„Zeitreise“ von Stefan AUST

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Star-Journalist AUST kleckert nicht gerne; seine zeitgeschichtlichen Bücher (z.B. über die RAF) sind zu üppigen Standardwerken geworden. Es war daher nicht zu erwarten, dass diese Autobiografie ein bescheidenes Büchlein wird.
Ohne Zweifel: AUST ist so etwas wie eine eigene journalistische Institution; die bundesdeutsche Presselandschaft der letzten Jahrzehnte ist ohne ihn kaum vorstellbar: Konkret, Panorama, SPIEGEL-TV, SPIEGEL-Chefredaktion, WELT-Herausgeber – um nur die wichtigsten Stationen zu nennen. So jemand hat etwas zu erzählen – und an einem mangelnden Selbstbewusstsein leidet er ganz sicher auch nicht.

Wir begleiten AUST durch die (west-)deutsche Geschichte der letzten 50 Jahre. Dabei erfahren wir anfangs ein wenig über seine Herkunftsfamilie und später über seine privaten Hobbies: das Reisen und die Pferdezucht (wobei beides auf einem hohen Niveau betrieben wird).
Solche persönlichen Aspekte verblassen allerdings angesichts des Übergewichts der beruflichen und politischen Themen. Dieses Buch verschafft einen intensiven und faszinierend hautnahen Einblick sowohl in die Brennpunkte des Zeitgeschehens als auch in die Innenansicht des deutschen Journalismus bzw. der Presse- und Medienwelt ganz allgemein.
Man könnte auch sagen: AUST war immer irgendwie dabei, oft an vorderster Front; manchmal sogar mehr Akteur als nur Beobachter. AUST kannte und kennt sie alle: egal, ob Terrorist oder Präsident, egal ob Putin oder Trump. Es ist wirklich teilweise atemberaubend…
Manchmal kam mir mein eigenes bescheidenes Durchschnittsleben im Vergleich zu diesem Tausendsassa geradezu erbärmlich vor. Oder, um es positiver auszudrücken: Man kann nur staunen, was in ein Journalistenleben so alles hineinpasst…

Natürlich ist es eine sehr persönliche Auswahl, die uns geboten wird. Es handelt sich schließlich um eine Autobiografie und nicht um ein Geschichtsbuch.
Die Kernthemen sind:
– die Anfänge bei dem linken Blatt „KONKRET“
– die linke studentische Protest-Szene
– die Entwicklung des linken terroristischen Untergrunds
– die Mitarbeit bei TV-Politmagazinen
– der Aufbau des privaten Nachrichtenkanals „SPIEGEL-TV“
– die SPIEGEL-Chefredaktion (mit allen Höhen und Tiefen)
– das Ende der DDR und das Stasi-Spitzelsystem
– die Arbeit am Buch und Film über die RAF
– die Suche nach dem Bernstein-Zimmer
– die Entmachtung beim SPIEGEL
– die Tätigkeit bei der WELT
Wir erfahren jeweils recht genau, mit wem jeweils diese Projekte angegangen bzw. durchgeführt werden; wir erfahren auch etwas über Gegenspieler (insbesondere beim SPIEGEL). Es ist ein beeindruckendes Netzwerk, in dem sich AUST da bewegt – kein Wunder, dass zu einem runden Geburtstag dann mal 900 Leute vorbeikommen…

Um dieses Buch mit Genuss so lesen, sollte man (mindestens) zwei Voraussetzungen mitbringen: eigene Bezüge zu den beschriebenen Ereignissen und Interesse für den Journalismus als Handwerk (okay – eine gewisse Ausdauer wäre auch angesagt).
Damit einem der Genuss am Ende aber nicht ganz vergeht, bedarf es noch einer weiteren Qualität: Toleranz!
Was sich nämlich AUST da im letzten Teil seines Buches zum Thema „Klimawandel“ und „Nachhaltigkeit“ zusammenschreibt, kann man eigentlich nur ertragen, wenn man diesem hochintelligenten Menschen auf diesem Gebiet so etwas wie „Altersstarrsinn“ zubilligt.
Oder besser: Dieser erfolgsverwöhnte Mensch ist offensichtlich inzwischen so überzeugt von sich und seiner Urteilskraft, dass es ihn nicht anficht, dass er nahezu allen Klimawissenschaftlern der Welt widerspricht.

Davon abgesehen: AUST bietet wahrlich eine Zeitreise an. Wer heute als politisch interessierter Mensch so zwischen 55 und 80 ist, der wird sich in den beschriebenen Etappen wiederfinden („das haben wir alles erlebt“). Für jüngere Leute stellt das Buch eine persönlich gefärbte Geschichte der bundesdeutschen Medienwelt dar: jede Menge (inzwischen) alter weißer Männer…

Die Hörbuch-Version wird vom Autor gelesen. Das wirkt sehr stimmig und angenehm – auch über 20 Stunden.

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