„why we matter“ von Emilia Roig

Bewertung: 3 von 5.

Wenn man sich kritisch mit einem Buch auseinandersetzt, das ein zweifellos relevantes und für viele Menschen auch unmittelbar (schmerzlich) spürbares Thema betrifft, kann man leicht unter Verdacht geraten: man könnte den Betroffenen ihr Leid absprechen oder relativieren, das ganze Problem wegdiskutieren oder sich sogar auf die Seite der Täter stellen wollen. Man wäre also letztendlich unempathisch, ignorant oder gar böse.
Was ich hier als Rezensent aber ganz sicher nicht tun möchte, ist das Streben nach einer Welt ohne Unterdrückung und Diskriminierung in Frage zu stellen. Ich bewerte – aus einer ganz bestimmten subjektiven Sicht – ein konkretes Buch; so wie ich es sonst auch bei vielen Sachbüchern oder Romanen tue.
Wer denkt, man könne oder dürfe über einen Text, der sich – aus der Perspektive einer Betroffenen – engagiert gegen systematisches Unrecht wendet, nicht aus einer Position einer „kritischen Distanz“ betrachten (weil es sich nur um eine Anmaßung handeln könne), der oder die kann sich an dieser Stelle gegen das Weiterlesen entscheiden.

Emilia ROIG schöpft für ihre umfassende Darstellung von Unterdrückungs- und Diskriminierungsprozessen aus zwei Quellen: Sie beschreibt anschaulich eigene Erfahrungen aus ihrer eigenen multikulturellen Biografie sowie aus ihrem persönlichen Umfeld und sie bezieht sich auf – sowohl zeitlich als auch geografisch weit gefächerte – historische, gesellschaftliche und politische Analysen.

Die Autorin versucht an keiner Stelle den Eindruck zu erwecken, dass sie einen irgendwie „neutralen“ oder gar „objektiven“ wissenschaftlichen Text vorlegt. Sie hat ein Ziel, folgt einer Berufung, ist selbstbewusst parteilich und stützt sich – naheliegender Weise – ausschließlich auf Autor:innen, die sich dem Feminismus, dem Antirassismus, der Kapitalismuskritik und dem konsequenten Schutz aller Minderheiten gegen Unterdrückung und Diskriminierung verschrieben haben. Dabei spielen neben people of colour natürlich auch nicht-binäre sexuelle Identitäten bzw. Orientierungen eine Rolle, ebenso wie behinderte Menschen und Person(gruppen), die in Armut und/oder unter unfreien bzw. abhängigen Bedingungen leben müssen (z.B. auch als Folge von Polizeigewalt oder unfairer Rechtssysteme).

ROIGs Hauptargumentationslinie besteht darin zu verdeutlichen, dass die Unterdrückungs- und Diskriminierungsmechanismen sich durchweg auf bestimmte grundlegende Machtstrukturen zurückführen lassen. Genannt werden immer wieder:
– die historisch (u.a. durch Kolonialismus und Sklavenwirtschaft) gewachsene Vorherrschaft von Menschen (Nationen) mit weißer Hautfarbe,
–  die patriarchalische Einschränkung der Rechte und Teilhabe von Frauen (einschließlich der Unterdrückung ihrer Sexualität),
– die Ausbeutung durch eine (weitgehend menschenverachtende) kapitalistische Wirtschaftsordnung (mit ihrem rein rational-technischem Naturverständnis),
– gesellschaftliche Institutionen (Bildungssystem, Polizei, Justiz), die für die Absicherung der Privilegien eingesetzt wurden und werden (und so auch eine wirksamen Gegenwehr verhindern).
Wer wollte diese grundsätzlichen Zusammenhänge ernsthaft bestreiten?!

Die Autorin geht aber über eine Zustandsbeschreibung und dessen historischer Einordnung weit hinaus. Sie entwirft ein – stellenweise geradezu utopisches – Bild einer alternativen Welt- und Gesellschaftsordnung (die so sozial gerecht, ökologisch, naturnah, divers und menschenfreundlich ist, dass der Zwang zur Lohnarbeit, aber z.B. auch Polizei und Gefängnisse irgendwann überflüssig werden).

Für die gegenwärtige Auseinandersetzung um Diskriminierungen aller Art wird der Blick nicht auf individuelles Verhalten bestimmter Menschen – z.B. weißer Männer oder Cis-Frauen (also Frauen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt) gelenkt, sondern auf deren historisch gewachsenen und verfestigten Privilegiertheits-Status. Diese „strukturelle Diskriminierung“ anzuerkennen, ist – aus Sicht des Buches – die Eintrittskarte in jeden ernstzunehmenden Diskurs.

Auch wenn ich mir natürlich nicht anmaßen würde, in die Erlebniswelt einer/eines Betroffenen eintauchen zu können, würde ich doch vermuten, dass sich ein großer Teil der Menschen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen sich von ROIG sehr gut gesehen und verstanden fühlen. Eine große Gruppe wird sicher mit dem Angebot sympathisieren, persönliche Erfahrungen in den dargebotenen größeren (politischen und historischen) Zusammenhang einzuordnen. Für viele wird damit sicher ein bedeutsamer Erkenntnisgewinn verbunden sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Person mit solchen Erfahrungen alle Schlussfolgerungen und politischen Ziele der Autorin teilen würde (das zu unterstellen verbietet der Respekt vor den individuellen Erfahrungen und Überzeugungen).

Wo könnten bei einem solch engagierten Manifest nun überhaupt Kritikpunkte lauern?
Nun, für mich hat sich die Frage gestellt, ob nicht einige Pauschalisierungen und Übertreibungen die Aussagekraft des Buches eher schwächen. Bei Menschen wie mir ist das so.
Wenn man Gegner (Unterdrücker) wahrnimmt und sich von ihnen (und ihrer Macht) befreien will, dann ist es wichtig, dass die Fronten klar sind: Es gibt Täter und Opfer, Privilegierte und Diskriminierte, Gut und Böse. Wenn man aber historische Zusammenhänge quer über die Jahrhunderte und Kontinente darstellen und für Begründen nutzen will, schlagen solche einfachen Schemata leider irgendwann in monokausale Erklärungen um.

Was ich damit meine, möchte ich an ein paar Beispielen erläutern:
– Ich glaube einfach nicht ganz, dass alles Leid und Unrecht der Welt auf den Überlegenheitswahn der weißen „Rasse“ und deren patriarchalen, kolonialistischen und kapitalistischen Ideologien zurückzuführen sind. Ich glaube, dass es auch zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen Machtmissbrauch und Unterdrückung gab (und gibt), dass Menschenrechte auch unter ganz anderen gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen missachtet wurden.
– Auch glaube ich, dass die westliche Epoche der Aufklärung (und die darauf aufbauende Wissenschaft und Technologie) nicht nur zu einer seelenlosen Ausbeutung von Menschen (Sklaven) und Plünderung natürlicher Ressourcen geführt hat, sondern letztlich auch positive Aspekte der Zivilisation und nicht zuletzt die Grundlage der Prinzipien geschaffen hat, auf die sich auch ROIG in ihrem Buch zu Recht beruft.
– Mir ist nicht bekannt, dass es so unendlich viele Staaten auf diesem Planeten gäbe, in denen Institutionen wie Polizei und Justiz in einem größeren Ausmaß als bei uns auch zur Verteidigung von individuellen Rechten Nichtprivilegierter tätig sind. Nicht alles was der „weiße, kapitalistische“ Staat macht, dient unmittelbar der Machterhaltung einer mächtigen Clique von Unterdrückern.
– Ich bin nicht ganz sicher, ob die starre (und etwas provokante) Einteilung in diskriminierte Minderheiten und strukturell Privilegierte (und damit auch potentielle „Täter“) wirklich die Form von Solidarisierung und Gemeinschaftsgefühl schafft, die letztlich angestrebt wird.
Natürlich kann man das alles so sehen; man muss es aber nicht (selbst wenn man sich für einen aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen hält).

Wie kommt es zu solchen – meiner Einschätzung nach – überschießenden Aussagen in diesem engagierten Buch? Ein Muster, was sich immer wiederholt, lässt sich so beschreiben: Es werden extreme Beispiele für Unterdrückung und Diskriminierung aus oft weit zurückliegenden historischen Epochen angeführt (schlimm genug, dass es sie gab), dann aktuelle Fehlentwicklungen aus anderen Ländern (z.B. der USA) angeführt, um dann aus der Analyse, dass ja die gleichen strukturellen Rahmenbedingungen auch in Europa wirken, ein extrem einseitig-negatives Bild unserer Realität abgeleitet.

Ich will es nochmal klarstellen: Es geht nicht um falsch oder richtig. Viele Aussagen von ROIG sind zweifellos nachvollziehbar und richtig. Ich frage mich nur, ob man/frau wirklich so dick auftragen muss, um für die eigenen Anliegen und letztlich für eine bessere Gesellschaft zu werben.
Vielleicht stehe ich ja schon auf der „anderen“ Seite, weil mir dieser hier vorgelegte Rundumschlag an einigen Stellen ganz eindeutig zu weit geht. Aber ich bin sicher, dass dieses Buch sich sowieso an andere Zielgruppen wendet.

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