„Wir sind das Klima“ von Jonathan Safran FOER

Es gab ein gewisses Zögern: „Muss es wirklich noch ein weiteres Klima-Buch sein?“ Und es gab eine gewisse Neugier auf den bekannten und (auch aus eigener Erfahrung) geschätzten Autor. Das hielt sich eine Weile die Waage.

Dann kam der Unternehmer Rossmann ins Fernsehen und verschenkte vor lauter Begeisterung 25.000 Exemplare.
Zwei Tage später begann ich mit dem Hörbuch.

Vordergründig geht es um die Klima-Katastrophe. Wie das Titelbild nahe legt, sieht FOER einen engen Zusammenhang mit der Art, wie wir uns ernähren. Das überrascht den vorinformierten Leser nicht – hat doch FOER mit dem Buch „Tiere essen“ sozusagen die Bibel des Fleischverzichts geschrieben.

So kann man auf der Inhalts-Ebene festhalten, dass der Autor seine Leser davon überzeugen will, zugunsten der Klimarettung auf den Konsum von tierischen Nahrungsmitteln zu verzichten. Er tut das – wie es in anderen Klima-Büchern auch passiert – unter Anführung gut belegter Quellen, also entsprechender Statistiken und Hochrechnungen.

An dieser Stelle endet aber die Gemeinsamkeit mit anderen Büchern. Denn es geht FOER nicht um Tatsachen und Argumente. Es geht ihm um den Weg vom „Wissen“ zum „Glauben“.

Das bedarf einer Erklärung: Für FOER ist es mit der Ansammlung bzw. Vermittlung von Faktenwissen keineswegs getan; eine solche Beschäftigung könnte sogar der Ablenkung dienen – und damit sinnlos oder sogar schädlich sein. An die Fakten auch zu „glauben“ bedeutet für ihn, sie auch als emotionale Gewissheit und damit als unabweisbar handlungsrelevant zu spüren. Er macht mehr als deutlich, dass nachkommende Generationen uns nicht danach beurteilen werden, wie gut wir informiert waren, sondern was wir getan haben, um die so eindeutig absehbare Katastrophe abzuwenden.

Er benutzt u.a. einen historischen Vergleich: Er berichtet von einer einflussreichen amerikanischen Persönlichkeit, dem ein zuverlässiger Vertrauter recht früh die Gräuel der Nazi-KZs schilderte. Er blieb nach dieser Information untätig – nicht weil er davon ausging, belogen worden zu sein, sondern weil er die Inhalte der Botschaft einfach emotional nicht fassen konnte. In diesem – für das tatsächliche Handeln entscheidenden Sinne – glaubte er nicht und blieb passiv.

Der Erfolgs-Autor FOER ist ein Garant für Emotions-Intensivierung. Diesem Ruf wird er auch in diesem Buch absolut gerecht. WIR SIND DAS KLIMA bietet den denkbar subjektivsten, persönlichsten Zugang zu diesem Thema.
Es ist überwiegend ein Buch über seinen eigenen inneren Kampf um das „Glauben“ im Sinne des „Handeln-Müssens“.

FOER zieht alle Register. Er nutzt nicht nur historische Beispiele – wie die gesellschaftliche Solidarisierung der Amerikaner beim Krieg gegen Nazi-Deutschland; er holt seine gesamte (jüdische) Familie hinein in dieses Buch. Er spricht von sich als Vater, als Enkel, als Vorfahre zukünftiger Generationen. Er schreibt über tausend kleine Dinge, die menschliches Leben so einzigartig und bedeutsam machen. Sein Blick für die kleinen, aber so überaus anrührenden Situationen und Gesten zeigen ihn als Meister der emotionalen Dichte. FOER ist eben nicht „nur“ ein Sachbuch-Autor, er ist ein begnadeter Sprachkünstler.

Er will mit aller Macht, dass wir uns für das (Weiter)Leben auf diesem Planeten entscheiden; jeder von uns, mit seinem konkreten alltäglichen Tun.

So grenzenlos subjektiv ist sein Zugang, dass er seine eigene Schwäche und Inkonsequenz zum Thema macht – selbst bei seinem Lebensthema der fleischlosen Ernährung. Er nimmt in kauf, seine Leser und Fans damit zu irritieren: Warum steht selbst dieser Vorkämpfer nicht über seinen „niederen“ Gelüsten bzgl. eines gelegentlichen Sündenfalls, des Genusses eines Burgers?
FOER will den  – ebenfalls nicht perfekten – Leser einfangen, mitnehmen. Er will nicht das Modell des Heiligen sein, sondern des von inneren Widersprüchen zerrissenen Menschen, der sich um das Richtige bemüht. Ernsthaft und immer wieder neu. Der Autor zelebriert seine Ambivalenz in einem langen Dialog mit einem virtuellen Gesprächspartner.

Es wird deutlich, dass die Situation zwar radikale Maßnahmen verlangt, dass aber unvollkommene Schritte in die richtige Richtung besser sind als ein Kapitulieren vor der als zu groß empfundenen Herausforderung.

Was ihm Kritiker tatsächlich vorhalten, thematisiert er in seinem Buch bereits selbst: Das extreme Zuschneiden der Klimafrage auf die persönlichen Entscheidungen, die wir als Bürger treffen. Natürlich betrifft das nicht nur unsere Ernährung, sondern auch die Art unserer Mobilität und unseres Konsums.
Er steht zu diesem Ansatz; in diesem Buch geht es nicht um strukturelle Veränderungen und politische Aktionen. Er will den Einzelnen gewinnen – damit dieser sich dann (hoffentlich) nicht nur um sein eigenes Verhalten sondern auch um die Rahmenbedingungen kümmert.

Kommen wir zur Bewertung:

Ich habe kein Problem mit dem extrem individuellen Ansatz. Ich finde es sehr gewinnbringend und kreativ, ein Sachthema so unglaublich intensiv mit der eigenen Lebens- und Familiengeschichte zu verweben. Ich finde es grandios, die schriftstellerische Kunst, emotionale Sprachbilder zu schaffen, in  den Dienst einer wahrhaft bedeutsamen Sache zu stellen.
Dieses Buch ist wie geschaffen für Menschen, die selber ringen um die Konsequenz, mit der sie auf eine Situation reagieren, die sie intellektuell schon erfasst – aber emotional noch nicht vollständig an sich heran gelassen haben. Wir müssen keine Helden sein – sagt der Autor – aber wir dürfen unter keinen Umständen tatenlos bleiben!
Vielleicht werden Leser, die schon sehr weit in ihren persönlichen Lebensstil-Veränderungen vorangekommen sind, sogar erstaunt sein, dass die Kernforderung („Keine tierischen Lebensmittel vor der Abendmahlzeit“) so abgewogen und kompromissbereit klingt.

Auch wenn ich diesem Buch möglichst viele Leser wünsche, wäre es nicht redlich, auch meine kritischen Gedanken kurz zu skizzieren: Es war mit an einigen Stellen schlicht zu viel. Zu viel Redundanz bzgl. der Kernaussagen, zu viel Ringen mit den eigenen Widersprüchen, zu viele Wechsel zwischen Sachinformation und Subjektivität. An einigen Stellen habe ich eine leise Stimme in mir gespürt: „Es reicht jetzt!“
Vielleicht war die Art meines Konsums für diese Empfindungen mitverantwortlich. Ich habe mich innerhalb sehr kurzer Zeit durch dieses Buch gehört. Vielleicht sollte man es nicht verschlingen, sondern ihm Zeit geben.
Es ist kein „Klima-Buch“; es ist ein Buch über den Umgang mit sich selbst. Es regt an zur Selbsterfahrung.
Lest (oder hört) es deshalb mit Muße!

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