wäre, sich den Möglichkeiten der gentechnisch-orientierten Landwirtschat und Medizin aus ideologischen Gründen zu verschließen.

Im Abschlusskapitel legt NURSE noch einmal zusammenhängend dar, wie eng alles Lebendige auf unserem Planeten zusammenhängt: Leben wurde nur einmal „erfunden“; die Grundstrukturen und Mechanismen verbinden uns selbstverliebten Halbgötter (meine Formulierung) mit den allerersten Einzellern, und damit tatsächlich und unbestreitbar mit allen Pflanzen und Tieren – in einer ca. 3,5 Milliarden langen Geschichte.

Statt weitere Lobeshymnen zu singen, erzähle ich einfach, wie es mir mit dem Buch ergangen ist: Ich habe es heute morgen im Netz entdeckt, habe es runtergeladen, gelesen und schreibe jetzt (also noch am gleich Tag) diese Rezension.
Das liegt nicht nur daran, dass das mengenmäßig zu bewältigen ist (184 Seiten); es hat vor allem damit zu tun, dass es riesigen Spaß macht, sich auf diese Art durch ein spannendes Sachthema führen zu lassen.

Eine minimale Einschränkung soll genannt werden: Das Buch verzichtet auf jede Art von Veranschaulichung; einige Leser/innen werden vermutlich erklärende Grafiken bzw. Illustrationen vermissen, Verständlich ist der Text ohne Zweifel auch so.

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