„Was Männer kosten“ von Boris von HEESEN

Bewertung: 3 von 5.

Die Zutaten: Ein spannendes, gesellschaftlich relevantes Thema, ein peppiger Zugang, ein extrem engagierter Autor, eine bewundernswerte Gründlichkeit im Ausloten des Themas und in der zugehörigen Recherche. Was will man (Mann) mehr?

Es war eine einzigartige Leseerfahrung, die letztlich auch meine Gesamthaltung zu diesem Buch geprägt hat: Während ich all die unglaublich vielen Fakten und Daten zur Kenntnis nahm, mir das aus jedem Abschnitt heraustönende persönliche Lebensthema des Autors bewusst wurde – wartete ich doch die ganze Zeit auf die eine entscheidende Stelle.
Doch genau die fehlte!

Von HEESEN ist – ich darf das mal so salopp sagen – eine Mischung zwischen „Hardcore-Feminist“ und „Männerbefreiungs-Aktivist“.
Wie das zusammenpasst? Ganz einfach: Der Autor ist (felsenfest) davon überzeugt, dass es ein gemeinsamer Feind ist, der das Leben, die Selbstentfaltung und das Glück beider Geschlechter massiv einschränkt. Es ist das Patriachat!
Dieser Begriff wird in diesem Buch (gefühlt) beinahe genauso häufig benutzt wie das Wort „und“. Hinter diesem Begriff stehen all die (historisch gewachsenen) Machtstrukturen, all die gesellschaftlichen Zwänge, die verhindern, dass Menschen ihre Persönlichkeit und Potentiale unabhängig von ihrem Geschlecht entfalten können. Sie erreichen das durch ein ganzes Arsenal von Privilegien, Normen, Rollenstereotypien, Zuschreibungen, Erwartungen, Beschränkungen usw.

Holen wir kurz Luft und kommen mal zum Titel des Buches.
Der kreative Clou des Buches ist eindeutig die Sache mit dem Geld. In einer geradezu zwanghaft anmutenden Gründlichkeit spürt der Autor den Mehrkosten nach, die wir alle tragen müssen, weil es Männer gibt.
Halt! Das stimmt natürlich nicht. Diese Kosten (irgendwas über 60 Milliarden pro Jahr) entstehen, weil wir (noch) diese Männer habe: Männer, die ihre vom Patriachat geprägte (überwiegend „toxische“) Männlichkeit darin ausleben, dass sie mehr Gewalt ausüben, häufiger kriminell werden, häufiger Unfälle verursachen, sich häufiger suizidieren, weniger auf ihr Gesundheit achten, mehr Alkohol trinken usw.
Sie richten damit nicht nur direkt messbaren (volkswirtschaftlichen) Schaden an, sondern auch jede Menge Belastung und Leid bei Mitmenschen und in der Gesellschaft allgemein.
Der Autor legt aus den verschiedenen Bereichen zahlreiche Statistiken vor, aus denen er die Diskrepanz zwischen männlichen und weiblichen Kosten ermittelt (z.B. für Gefängnisaufenthalte).

Zwar ist von HEESEN von Herzen Feminist und sieht in den (typsich?) weiblichen Anteilen eher eine lebenswerte Zukunft; er setzt sich aber mit ähnlicher Vehemenz auch für die Interessen seiner Geschlechtsgenossen ein – egal ob sie unter Berufsstress leiden, keine erfüllenden Beziehungen zu ihren Kindern haben oder selbst das Opfer von Beziehungsgewalt werden.
Das wird insbesondere im zweiten Teil des Buches deutlich, in dem es nicht mehr um Statistiken geht, sondern um die gesellschaftlichen Stellschrauben, die bisher das ganze System am Laufen halten – und die somit dem Patriachat potentiell die Luft abdrehen könnten: Erziehung, Arbeitswelt, Medien, Kultur usw. Der Autor macht sehr konkrete Vorschläge, welche Strukturen und Institutionen notwendig wären, den notwendigen Umschwung einzuleiten (z.B. durch verschiedenste Beratungsangebote).
Ganz sicher ist der Autor übrigens, dass die Männerwelt relativ rasch erkennen würde, dass ihr Privilegienverlust mehr als ausgeglichen würde durch die Befreiung aus dem Druck der männlichen Rollenerwartungen und den dazugewonnenen Verhaltensoptionen.

Und? Haben Sie etwas vermisst?
Ich auch!
Für mich war es beim besten Willen nicht vorstellbar, dass so ein Buch geschrieben werden könnte, ohne dass die Frage der biologischen (Mit-)Prägung von Männlichkeit überhaupt gestellt würde!
Nicht überrascht hätte mich ein Kapitel, in dem „biologistische“ Erklärungsansätze zurückgewiesen oder relativiert worden wären. Man hätte z.B. Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dem Testosteron-Spiegel und der Risikobereitschaft junger Männer ja z.B. methodisch hinterfragen können. Man hätte überhaupt alle Experimente, die nach biologischen Einflussfaktoren suchen, als ideologiegesteuerte Rückzugsgefechte des Patriachats geißeln können.
Aber wie bitte kommt man auf die Idee, bei einem Buch über die „Kosten der Männlichkeit“ die biologische Variable schlicht zu ignorieren – sie also noch nicht mal zurückzuweisen!? Wie total muss man in der Blase der monokausalen Weltsicht (in der Geschlecht ausschließlich etwas Zugeschriebenes ist) gefangen sein, um das hinzukriegen?

Noch einmal: Von HEESEN hat ein echt anregendes, extrem faktenreiches und über weite Teile zukunftsweisendes Buch geschrieben. Die meisten seiner Visionen und Vorschläge in Richtung Geschlechtergerechtigkeit sind für fortschrittlich geprägte Menschen sicher unterstützenswert (einige vielleicht eher utopisch).
Um so ein umfangreiches Projekt zu schultern, braucht es eine Riesenportion Energie und Durchhaltevermögen. Man spürt diesem Text an, dass hier jemand all seine Überzeugungen und Werte für sein Lebensthema mobilisiert hat – mit eindeutigem Ziel und einem klar definierten Gegner.
Etwas weniger Überengagement und Kampfesgeist hätte dem Buch wohl gutgetan. Es wäre weniger redundant und ein bisschen differenzierter geworden. Vielleicht hätte es damit noch ein paar mehr Menschen erreicht.

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