„Woodstock“ von Michael LANG

Nun ist es doch noch auf deutsch erschienen – das Woodstock-Buch des Festival-Machers. Zehn Jahre nach seinem Erscheinen in den USA.
Wann – wenn nicht jetzt zum 50. Jubiläum – kann man das noch vermarkten?!

WOODSTOCK ist ein zeitgeschichtliches Phänomen – ähnlich wie die erste Mondlandung, die im gleichen Jahr stattfand. Welchem Ereignis man mehr Bedeutung zumisst, das hängt auch in meiner Generation von den persönlichen Prägungen ab.
Es wird wohl niemanden überraschen, dass ich wohl eher auf die Apollo-Mission als auf das legendäre Festival der „Gegenkultur“ verzichten wollte…

Man kann das Festival und seine Bedeutung auf ganz unterschiedlichen Ebenen betrachten, analysieren und bewerten. Welchen Blickwinkel man auch immer auswählt: Man hat es immer mit einem Mythos, einer Projektionsfläche, einem ganzen Bedeutungskonglomerat zu tun.
Der Begriff steht nie ganz nüchtern für die drei Tage im August 1969; er ist aufgeladen mit Sehnsüchten, Illusionen, Wehmut, Unverständnis, Ablehnung, usw.

Mal kurz zum Buch:
Ganz ehrlich: Kein Mensch braucht nach 50 Jahren all die Details, all die Namen von beteiligten Personen, all die Konflikte und Abläufe. Ich kenne kaum einen Menschen, der sich auf fast 400 Seiten darin vertiefen würde.
Vermutlich wusste das auch der Autor. Er hat diese akribische Darstellung der Planung, des Vorlaufes und der Durchführung dieses Mammut-Events trotzdem geschaffen. Vermutlich, weil er mit Hilfe all dieser Einzelheiten einen authentischen Einblick in die Atmosphäre dieser Zeit geben wollte. Und sicherlich auch, weil er seine Innensicht abheben wollte von den vielen anderen Versuchen, dieses Festival und seine Zeit zu dokumentieren. Hier spricht der wahre Insider, der Macher selbst. Er hat sozusagen das letzte Wort; wer wollte ihm widersprechen?!

Was wird nun in diesem Buch deutlich, das nicht besser und schneller durch den grandiosen Film über das WOODSTOCK-Festival dokumentiert, hörbar und sehbar gemacht wird?
Nun: Es ist mit heutigen Maßstäben kaum vorstellbar, mit welch bescheidenen Ausgangsmitteln dieses Event geplant und vorbereitet wurde. Es ist absolut unglaublich, wie oft das ganze Unternehmen an irgendeinem seidenen Faden hing, der jederzeit zerreißen konnte. Es erscheint kaum fassbar, in welchem Umfang die beteiligten Personen unter einem mehr oder weniger kontinuierlichen Drogeneinfluss standen – und trotzdem irre Sachen auf die Beine gestellt haben.
Wenn irgendwas deutlich wird, dann das kreative Chaos hinter diesem Ereignis.

Mich haben ein Leben lang zwei Dinge an WOODSTOCK fasziniert:
Einmal die grandiosen Auftritte einiger Weltstars der Rockgeschichte (Santana, Joe Cocker, Jimi Hendrix, The Who, Ten Years After, ….); für mich beim Hören und Sehen immer wieder hochemotional besetzt.
Zum anderen die Erfahrung bzw. Botschaft, dass es tatsächlich eine im Kern friedliebende und solidarische Subkultur war, die das Motto „Love & Peace“ mit Inhalt gefüllt hat. Ich war – sozusagen persönlich – stolz darauf, dass diese riesige Menschenmenge unter solch chaotischen Bedingungen ein Vorbild an Geduld und Rücksichtnahme war. Nicht zufällig, sondern auf der Basis einer Lebenseinstellung.
Auch das wird natürlich in diesem Buch groß gemacht.

Aus heutiger Perspektive und erst recht nach Lektüre dieses Buches gäbe es natürlich reichlich Grund zu Relativierungen. Zwischen den Machern gab es jede Menge Zoff und Konflikte, viele letztlich gelingende Umstände waren letztlich wohl doch auf Glück und Zufall zurückzuführen.
Das größte ABER: die Drogen!
Egal ob Organisatoren, Arbeiter, Publikum oder Musiker: Ohne massiven Gebrauch von Drogen lief offensichtlich kaum etwas. Mit Drogen ist dabei keineswegs das – damals noch wesentlich sanftere – Cannabis gemeint. Es geht um alle möglichen bewusstseinserweiternde Pillen, insbesondere um LSD.
Vermutlich darf man das wirklich nicht mit heutige Maßstäben betrachten; es war eine andere Zeit…

Manchmal musste ich zwischenzeitlich daran denken, dass all die spießigen Widersacher, die sich gegen die Veranstaltung zu wehren versucht haben, eigentlich ja Recht behielten: Es war nicht gut vorbereitet, es ist aus dem Ruder gelaufen, es wurden riesige Mengen Drogen verkauft und konsumiert, es bestanden erhebliche Risiken für Leib und Leben..

Aber die (Zeit-)Geschichte hat das alles untergepflügt.
WOODSTOCK wurde und blieb ein Symbol für eine friedliche Gegenbewegung zum reaktionären, rassistischen und kriegerischen – zum hässlichen – Amerika.
WOODSTOCK hat eine Legende geschaffen, ein Narrativ für einen Teil der Generation, die jetzt zwischen 65 und 75 ist.
Ich bin jedenfalls froh, dass meine Identität eher von dieser Facette des Zeitgeistes als von Kriegserlebnissen geprägt wurde.

Mein kleines persönliches WOODSTOCK fand im gleichen Jahr (1969) in der Gruga-Halle in Essen statt. In einer Nacht konnte ich – neben vielen anderen – Pink Floyd und Deep Purple live sehen. Ohne die Spur einer Droge, ohne eine Minute Schlaf. Hellwach und konzentriert.
So hätte ich es wohl auch in WOODSTOCK gehalten…

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